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1. Was ist Borderline?

Bei Borderline handelt es sich nicht um eine Krankheit, sondern um eine Persönlichkeitsstörung. Beinahe jeder hat diesen Begriff schon einmal gehört, meistens im Zusammenhang mit Menschen, die sich ritzen oder in die Haut schneiden, aber profunde Kenntnisse über diese Störung besitzen die wenigsten. Wir versuchen, die wichtigsten Kriterien mit Hilfe eines Beispiels aufzuzeigen, in dem wir ein fiktives Paar, sie mit Borderline und er, ein wenig begleiten.

Du hast den Einkauf vergessen, ich bin dir egal, brüllte sie.
Aber, begann er und wurde sofort unterbrochen.
Ich beende die Beziehung, tobte sie weiter.
Aber wir wollten doch heute einkaufen und danach schön essen gehen.
Das kannst du dir sparen, hau nur ab, ich kann dich nicht mehr sehen.


In unserem Beispiel reicht ein scheinbar geringfügiger Anlass - er hatte vergessen etwas mitzubringen - die gesamte Beziehung in Frage zu stellen. Für Caroline mutierte diese Vergesslichkeit aber zum Zeichen dafür, dass er sie nicht liebte und sie womöglich bald verlassen würde. Sie sieht sich in einem Chaos der Emotionen und Gefühle, die sie nicht kontrollieren kann, eine Impulskontrolle scheint nicht mehr möglich zu sein.

2. Welche Ursachen kann es dafür geben?

Man sagt, dass Borderliner oft neunmal so intensiv fühlen wie andere Menschen, neunmal so starke Wut, neunmal so starke Angst, neunmal so große Traurigkeit, neunmal so große Angst.

Diese Persönlichkeitsstörung ist aufgrund dieses Tsunamis der Emotionen häufig mit einem selbstschädigenden Verhalten verbunden. Der Druck ist unerträglich, sich selbst zu verletzen bringt kurzfristig Entlastung. Der Druck ist weg, stattdessen kehrt Entspannung und eine innere Ruhe ein. Die entstandenen Narben haben eine gewisse Scham zur Folge, denn die Narben sollen nicht gesehen werden. Daher meiden Borderliner auch oft Schwimmbäder oder andere Orte, an denen zu viel Haut gezeigt wird. Dies wiederum führt zu sozialen Einschränkungen und Isolation. Relativ häufig ist in diesem Zusammenhang auch der Missbrauch von hochprozentigen Getränken oder Medikamenten.

Kehren wir zu unserem Beispiel zurück. Trennten sich die beiden nun tatsächlich?

Schon ein paar Stunden später kippte ihre Stimmung, sie empfand heftige Reue, heftige Angst von ihm verlassen zu werden. Sie hasste nun nicht mehr ihn, sondern sich selbst. Sie war ihn nicht wert, wie hatte er sich überhaupt mit ihr einlassen können, sie fühlte sich wertlos und mies. Die Stimmung schlug quasi ins Gegenteil um.

Am nächsten Tag stand sie vor seiner Türe, sie sagte nichts, sie umarmte ihn nur. Und ein Geschenk hatte sie mitgebracht, Er studierte Medizin und sie hatte für ihn eine Puppe gebastelt die sie selber als Krankenschwester darstellte-, so kann ich immer bei dir sein, sagte sie. Dann berichtete sie von ihrem heutigen Tag in der Universität, von einem interessanten Experiment eines tollen Professors, er meinte fast, selber dabei gewesen zu sein, so lebendig erzählte sie. Er hätte gerne den ganzen Nachmittag und Abend mit ihr verbracht, aber fühlte sich unter Druck denn er musste bald eine Hausarbeit abgeben, sie bot ihre Hilfe an, gab Tipps, korrigierte, er war sehr dankbar dafür, dann ihre Hinweise ersparten ihm viel Zeit und Arbeit.

Was hatte sich in ihr abgespielt? Blitzschnell sah sie sich im jähen Wechsel erst als Opfer dann als Täter. Typisch für Borderliner ist das klassische Schwarz- Weiss- Denken. Es gibt nur entweder das eine oder das andere. Graustufen sind Borderlinern nicht möglich.

Dieses Denkschema ist typisch für eine gestörte Selbstwahrnehmung. Ein konstantes Ich geht verloren, es liegt in Scherben. Die Folge sind innere Leere und mögliche Dissoziationen. Manchmal weiß der Betreffende plötzlich nicht mehr wo er ist, erkennt eine bekannte Gegend nicht mehr, auch ein Filmriss kann vorkommen, er erinnert sich einfach nicht mehr.

Kommt dies in sehr ausgeprägter Form vor, spricht man von einer Minipsychose, doch die Symptome verschwinden im Gegensatz zu echten Psychosen nach einigen Tagen oder Wochen.
Borderline Forum
3.Was sagt das aktuelle DSM-5 dazu?

Die Borderline Persönlichkeitsstörung wird definiert als:

1. Verzweifeltes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden. (Beachte: Hier wird kein suizidales oder selbstverletzendes Verhalten berücksichtigt, das in Kriterium 5 enthalten ist.)

2. Ein Muster instabiler und intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist.

3. Störung der Identität: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung.

4. Impulsivität in mindestens zwei potenziell selbstschädigenden Bereichen, z. B. Geldausgaben, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, "Essanfälle". (Beachte: Hier werden keine suizidalen oder selbstverletzenden Handlungen berücksichtigt, die in Kriterium 5 enthalten sind.)

5. Wiederholtes suizidales Verhalten, Suizidandeutungen oder -drohungen oder Selbstverletzungsverhalten.

6. Affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung, z. B. hochgradige episodische Misslaunigkeit (Dysphorie), Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Verstimmungen gewöhnlich einige Stunden und nur selten mehr als einige Tage andauern.

7. Chronische Gefühle von Leere.

8. Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren, z. B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte körperliche Auseinandersetzungen.

9. Vorübergehende, durch Belastungen ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.

4. Was meinen die Neurologen dazu?

Bei entsprechenden Untersuchungen findet sich im Gehirn ein möglicher Grund für dieses Verhalten. So ist die Amygdala, eine Region des Gehirns, die für die Verarbeitung von Stress zuständig ist, bei Borderlinern kleiner, aber überaus erregbar. Auch andere Teile des Gehirns weisen eine gewisse Besonderheit auf. Das könnte ebenfalls ein Grund für die Fehlsteuerung emotionaler Prozesse sein.

Wie geht der Psychologe an Borderline heran?

Er sieht frühkindliche Gewalterfahrungen, narzisstische Eltern und/oder extreme Vernachlässigung als wichtigen Grund für das Borderline- Syndrom an. Welchen Einfluss diese Faktoren auf die Entwicklung des Gehirns haben ist allerdings noch ungeklärt. Das Borderline-Syndrome ist jedoch nicht nur negativ zu bewerten. Oft zeichnen sich Borderliner durch beträchtliche Intelligenz und Kreativität aus. Im sicheren Hafen sind sie zudem oft außerordentlich hilfsbereit und vermitteln eine schöne Art der Nähe, in der sie den anderen bedingungslos annehmen. Aufgrund des unberechenbaren Verhaltens der Betroffenen ist es für Angehörige und Freunde oft trotz aller Liebe schwer erträglich war, das unberechenbare Gefühlschaos auszuhalten. Nicht selten zerbrechen daran alte Freundschaften oder zarte erste Beziehungen. Was also könnte eine Veränderung bewirken?

5. Die Therapie

Früher galt die Borderline- Persönlichkeitsstörung als nicht behandelbar, diese Meinung hat sich heute aber glücklicherweise geändert. Die wichtigste Komponente einer Behandlung von Borderline ist die Psychotherapie, die gelegentlich von Medikamenten unterstützt werden kann. Die Therapie richtet sich nach der Dringlichkeit der Probleme. Vorrangig werden dabei Suizidgedanken oder extreme Selbstverletzung behandelt. Hier müssen bestimmte Vereinbarungen mit dem Patienten getroffen werden, die sie von ihren schädlichen Verhaltensweisen fortführen. Diese Vereinbarungen müssen unbedingt eingehalten werden. Der behandelnde Therapeut muss eine Balance zwischen Verstehen eines Problems und dessen Veränderung finden.

5a. Dialektisch-behaviorale Therapie

Eine sehr große Rolle spielt die dialektisch behaviorale Therapie (DBT.) Sie basiert auf der kognitiven Verhaltenstherapie, enthält aber auch noch Elemente anderer Therapien.

5b. Was zeichnet diese aus?

Wichtig sind sog. Skills, bestimmte Anwendungen, um den Druck zu lindern, z. B. heißes Duschen, scharfes Chili, der Geruch von Ammoniak. Sie sollen die Selbstverletzung ersetzen. Jedem Patienten wird auch dazu geraten, einen Notfallkoffer zur Hand zu haben der bestimmte Dinge (Gummibänder, scharfe Gewürze) enthält.

Nicht jeder Betroffene wird die genannten extremen Symptome aufweisen, sondern abgemilderte Ausprägungen. Wichtig ist noch der Hinweis, dass sich Borderline im Alter sehr abschwächt, die ausgeprägtesten Formen sind vor allem bei sehr jungen Menschen zu finden.

6. Was kann unser Selbsthilfe Forum leisten?

Der Austausch mit Betroffenen und Angehörigen ist gerade für Borderliner unendlich wichtig. Von anderen Betroffenen können wertvolle Tipps gegeben werden, das Gefühl der Isolation schwindet, Angehörige können ein zunächst unbegreifliches Verhalten besser verstehen. Die Lebendigkeit und Zugewandtheit der meisten Borderliner kann diesen Austausch sehr spannend gestalten. Daher freuen wir uns sehr auf den Austausch, denn gemeinsam lässt sich viel Positives erreichen.

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