Herzphobie - Herzneurose
Die Herzphobie hat viele Namen. Sie wird auch als Cardiophobie, Herzneurose, Herzangst, funktionelle Herz-Kreislauf-Störung oder vasomotorische Neurose bezeichnet. Nur noch selten wird für die Herzphobie heute der Begriff Da Costa Syndrom verwendet so benannt nach einem amerikanischen Chirugen aus dem 19. Jahrhundert.
Wer unter einer Herzphobie leidet, bewertet harmlose und normale Veränderungen seines Herz-Kreislaufsystems, wie etwa ein leichtes Herzstechen oder Extrasystolen, als Hinweis für einen drohenden Infarkt und ein Versagen seines Herzens. Durch die Bewertung dieser normalen Symptome als Lebensgefahr kommt es zu angst- und panikartigen Anfällen. Durch die Angst kommt es zu den typischen körperlichen Angstreaktionen wie Schweißausbrüche, Herzrasen, Atemnot und Steigerung des Blutdrucks. Die Betroffenen fühlen sich nun erst recht bestätigt, dass ihr Herz zu versagen droht. Die Angst wird zur Panik und es ist ein Teufelskreis aus immer stärker werden Symptomen, der Bewertung dieser Symptome als drohenden Herzinfarkt und Panikgefühlen entstanden.
Aus Angst vor einem Herzversagen beobachten die Betroffenen ständig ihr Herz, kontrollieren viele Male am Tag ihren Blutdruck, alarmieren häufig den Notarzt und unterziehen sich immer wieder medizinischen Untersuchungen. Den ärztlichen Ergebnissen misstrauen sie. Nach kurzfristiger Beruhigung durch den Arzt lassen sie sich erneut von ihren Symptomen verunsichern.
Da sie ständig mit einer weiteren Attacke rechnen, entwickeln sie eine Angst vor den bedrohlich erlebten Herzbeschwerden und den damit verbundenen Angstgefühlen und Herzbeschwerden.
Um ihr Herz zu schonen, vermeiden Betroffene mehr und mehr seelische und körperliche Belastungen. Sie gehen Konflikten in Beruf und Familie aus dem Weg, betätigen sich nicht mehr körperlich in Form von Fahrradfahren oder Rasenmähen und sind so mit der Zeit körperlich immer weniger belastbar. Schon bei kleinster körperlicher Betätigung wie dem Treppensteigen schlägt ihr Herz schneller und sie kommen außer Atem was in ihren Augen ein Beweis ist, dass ihr Herz nicht in Ordnung ist und zu versagen droht.
Durch die Angst und die Schonhaltung kommt es zu einer erheblichen Einschränkung der Lebensqualität und zu familiären und beruflichen Konflikten.
Eine Herzphobie ist eine psychische Erkrankung
Ich bin doch nicht verrückt. Ich spüre doch, dass etwas mit meinem Herzen nicht in Ordnung ist. Dass manchmal mein Herz unregelmäßig schlägt oder manchmal mein Puls aus heiterem Himmel in die Höhe schnellt, das ist doch keine Einbildung. Das ist eine Tatsache.
Sie haben Recht. Sie bilden sich solche Symptome nicht ein. Diese sind real. Es gibt eine ganze Reihe sogenannter funktioneller Herzrhythmus Störungen. Funktionell bedeutet, dass diese keine organische Ursache haben, sondern psychisch bedingt sind. Sie wissen: Stress, körperliche Belastung, emotionale Belastungen wie Angst, aber auch seelische Konflikte und Probleme beeinflussen unseren Körper und seine Funktionen.
Beim einen wirken sich solche Stressoren eher in nervösen Reaktionen auf den Magen aus, bei anderen eher auf das Herz und wieder bei anderen eher auf Rückenschmerzen. Dass wir alle unterschiedlich auf Belastungen reagieren, hat damit zu tun, dass wir von Natur aus mit gewissen körperlichen Defiziten ausgestattet sind. Dies äußert sich darin, dass manche Organe und Körperfunktionen stressanfälliger sind als andere. Bei Ihnen wirken sich seelische oder körperliche Belastungen vielleicht eher auf Ihr Herzkreislaufsystem aus. Sie reagieren schneller mit Symptomen wie Herzstolpern oder Herzklopfen als andere.
Wenn Sie sich haben untersuchen lassen und ihr Arzt sagte Ihnen, dass es keine organischen Veränderungen bzw. erkennbare Schädigungen an Ihrem Herzen gibt, dann handelt es sich bei diesen Symptomen um ungefährliche Reaktionen. Zu solchen Reaktionen gehören Symptome wie Herzstolpern, verstärktes Herzklopfen, Herzrasen, unregelmäßiger Herzschlag, erhöhter Blutdruck und sogenannte Extrasystolen, d.h. Herzschläge, die quasi aus der Reihe tanzen.
Einen großen Einfluss auf unser Herzkreislaufsystem haben Gefühle wie Angst und Panik. Wenn Sie ungefährliche Symptome wie ein Herzstolpern oder ein Herzklopfen als Anzeichen für einen bevorstehenden Herzinfarkt oder einen Herzfehler deuten und sich so in Angst und Panik versetzen, dann beginnt Ihr Herz erst recht zu rasen, der Blutdruck steigt, Ihnen wird vielleicht schwindlig und schlecht. D.h. durch Angst und Panik verstärken Sie erst recht die Symptome, vor denen Sie Angst haben, weil sie in Ihren Augen ein Indiz für ein mögliches Herzversagen sind.
Symptome der Herzphobie
Eine Herzneurose äußert sich im Denken, Fühlen, in körperlichen Reaktionen und im Verhalten
a) Unsere Gedanken kreisen mal mehr, mal weniger darum,
eine schwere Herzerkrankung zu haben und einen Herzinfarkt zu bekommen.
b) Gefühle
die Angst, die sich zur Panik steigern kann, das Herz könnte versagen und man könnte sterben
die Angst vor den als lebensbedrohlich erlebten Herzbeschwerden, sowie
die Angst vor den Angst- und Panikanfällen
c) körperliche Reaktionen
Herzstolpern bis hin zu Herzrasen und Herzstichen
Einem Brennen und Hitzegefühl in der Herzgegend
Schwindel bis hin zu Ohnmachtsgefühlen
Innerer Unruhe, Zittern bis hin zu Erschöpfung
Kopfschmerzen
Einem Engegefühl oder Schmerzen in der Brust mit Ausstrahlung in den linken Arm
Bis hin zu Herzbeklemmungen, Atemnot und Erstickungsgefühlen
Hyperventilation
Schlafstörungen
Schweißausbrüche
Erhöhtem Puls und Blutdruck
Übelkeit
Hitze- oder Kältegefühle
d) Verhalten
Wir suchen regelmäßig den Arzt auf und wechseln diesen häufig, da wir dem Urteil der Ärzte nicht vertrauen. Deshalb dringen wir auch immer wieder auf aufwändige medizinische Untersuchungen.
Wir misstrauen der Gesundheit unseres Herzens und kontrollieren deshalb häufig und regelmäßig Blutdruck und Puls.
Aus Angst vor einem Infarkt bleiben wir mehr und mehr zuhause da fühlen wir uns sicherer - oder gehen nur noch in Begleitung aus dem Haus. Müssen wir aus dem Haus, tragen wir immer unser Handy bei uns sowie die Telefonnummer des Haus- und Notarztes und wir vergewissern uns vielleicht, dass auf unserem Weg eine Arztpraxis ist. Wir meiden einsame Gegenden und nächtliche Autobahnfahrten, aber auch Orte, an denen wir einmal einen Herzanfall hatten.
Wir vermeiden Verkehrsmittel, in denen wir keine schnelle Hilfe bekommen können wie etwa U-Bahnen und Flugzeuge.
Wir informieren unsere Freunde, was im Notfall zu tun ist.
Wir rufen häufig den Notarzt und/oder suchen häufig den ärztlichen Notdienst auf.
Wir meiden möglichst jede körperliche und psychische Anstrengung und Belastung, um unser Herz zu schonen. Sportliche und sexuelle Aktivitäten werden aufgegeben, familiären und beruflichen Konflikten gehen wir aus dem Weg - alles nur, weil wir Angst haben, das Herz könnte diesen Belastungen nicht mehr gewachsen sein.
Wir beobachten intensiv und ständig die Tätigkeit unseres Herzens
Wir meiden Informationen, die mit Herzerkrankungen zu tun haben oder wir suchen zwanghaft nach Informationen dazu.
Was begünstigt die Entstehung einer Herzphobie?
Wie bei allen Angsterkrankungen können verschiedene Faktoren die Entstehung einer Herzphobie begünstigen.
Da ist zuerst mal unsere Veranlagung. Von Natur aus unterscheiden wir uns darin, wie leicht und schnell wir auf Stresssituationen körperlich reagieren. Manche von uns reagieren in Stresssituationen schneller mit Angst und körperlichen Reaktionen als andere. Diese vielleicht bei Ihnen erhöhte Grundängstlichkeit führt im Zusammenhang mit Erfahrungen in Ihrer Kindheit schneller zur Entstehung krankheitsbezogener Ängste, als bei anderen Menschen.
Was sind das für Erfahrungen in unserer Kindheit, die die Entstehung von Krankheitsängsten begünstigen? Aufgrund von Erfahrungen in unserem Elternhaus lernen wir unserem Körper mehr oder weniger zu vertrauen. War Krankheit in Ihrer Familie ein großes Thema, weil vielleicht ein Angehöriger sehr lange krank war, früh oder unerwartet und plötzlich, vielleicht durch einen Herzinfarkt, verstorben ist? Haben Sie als Kind eine schwere Krankheit durchlebt, waren eher kränklich und gesundheitlich anfällig? War Ihre Mutter ständig in Sorge um Sie, dass Ihnen etwas zustoßen könnte, dass Sie sich verletzen könnten? Machte sich vielleicht Ihre Mutter ständig Sorgen um ihre eigene Gesundheit oder die ihres Partners, war sie deshalb oft bekümmert?
Solche Erfahrungen können dazu führen, dass wir die Einstellung entwickeln: auf meinen Körper ist kein Verlass. Ich muss immer Angst haben, dass mir etwas zustößt und ich krank werde. Aufgrund dieser Einstellung haben wir kein Vertrauen in unseren Körper und sind so ständig um ihn besorgt.
Natürlich begünstigen auch mangelnde oder falsche Informationen über körperliche Erkrankungen die Entstehung von Krankheitsängsten. Wenn Sie z.B. der Überzeugung sind, dass körperliche Beschwerden immer eine organische Ursache haben, dann ist es verständlich, dass Sie körperliche Symptome wie ein Herzrasen sofort als Indiz für eine Erkrankung Ihres Herzens ansehen. Sie übersehen dabei jedoch, dass Körper und Geist eine Einheit sind. D.h. unsere körperliche Verfassung wird durch unsere psychische Verfassung in hohem Maße beeinflusst.
Wenn Sie verliebt sind, dann verspüren Sie starkes Herzklopfen, Ihr Herz rast vor Aufregung und Sie haben Schmetterlinge im Bauch. Ihre körperlichen Symptome sind die Folge Ihres psychischen Ausnahmezustandes, dem Verliebtsein. Neben der psychischen Verfassung führen natürlich auch hormonelle und biologische Vorgänge in unserem Körper zu körperlichen Symptomen.
D.h. es gibt viele andere Ursachen für die Symptome, die wir verspüren dass sie auf eine organische Ursache oder gar eine gefährliche Erkrankung hinweisen, ist nur eine von vielen Möglichkeiten.
Behandlung (Therapie) der Herzphobie
Die Herzphobie wird am schnellsten und besten mit der Kognitiven Verhaltenstherapie behandelt. Die Psychotherapie kann ambulant erfolgen. Wer aber schon jahrelang unter einer Herzphobie leidet, benötigt meist einen stationären Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik.
Generelle Ziele der Therapie sind, dass Sie die Reaktionen Ihres Körpers verstehen lernen. Sie bekommen Informationen zur Funktionsweise des Herzkreislaufsystems, lernen die Zusammenhänge zwischen angstvollen Gedanken und Körperreaktionen kennen und erfahren, dass viele Ihrer Herzsymptome Reaktionen Ihres Körpers auf Stress und emotionale Probleme sind. Und Sie lernen, wieder Vertrauen zu ihrem Körper zu fassen, Ihre Schonhaltung und Meidung aufzugeben und Probleme und Konflikte zu lösen.
Zu Erreichung dieser generellen Ziele kommen unterschiedliche Strategien in der Therapie zum Einsatz.
Kognitive Therapie
Sie erfahren, welchen Einfluss Ihre Gedanken auf Ihren Körper und Ihre Gefühle haben und wie ein Angstkreislauf funktioniert. Sie lernen, welche körperlichen Reaktionen mit Angst verbunden sind und wie Sie die Angst auslösen erhalten und überwinden können. Mit Ihrem Therapeuten zusammen überprüfen Sie Ihre Bewertungen und Schlussfolgerungen, z.B. dass Sie Ihr Herzrasen als Anzeichen für einen Herzinfarkt deuten.
Wahrscheinlich führt Ihr Therapeut mit Ihnen auch kleine Verhaltensexperimente durch. Er lässt Sie z.B. Treppen steigen oder schnelle Drehungen um die Körperachse machen. Durch diese erleben Sie ganz bewusst, was unter Belastung mit Ihrem Herzen passiert und welche ganz normalen körperlichen Veränderungen dabei auftauchen.
In der Konfrontationstherapie werden Sie ganz gezielt mit Ihren Körperreaktionen und der damit verknüpften Angst konfrontiert. Sie begeben sich in die Situationen, in denen Sie Angst vor Ihrer körperlichen Reaktion und einem Herzinfarkt haben. Z.B. belasten Sie Ihren Körper bewusst und gehen in die Situation, die Sie seit langem aus Angst gemieden haben. Dabei können Sie erleben, dass das Herzrasen und die Angst auftauchen und auch wieder abnehmen. Ihr Herz wird sich wieder beruhigen und die Katastrophe eines Herzinfarktes wird nicht eintreten.
Aufmerksamkeitslenkung
Sie erfahren zunächst, wie Sie Ihre Herzbeschwerden verstärken, indem Sie z.B. Ihr Herz den ganzen Tag beobachten. In einem zweiten Schritt lernen Sie, Ihre Aufmerksamkeit auf andere Themen zu richten, sprich sich wieder mehr dem Leben zuzuwenden.
Sicher wird Ihr Therapeut Ihnen auch noch ein Entspannungsverfahren wie etwa die Progressive Muskelentspannung vermitteln. Über Atem- und Entspannungstechniken können Sie gezielt Ihre Angst und Stresssymptome lindern.
Abbau von Rückversicherung und Kontrollverhalten
Ziel hierbei ist es, dass Sie lernen, sich selbst zu beruhigen und für eine bestimmte Zeit auf Ihr Kontrollverhalten wie z.B. Blutdruck- oder Pulsmessen zu verzichten.
Stressbewältigungs- und Problemlösetraining
Natürlich werden in der Therapie auch die hinter der Herzphobie liegenden Probleme behandelt. Ihre körperlichen Beschwerden sind höchstwahrscheinlich eine ganz normale Stressreaktion. Langfristig ist es deshalb notwendig, dass Sie Ihr Problem an der Wurzel anpacken. Manchmal wird ein Selbstsicherheitstraining durchgeführt, wenn sich hinter Ihrer Stressreaktion die Angst vor dem Nein-Sagen verbirgt. Wenn Sie sich überfordern und immer Perfektion von sich erwarten, lernen Sie, mehr danach zu gehen, was Ihnen gut tut. Wenn Sie in einer unglücklichen Partnerschaft leben, überprüfen Sie die Möglichkeiten einer Trennung.
Ein wesentlicher Baustein Ihrer Therapie wird der Aufbau und die Stärkung Ihrer körperlichen Belastbarkeit sein.
Da Sie vermutlich längere Zeit körperlichen Betätigungen aus dem Weg gegangen sind, um Ihr Herz zu schonen, haben Sie körperlich abgebaut. Ihr Körper reagiert deshalb schon bei der kleinsten körperlichen Betätigung mit erhöhtem Puls und Blutdruck, Symptome, die für Sie Anlass sind, sich in Angst zu versetzen.
Wenn Sie unter einer Herzphobie leiden und dadurch Ihr privates und berufliches Leben sehr eingeschränkt ist, nehmen Sie therapeutische Hilfe in Anspruch. Es gibt Hilfe für Sie.
Video zur Herzphobie
Dieser Videoclip ist Bestandteil einer Videoserie zur Angst vor einem Infarkt (Herzneurose). Alle Video Clips zu diesem Thema, sowie weitere 150 andere Videos zu Angst und Panik, finden Sie beim Expertenrat Video Ratgeber Portal. Um dieses Video anschauen zu können, benötigen Sie die neuste Version des Flash Players von Macromedia. Hier können Sie diesen kostenlos herunterladen.
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