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Was ist die Angst vor Krankheiten?

Ich sterbe jeden Tag mehrere Tode, weil ich ständig Angst habe, an einer tödlichen Krankheit zu leiden. So ähnlich erleben viele Betroffene ihre Krankheit. Die Rede ist von der Hypochondrie, der übersteigerten und krankhaften Angst vor Krankheiten.

Die übersteigerte Angst vor schweren oder tödlichen Krankheiten ist das Hauptmerkmal der Hypochondrie. Betroffene verspüren z.B. Kopfschmerzen und haben Angst bis hin zu Panik, diese könnten ein Hinweis auf ein Gehirntumor sein. Geschwollene Lymphknoten, Durchfall oder ein Muttermal sind in ihren Augen ein eindeutiger Hinweis auf Krebs.

Die Betroffenen verbringen täglich viele Stunden damit, ihren Körper auf verdächtige Hinweise abzutasten und abzusuchen. Und sie verbringen viel Zeit mit dem Studium ihrer Symptome. In medizinischen Fachbüchern und im Internet suchen sie stundenlang nach ihren Symptomen und welche Krankheiten dahinter stecken könnten. Sie sind häufig bei Ärzten. Dass diese nichts finden, beruhigt die Betroffenen nur kurz, wenn überhaupt. Schließlich hört man ja immer wieder, dass Ärzte Krankheiten übersehen und Fehldiagnosen fällen.

Die Angst, schwer zu erkranken und zu sterben bestimmt einen großen Teil des Denkens und der Zeit der Betroffenen. Und dabei bringen viele Betroffene die besten Voraussetzungen mit, alt zu werden. Sie leben nämlich meist sehr gesundheitsbewusst. Sie ernähren sich gut, rauchen nicht, trinken keinen Alkohol und treiben Sport.

Gleichzeitig führen die permanente Angst und die Sorgen zu starker körperlicher Anspannung und Verspannung, Unruhe, Schlafstörungen und anderen vegetativ bedingten Beschwerden. Ja, Betroffene können sich so sehr in ihre Angst hineinsteigern, dass sie Panikattacken bekommen.

Was sind die Ursachen der Angst vor Krankheiten?

Es gibt hauptsächlich 2 Risikofaktoren für die Entstehung der Hypochondrie. Da sind zum einen frühe Erfahrungen in der Kindheit. Wir lernen in der Kindheit, wie wir mit unserem Körper umgehen und ob wir ihm vertrauen können. Und wir lernen von unseren Eltern, wie wir mit Krankheitssymptomen umgehen. Wenn unsere Eltern selbst überängstlich in Bezug auf Krankheiten waren und übertrieben fürsorglich und sorgenvoll reagiert haben, wenn wir als Kinder krank waren, dann halten wir uns als Erwachsene für krankheitsanfällig. D.h. wir haben weniger Vertrauen in unseren Körper und wir reagieren überängstlich auf Krankheitssymptome.

Dass wir eine Überängstlichkeit entwickelt haben, kann aber auch damit zu tun haben, dass wir selbst häufig als Kinder krank waren oder ein Elternteil sehr krank war und vielleicht früh verstorben ist. Vielleicht wurde auch mal in der Familie eine Fehldiagnose gestellt und wir haben so kein Vertrauen mehr in Ärzte. All diese Erfahrungen können in uns zu der Erkenntnis reifen: Das Leben ist gefährlich. Man darf sich nie sicher sein. Man muss immer Angst haben, krank zu werden.

Der 2. Risikofaktor ist die Veranlagung. Jeder Mensch wird mit einer gewissen Grundängstlichkeit geboren. Das kann man bei Kleinkindern beobachten. Viele Betroffene berichten, dass sie von kleinauf vor allem Möglichen Angst hatten. Angst vor dem Alleinsein, Angst, dass den Eltern etwas zustößt, Angst vor dem Leben, der Schule, und dann Angst vor Krankheiten. Ängstliche Menschen haben zwangsläufig ein ausgeprägtes Kontrollverhalten, um den vermeintlichen Bedrohungen zu entgehen. Es lebt sich nicht gut, wenn man von Gefahren umgeben ist. Der Wunsch, möglichst viel zu kontrollieren, ist verständlich, wenn man viele Gefahren sieht.

Die biologische Veranlagung kann zusammen mit negativen Erfahrungen oder einer Überängstlichkeit der Eltern dazu führen, dass wir kein Urvertrauen entwickeln konnten und deshalb leichter und schneller auf Störungen und Beeinträchtigungen mit Angst reagieren.

Wie wird die Angst vor Krankheiten behandelt?

In der Behandlung der Hypochondrie hat sich die kognitive Verhaltenstherapie sehr bewährt. In den meisten Fällen ist eine vollständige Heilung möglich. Die Psychotherapie kann ambulant erfolgen. Wenn Sie schon jahrelang unter der Angst vor Krankheiten leiden, dann kann es jedoch Sinn machen, einen stationären Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik ins Auge zu fassen.

Ihr Therapeut wird mit Ihnen sicherlich zu Beginn der Therapie danach forschen, ob Sie als Kind Erfahrungen machten, die dazu beigetragen haben, dass Sie eine Überängstlichkeit vor Krankheiten entwickelt haben.

Der erste und wichtigste Schritt in der Therapie wird jedoch der sein, dass Sie einsehen, ein psychologisches Problem zu haben und kein körperliches. D.h.: es geht darum, dass Sie akzeptieren lernen, dass Ihre Angst und Panik vor Krankheiten das Problem ist und dass es in der Therapie deshalb darum geht, diese übertriebene Angst abzubauen. Ihre Angst entsteht im Kopf und auch nur dort kann sie kuriert werden.

Das Problem ist ja nicht, dass Sie z.B. tatsächlich Krebs haben oder bekommen könnten. Jeder Mensch kann an Krebs erkranken, doch nur wenige versetzen sich darüber so sehr in Angst und Panik, dass ihnen ein unbeschwertes Leben nicht mehr möglich ist.

Ziel der Therapie wird es also sein, Ihre übertriebene Angst vor Krankheiten auf ein normales Maß der Besorgnis zu reduzieren, Maßnahmen zu ergreifen, um Krankheiten vorzubeugen etwa in Form von Vorsorgeuntersuchungen oder gesunder Lebensweise, Ihrem Körper wieder vertrauen zu lernen und ansonsten Ihr Leben zu leben.

Dieses Ziel erreichen Sie durch eine Reihe kognitiver und Verhaltens-Strategien, die Ihr Therapeut mit Ihnen erarbeitet.

So wird Ihr Therapeut mit Ihnen sicherlich über Ihre grundsätzlichen Ansichten zu Krankheiten sprechen. Und Sie werden darüber sprechen, wie Sie generell Ihre Gesundheit sehen und bewerten.

Sie werden darüber diskutieren, ob körperliche Beschwerden und Symptome immer ein Hinweis auf eine schwere Erkrankung sind. Sie werden darüber sprechen, welche Bedeutung Ihre häufig verspürten Symptome haben und erkennen, dass viele der Symptome ganz normale körperliche Reaktionen auf z.B. emotionale Belastungen oder sorgenvolle Gedanken sind. D.h. Sie kommen zu der Einsicht, dass es für Ihre Symptome noch andere, sehr viel naheliegendere, Erklärungen gibt, als die, an einer schweren Krankheit zu leiden.

Ihr Therapeut wird Ihnen sicher auch zeigen, welchen Einfluss Ihre ängstlichen und sorgenvollen Gedanken auf Ihr seelisches und körperliches Befinden haben, wie Sie durch Ihre Ängste Ihre Symptome verstärken und wie Ihre Gedanken die Wahrnehmung Ihrer körperlichen Empfindungen beeinflussen.

Um wieder positive Körpererfahrungen zu machen wird Ihr Therapeut Sie vermutlich auch ermutigen, Schonhaltungen aufzugeben und wieder aktiver am Leben teilzunehmen. Sport um, sich selbst wieder zu spüren und den Körper zu stärken und Entspannungstechniken wie die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson zur Reduzierung der durch die Angst verursachten vegetativen Störungen stehen sicher auf der Empfehlungsliste.

Ja, vielleicht wird Ihr Therapeut mit Ihnen auch über ein Thema sprechen, das Ihnen Unbehagen bereitet: über das Leben und den Tod. Die Möglichkeit, an einer schweren Krankheit zu erkranken besteht immer. Der Tod ist im Leben eine feste Größe. Geboren werden heißt automatisch auch sterben zu müssen. Diese Tatsache und die eigene Verwundbarkeit gilt es zu akzeptieren und damit zu leben.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser?
Über den Umgang mit der Angst vor Krankheiten

Einer der Gründe, warum Sie sich Sorgen um Ihre Gesundheit machen, ist vielleicht, dass Sie sich sagen: Ärzten kann man nicht immer trauen. Ärzte übersehen auch Krankheiten.

Da haben Sie Recht. Ärzte sind keine Götter und machen deshalb Fehler. Sie etwa nicht? Warum trauen Sie sich selbst mehr, als Ihrem Arzt? Wenn Sie sicher sind, dass sich Experten irren können, warum sind Sie so sicher, dass Sie sich nicht irren?

Ich würde sagen: die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sich irren, ist höher, als die Wahrscheinlichkeit, dass sich Ihr Arzt irrt. Oder? Alles, was Sie sich in Büchern oder im Internet an medizinischem Wissen anlesen, ist Halbwissen. Als Laie ist es so gut wie unmöglich, den komplexen Organismus und seine Funktionsweise voll und ganz zu verstehen. Wenn dem so einfach wäre, müssten Ärzte nicht viele Semester studieren und dann auch noch eine Facharztausbildung machen.

Was also wäre die vernünftigste Entscheidung für Sie? Sie können die Entscheidung treffen, unter Vorbehalt und mit einer gewissen Unsicherheit behaftet – sozusagen mit einem Restrisiko - daran zu glauben, gesund zu sein. Wäre das eine gute Einstellung für Sie?

Nun mögen Sie denken: "Ja schon, aber ich brauche 100%ige Sicherheit. Ich kann nicht mit dieser Ungewissheit leben. Das macht mich ganz krank".

Wenn Sie sagen "Ich brauche 100%ige Sicherheit", dann muss ich Ihnen sagen, die gibt es nicht. Sie können nur entscheiden, daran zu glauben, dass Sie gesund sind und es bleiben. Krank macht Sie nicht die Ungewissheit, krank machen Sie Ihre Sorgen über die Ungewissheit.

Macht es Sinn, etwas kontrollieren zu wollen, was nicht zu kontrollieren ist? Der Wunsch nach Kontrolle ist verständlich, aber Kontrolle macht in meinen Augen nur Sinn bei Dingen, die wir auch kontrollieren können. Ob wir gesund bleiben oder krank werden gehört definitiv nicht dazu, wenngleich wir mit unserer Lebensweise und Ernährung natürlich einen gewissen Einfluss auf unser körperliche Befinden haben, aber eben keine Kontrolle.

Die Frage ist also: Wollen Sie die Tatsache akzeptieren, dass auch Sie sterblich sind und sterben werden – irgendwann einmal? Wollen Sie die Tatsache akzeptieren, dass Sie krank werden können – vielleicht und irgendwann einmal?

Ich weiß, Sie, ich, wohl kaum jemand, befasst sich gerne mit der Tatsache, sterben zu müssen. Wir alle verdrängen das mehr oder weniger. Dass wir im Alltag unsere Sterblichkeit verdrängen, ändert aber nichts an der Tatsache, dass wir sterben werden. Es geht nicht darum, dass wir uns Tag für Tag mit der Möglichkeit befassen, sterben zu können, es geht vielmehr darum, diese Tatsache zu akzeptieren und sein Leben zu leben – und zwar so erfüllt wie nur möglich.

Abgesehen davon: wer kann schon wissen, wie und woran er stirbt? Klar, wir können durch eine unheilbare Krankheit oder einen Herzinfakt ums Leben kommen. Vielleicht werden wir aber auch Opfer eines Gewaltverbrechens, vielleicht werden wir überfahren oder werden unverschuldet in einen tödlichen Autounfall verwickelt. Wollen, können Sie sich davor schützen? Macht es überhaupt Sinn, sich vor den hunderten von Möglichkeiten schützen zu wollen, durch die wir zu Tode kommen können?

Die Frage ist also: wieviel Zeit und Energie wollen Sie aufwenden, nicht zu sterben ohne überhaupt zu wissen, woran Sie sterben werden? Macht es überhaupt Sinn, Ihre Zeit und Energie in etwas zu investieren, das absolut außerhalb Ihrer Kontrolle liegt? Ist das nicht genauso, als wollten Sie durch Ihre Sorgen verhindern, dass es morgen regnet. Wäre es nicht sinnvoller, sich heute daran zu erfreuen, dass die Sonne scheint und den Tag zu genießen, statt sich den heutigen Tag mit den Sorgen über etwas zu vermiesen, das man eh nicht ändern kann?

Vielleicht denken Sie nun: Aber man sagt doch, Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Kontrolle ist immer ein Zeichen von Misstrauen. Solange es für ein Misstrauen keinen Anlass gibt, sollte man vertrauen, da Kontrollen das Leben vergiften, sowohl das eigene als auch das anderer Menschen. Was würden Sie einer eifersüchtigen Frau raten, die ständig hinter ihrem Mann hinterherspioniert, seine Sachen nach verdächtigen Hinweisen durchwühlt, ihm ständig bohrende Fragen stellt und ihm ständig vorwirft, er betrüge sie?

Würden Sie dieser Frau raten: du musst ihn noch mehr kontrollieren, du musst ihm mehr hinterherspionieren, du musst auch noch seine Emails und seine SMS kontrollieren? Würden Sie das als Therapie empfehlen? Ich glaube kaum. Wozu würden Sie raten? Wohl auch, zu dem ich raten würde: zu vertrauen, obwohl man weiß, dass das Vertrauen jederzeit enttäuscht werden kann. Richtig? Eine Beziehung hat nur eine Zukunft, wenn die Basis Vertrauen ist. Kontrolle zerstört jede Beziehung.

Auch Sie haben nur die Möglichkeit, zu vertrauen, gesund zu sein, obwohl ihr Vertrauen jederzeit enttäuscht werden kann. Sie haben keine 100%ige Kontrolle darüber, ob Sie gesund bleiben oder nicht. Sie haben nur eine 100%ige Kontrolle darüber, ob Sie darauf vertrauen, gesund zu sein und es zu bleiben.

Dies scheint mir der einzige Weg zu sein, mit Ihrer Angst vor Krankheiten umzugehen.

Die größte Behinderung des Lebens besteht darin, ständig auf die Gesundheit zu achten.
Platon

Das Schädlichste, was Sie tun können, ist ständig in den Suchmaschinen nach Symptomen zu suchen, um herauszufinden, welche Krankheit hinter Ihren Beschwerden stecken könnte. Damit machen Sie sich nur verrückt und steigern sich noch mehr in Ihre Angst vor Krankheiten hinein.

Weitere Informationen zur Behandlung der Angst vor Krankheiten.

Video zur Angst vor Krankheiten

Dieser Videoclip ist Bestandteil einer Videoreihe zur Angst vor Krankheiten (Hypochondrie). Alle Video Clips zu diesem Thema, sowie weitere 150 andere Videos zu Angst und Panik, finden Sie beim Expertenrat Video Ratgeber Portal. Um dieses Video anschauen zu können, benötigen Sie die neuste Version des Flash Players von Macromedia. Hier können Sie diesen kostenlos herunterladen.



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