Moin,
ich fang mal hinten an: Ich bin knapp 44 und hatte mit Anfang 20 meine erste Angstepisode, damals Schwindel/Hirntumor. Das blieb aber völlig unerkannt, einzige Aussage der Ärzte: Alles heile, keine Sorgen machen. Ich war damals Leistungssportler und wir hatten Teamärzte aller Fachrichungen, die nix gefunden haben. So nach nem halben Jahr habe ich dann meine jetzige Frau kennen gelernt und die Angst hat sich irgendwie "verwachsen". An psychische Ursachen habe ich zu der Zeit keine Sekunde lang gedacht, und auch offenbar niemand anderer.
Dann kam 2002 zum ersten Mal wieder eine Serie von Panikattacken, die wurde recht schnell so schlimm, das es mich wirklich beeinträchtigt hat. Diesmal auch mit Herzsymptomen. Mittlerweile war ich durch ein paar Reportagen und Zeitungsartikel hellhörig geworden, das ich angstkrank sein könnte. Ich habe dann eine Therapie angefangen an deren Anfang erstmal eine Diagnostik stand, und da trat auch schnell Besserung ein. In der Zeit habe ich alles gelesen, was ich über das Thema Angst in die Finger bekommen habe. Therapieprinzip war: Entspannung/Sport, schrittweise Konfrontation, Gedankenarbeit. Dann war wieder relative Ruhe bis 2010. Relative Ruhe heißt, ich hab alles gemacht, was ich machen wollte, aber vieles mit angezogener Handbremse oder einem kleinen Köttel in der Hose. In der Zeit hatte ich so zwei kleine Attacken pro Jahr, aber mein Leben war nicht eingeschränkt. Dann kam ein übler Rückfall Ende 2010, an dem ich bis heute kaue. Das letzte halbe Jahr ruckt richtig. Im Moment sind die Therapiesitungen im vier-Wochen-Rhythmus. Mir gehts gut.
Das braucht dir aber jetzt keinen zusätzlichen Stress machen, denn du hast ja viel bessere Karten, um jetzt mit den richtigen Mitteln anzufangen, was zu unternehmen, damit es nicht zu so einer Zeitspanne kommt. Angst ist sehr gut erforscht. Die Therapien dagegen helfen bei weit mehr als 80 Prozent der Menschen, auch bei kniffligen Fällen (bei mir), das dauert dann halt eben etwas länger.
Hm, Tipp. Ich tu mich da ein bißchen schwer, weil trotz der Ähnlichkeit der Erkrankung der Weg raus im Detail bei jedem anders sein kann. Im Moment reden wir doch hier über Angsterkrankung, du redest mit dir selbst aber über Herzerkrankung. Rede auch mal mit dir über Angsterkrankung während du die Laufklamotten anziehst.
1) Drama raus: Du hast Angst. Du bewertest gerade ein paar Dinge falsch. Ok. Das ist zur Zeit so. Haben ja viele. Man kann das sehr gut behandeln, mit total guter Prognose. Du fängst jetzt an, dich selbst zu behandeln. Das ist gut, mit Therapie wird es noch besser. Du wirst die Angst nicht "besiegen", im Sinne von "ich lösch dich aus, du wirst wieder weg gehen", sondern du wirst akzeptieren, das du immer mal wieder Herzsymptome hast, vor denen du zwar Angst hast, die aber harmlos sind. Das wird evtl. ne Weile dauern, aber du hast ja auch noch knapp 60 Jahre, um das zu genießen.
2) Streß raus. Fang an, daran zu arbeiten, wieder laufen gehen zu können. Aber mach dir keinen Streß, das du jetzt 2, 5 oder 20 Trainingseinheiten verpasst hast, oder das du nicht so lange/so schnell kannst wie früher. Das kannst du noch dreimal wieder aufholen. Nach nem Muskelfaserriß würde es dich ja auch nicht in dem Maße aufregen, nicht losgehen zu können.
3) Richtige Gedanken rein: Nimme dir die "zehn goldenen Regeln der Herzphobie".
http://www.ratgeber-panik.de/downloads/ ... phobie.pdf. Und stell dir vor, wie der Kardiologe und der Psychologe vor Dir sitzen und sie dir vorlesen. Und jedes Mal wenn der Gedanke hochkommt "ja, aber das stimmt doch bei mir gar nicht, ich habe ja vlt. doch was", stoppst Du diesen Gedanken mit einem wirklich lauten "Stopp". Wenn du gern in Bildern denkst, ich habe mir einen "Stopp-Smiley" vorgestellt, der mir das Stoppschild ins Gesicht rammt und dabei grimmig guckt. Dann fängst du wieder von vorn an, auf die Regeln zu gucken. Diese Gedankenstopps fand ich am Anfang total blöde. Hilft aber.
4) (5 Euro ins Phrasenschwein): Es ist immer besser, etwas zu tun, als nichts zu tun. Es geht jetzt nicht darum, die früher üblichen Strecken zu laufen. Es geht darum, ein paar Meter zu machen. Von mir aus erstmal gewalkt, bis du in einen leichten Trab fällst.
5) Üben, üben, üben. Alles was Du gegen die Angst unternimmst hilft umso besser, je öfter du es wiederholst. Das gilt sogar für das Denken. Nach einem Mal Laufen kannst du dich freuen, aber beim nächsten Mal wirds dir wieder so gehen. Alles normal. Immer wenn du gerade Zeit hast, an HME zu denken, hast du auch Zeit, daran zu denken, was du gegen die Angst unternehmen kannst. Was drüber lesen, enstpannen (ich hab mir eine Gratisversion von Jacobsens Muskelentspannung ergooglet, jeden Tag zweimal am Anfang). Hat bei mir auch gedauert, bis ich das Gefühl hatte, da entspannt was.
Letzte Frage: Wirkt sich denn die Angst noch irgendwie anders aus? Oder "nur" fokussiert auf Sport bzw. körperliche Belastung?
Viele Grüße. Nur Mut!