Die Schule ist heute eine echte Challenge. Obwohl der Unterricht prima läuft, ist mir immer wieder schwindlig und ich habe leichte Sehstörungen. Noch während ich diese wahrnehme, denke ich darüber nach, ob ich tatsächlich Sehstörungen habe oder mir einbilde, welche zu haben.
Ich versuche, sie zu provozieren, beobachte mich quasi beim Gucken. "Bist du dämlich?" fragt mich mein gesundes Ich. "Konzentrier' dich auf deinen Job, statt rumzuhypochondern!" Gleichzeitig wird mir wieder schwindlig und ich arbeite mich an mein Pult heran, um mich möglichst beiläufig darauf niederzulassen. Sofort geht's mir besser.
"Ist ihnen nicht gut? Sie sind ganz blass!" fragt eine Schülerin. 32 Augenpaare schauen mich besorgt an. PENG! Vielleicht
sollte ich meinen Studis doch nicht beibringen, dass Empathie was Wichtiges, Wünschenswertes ist? In Momenten wie diesen fällt sie mir nämlich komplett auf die Füße. Ich kriege es gerade halbwegs hin, mich wieder zu beruhigen, da stellt irgendwer fest, dass ich blass/ rot/ atemlos/ angestrengt, wasweißich...aussehe und katapultiert mich damit volle Kanne zurück in meine Angst.
Gerade eben ist es mal wieder die vor einem Hirntumor. Schwindel, Sehstörungen in einer an sich für mich stressfreien Situation lassen ein paar passende Zahnräder in meinem Hypochonderhirn einrasten und die Angst galoppiert. Jetzt ist mir auch im Sitzen schwindlig. Na bravo. Ich hab' noch 6 Stunden Unterricht vor mir.
"Sollen wir mal ein Fenster aufmachen? Möchten Sie ein Glas Wasser?" Sie sind ja echt süß, meine Studis, aber jetzt gerade möchte ich am liebsten alle töten. Ich kann jetzt keine Fürsorge gebrauchen. Ich muss mich ablenken, raus aus der bescheuerten Denkspirale. "Alles gut" beruhige ich nun meinerseits mit einem schiefen Grinsen die Klasse. "Die alte Schachtel hätte mal besser frühstücken sollen", setze ich nach. Das stimmt zwar nicht - ich habe gefrühstückt - sorgt aber für ein paar Lacher und entkrampft die Situation.
Auch und vor allem für mich. Fast zeitgleich kriege ich einen Apfel, eine Banane und mehrere Schokoriegel unter die Nase gehalten. Obwohl ich mit Verweis auf die in Kürze beginnende Pause dankend ablehne, geht es mir besser. Ich bleibe zwar vorsichtshalber auf dem Pult sitzen, überwinde aber erfolgreich den Impuls, mich per Notarzt in die Neurologie einliefern zu lassen.
Latent beobachte ich meine "Sehstörungen", gebe dem aber nicht mehr so viel Raum. Auf dem Weg ins Lehrerzimmer quatscht mich fröhlich eine meiner Lieblingskolleginnen an und sofort verabschieden sich alle Symptome und wir trinken entspannt gemeinsam Kaffee.
Der restliche Unterricht läuft gut, wenngleich ich mich immer wieder dabei ertappe, dass ich überprüfe, ob mir schwindlig wird - tut es nicht - oder ob irgendwas mit meinen Augen nicht stimmt - hier bin ich mir nicht ganz sicher.
Auf der Autofahrt nach Hause setze ich meine Sonnenbrille auf. Das reduziert die Wahrnehmung der mouches volantes, die manchmal das Gefühl der Sehstörungen triggern, und entspannt mich noch ein wenig mehr. Meine Augen sind - wie auch mein Herz, mein Kopf, meine Gebärmutter und diverse andere Körperteile - untersucht und als unbedenklich eingestuft worden. Mehrmals. EIN Arzt könnte sich ja irren.
Ich muss lachen, als ich darüber nachdenke. Wenn ich die verschiedenen Todesursachen, die ich im Laufe der letzten Jahre so für mich entwickelt habe, zusammenzähle, kommt ganz schön was zusammen. Manche haben sich dabei tatsächlich "überlebt". So ist mir z.B. bei meiner - monatelang irre hohen - Angst vor ALS eines Tages klargeworden, dass ich inzwischen längst tot sein müsste.
Nachdem ich in dieser Zeit auch ALLE erdenklichen Symptome, die wahrscheinlichen wie die unwahrscheinlichen, durch hatte, ist es mir tatsächlich gelungen, diese als "kenne ich und habe ich überlebt" einzustufen. Die Angst vor MS hat mir kurze Zeit später ein Neurologe genommen, indem er meine entsprechende Frage lakonisch mit "Dafür sind Sie zu alt" beantwortete.
Ich bin selbst erstaunt, wie wenig es in diesem Fall gebraucht hat, mich zufriedenzugeben und nicht mehr darauf zu bestehen, dass ich vermutlich dennoch erkrankt bin. Geholfen hat sicher eine Technik meiner Verhaltenstherapeutin, die mir geraten hat, bei beginnenden Denkspiralen ein imaginäres Stoppschild hochzuhalten und mir zu verbieten, weiterzudenken. Das erschien mir zunächst zwar ziemlich albern, funktioniert aber nichtsdestotrotz in vielen Fällen recht gut. Zumindest, was ALS und MS betrifft.
Aber ich habe ja noch ein paar weitere lebensbedrohliche Krankheiten auf Reserve. Tumore können ja ganz wunderbar überall rumwuchern - und die Angst vor Herzinfarkt und Schlaganfall hält mich auch ganz gut in Schach.
Meine Therapeutin hat mich mal gefragt, ob ich mich nicht einfach für EINE todbringende Krankheit entscheiden könne, weil es doch schon recht unwahrscheinlich sei, gleichzeitig an mehreren ganz unterschiedlichen zu versterben. Der gesunde Teil in mir gibt ihr vollkommen recht, aber mein Hypochonderhirn möchte sich anscheinend lieber mehrere Optionen offenhalten.
Nachdem ich heute zumindest noch keinen Herzinfarkt hatte, beschließe ich spontan, das schöne Wetter zu nutzen und ein wenig spazieren zu gehen. Das klingt allerdings einfacher, als es ist. Zuhause ist einigermaßen sicherer Boden. In der Schule ebenfalls. Da sind Menschen, die mich retten können, wenn ich einen Herzstillstand habe. Aus dem gleichen Grund geht auch Einkaufen meist recht gut.
In der Natur rumzulaufen, ist eine ganz andere Hausnummer. Weit und breit kein Mensch, der einen Notarzt rufen kann, wenn ich dazu nicht mehr in der Lage sein sollte. Wenn mein Mann dabei ist, geht es besser, aber er ist recht sportlich, und ich habe immer das Gefühl, er müsse sich permanent zurücknehmen, wenn er mit mir unterwegs ist. Das sagt er zwar nicht, aber ich glaube es trotzdem. Und ich will kein Ballast für ihn sein.
Also gehe ich meist gar nicht spazieren. Da ich aber gerade mal wieder einen Gehirntumor überlebt habe und zudem ja mein Leben ändern will, fasse ich den Entschluss, auf MEINE Weise spazieren zu gehen. Unser Haus steht praktischerweise mitten in der Natur, und so gehe ich nun auf dem direkt angrenzenden Waldweg hin und her spazieren.
Immer artig in Sicht- und Rufweite des Hauses, versteht sich. Und natürlich in sehr gemessenem Tempo, ich will mein armes Herz ja nicht überstrapazieren. Das klopft zwar tatsächlich prompt ein wenig schneller, aber ich schaffe es, damit zurecht zu kommen. "Dein Herz klopft, weil du eine fette, faule Kuh bist!" spreche ich mir freundlich Mut zu. "Also beweg deinen Hintern, damit sich das ändert!"
Ich glaube, den letzten Satz sage ich laut. Gottseidank ist keiner da, der es gehört haben könnte. Wobei: Ich möchte wetten, der Eichelhäher, den ich höre, lacht sich grade über mich kaputt. Recht hat er.