Die tägliche Bewegung bringt einiges in Gang - im wahrsten Sinne des Wortes.
Auch wenn ich mich täglich auf's Laufband treibe - egal, wie stark Angst und Unlust in mir fauchen - merke ich, dass mein Körper unterschiedlich leistungsfähig/ -willig ist. An manchen Tagen jogge ich problemlos 30 Minuten flott vor mich hin, während ich an anderen ziemlich viel Kraft brauche, um überhaupt die 30 Minuten durchzuhalten. Blöderweise ist diese Bewegungssache aber auch immer eine Diskussion mit meinem Hypochonder-Ich. Und wenn ich dem auch nur eine Sekunde zu lang zuhöre, schickt es mich sterben.
Und so überlege ich, was ein normaler, gesunder Mensch tun würde, wenn er beim Laufen kaum einen Fuß vor den anderen kriegt. Vermutlich würde er für dieses Mal drauf verzichten. "Ganz schlechte Idee!" raunzt mich postwendend mein innerer Schweinehundbändiger an. Ich gebe ihm Recht. Mit Sicherheit würde sehr schnell die Schweinehundregel greifen: Ausfallen lassen, schleifen lassen, sein lassen.
Nicht machen ist keine Option. Es sei denn, ich habe mindestens 38,5 Fieber oder akuten Brechdurchfall. Kopfschmerzen, Herzstolpern, Schwindel und Übelkeit zählen nicht. Einmal Kotzen auch nicht. Schließlich betreibe ich keinen Leistungssport, sondern bewege mich 30 Minuten am Stück vorwärts. Davon kriege ich mit absoluter Sicherheit auch dann keine Herzmuskelentzündung, wenn ich wirklich krank wäre.
Dabei fällt mir ein, dass ich schon recht lange auf der halben Stunde festsitze. "Stillstand ist Rückschritt" mahnt es von irgendwoher. Ich möchte echt gerne wissen, wann ich all diese Lebensweisheiten inhaliert habe. Oder nein. Lieber doch nicht. Es reicht, dass sie da sind - und hin und wieder sind sie ja recht nützlich. Jetzt zum Beispiel. Spontan beschließe ich, meine morgendliche Laufbandzeit auf 45 Minuten auszuweiten.
"Bäääähhhhh! Noch mehr Quälerei!" protestiert es nölig, und ich erinnere mich wieder an meine körperliche Wahrnehmung von Schwäche an manchen Tagen. Wie soll ich das denn packen, wenn ich mich schon durch 30 Minuten quäle? "Ganz einfach: Indem du es MACHST", erinnert mich mein besseres Ich. Jaja, schon gut. Ich weiß es ja. Erneut mache ich mir bewusst, dass auch eine Dreiviertelstunde nicht der New-York-Marathon ist. MARATHON, blitzt es in meinem Hirn auf. Wer zum Teufel kann 42 Kilometer RENNEN? Ich könnte sie aktuell nicht mal gehen. Stattdessen ringe ich mit mir, ob ich 45 Minuten hinkriege. Das sind bei meinem Tempo schätzungsweise 3-5 Kilometer, je nachdem, ob ich gehe oder laufe.
Ich geh' googeln: Die schnellste Marathon-Läuferin Paula Radcliffe ist den London-Marathon in 2 Stunden 15 Minuten und 25 Sekunden gelaufen. Sämtliche 42,19 Kilometer. Okay, sie war dabei geschmeidige 27 Jahre jünger als ich gerade. Ich lese ihre Daten: 54 Kilo auf 173. Okay. Und nicht weniger geschmeidige 40 Kilo leichter. Die 5 Zentimeter, die sie größer ist, schenke ich ihr.
Ich bin immer noch eine fette Kuh. Eine fette Kuh, die sich Gedanken darüber macht, ob es ihrer Befindlichkeit gustiert, ein paar Minuten am Tag ihr Fett zu bewegen. Allein die Vorstellung, 42 Kilometer am Stück zu RENNEN, verursacht gerade Schwindel und Herzrasen. Schon recht praktisch, diese Angst. Kaum denke ich auch nur an eine Herausforderung, bedient sie mich artig mit Symptomen, die mir meine Grenzen aufzeigen.
Ich schiebe das Körpergetue weg. Mrs. Radcliffe ist sicherlich nicht vom Faulenzen erfolgreich geworden. Vermutlich ist sie jeden verdammten Tag ihres Lebens gelaufen, gelaufen, gelaufen. Egal, wie die Befindlichkeiten waren.
Entschlossen gehe ich mich umziehen. Eine halbe Stunde war ich heute Morgen schon auf dem Band. Jetzt will ich nach draußen. Beim Zubinden der Laufschuhe ist der Puls auf 130. Ich ziehe die Pulsuhr aus und schmeiße sie auf den Tisch. Soll sie sich mit dem vergnügen. Zur Abwechslung regnet es mal wieder, aber das ist mir schnurz. Ich stelle mir vor, was mein Trainer sagen würde, wenn ich denn einen hätte. "Beweg' deinen faulen Ars.ch!" fasse ich die Ergebnisse meiner Überlegungen zusammen und gehe los.
Bis zu meinem Waldweg gehe ich, dann laufe ich los. Ich habe noch keine Erfahrung mit dem Laufen im Freien, wenn man von meinem ungeplanten Survivaltrip mal absieht. Sonst gibt das Band den Takt vor, jetzt muss ich ihn selber finden. Nach ungefähr 3 Minuten - irgendwo scheine ich meine Uhr abgelegt zu haben - japse ich wie Fisch beim Landgang. Anscheinend war ich zu schnell. Also gehe ich ein Stückchen, dann trabe ich wieder an. Langsamer diesmal. Mein Herz stolpert einen gegenläufigen Rhythmus zu dem meiner Schritte, meine Brust sticht zweimal hintereinander heftig.
Pfeif drauf. Ich habe bisher überlebt, ich kenne den S.cheiß doch längst. Mein Hypochonderhirn legt sich ins Zeug und ballert an Angstgedanken raus, was er aufbieten kann. Ich kneife mir schmerzhaft in den Oberarm. AUA! Der Gedankenfluss stoppt kurz, und ich nutze den Moment, um bewusst zu denken: Ich bin gesund. Ich will schlank und fit werden. Und deswegen laufe ich jetzt weiter.
Unter meinen Füßen quatscht und quietscht es. Noch ist der Boden nicht gefroren, und ich patsche durch Matsch und Pfützen, dass es nur so spritzt. Ich bin dankbar über die Entscheidung. wasserdichte Laufschuhe erworben zu haben. Auch wenn der Rest tropfnass ist: Trockene, warme Füße sind prima. Natürlich geht das Körpergetue weiter, aber ich höre weg. Jetzt umfallen und tot sein wäre so schlimm nicht, denke ich.
Oha. Jetzt höre ich mir angesichts dieser plötzlichen Todessehnsucht doch wieder zu. Nein, gibt mein Hirn Entwarnung. Nix Sehnsucht. Ich renne ja genau deswegen hier durch den Dreck, weil ich leben will. LEBEN. Nicht angstvoll vegetieren und rumhypochondern. Wovor habe ich eigentlich die ganze Zeit so viel Angst? Vor dem Tod, klar. Aber wovor genau?
Vermutlich gibt es bessere Orte, um sich derartig tiefschürfende Gedanken zu machen. Ich stolpere über meine eigenen Füße und fliege beinahe auf die Nase. Aber das ist mir grade egal. Ich überlege weiter. Endgültig Abschied nehmen macht mir Angst. Die Vorstellung, meine Lieben nicht mehr zu sehen oder nicht mitzukriegen, wie meine Enkelkinder groß werden. Das Leben loslassen.
Beinahe fange ich an, mir angesichts dieser traurigen Vorstellung leidzutun. Das kann ich echt gut. Aber jetzt gerade will ich nicht. Stattdessen denke ich: Wenn ich mitten in der Rennerei umfalle und sterbe, habe ich überhaupt keine Zeit mehr, mich um all das zu sorgen. Peng. Licht aus. Das Leid und die Trauer haben die, die ohne mich weiterleben müssen. Nicht ich.
Die Erleichterung durchflutet mich wie eine warme Welle. Plötzlich umfallen ist nicht schlimm, erkenne ich. Nicht für mich. Ich kriege nix mehr davon mit. Meine Großmutter fällt mir ein: "Kinder, seid's freundlich zu mir, wenn ich erst mal die Radieschen von unten beguck', hab' ich nix mehr davon". Ich schicke ihr ein Küsschen in den regentropfenden Himmel über mir.
Ich erinnere mich, dass ich ähnliche Geistesblitze schon mehrmals hatte, welche mir aber immer nur kurzfristige Erleichterung bescherten. Aber irgendwas scheint anders diesmal. Es ist nicht Erschöpfung, die völlige Überlastung, das Aufgeben, was in mir spricht. Es ist das simple Erkennen der Tatsache, dass ein plötzlicher Tod kein Leiden bedeutet. Wovon sich meine Angst nährt, ist das Ausmalen der Verluste, die ich haben werde, wenn ich sterbe. Verluste, die ich aber gar nicht registrieren werde, wenn ich umfalle.
Ich trete in eine Pfütze, die so tief ist, dass mir das Wasser oben in den Schuh läuft. So viel zum Thema trockene Füße. Ich ärgere mich kurz darüber, dann muss ich lachen. Das Gefühl eines nassen Fußes ist so viel greifbare Realität.
So viel LEBEN.
Ich jogge noch vom Waldweg zum Haus zurück. Beim Öffnen des Tors spüre ich einen Schmerz am linken Oberarm.
Memo an mich: Mich daran erinnern, dass ich mich gezwickt habe, wenn ich angesichts des blauen Flecks Leukämie kriege.
Drin verrät mir ein Blick auf die Uhr, dass ich soeben 43 Minuten auf meinem Waldweg gerannt bin.
Yeeehaw!