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Calima
Als ich beim Frühstück mein Handy checke, poppt eine Nachricht meiner Freundin auf. Ich öffne sie und sehe ein Foto meiner Postkarte mit der Aufschrift "Verzeih". Darunter ihr Kommentar: "Hab' ich soeben erledigt. Was hältst du davon, zusammen ein Probetraining im Fitnessstudio auszumachen?"

Eine Welle warmer, dankbarer Zuneigung überspült mich. Der Wert einer Freundschaft. Und auch wenn gerade sämtliche Schweinehunde an ihren Ketten zerren, weil die Vorstellung, noch immer fett und unsportlich in ein solches Etablissement zu gehen, Herpes verursacht, würde ich mir eher einen Finger abhacken, als diesen Vorschlag ablehnen. "Challenge accepted" schreibe ich zurück.

Und so vereinbaren wir postwendend ein Probetraining und treffen uns am Nachmittag zum Sportklamotten shoppen. Da Übergewicht unser gemeinsames Problem ist, bleibt mir zumindest der Teil des Frustes erspart, der mich gerne mal überkommt, wenn ich mit schlanken Menschen einkaufen gehen soll. Trotzdem bleibt es eine Herausforderung, ein geeignetes Outfit in Zeltgröße zu finden. Dicke Menschen machen anscheinend keinen Sport. Zumindest kaufen sie wohl nicht in gewöhnlichen Sportgeschäften.

Schließlich werden wir bei Tchibo fündig. Zwar kann man den Kaffee nicht trinken, aber wir erbeuten beide je zwei Garnituren Funktionsklamotten, die erfreulicherweise weder neonpink noch abstrus gemustert sind. Die Designer von Kleidung in Übergrößen scheinen ohnehin allesamt Frauenhasser zu sein oder sonstige schwerwiegende Traumata erlitten zu haben. Das ist einer der Gründe, warum ich nur das Allernötigste an Kleidung besitze. Der andere ist, dass ich mein Fett nie akzeptieren wollte und demzufolge auch die Dekoration desselben mit Stoff für verzichtbar erachte. Das Schlimmste verhüllen muss reichen.

Ich finde mich dick immer unattraktiv, egal, was ich trage. Und wenn mir jemand sagt, dass ich ein hübsches Gesicht hätte, läuft er Gefahr, dass ich ihm selbiges verunstalte. Wenn einem partout nichts Positives zum Aussehen einer Person einfallen will, ist das "hübsche Gesicht" - gerne noch Diminutiv als "Gesichtchen" verbrämt - das verbale Pendant zum Echt Kölnisch Wasser für die Oma. Ich war die meiste Zeit meines Lebens eine schlanke, schöne Frau. Und während ich mit meinem Alter gut zurechtkomme, kann und will ich das mit meinem Übergewicht nicht.

Ebenso wenig wie mit meiner Angst. Die begleitet mich wie selbstverständlich auch bei diesem Einkaufsbummel. Ich habe Herzstechen, zeitweise einen Puls von 150, obwohl ich nur vor einem Regal stehe und immer wieder heftige Schwindelattacken. Noch vor wenigen Tagen hätte die Freundin mein Beistand sein und mich beruhigen und unterstützen müssen. Ab heute missbrauche ich sie nicht mehr für meine Befindlichkeiten. Stattdessen setze ich mich heimlich ab und zu kurz hin oder gehe unter dem Vorwand, nach etwas Bestimmtem schauen zu wollen, zügig durch den Laden, um etwas runterzukommen.

Die Freundin tut, als bemerke sie es nicht, aber ich weiß, dass das nicht stimmt. Sie kennt mich zu lange und zu gut. Doch sie schweigt, und als ich von einer Laufrunde durch den Sportladen zurückkomme, zwinkert sie mir kurz zu. Ich zwinkere zurück. Sie ist wunderbar und ich liebe sie.

Als sich die Beute schließlich erfolgreich in unseren Rucksäcken befindet, würde die Freundin gerne noch mit mir Essen gehen. Ich bin eigentlich ziemlich durch, aber ich widerstehe dem Impuls, meine Befindlichkeit in den Vordergrund zu stellen und komme mit. Wir finden einen Platz bei einem Thai, der ohne Geschmacksverstärker kocht und genießen Essen und Zusammensein.

Auf der Fahrt nach Hause lasse ich mir Jefferson Airplane um die Ohren fliegen und singe lauthals mit. Es geht mir gut wie lange nicht mehr.

Wieder ein a.rschlochfreier Tag. Yeehaw.

23.05.2020 16:44 • x 4 #41


Calima
In der Nacht werde ich mal wieder wach, nassgeschwitzt und mit rasendem Puls. Ich habe beinahe das Gefühl, als habe mein Angsthirn beschlossen, sich seine Spielwiese nachts zurückzuerobern, wenn ich sie ihm tagsüber schon streitig mache. Ich wechsle das Shirt, dabei fällt mein Blick auf meinen friedlich schlafenden Mann. Mein Herz schlägt wilde Kapriolen, aber ich nehme sie irgendwie anders wahr, als sonst.

Während bisher bei diesen Zuständen alles in mir "Herzinfarkt!" und "Notarzt!" geschrien hat, betrachte ich die Erscheinungen diesmal fast wie von außen. Es dauert einen Moment, bis mir klar wird, was anders ist. Die Todesangst fehlt. Obwohl alle Symptome in altvertrauter Heftigkeit auf mich einstürmen, bin ich nicht panisch. Stattdessen denke ich darüber nach, wie oft ich den Liebsten aus seinem Schlaf gerissen und mit meiner Panik überfallen habe.

Ja, ich habe durchaus öfter mit mir gerungen, ob das nötig ist - aber letzten Endes habe ich immer FÜR MICH entschieden. Meine Angst war alles, was zählte. Jetzt sitze ich in meinem Bett mit sich überschlagendem Herzen, rasendem Puls und kaltem Schweiß auf der Haut, der mich zittern lässt, betrachte meinen Gefährten und schäme mich. Das kommt neuerdings öfter vor. Ich mag es nicht, denn es passt so ganz und gar nicht in mein sorgsam gehätscheltes Selbstbild des leidenden, zuwendungsbedürftigen Wesens, das nichts dafür kann, dass es ihm so schlecht geht.

Erkenntnis der Nacht: Selbstmitleid ist definitiv angenehmer als Scham.

Mir ist kotzübel, so sehr rebelliert mein Körper. Anscheinend kann er Scham auch nicht leiden und will seine Panik zurück. Mein Brustkorb wird eng und ich spüre, wie die Angst ihre Finger nach mir ausstreckt. Aber ich will nicht, verdammt noch mal. Ich lege mich wieder hin, klopfe mit meinen Fingerspitzen rhythmisch auf mein Brustbein und suche nach hilfreichen Gedanken. Was habe ich denn früher gemacht, wenn ich mich in den Schlaf denken wollte? "Ich war eine Heldin", fällt mir ein. Stimmt! Als Kind habe ich mich genüsslich in meine Bettdecke gekuschelt und mir vorgestellt, ich hätte magische Kräfte und könnte tolle Dinge tun, für die mich alle bewundern.

Ich verfolge diesen Gedanken weiter und erinnere mich, dass ich auch als Erwachsene immer wieder "Heldenträume" gepflegt habe. Meist, wenn es mir nicht gut ging oder wenn ich eine Niederlage wegstecken musste. Dann hat mich meine Phantasie diese und andere Situationen souverän und mutig bewältigen lassen. Ich habe mich stark geträumt.

Die Idee gefällt mir und ich versuche, mir einen Heldentraum zu erschaffen. Es ist ein bisschen mühsam, weil ein Teil meines Hirns angstvoll an den Käfigstäben rüttelt und ein anderer spöttisch grinsend fragt, ob ich jetzt völlig bescheuert bin. "Du könntest dich als Indianer verkleiden und unter wildem Geheul um einen Baum tanzen", schlägt er vor. "Dann wäre der Weg in die Klapse endgültig frei". Ich schubse die blöde Stimme zurück in den Orkus und konzentriere mich auf meinen Heldentraum. Welche Herausforderung könnte ich wohl lösen?

Mir fällt der Tag ein, an dem ich voll von Emotionen durch den immer dunkler werdenden Wald gestolpert bin. Ich stelle mir vor, wie ich ganz auf mich gestellt aus einem fremden Wald herausfinde. Au ja! Ich mag Abenteuer. Das könnte funktionieren. Während ich mir das Szenario zurechtlege, schlafe ich ein.

Auf dem Laufband denke ich über meine nächtliche Superwoman-Eskapade nach. Schon schräg, muss ich zugeben. Ich bin 57 Jahre alt und fasele mir ein Phantasieabenteuer zurecht. Fällt das noch unter "Einfach nur ballaballa" oder ist das bereits beginnende Altersdemenz? Jedenfalls scheint es mir besser, diese Sache für mich zu behalten. Sicher ist sicher.

Und doch: Ich bin nicht in Panik verfallen, habe nicht jegliches Mitgefühl verloren und den Liebsten aus dem Schlaf gerissen, bin nicht abgedreht. "Naja, zumindest nicht in Sachen Panik", meldet sich der Teil meines Hirns zurück, der schon in der Nacht so blöd gegrinst hat. "Wer heilt, hat recht", sage ich trotzig und schalte das Laufband entschlossen höher.

Es läuft jetzt auf Stufe 16 von 30, und ich stelle fest, dass ich inzwischen ziemlich flott unterwegs bin. Da ich grade keinerlei Körperchaos habe, probiere ich aus, ob ich auch laufen kann. Ich muss mich kurz festhalten, weil der Rhythmuswechsel ungewohnt ist, aber dann trabe ich tatsächlich. Ich JOGGE. Schnell stelle ich fest, dass ich beim JOGGEN weniger denken kann. Stattdessen bin ich mit Atmen beschäftigt und muss meine Schritte auf dem Band koordinieren.

"Fünf Minuten" nehme ich mir vor. Nach der Hälfte habe ich Schnappatmung und mein Herz fängt an zu stolpern. Ich zucke kurz zusammen, aber dann laufe ich weiter. Das Band läuft nicht schneller als vorher, einzig die Bewegung ist eine andere. "LAUF ALTE!" motiviere ich mich. Ich tackere meinen Blick auf der Uhr fest und bringe die fünf Minuten tatsächlich rum. Ein Blick auf meine Pulsuhr verrät mir, dass der bei 160 liegt.

Ein Stich durchzuckt meinen Brustkorb und ich bin kurz davor, panisch vom Band zu hopsen, aber dann packe ich an die Haltegriffe und gehe weiter. Es fehlen noch 8 Minuten, um meine 30 zu vollenden. "GEH ALTE!" sage ich laut. Ich probiere kurz aus, ob ich an meinen nächtlichen Phantasien anknüpfen kann, aber das funktioniert nicht. Ist vielleicht auch besser so. Trotzdem beruhigt sich der Puls, und als ich am Ende des Trainings erneut auf die Fitbit gucke, ist er bei 115. Nicht so schlecht für eine fette Schnecke.

Ich gönne mir einen Grinseblick in den Spiegel: Gut gemacht, Superwoman.

24.05.2020 13:32 • x 4 #42



Mein erfolgreicher Weg aus der Hypochondrie

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cube_melon
Zitat von Calima:
das verbale Pendant zum Echt Kölnisch Wasser für die Oma.

ich brech hier ab vor lachen

Wenn Du das mal als Taschenausgabe in Printform veröffentlichst, bitte ich um eine signierte Erstausgabe xDDD

24.05.2020 20:32 • x 1 #43


Calima
Ich habe eine neue Herausforderung angenommen: Nix mehr A.rschloch sein.

Die Idee ist, mit meinem Eheliebsten so umzugehen, wie ich es tun würde, wenn es die Angst nicht gäbe. Noch während ich das für mich formuliere, stelle ich fest, dass ich mich nicht so wirklich erinnern kann, wie das denn eigentlich aussieht. Dass ich mich schon wieder schäme, wird anscheinend zur Gewohnheit. Es ist kein nettes Gefühl und ich mag es nicht leiden - und doch tut es gut, es wahr- und anzunehmen, denn es nimmt mich in die Pflicht.

Je näher ich es betrachte, um so deutlicher erkenne ich, dass es mir endlich eine Motivation liefert, an mir zu arbeiten. All die Jahre war ich der Vampir, der Zuwendung, Rücksichtnahme, Trost aus meinem Gefährten herausgesaugt hat, um meine eigenen Wunden zu versorgen. Bekommen hat er dafür ein jammerndes Bündel dauernden Elends, das ihm Lebenszeit geklaut und ihn zum Mitgefangenen der eigenen Angst gemacht hat.

Mir kommen die Tränen ob dieser ziemlich unfreundlichen Selbsterkenntnis. Vor meinem inneren Augen sehe ich seinen tief enttäuschten Blick, als ich an seinem Geburtstag zitternd von Angst der Feier mit Freunden und Familie ferngeblieben bin. Ich wollte lieber mal wieder sterben, statt mit ihm das Leben zu feiern. Weitere solche Bilder tauchen auf, immer mehr. Es sind so viele. Ihre Wucht ist so gewaltig, dass sie mich von den Füßen reißt. Mir wird schwindlig, ich falle auf den Boden, haue mir den Kopf an der Stuhlkante an.

Das tut weh und bringt mich wieder in die Gegenwart zurück. Ich hocke mit tränennassem Gesicht am Boden und reibe mir die gerade entstehende Beule. "Hirnblutung!" brüllt mich unverhofft die Angst an und sofort stimmt mein Körper in den Reigen ein und startet das volle Programm. Gleichzeitig habe ich einen ganzen Strauß potentieller Symptome bei der Hand: Kopfschmerzen: Hab' ich. Die Beule pocht dumpf vor sich hin und strahlt in den Kopf aus. Sprachstörungen: Ich versuche, einen Satz zu formulieren. "Der Hamster frisst keine Gardinen". Den Satz kriege ich augesprochen, aber der Inhalt versetzt mich in weitere Panik. Bin ich noch klar bei Verstand? Angespannt checke ich weiter. Lähmungen: Ich bewege versuchsweise Hände und Füße. Der linke Arm fühlt sich komisch an.

Ich bewege ihn stärker, es geht, aber irgendetwas scheint nicht zu stimmen. So, als ginge das Gefühl drin verloren. Ich kratze mit den Fingernägeln der rechten Hand über die Haut am linken Arm und spüre fast nichts. Die Panik in mir eskaliert.Jetzt wird auch mein linkes Bein komisch. Ich kratze und rubble hektisch über alle möglichen Körperteile, um einen Unterschied zu erkennen. Auf der linken Seite habe ich kaum noch Empfindungen.

Alle meine guten Vorsätze sind vergessen und ich schreie nach dem Gefährten. Nach dem dritten Ruf fällt mir ein, dass er zum Baumarkt gefahren ist. TELEFON. NOTARZT! Ich will aufstehen, um mein Telefon zu holen. Das linke Bein trägt mein Gewicht nicht und ich falle wie ein Sack zur Seite. Schreiend und schluchzend robbe ich zum Handy und rufe den Notarzt. Ich kann den linken Arm nicht mehr heben, nur noch den Zeigefinder bewegen und das linke Bein nicht belasten, ohne dass es wegknickt.

Drei Stunden, ein MRT und eine Injektion Diazepam später ist klar, dass ich weder eine Gehirnblutung noch eine Lähmung habe. Willkommen zurück, Angst.

"Spinnst du?" raunzt mich irgendwer in meinem Hirn an. Anscheinend hat ihn der Krach des MRT aufgeweckt. "Du wirst nicht wieder in Selbstmitleid verfallen!" Okay. da ist tatsächlich jemand zurück. Ich sitze neben dem Liebsten, meine Hand in seiner und warte auf den Arztbrief. Ich schaue ihn an, er schaut zurück, lächelt und drückt meine Hand. "Wie geht's dir?" fragt er sanft. "Prima" antworte ich und muss nicht mal schwindeln. Das Benzo sorgt für watteweiche Schäfchenstimmung in meinem Innern. Cooles Gefühl eigentlich.

"Nur zu, knall dir noch ein Suchtproblem oben drauf!" ätzt mich die Stimme von eben erneut an. Glücklicherweise bin ich zumindest in dieser Beziehung safe und ignoriere das Gemecker. Ich bin erschöpft, was nach einer ausgeprägten Gehirnblutung mit Halbseitenlähmung nicht so ungewöhnlich ist. Gleichzeitig ärgere ich mich über den Rückfall. Da denke ich gerade darüber nach, wie ich ein besserer Mensch werden kann - zack! Angst zurück.

Bin ich wirklich ein schlechter Mensch? Die Gedanken tropfen ein wenig zäh und beinahe diffus durch meine Gehirnwindungen. Könnte an dem Zeug liegen, das durch meine Adern kreist. Jedenfalls schäme ich mich nicht und fühle auch sonst relativ wenig. Ganz so cool ist das Mittelchen doch nicht, finde ich. Ich will kein schlechter Mensch sein. Verdammt, ich hab' mir diese Sch.eißangst doch nicht ausgesucht! "Okay, hast du nicht. Aber du gibst sie auch nicht mehr her". Die Stimme scheint eine gewisse Resistenz gegen Diazepam zu haben. Und gegen Selbstmitleid.

Während wir im Auto sitzen, denke ich darüber nach, ob ich tatsächlich eine blöde Kuh bin. Prompt sehe ich mich auf einer Wiese stehen und eine riesige Glocke an meinem Hals hin und her schwingen. Ich muss grinsen. Bescheuerte Bilder denken kann ich ganz offensichtlich mit und ohne Substanzen in meinem Blut. Nein, denke ich. Ich bin eigentlich ganz okay. Eine Menge Sachen habe ich im Leben ganz gut hingekriegt. "Und mindestens ebenso viele gewaltig verbockt", tönt es aus den hinteren Reihen. Anscheinend lässt das Benzo nach.

Ich gebe der Stimme recht. So manche Dinge haben Luft nach oben. Vor allem mein Umgang mit dem Liebsten. Er sitzt ernst neben mir am Steuer. Ich weiß, dass er Musik im Auto liebt. Und mit offenem Verdeck fahren. Okay, nicht unbedingt Ende November, aber grundsätzlich. Und ich habe grundsätzlich was dagegen, weil es meinem kränklichen Zustand meist nicht gustiert. Wenn ich sterbe, ist mir alles zu viel. Draußen schickt die Sonne ihre letzten Strahlen des Nachmittags auf die Erde. Ich frage: "Gehen wir Essen?" Er wirft mir einen ungläubigen Blick zu. "Sicher?" fragt er.

"Unbedingt", sage ich. Ich drehe das Radio auf: Emily Autumn mit "Fight like a g.irl" dröhnt aus den Boxen. Der Liebste hat eine Menge davon in seinem Auto. Als wir an einer Ampel anhalten, öffne ich das Verdeck. "Was haben die dir gegeben? Hast du einen Vorrat gekriegt" fragt der Eheholde und grinst. Zum ersten Mal an diesem Tag, und mir wird warm ums Herz. Er setzt seine Cabriomütze auf, die immer im Türfach steckt. Ich ziehe die Kapuze meines Hoodies über die Ohren.

Fight like a g.irl. Aber sowas von!

26.05.2020 16:16 • x 5 #44


Calima
Auch an diesem Morgen jogge ich wieder auf dem Laufband. Inzwischen kann ich auf viele Wochen sportliches Durchhalten zurückschauen und komme nicht umhin, mir auf die Schulter zu klopfen. Seit ich meinen fetten Hintern in Bewegung gesetzt habe, ist auch vieles andere in Bewegung gekommen. Offensichtlich ein dynamisches Geflecht, dieses Körper-Geist-Seele-Dingens.

Nach dem Frühstück habe ich trotzdem wieder ordentlich Herz und bin kurz versucht, mir wieder mal ein bisschen leid zu tun, weil sich einfach keine bleibenden Verbesserungen einstellen wollen. Kaum denke ich, dass ich endlich einen Fuß in der Tür habe, fegt mich die Angst wieder von den Füßen. Erstaunlicherweise kriege ich den dabei oft entstehenden Fressdruck ganz gut niedergebügelt. Wenn ich schon sterbe, dann wenigstens dünn. Müssen sich wenigstens die Sargträger nicht mit einem XXL-Modell rumplagen. So.

Der Eheholde kommt pfeifend aus dem Bad, aber mir entgeht nicht, wie er mich aus den Augenwinkeln scannt. Auch diese Erkenntnis ist mal wieder schmerzhaft: Sein Tag hängt von meinem Zustand ab, und er muss ständig auf der Lauer liegen, um diesen einzuschätzen und sich entsprechend darauf einzustellen. Das reicht, um meinem Selbstmitleid in den Hintern zu treten. Er soll nicht mehr unter mir leiden. Er ist nicht krank, aber ich zwinge ihn, mein krankes Dasein mitzuführen.

"Aber doch nicht mit Absicht", jammert ein wehleidiges Stimmchen. Sonderlich überzeugend klingt es nicht. Natürlich habe ich mir die Angststörung nicht ausgesucht und wäre sie lieber heute als morgen los. Trotzdem ist es MEINE Störung. Und ich habe, verdammt noch mal, nicht das Recht, sie zu unserem gemeinsamen Schicksal zu machen. "In guten, wie in schlechten Tagen", tönt das Mimimimi und wird beinahe nissig. Stimmt. Aber das heißt ganz sicher nicht, dass ich die Fürsorge in schlechten Tagen für mich abonniert habe.

"Wir beide füreinander" war unser Ehegelöbnis, das wir vor fast 25 Jahren abgelegt haben. Das hat sich ganz gewaltig nach einer Seite verschoben. Ich muss schlucken. Wie glücklich waren wir damals. Nein, nicht nur zum Zeitpunkt unserer Hochzeit. Wir haben eine verdammt gute Zeit miteinander geteilt. Und genau die will ich wiederhaben. Will sie für mich zurückerobern, aber vor allem meinem Gefährten schenken. Jetzt ist er dran. Und wenn es das Letzte ist, was ich in diesem Leben fertigbringe.

"Dann beeil' dich besser mal", faucht es in meinem Kopf, während Salven von Extrasystolen und elektrischen Ladungen durch meinen Körper rauschen und mich nachdrücklich an mein potentiell baldiges Ende erinnern. Draußen stürmt der November und peitscht Regen gegen die Fensterscheiben. Das Universum hat offensichtlich ein Händchen für Dramaturgie.

"Du bist ein bisschen blass", sorgt sich der Liebste. Ich spüle mit einem kräftigen Schluck Cappuccino - über dessen Genuss ich grade wegen des akuten Herzgebarens auf der Panikebene meines durchaus multitaskingfähigen Hirns nachgedacht habe - meine Stimme frei und bastle gleichzeitig ein entspanntes Gesicht zurecht. "Das liegt am Licht", gelingt mir sogar ein humorvoller Unterton. "Novemberregen steht mir nicht". Ich registriere, wie sich sein Gesicht entspannt.

In mir tobt es derartig, dass ich mich am liebsten schluchzend in seine Arme werfen würde. Halt mich fest. Rette mich. Lass mich nicht sterben. Ich brauch dich so. "Wir könnten ins Hallenbad fahren" sage ich stattdessen und komme nicht umhin, mich zu fragen, auf welcher Gehirnebene dieser Satz wohl entstanden ist. Wohl auf der, die sich direkt neben der Unzurechnungsfähigkeit befindet. Ich habe mich seit Jahren in keinen Badeanzug mehr gewagt, geschweige denn mich in einem solchen der Öffentlichkeit ausgesetzt. Ich hole Luft, um das Angebot zurückzunehmen.

"Oh Mann, Schwimmen wär' richtig richtig toll!" Die Sehnsucht in seiner Stimme ist unüberhörbar. "Würdest du wirklich mitkommen?" Der Zweifel leider auch. "Ist vielleicht doch nicht so eine gute Idee," drängelt es in mir nach oben.

"Klar. Irgendwann muss ich ja mal ausprobieren, ob ich überhaupt noch schwimmen kann", ist das, was meine Stimmbänder tatsächlich erzeugen. "Oh ja! Lass uns gleich losfahren!" Mein Gefährte explodiert förmlich vor Freude und Tatendrang, springt auf, drückt mir einen Kuss auf die Backe und stürmt nach unten, um seine Sachen zu packen. Mir wird kotzübel. Ich kriege noch ein Lächeln in mein Gesicht gezwungen und dann gerade noch die Kurve ins Bad. Dort würge ich das eben genossene Frühstück ins Klo. Mein Kreislauf rutscht weg, und ich klammere mich an der Kloschüssel fest.

MistMistMistMist. Ich kann nicht verhindern, dass ich weine. Aber ich tue es leise. Kein aufmerksamkeitsheischendes Schluchzen heute. Im Gegenteil: Ich will nicht gehört werden in meinem Elend. Und gesehen schon gar nicht. Also rapple ich mich hoch, wasche mir das Gesicht mit kaltem Wasser und trainiere Lächeln vor dem Spiegel. Es gab schon bessere Versuche, aber für den Notfall wird es taugen.

Überrascht stelle ich wenig später fest, dass ich ganz locker in meinen Badeanzug passe. Bei meinem letzten Versuch vor ca. 6 Jahren habe ich die Träger nur mit Anstrengung über die Schultern bekommen. Ich riskiere einen flüchtigen Blick auf mein Spiegelbild. Blöderweise bin ich dicker, als ich für einen kurzen Moment gehofft habe. Aber egal. Da muss ich jetzt durch. Und wenn mich das gesamte Schwimmbad zur fettesten Wassernixe ever kürt: Ich werde meinem Liebsten den Spaß nicht verderben. Heute nicht.

Die Autofahrt ist der blanke Horror. Mein Brustkorb krampft, mein Kopf explodiert und mein Herz stolpert und sticht. Ich ergreife die Flucht nach vorn und singe lauthals "We will rock you" von Queen mit, das gerade aus den Boxen plärrt. Als das Lied zu Ende ist, geht es mir tatsächlich etwas besser. Das Gefühl kippt erneut, als wir aussteigen und zum Schwimmbad gehen. Mir ist schwindlig wie Sau und ich hänge mich beim Eheholden ein, grinsend und wie ein Kind hopsend, anstatt ihn anzuheulen, wonach mir eigentlich wäre. HEUTE NICHT.

Die Angst lässt mich während des kompletten Schwimmbadbesuchs nicht aus den Klauen. Aber ich lasse nichts aus. Nicht den Strömungskanal, nicht das Wellenbad und auch nicht die Rutschen. Bei jeder neuen Aktion bin ich überzeugt, dass es die letzte meines Lebens sein wird. Dann heftet sich mein Blick auf das fröhliche, entspannte Gesicht meines Gefährten und ich generiere erneut ein Lachen in meinem Gesicht, obwohl ich mich am liebsten wimmernd in einer Ecke zusammenrollen würde. HEUTE NICHT.

Ich überstehe. Ich überlebe. Zu Hause falle ich völlig erschöpft ins Bett und schlafe fast sofort ein. Ungeachtet des rasenden Herzens. Ich bin so fertig, dass mir sogar das Sterben egal ist.

Als ich aufwache, ist in mir alles friedlich. Ich rieche Kaffeeduft und geselle mich mit einem Cappuccino zum Liebsten auf die Couch. Er legt sein Buch weg und nimmt mich in den Arm. "Es ist so schön, dass es dir heute so gut geht", sagt er sanft.

Ja. Das tut es.

29.05.2020 13:41 • x 5 #45


Icefalki
Mach bitte einen Tatsachenroman draus, bei deinem Talent, mit so viel Humor den ganzen Mist beschreiben zu können. Und ich will auch ein handsigniertes Exemplar, Calima als Unterschrift reicht mir vollkommen aus.

29.05.2020 14:23 • x 2 #46


cube_melon
Zitat von Icefalki:
Mach bitte einen Tatsachenroman draus, bei deinem Talent, mit so viel Humor den ganzen Mist beschreiben zu können.

Das bin ich auch voll dabei : D

29.05.2020 17:00 • x 2 #47


Calima
Tage wie gestern verstören mich zutiefst. Wenn all meine Mühe, all meine Kraft und mein Einsatz letzten Endes doch wieder in Angst und Panik enden, zweifle ich daran, mich aus diesem Zustand befreien zu können. Komme ich mit all meinen Selbstwirksamkeitserfahrungen hier an meine Grenzen?

Beim Abnehmen mache ich nichts anderes: Tagtäglich Schweinehund in die Tonne treten, rauf aufs Laufband und mein Essen kontrollieren. Ich wiege ab - das Essen und mich selbst - notiere penibel alles, was in die Futterluke wandert, verzichte auf Süßkram, Chips, Kuchen und auch weitestgehend Nudeln und Brot, esse gesund, bio und ausgewogen und widerstehe der Versuchung, Essen zu etwas anderem zu benutzen, als zu meiner Ernährung. Das ist ebenfalls harte Arbeit, die Tag für Tag, Stunde für Stunde getan werden will.

Ich schreibe seit Beginn meiner Abnahme in einem Abnehmforum. Von den 10 Leuten, die mit mir gemeinsam begonnen habe, ist noch eine einzige übrig geblieben. Alle anderen haben aufgegeben. Am Anfang fand ich das Forum hilfreich, mittlerweile muss ich mir anhören, dass meine Konsequenz "abnormal" und "krankhaft" sei, und ich mir bloß nichts auf meine Erfolge einbilden solle, weil ich sowieso im Jojo landen werde.

Notiz an mich: Tagebuch dort schließen und die neidische, träge Bande in ihrem Fett ersticken lassen. Nota Bene: Tagebuch nicht schließen, stattdessen jede Woche meine Abnahme posten und eine Galerie von Erfolgsfotos einstellen, wenn ich schlank bin. Erkenntnis: Manchmal bin ich ein Luder.

Mir wird bewusst, dass ich nicht daran zweifle, mein Wunschgewicht zu erreichen. Ich tue, was ich tun muss und habe Erfolg. Den kann ich auf der Waage messen: 14 Kilo sind es inzwischen. Die bescheuerte Angst verwehrt mir aber den Lohn für meine Mühe, im Gegenteil: Sie plagt mich mit Zuständen in einer Intensität, wie ich sie zum Teil lange nicht erleben musste. Was, wenn das immer so weitergeht, egal, wie sehr ich mich plage?

Das Selbstmitleid breitet eine Hängematte aus, und ich lasse mich hineinfallen. Während ich weinend darin rumschaukle, fällt mir auf, dass ich gerade null Angst habe. Die komfortable Position sorgt anscheinend dafür, dass mein Hirn den Wellnessmodus aktiviert. Das macht mich misstrauisch. Zu Recht, wie sich zeigt, denn ich kann quasi zuschauen, wie Gift in meine Gedanken kriecht und mich denken lassen will, doch einfach mit dem ewigen Kampf aufzuhören. Vielleicht werde ich ja gesund, wenn ich mich nicht ständig (über-) fordere.

Gerade noch rechtzeitig fällt mir wieder das Abnehmforum ein. Wie oft habe ich gelesen, dass man sich keinen "Druck" machen und Ziele nicht zu "ehrgeizig" setzen darf. Immer von Leuten, die keinen Erfolg hatten. Wer etwas erreichen will, findet Wege. Alle anderen finden Ausreden. Los, ihr Wege, zeigt euch gefälligst!

Ich krame in meinem Hirn nach Selbstwirksamkeitserfahrungen. Sofort habe ich Felsen vor meinem inneren Auge. KLETTERN. Ich sehe mich vor der Wand. Gewaltig ist sie, beeindruckend. Ich bin 17 Jahre alt und eine geübte Kletterin. Mein Vater war Bergführer und hat mir alles beigebracht, was ich wissen muss. Als Erstes, dass man nicht allein an den Berg geht. Niemals. Als Zweites, dass eine gute Sicherung über Leben und Tod entscheidet.

Und nun will ich diese Wand durchsteigen. Allein. Ohne Sicherung. Es ist gefährlich, aber ich bin überzeugt, dass es machbar ist. Ich bin weder verrückt noch leichtsinnig. Aber ich will diese Herausforderung bestehen. Und so fange ich an, die Wand zu studieren. Ich sitze stundenlang, tagelang vor ihr und lege meine Route fest. Jeden Griff, jede Bewegung denke ich exakt voraus. Ich beschäftige mich in jeder Minute mit ihrem genauen Ablauf. Nachts stelle ich den Wecker, um auch im Halbschlaf jeden Move zu beherrschen. Dann gehe ich los - und kehre an der Wand wieder um. Es fühlt sich nicht passend an, obwohl ich nicht besser vorbereitet sein könnte.

Das Gleiche passiert an den folgenden zwei Tagen. Aber ich will in die Wand und gehe auch am vierten Tag wieder los. Und dieses Mal stimmt alles. Ich klettere. Mein Körper folgt meinem Gehirn. Griff um Griff, Zug um Zug. Ich bin völlig im Einklang mit mir und dem Fels. Auch als ich die schwierigste Stelle erreiche, ist alles genauso, wie ich es geplant habe. Ich hänge mit 3 Fingern der rechten Hand an zwei Zentimetern Fels und muss mit der linken einen Punkt einen Meter links oberhalb erreichen. Es gibt nur einen Versuch. Misslingt er, falle ich gute 20 Meter, aber darüber denke ich jetzt nicht nach. Ein Zurück gibt es ohnehin nicht, nur ein Weiter.

Ich konzentriere mich, atme und schnelle mit dem nächsten Herzschlag nach oben. Die Finger finden Halt, eine Sekunde später auch die rechte Fußspitze. Der Rest fügt sich geschmeidig.

Ich stelle fest, dass ich noch immer jede Bewegung vor Augen habe. Und auch ein Fünkchen dieses unbeschreiblichen Gefühls, als ich es geschafft hatte, regt sich leise in meinem Inneren. Mit einem tiefen Atemzug rolle ich die Selbstmitleids-Hängematte ein. Ich will sie nicht. Ich will weiterklettern.

Absturzrisiko inbegriffen und akzeptiert.

30.05.2020 13:56 • x 4 #48


Super Beiträge, finde mich echt wieder!

Vor 25 Minuten • #49




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