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Calima
Während ich auf die Geräusche der Nacht lausche und versuche, eine bequeme Liegeposition zu finden wird mir plötzlich bewusst, dass ich mutterseelenallein mitten im Wald bin. Im Dunklen. Ohne Handynetz. Schlagartig wird mir heiß und mein Herz beginnt zu rasen und zu stolpern. Ich muss mich aufsetzen, um atmen zu können. Wenn ich jetzt einen Herzinfarkt kriege, bin ich verloren. Kein Mensch weit und breit, der mich retten könnte.

Ich schalte meine Stirnlampe ein, die von der Zeltdecke baumelt. Mein Blick fällt auf den gepackten Rucksack, und sofort überkommt mich der Impuls, schnell alles zusammenzupacken und zuzusehen, dass ich in bewohntes Gebiet komme. Oder zumindest auf den Forstweg zurück. Da, wo ich jetzt bin, findet man mich vermutlich erst, wenn ich ausreichend stinke.

Während ich das denke, befreie ich mich hektisch strampelnd aus meinem Schlafsack. Und während ich das tue, habe ich das Bild vor Augen, wie ein dicker Labrador seinem nicht minder dicken Frauchen den Sonntagsspaziergang versa.ut, wenn er begeistert wedelnd meinen Kadaver entdeckt. Ich halte inne. Mein Hirn generiert ganz offensichtlich medienwirksame Bilder, obwohl ich gerade Infarkt habe. Ich überlege kurz, warum Hund und Frauchen dick sein müssen, komme aber zu keinem befriedigenden Ergebnis. So ganz ausgereift scheinen meine Ablebe-Szenarien noch nicht zu sein.

Ich stoße gegen die Stirnlampe und halte in meinem Rumgestrampel inne, um sie festzuhalten. Das Licht wackelt wild hin und her und erzeugt bizarre Schatten. Ich fange die Lampe ein und muss plötzlich grinsen: Welch eine abstruse Szenerie! Innerhalb von Sekunden erzeugt durch einen einzigen blöden Gedanken. "Wie bescheuert bin ich eigentlich?" frage ich laut in die nächtliche Regenkulisse. Vermutlich ist es gut, dass ich keine Antwort kriege.

Mein Puls beruhigt sich allmählich, das Herzchen befindet sich derweil noch tatkräftig im Unruhemodus. Ich ertappe mich dabei, es genauer beobachten zu wollen und lenke meine Gedanken mit einiger Anstrengung wieder zum dicken Labrador. Das hilft ein bisschen, reicht aber nicht. Ich muss irgendwas tun. Die Idee, mitten in der Nacht das Zelt abzubauen und durch den Wald zu stolpern, verwerfe ich nach kurzem Überlegen. Dass ich keine Lust habe, jetzt in der nassen, kalten Finsternis rumzukriechen, reduziert die Wahrscheinlichkeit auf meinen direkt bevorstehenden Herztod deutlich.

Trotzdem checke ich, ob ich eventuell doch Netz habe. Habe ich natürlich nicht. Dafür fällt mir beim Blick aufs Display meine Playlist ein. Ich habe die Zufallswiedergabe aktiviert und fünf Sekunden später träumen die Moody Blues von "Nights in white Satin" - irgendwie passend, wie ich angesichts des gerade heftig prasselnden Regens befinde. Ich krame noch mal den Kocher aus meinem Rucksack und mache mir eine Tasse Tee. "Kaminfeuer" - und ich kann nicht anders, als die Stirnlampe noch mal anzustupsen und das Licht flackern zu lassen.

Der Tee ist der Oberhammer, ich stelle die Satin-Nächte auf Replay und kuschle mich wieder in die Penntüte. Im letzten Moment vor dem Wegdämmern schalte ich das Handy aus. Herztod abwendet.

Die Nacht verläuft störungsfrei, wenngleich ich dennoch unruhig schlafe. Das kenne ich aber schon von Nächten im Freien: Die Erste ist immer zum Drangewöhnen. Als ich aufwache ist es 7.30 Uhr. Es regnet noch immer in Strömen, und ich stelle zufrieden fest, dass das Zelt dicht ist. Kondenswasser gibts es leider trotzdem, und das Kochen im Zelt ist dabei auch nicht die beste Idee. Trotzdem schmeiße ich den Kocher erneut an, erhitze erst Wasser für's Müsli und befülle dann die Mini-Bialetti mit Espressopulver: Mein 180g- Zusatzgewicht-Luxus, über den ich mich gerade freue wie Bolle.

Knie und Hüfte tun leider ziemlich weh. Ich verpflastere das Knie neu und versehe es dabei mit ein wenig Jodsalbe, an dem fetten Bluterguss an meiner Hüfte kann ich nichts machen. Mit zwei Feuchttüchern und etwas Deospray erledige ich den ersten Teil der Morgentoilette und krabble fröstelnd in die - trotz nächtlicher Verpackung klammen - Klamotten. Dann sind Müsli und Espresso ein Genuss, der nur dadurch geschmälert wird, dass ich keine bequeme Sitzposition mehr finde. Ich bin halt noch immer keine Elfe und außerdem keine 20 mehr. Trotzdem schiebe ich den Aufbruch vor mir her: Ich habe grade so gar keine Lust, gleich im strömenden Regen das Zelt abzubauen und zu verpacken.

Hilft aber irgendwie nix, und so räume ich den Rucksack ein, ziehe die Regenklamotten an und krieche ächzend nach draußen. Der heimischen Übung sei Dank, gelingt mir der Abbau trotz Nässe recht zügig, und nach einem kurzen Gassi im Gebüsch und Zähneputzen stapfe ich los. Die ersten hundert Meter tun echt weh, aber dann ist die Gelenkschmiere wohl ausreichend angewärmt, und ich falle wieder in meinen ruhigen, aber zügigen Wanderschritt, der mich gut voran bringt.

Das GPS meldet 15 Kilometer bis zum nächsten Etappenziel. Mal gespannt, wo ich heute ankommen werde.

27.09.2020 12:35 • x 13 #81


Monschu
Wann geht es weiter?
Bin schon so gespannt

15.10.2020 15:41 • x 1 #82



Mein erfolgreicher Weg aus der Hypochondrie

x 3


hereingeschneit
Ja, da braucht man inzwischen viel Geduld

15.10.2020 15:45 • x 1 #83


Jacky83
Hallo Calima. Ich hoffe sehr das wir bald wieder was von dir lesen dürfen. Ich schaue täglich ob es was neues gibt.

24.10.2020 13:08 • x 1 #84


Calima
Ich stapfe durch strömenden Regen. Auch wenn die Regenklamotten noch dicht halten, kommt ihre Atmungsaktivität nach einigen Stunden an ihre Grenzen. Um mich herum wabert kalter Dunst. Die gute Nachricht ist, dass ich so mit schlechter Laune beschäftigt bin, dass ich bislang nicht sterben muss. Dafür kann ich mich nicht entscheiden, was grade blöder ist: Der Druck des Rucksacks auf meine Schultern und Schlüsselbeine - ich schwöre, dass das Schei.ßding seit gestern mindestens 5 Kilo schwerer geworden ist - die Schmerzen in Knie und Hüfte oder diese verdammte Nässe. Vorsichtshalber finde ich einfach mal alles bescheuert.

Am allermeisten mich selbst. Was hat mich bloß geritten, um diese Jahreszeit durch die Prärie latschen zu müssen? Was will ich mir eigentlich beweisen? Dass ich stundenlang vor mich hin fluchen kann, ohne mich zu wiederholen? Glückwunsch Alte, Mission accomplished. Mir schlägt nicht nur das Wetter aufs Gemüt sondern auch die Tatsache, allein zu sein. Gemeinsam mit der Lieblingsfreundin wäre die Flucherei entschieden lustiger. Wir können unheimlich gut zusammen rumschimpfen. Wir können überhaupt eine Menge Sachen gut zusammen hinkriegen. Mit heißem Herzen sehne ich sie herbei, aber das Universum hat wohl grade keine Lust auf Wunder.

Mir knurrt seit einer Weile der Magen - ich bin seit 5 Stunden unterwegs - aber ich kann mich nicht dazu durchringen, eine Pause einzulegen. Die Aussicht, bibbernd in der nassen Kälte rumzusitzen, lässt mich weitermarschieren. Schließlich ist es meine Blase, die mich zum Anhalten zwingt. Ich überlege, ob ich es riskieren soll, mit dem Rucksack auf dem Buckel pinkeln zu gehen, verwerfe die Idee aber zügig, als ich testhalber ein Stück in die Knie gehe. Besser nicht. Ich hocke mich einfach an den Wegrand, hier ist eh keiner unterwegs. Halbwegs kluge Menschen bleiben bei diesem Sauwetter zuhause.

Als ich den Rucksack mit Schwung zurück auf meinen Rücken befördern will, wird mir schwindlig. RICHTIG schwindlig. So schwindlig, dass ich ihn gerade noch fallen lassen kann, bevor es mich selber flach legt und der Rucksack auf diese Weise zumindest einigermaßen meinen Aufprall auf dem Boden abfängt. Während die Welt um mich kreist, flutet mich Panik. Mein bis eben so artiges Herzchen explodiert in meiner Brust, während mein Hirn gleichzeitig verzweifelt versucht, einen vernünftigen Grund für den Schwindel zu finden.

"Schlaganfall!" brüllt es in meinem Kopf. Plötzlich schmerzt mein linker Arm und der Schlaganfall wird vom Herzinfarkt niedergeknüppelt. "Du hast seit Stunden weder gegessen noch getrunken". Die einzig vernünftige Stimme in diesem Chaos kann sich nur mühsam Gehör verschaffen. Ich probiere zu lächeln, um rauszufinden, ob ich einen Schlaganfall habe, habe aber keine Ahnung, ob das Verziehen der Mundwinkel tatsächlich als Lächeln durchgehen könnte. Das Karussell um mich herum ist noch immer nicht zum Stillstand gekommen und mein linker Arm tut richtig WEH. Ich rapple mich in eine halbwegs sitzende Position und erkenne die Ursache für den Schmerz: Ich bin auf einem Grenzstein gelandet.

Schon klar. Weit und breit nur Wiese, Natur und Landschaft - und ich haue mir den Arm an dem einzigen Steinbrocken an, der im Umkreis von 5 Kilometern zu finden ist. Hey, Universum! Manchmal bist du echt ein Ar.schloch. Wobei: Der Stein reduziert die Wahrscheinlichkeit eines Herzinfarkts doch ziemlich. Ich hocke - mal wieder - auf dem nassen Boden, und während die Gegend um mich rum allmählich zum Stillstand kommt, fange ich an zu lachen. Was für eine verrückte S.cheiße! Das Lachen bricht aus mir heraus wie eine Lawine. Ich lache, dass es mir die Tränen aus den Augen treibt und ich nach Luft japse. Zugegeben: Es ist wohl eher ein hysterischer Anfall. Dennoch befreit es mich.

Ich mühe mich wieder auf die Füße und kriege tatsächlich auf Anhieb den Rucksack auf den Rücken. Schlaganfall und Herzinfarkt lassen mich offensichtlich auch heute nicht sterben, und ich stelle zufrieden fest, dass ich dieses Mal zumindest nicht gekotzt habe. Man muss sich auch über kleine Fortschritte freuen, finde ich. Es dauert eine Weile, bis ich registriere, dass es aufgehört hat zu regnen. Nicht, dass das viel an meiner eigenen Feuchtigkeit ändern würde, aber irgendwie trotzdem nett. Als eine Schutzhütte vor mir auftaucht, bin ich bereit für eine Pause und sobald ich zu essen beginne, merke ich, wie hungrig ich bin und bediene mich genüsslich an meinen Vorräten.

Dabei fällt mir auf, dass ich fast kein Wasser mehr habe. Angesichts der tropfenden Natur um mich herum beinahe ein Witz, aber bei näherem Betrachten durchaus ein Problem. Ich werfe mein Handy an und checke die Gegend. Offensichtlich hat das Universum mich wieder lieb, auf meinem weiteren Weg liegt ein Bach, den ich kurze Zeit später nutzen kann, um meine Flaschen aufzufüllen. Es dauert ein Weilchen, bis das Wasser durch den Filter gelaufen ist und mir wird zunehmend kalt, weil die Bewegung fehlt. Wird es tatsächlich kälter oder bilde ich mir das ein? Auf jeden Fall frischt der Wind auf, was das Ganze erst mal nicht angenehmer macht. "Chillfaktor", bemerkt irgendwer in meinem Gehirn treffend. Wärmer wird mir dadurch trotzdem nicht.

Mir kommt eine Idee und ich packe mein tropfnasses Überzelt aus. Nach einigem Rumprobieren gelingt es mir, es so an meinem Rucksack zu verknoten, dass es im Wind flattern kann, ohne mich allzusehr beim Gehen zu stören. Keine Ahnung, ob das was nützt, aber einen Versuch wert.

Der Weg wird deutlich steiler, ich befinde mich im Anmarsch auf den Kreuzberg. Je höher ich komme, desto stärker wird der Wind. Auch durch das Steigen werde ich nicht wirklich wärmer. Um mich herum entdecke ich zunehmend Schneereste. Schließlich habe ich genug und suche mir ein einigermaßen windgeschütztes Plätzchen, um mein Zelt aufzubauen. Der Wind hat tatsächlich das Außenzelt ganz gut abgetrocknet. "Kluges Mädchen!" lobt mich mein innerer Streichelzoodirektor. Den Aufbau bei Wind macht das nicht einfacher.

Schließlich hocke ich bibbernd in meinem Zelt und koche Tee und Essen. Geschafft für heute.

24.10.2020 18:33 • x 9 #85


Calima
Heißer Tee und ein doppelter Espresso bringen allmählich Wärme und Lebensgeister in mich zurück. Mein automatisierter Kalorienmanager gibt sein Placet zu Espresso mit Zucker - ganz gegen meine neuen Gewohnheiten - und ich genieße das süße, heiße Kaffeegebräu in vollen Zügen. Trotzdem kann ich nur mühsam dem Drang widerstehen, den Liebsten anzurufen und mich auszuheulen.

Ihm erzählen, was mir in Sachen Angst widerfahren ist, über Nässe und Kälte jammern, meine Einsamkeit beklagen: Genau DAS möchte ich jetzt gern. Trost. Zuspruch. Auf den Arm. Sieben Mal nehme ich das Handy in die Hand, sieben Mal stecke ich es wieder weg. "Was zierst du dich eigentlich so?" ätzt es von irgendwo innen. "Ist doch wohl das Normalste von der Welt, miteinander zu telefonieren." "Da zerbröselt aber ganz geschmeidig das neue Superwoman-Image", ätzt es von irgendwo anders zurück. "Wem musst du eigentlich was beweisen?" "Na, das wär's dann wohl mit 'Allein in der Natur zu sich finden'."

Oh Mann! Warum müssen meine Gedanken eigentlich immer Party machen? "Weil du sie lässt". Die Antwort kommt prompt und erwischt mich kalt. Dann sickert die Erkenntnis durch: Das hier ist gerade nichts anderes, als der ganz normale Kampf mit dem inneren Schweinehund. Der will das, was er immer will: Zurück auf's kuschlige Sofa. Mit einer Packung Schokoküsse und 5 Tafeln Schokolade daneben. Vermutlich hat ihn der Zucker im Espresso angefixt.

Aber ich will das nicht. Ich will nicht bei der geringsten Widrigkeit wieder den Herzliebsten benutzen. Die Masse an Gejammere, die er in den vergangenen Jahren zu ertragen hatte, reicht für den Rest unseres hoffentlich noch langen gemeinsamen Lebens. Ich bin für mich selbst verantwortlich. Er hat für eine lange Zeit wirklich genug an Last mitgetragen, die nicht die seine war. Ich wollte diese Tour für mich, also werde ich auch zusehen, wie ich damit fertig werde. Meine Entscheidung. Meine Dämonen. Mein Weg.

"Was für ein Pathos", kommt es gelangweilt aus dem Off. Vor meinem geistigen Auge sehe ich einen einzelnen Theaterbesucher aufstehen und langsam und abgesetzt in die Hände klatschen. Ja, ja, ist ja gut. Ich hab' mich in die S.cheiße geritten und muss jetzt zusehen, dass ich da wieder raus komme. "Geht doch", sagt der Theaterbesucher und setzt sich wieder. Ich schwöre, dass er grinst. Ich denke kurz darüber nach, dass ich in Diskussionen mit mir selber immer das letzte Wort habe - egal, wie sie verlaufen. Das scheint die Klugsch.rin in mir zufrieden zu stimmen, denn ich bin auf einmal deutlich besser drauf.

Ich beschließe, dem Liebsten später noch eine liebevolle Gute-Nacht-Sprachnachricht zu schicken, und der Gedanke daran wärmt mein Herz.

Während ich meinen Rucksack einräume, fällt mir auf, dass der Wind nicht mehr an meinem Zelt zerrt. Auch der Regen fehlt. Die Stille ist ungewohnt und fühlt sich seltsam an. Für einen Moment verstärkt sie das Gefühl von Einsamkeit, und ich spüre tatsächlich Tränen aufsteigen. Nix da. Die Selbstmitleidnummer ist für heute durch. Ich spüle den Heulkloß in meinem Hals mit dem letzten Schluck Tee hinunter.

Müde bin ich noch nicht, was angesichts der Tatsache, dass es früher Abend ist, auch nicht so wirklich verwundert. Wegen der Kälte bin ich bereits in meinen Schlafsack eingekuschelt, aber ich finde weder eine einigermaßen bequeme Sitz- noch Liegeposition. Zum wiederholten Mal wünsche ich mir, ich hätte einen faltbaren Klappsitz mitgenommen. Eine Rückenlehne wäre ein Traum. Stattdessen wälze ich mich von einer Seite auf die andere, versuche ein bisschen Yoga im Sitzen und mache Liegestütze, um andere Muskeln zu belasten.

Nach einer Weile wird mir bewusst, dass mir schlicht und ergreifend langweilig ist. Ein klarer Nachteil vom alleine Wandern ist, dass man keinen zum Reden hat. Diese Erkenntnis ist jetzt aber nicht soo überraschend und ich suche nach Lösungen. Schließlich kommt mir die Idee, meine Erlebnisse als Sprachmemo festzuhalten. Ich spreche leise, so als würde ich jemanden stören und wieder wird mir die Stille um mich herum bewusst. Nach ungefähr einer Stunde habe ich genug geredet. Außerdem fordert der Tee seinen Tribut, und so schäle ich mich aus der Penntüte und schlüpfe in meine Schuhe. Wenigstens wird die Regenjacke nicht gebraucht und kann unter der Apside gemütlich weiter vor sich hin tropfen.

Als ich den Reißverschluss öffne, traue ich meinen Augen nicht: Es schneit. Um das Zelt herum ist bereits alles weiß. Erst jetzt registriere ich das leise Rascheln der dicken Schneeflocken auf dem Zeltdach. Der Schnee sorgt für so viel Helligkeit, dass ich meine Taschenlampe nicht brauche, was das Pinkeln deutlich erleichtert. Ich gehe weiter vom Zelt weg, als ich es normalerweise tun würde. Irgendwie will ich keine gelben Flecken in der Nähe meines Schlafplatzes.

Schräg, worüber ich mir Gedanken mache, wenn ich allein unterwegs bin. Es ist deutlich kälter geworden, aber die dicken Flocken, die wild um mich herum wirbeln, machen mich irgendwie fröhlich. Kurz entschlossen ziehe ich mich an und beginne, einen Schneemann zu bauen. Die Schneekonsistenz ist perfekt, und ich nutze das schräge Gelände, um Kugeln zu rollen. Nach wenigen Minuten sind meine Hände eiskalt, aber das stört mich nicht. Ich positioniere den Schneemann direkt neben meinem Zelt und ackere wie ein Maultier. Als er schließlich steht, ist er einen guten Kopf größer als ich. Er kriegt Kiefernzapfen als Augen, Zweige als Arme und einen gebogenen Kiefernzweig als Mund.

Und ich kann nicht widerstehen und opfere meine vorletzte Möhre für seine Nase.

Mir fallen fast die Hände ab, als ich zurück ins Zelt krieche, aber ich fühle mich unbeschreiblich glücklich. Sobald meine Finger ausreichend aufgetaut sind, dass ich es unfallfrei bedienen kann, quatsche ich die Nachricht an den Liebsten auf mein Handy. Ja! Solche Nachrichten soll er kriegen!

Allmählich lullt mich die Wärme meines aufgeheizten Körpers in meinem Schlafsack ein. Kurz vor dem Wegdämmern fällt mir ein, dass der Schneemann noch keinen Namen hat. Der erste Name, der mir in den Sinn kommt, ist Bastian. Keine Ahnung wieso, aber das spielt auch keine Rolle.

Ich rolle mich zusammen. Gute Nacht, Bastian.

26.10.2020 12:42 • x 11 #86


Monschu
Hallo Calima
Bitte bitte schreib weiter
Ich bin sooooo gespannt

06.11.2020 18:46 • x 1 #87


Zi-zi
Hallo @Calima

Finde es mega klasse wie du deine Beiträge schreibst und immer wieder etwas spannendes und neues hinzufügst

Wie geht es dir aktuell mit deinen hypochondrischen Ängsten? Finde es sehr inspirierend und motivierend deine stories zu lesen, da ich selbst ein übelst krasser Hypochonder bin und mich diese Problematik manchmal echt in den Wahnsinn treibt. Finde es sehr erleichternd und beruhigend, dass es noch viele andere Menschen gibt, die darunter leiden und offen und ehrlich darüber sprechen oder ihre Erfahrungen mit anderen teilen, um zu helfen. Ich bereue es garantiert nicht, mir endlich ein Herz gefasst zu haben und mich hier in diesem Forum registriert zu haben!

07.11.2020 09:40 • x 2 #88


Calima
Am nächsten Morgen muss ich tatsächlich den Schnee vor dem Zelteingang wegschieben. Die Erkenntnis, dass es mindestens 20cm geschneit hat, reicht leider nicht tief genug, um mich davor zu bewahren, dass mir die weiße Pracht kalt und nass in die nur locker gebundenen Wanderstiefel fällt.

Schnell krieche ich zurück ins Zelt, schnüre die Stiefel ordentlich und ziehe die Regenhose über. Nasse Füße kann ich nicht gebrauchen. Als ich mich zum Pinkeln hinhocke, taucht mein Allerwertester in den kalten Schnee ein. "Da geht dir glatt der A.rsch auf Grundeis", kichert es aus einer Hirnwindung. Ich kichere mit. Gleichzeitig eröffnet sich mir die Möglichkeit, die Morgentoilette heute ohne Feuchttücher gestalten zu können. Kurze Zeit später stehe ich nackig im Schnee und reibe mich bibbernd mit selbigem ab. Es gestaltet sich durchaus anspruchsvoll, die Flüssigseife auf diese Weise auch wieder abzukriegen, aber es klappt.

Ich komme nicht umhin, meine diversen Blessuren zur Kenntnis zu nehmen. Die Hüfte strahlt mir in attraktivem Lila entgegen und mein Knie war definitiv schon hübscher. Ich drücke an beidem ein bisschen herum, aber glücklicherweise korreliert der Schmerz nicht mehr mit der beeindruckenden Optik. Ich rubble mich mit meinem nicht wirklich trockenen Handtuch warm und hüpfe dabei vor dem Zelt herum. "Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß'!" skandieren die Grimmbrüder im Rhythmus meines Gehopses. Ist mir aber schnurz, weil mein Veitstanz mir kurz darauf ein wohlig warmes Gefühl verschafft, als ich frisch gewaschen wieder in meinen Klamotten stecke.

Bastian sieht auch bei Tageslicht beeindruckend aus. Ich fotografiere erst ihn allein, dann schieße ich nach kurzem Überlegen ein Selfie von uns beiden. Als ich es mit einem Guten-Morgen-Gruß an den Liebsten schicke, wird mir bewusst, dass es das erste Foto seit Jahren ist, das ich freiwillig von mir mache. Sofort betrachte ich es mit geschärftem Blick. Erfreulicherweise ist der Schneemann dicker als ich. Immerhin. Gefallen tu ich mir dennoch nicht besonders, aber zumindest lässt sich der Anblick mittlerweile ertragen.

Eigentlich bin ich hungrig, aber ich verspüre keinerlei Lust darauf, in unbequemer Haltung im Zelt zu frühstücken. Stattdessen packe ich meinen Krempel zusammen und baue das Zelt ab. Trotz heftigen Schneegestöbers ist das deutlich angenehmer als im strömenden Regen. Fast ein wenig wehmütig lasse ich Bastian zurück - nicht ohne ihm im Weggehen doch noch die Möhre aus dem Gesicht zu klauen. Man weiß ja nie.

Den Weg zur Kreuzigungsgruppe und dem Gipfelkreuz wird herausfordernder, als ich erwartet habe. Sobald ich den Wald hinter mir lasse, greift der Wind an und treibt mir den Schnee so ins Gesicht, dass ich kaum noch etwas sehen kann. Noch ist die Orientierung recht einfach, da der Ort touristisch aufbereitet ist. Anstrengend ist es trotzdem, auf dem noch nicht geräumten Weg voranzukommen. Immer wieder rutsche ich aus und bin ein paar Mal kurz vor dem Hinfallen. Das Gleichgewicht nicht zu verlieren kostet nicht weniger Kraft als der Anstieg selbst und schließlich bleibe ich keuchend stehen.

Irgendwie kann ich den Schnee immer weniger leiden. Der Wind frischt zunehmend auf, und verschafft mir das Gefühl von Nadelstichen in meinem Gesicht. Längst trage ich Mütze und Handschuhe, aber die wohlige Wärme meiner Schneedusche ist aus meinem Körper vertrieben. Mir ist kalt und ungemütlich. Und als hätte es darauf gewartet, meldet sich mein Herz mit harten, schmerzhaften Schlägen. Meine Versuche, es zu ignorieren, scheitern kläglich. Mein ganzer Brustkorb beginnt zu schmerzen, egal, ob ich versuche, ruhig und gleichmäßig zu atmen oder die Luft anhalte.

Ich schaue mich panisch um. Das ist ein s.cheiß Tourigebiet, hier müssten doch Leute sein! Anscheinend nicht um diese Tageszeit. Mein Herz rast und stolpert und ich habe zunehmend das Gefühl, keine Luft in meine Lungen zu kriegen. Je tiefer ich versuche, Luft zu holen, desto enger wird es in meinem Brustkorb. Dann dreht sich mal wieder die Welt und ich hocke im Schnee.

"Hör' auf zu hyperventilieren, du Dusselkuh!" erinnert mich ein freundliches Stimmchen an medizinisches Basiswissen. Ich halte die hohlen Hände vor Mund und Nase und zwinge mich, ruhiger zu atmen. Nach endlos erscheinenden Minuten kommt das Karussell zum Stillstand und in meinen Lungen ist wieder Platz. Platz, den mein Herz nutzt, um ungehindert weiter Kapriolen schlagen zu können. Ob ich schon zugeschneit bin, wenn sie meine Leiche finden? Vielleicht bin ich aber auch gar nicht tot, aber die Schneeraupe gibt mir den Rest.

Vor meinem inneren Auge färbt sich der Schnee BLUTROT und diverse Körperteile fliegen eindrucksvoll durch die Gegend. "Eine Schneeraupe macht dich platt, sie ist kein Häcksler", unterbricht der Mechaniker mein Splatterkino. Die Unterbrechung des Films ist durchaus willkommen, was meinem Herzen aber völlig schnurz ist, während es unbeirrt poltert, stolpert und rast und mir irgendwie den Hals zudrückt.

"Hör' auf, du S.cheißmuskel!" schreie ich es an und haue mir mit der flachen Hand zwei Mal hintereinander fest auf den Brustkorb. Ob nun von meinem Gebrüll oder der Haue: Es lässt sich tatsächlich beeindrucken. Mit einem Mal ist Ruhe hinter meinen Rippen. Ich atme vorsichtig ein paar Mal tief ein und aus, aber außer einem sanften Blubbern im Hals ist nichts mehr zu spüren. Irgendwie habe ich Schiss, aufzustehen, aber schließlich komme ich zu dem Schluss, dass hier festzufrieren keine wirklich sinnvolle Option ist. Also rapple ich mich fluchend auf, sortiere Körperteile und Ausrüstung und setze langsam einen Fuß vor den anderen bergauf.

Ich ertappe mich dabei, wie ich in mich hineinhorche, ob das Herz tatsächlich friedlich bleibt. Der Stoppschild-Reflex funktioniert prompt, und ich versuche meinen Fokus auf etwas anderes zu richten. Leider gibt die Umgebung grade wenig her. Ich sehe keine 5 Meter weit durch das Schneetreiben. Oh Mann! Warum muss ich mich dauernd mit diesem Mist plagen? Ich rutsche zum 65. Mal aus und fange mich gerade noch ab. Und warum muss dieser sch.eiß Weg so anstrengend sein? Fast nebenbei greife ich nach meinem GPS, um mir den weiteren Wegverlauf ohne den Abstecher zum Gipfelkreuz anzusehen.

"Warum denken eigentlich immer alle, dass es leicht sein muss?" Ich habe keine Ahnung, welcher meiner inneren Begleiter diese Frage und die Runde wirft, greife sie aber auf. Es ist nicht das erste Mal, dass sie mich beschäftigt. Sie taucht meistens dann auf, wenn mich mal wieder das Selbstmitleid einholt. Zuerst begegnet ist sie mir im Zusammenhang mit dem Abnehmen.

Wie oft habe ich in diversen Foren gelesen, dass Leute sich beim Abnehmen nicht "kasteien" wollen. Was das für den Einzelnen bedeutet hat, war durchaus unterschiedlich, aber es hatte immer damit zu tun, dass man sich nicht anstrengen und auf nichts verzichten wollte. Sanft sollte es gehen, leicht und ohne den "Genuss" zu verlieren. Für mich war schnell klar, dass das für mich nicht funktionieren würde. Das hatte ich mehrmals durch: Nach einer kurzen Zeit der Mäßigung war ich zurück im alten Fahrwasser.

Und genauso ging es auch nahezu allen anderen, die sich einbildeten, ohne Verzicht und Disziplin entscheidend und dauerhaft Gewicht verlieren zu können. Am Ende blieb nur, es sich schön zu reden und Gründe und Ausreden zu finden, warum man es nicht hinkriegte. Gleichzeitig begann der Neid auf die, die es mit genau diesem Verzicht packten.

Nach längerer Zeit rasten mal wieder ein paar Zahnräder in meinem Hirn ein. Ein Ziel zu erreichen IST nicht leicht. Wäre es das, wäre es kein Ziel, sondern bestenfalls eine Station auf einem einfachen Weg. Das Gipfelkreuz, auf das ich gerade zustapfe, ist halt nun mal oben am Berg. Wenn ich dort hin will, muss ich mich plagen. "Und warum willst du dorthin? Bei dem Wetter siehst du eh nix." Diesmal identifiziere ich die Stimme eindeutig als die meines Schweinehunds. Seines Zeichens ein überaus hartnäckiger Begleiter, fällt mir auf. Vermutlich ist er genau deswegen immer wieder erfolgreich.

Heute nicht. Ich stopfe das GPS zurück in meine Jackentasche, hebe den Kopf und halte aufmüpfig das Gesicht in den Wind. Dann ziehe ich den Kopf wieder ein, weil es immer noch s.cheiße unangehm ist, den Schnee in selbiges zu kriegen. Weitergehen tu ich aber trotzdem. Mein Herz beschwert sich, es findet die Idee offensichtlich doof. Ich zucke kurz zusammen, bleibe aber nicht stehen.

Dann sterb' ich wenigstens am Gipfelkreuz, beschließe ich.

Eine halbe Stunde später bin ich angekommen und habe keine Lust mehr auf Totsein. Weder hier noch sonstwo. Menschen sind immer noch keine zu sehen. Und so brülle ich in den Wind:

VIVA LA VIDA!

Gestern 14:25 • x 10 #89


Iris311
Wenn du ein Buch schreiben würdest wäre ich die aller erste die Dein Buch kaufen würde. Danke

Gestern 18:09 • x 1 #90


kiba
Wundervoll. Schreib kurz hier rein, um deine Fortsetzung nicht zu verpassen. Danke!

Gerade eben • #91



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