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PQhope2023
Letzte Nacht verstarb meine Mutter. Ich weiß die Uhrzeit nicht, ob es vor Mitternacht war oder in der schwärzesten Stunde. Eigentlich will ich es nicht genau wissen. Auch nicht, wie es geschah. Krank war sie schon länger. Und in einem Alter, in dem man damit rechnen musste, wie das dann Ärzte, Priester und freundliche Bekannte ausdrücken.

Ich bin traurig, doch diese Traurigkeit ist eher Selbstmitleid. Ich hatte kein gutes Verhältnis zu ihr; das ist noch sehr vorsichtig ausgedrückt. In ein paar Wochen werde ich froh sein, dass das alles vorüber ist. Ich werde wieder in meinen Heimatort fahren können, ohne das mulmige Gefühl zu haben, mein Elternhaus großräumig meiden zu wollen, während ich gleichzeitig ein schlechtes Gewissen wegen dieses Gefühls empfinde.

Es gibt keine einzige Stelle, keine einzige schöne Erinnerung, die ich mit irgendeinem Ort zuhause, in meiner Gegend verknüpfe. Keinen Wasserfall, kein Waldstück, keinen Bach, keine Wiese. Da gibt es diesen Kinderspielplatz mit dem großen Bolzplatz, auf dem ich Fußballspielen gelernt habe. Er ist inzwischen mehrfach umgebaut worden und ist unkenntlich geworden.

Bei uns in der Straße gibt es immer noch die alte Papierfabrik, deren Geräusche und Betrieb (in der mittleren Ferne) ich immer gemocht habe. Meine Kindheit war einsam, ohne Freundschaften, ohne große Erlebnisse. Ich hätte weglaufen sollen, und traute mir nicht mal den Gedanken dazu zu. Der Garten meines Elternhauses, den ich als Kind groß und abwechslungsreich empfand, kommt mir seit vielen Jahrzehnten zu eng und zugewachsen vor, fast erstickend und bedrohlich. Da war die Klimmzug- und Schaukelstange, an der ich Klimmzüge trainierte, und von der schon damals der Lack abblätterte. Ein paar eng stehende Bäume zur Straßenseite hin, die sich für mich damals beinahe zu einem kleinen Wald fügten. Der Maschendrahtzaun zur Straße hin ist immer noch ausgebeult von unseren Fußballschüssen. Ich habe auf der Straße häufig 1 gegen 1 gegen meinen Bruder gespielt, so viele Nachmittage, stundenlang, bis es zu dunkel wurde, das war unser Kosmos.
Meine Art, zuhause zu sein, hatte fast ständig damit zu tun, Räume und Ausflucht-Möglichkeiten zu suchen. Das war mir nur nie bewusst. Ich atmete auf, als der Vater endlich auszog. Ich stahl meiner Großmutter manchmal Schokoladentafeln aus ihren penibel aufgeräumten, seltsam sporadisch befüllten Küchenschränken, die wie aus dem letzten Jahrhundert wirkten. Ich wusste, dass das falsch war, tat es trotzdem, ein bisschen mit dem Gefühl der Genugtuung. Oder als würde mir das als kleiner Trost oder Vergütung für erlittene Qualen zustehen.
Mein Vater war auch schon vor seinem Auszug nie da. Meine Mutter war überfordert, manchmal fast hysterisch, selbstmitleidig und vorwurfsvoll gegen uns.

Ihr Schmerz ist meinem nicht unähnlich, deshalb ist mir zum Heulen zumute. Ich habe ihr Selbstmitleid geerbt, so kommt es mir vor. Ich glaube zu ahnen, wie einsam und verloren sie sich fühlte; und das erscheint mir betrüblich, gleichzeitig empfinde ich Kälte und Gleichgültigkeit ihr gegenüber. Sie hat mich traktiert mit ihrer Nicht-Liebe, ihrem Jähzorn, ihren emotionalen Ausbrüchen, ihrem Gejammere. Ich kann mich kaum an etwas Positives in Bezug auf sie erinnern. Außer, dass sie mich umsorgte, wenn ich krank war und dass sie sich freute, ihre Kinder umarmen und drücken zu können. Mir kam das allerdings öfter wie ein Klammern vor; bedürftig, nicht gebend.

Es tut mir Leid, dass ich so anfange. Mit diesen TB-Notizen. Man rechne mir an und ich muss mir das auch selbst verzeihen, dass ich etwas unter Schock stehe. So kalt mein Herz in Wahrheit auch ist. Wie bei meinem Vater damals empfinde ich auch bei meiner Mutter nicht viel. Das ist beschämend für mich, es ist mir zudem auch blamabel, aber nicht sehr; ich versuche, zu denken: es ist so, wie es ist, ich muss mich nicht niedermachen deswegen. Und dass mein Leben arm und klein ist, ist mir ohnehin schon seit längerem nicht mehr groß peinlich.

Vor 1 Stunde • 23.11.2022 x 1 #1



Dr. Reinhard Pichler