Ich weiß nicht, ob ich damit was Gutes für mich tue oder eher ganz im Gegenteil mich in meinem Selbstmitleid wälze; jedenfalls habe ich angefangen, über den Beerdigungsnachmittag letzte Woche zu schreiben, schon sehr viele Seiten. Mir fiel schon während der Trauerfeier einiges auf, was mir wie "innere Notizen" vorkam und als wenn ich es unbedingt schreibend festhalten wollte.
Beim Kaffeetrinken z. B. kam irgendwann der Hund einer Schwester von mir hinzu, die ich seit zig Jahren nicht mehr gesehen hatte. Es war/ist ein sehr schöner, flauschiger Husky, ein in jeder Hinsicht prächtiges und angenehmes Tier. Weil meine Schwester so ist, wie sie ist, bekommt dieser Hund sehr viel Aufmerksamkeit, Auslauf und Zuneigung.
Ich habe noch nie einen so ausgeglichen und gesund wirkenden Hund gesehen. Während meine Schwester körperlich deutlich abgebaut hat. Naja, sie wird jetzt auch bald 60. Doch sie sieht (leider) ungesünder aus als ihre um ein Jahr ältere Schwester. Sie sah nicht gut aus. Wir alle sahen nicht besonders gut aus. Es war fast wie im "Bildnis des Dorian Grey", der Hund war alterslos, strahlend, in sich ruhend vor Kraft und Vitalität, und wir Menschen um ihn herum altern.
Nein, diese etwas schrägen Gedanken gehören hier nicht hin. Ich muss mir auch genau überlegen, was ich über diesen Hund in der Geschichte schreibe. Mir war jedenfalls zum Heulen zumute, als ich den Hund sah und gleichzeitig war ich begeistert. Sogar sein Name gefiel mir. Ich tue mich oft schwer mit Hundenamen. Wenn ein Hund Beebi oder Blue oder Basti heißt, kriege ich zu viel. In vielen Namen klingt zu viel an. Meine Schwester hatte ihn natürlich übernommen (, nicht etwa gekauft), aus irgendeiner für den Hund schwierigen Situation, und sie hatte dabei alles richtig gemacht, erst getestet, ob der Hund mit ihr und mit dem Hund einer Freundin klarkommt; und sie konnte natürlich berichten, dass alles wunderbar gelaufen war, dass die Hunde von Anfang an ein Herz und eine Seele zusammen waren; seinen etwas unschönen Namen, den sie ja nicht selbst hatte bestimmen können, hat sie einfach abgekürzt und dadurch viel passender und schöner gemacht, es ist der Hammer. Ich weiß es nicht genau, aber während der Bestattung hat sie den Husky wohl einer Freundin gegeben, das sie auf ihn aufpasste, meine Schwester kriegt solche Hilfsdienste und Freundschaften immer gut geregelt.
In dieser Beobachtung ging es für mich um ein Hauptthema, um die Liebesfähigkeit meiner Schwester, und wie die Dinge und Lebewesen schöner und besser werden, wenn sie in Kontakt mit ihr treten. Meine Schwester färbt positiv auf ihre Umwelt ab, ganz anders als ich. Ich habe das mal an einer Tankstelle erlebt, ist über 20 Jahre her. Wir wollten an eine Zapfsäule fahren und an der Nachbar-Säule hatte sich jemand so "breit" hingestellt, dass wir erst nicht heranfahren konnten, oder genauer, er hatte die Türen sperrangelweit aufgelassen, so dass wir keinen Platz mehr hatten.
Ich empfinde so etwas als extrem nervig, als Gedankenlosigkeit und Unverfrorenheit des Anderen/Fremden und ärgere mich beinahe darüber, dass die Leute so rücksichtslos sind. Wie man so verblödet und ohne Nachdenken und Rücksicht für andere sein kann, ist mir ein absolutes Rätsel. Ich hätte den Typen zwar nicht angeraunzt, aber mit sehr viel Missfallen angesprochen.
Meine Schwester hingegen redete dann sehr freundlich mit dem Fahrer, als ob überhaupt nichts wäre, und bat ihn die Türen zu schließen, und erklärte ihm mit Engelsgeduld, was unser Anliegen war, wieso sie ihn ums Türschließen bat. Der Typ reagierte selber dann auch sehr freundlich und überhaupt nicht pikiert. Im Gegenteil, meine Schwester und er wechselten noch ein paar nette Worte. Während ich innerlich in Aufruhr gerate in solchen Situationen und Menschen wie diesen Fahrer sofort verabscheue, mehr oder minder, redet meine Schwester einfach mit den Leuten und stellt einen positiven Kontakt her. Okay, ich bin nicht immer so drauf - und sie ist vielleicht auch nicht immer so freundlich gesinnt - , aber Gedankenlosigkeit wie beim Parken zu viel Platz zu beanspruchen bringt mich eigentlich automatisch gegen die Leute auf.
Sie hingegen nennt einfach ihr Bedürfnis und redet verständnisvoll oder zumindest höflich mit jedem. Generell ist sie extrovertiert und zugänglich, anders als ich. Oder sie wirkt zumindest so. Das ist ein bisschen beschämend für mich, aber ich bin da a) ein bisschen neidisch auf sie, auf ihre Fähigkeiten, und b) weiß ich, dass das bei ihr auch nicht ohne Schattenseite ist.
Dass vieles von ihrer Lockerheit auch Fassade ist bzw. eingeübt. Sie war häufiger als ich in psychischer Behandlung, hatte heftigere Symptome als ich, es hat sie in vielem schlimmer getroffen als mich, ohne dass ich das jetzt hier ausbreiten möchte; sie war mal in Suchtgefahr und sie hat einiges durchgemacht; anders als ich hatte sie mit unserer Mutter einen heftigen Streit oder Konflikt; mehr will ich nicht andeuten; sie hat nie so richtig dauerhafte Beziehungen hinbekommen, dafür aber Freundschaften mit ebenfalls sehr umgänglichen und freundlichen Menschen. (Bei mir ist es umgekehrt, keine Freundschaften, dafür eine langjährige, treue Beziehung.) Schon als sie mich vor der Beerdigung anrief, das erste Mal seit einer Ewigkeit, und ich ihre etwas brüchige Stimme hörte und ihre sonst so prägnante Stimme kaum erkannte - ich dachte zuerst, es wäre meine andere Schwester -, wusste ich an ihrem Tonfall, was mit ihr los ist und auch dass sie (immer noch) Single ist. Sie klang mehr oder minder geknickt, und nicht nur wegen der Beerdigung. Es ist komisch, welch empfindliche Sensoren ich dafür habe, wie es meinen Geschwistern geht.
Der eigentliche Punkt ist, ob ich darüber schreiben soll oder nicht. Ob mir das gut tut oder alles verschlechtert. Abstand gewinnen oder alles "runterschreiben"? Es ist interessant, einerseits, für mich. Eine Art Bestandsaufnahme. Nur weiß ich nicht, ob ich dabei dann wirklich ALLES ausformuliere. Meine Ängste, meine Regungen, ehrlich und ungeschminkt, oder ob mir vollständige Ehrlichkeit zu sehr weh tut. Ob ich nicht besser eher von mir schiebe, was mir zu sehr an die Nieren geht.
Diese Frage stelle ich mir übrigens häufiger: Darauf zugehen, auf das, was mir Angst macht, was mich beschäftigt, was mich wirklich angeht und belastet, oder Rückzug und Ignorieren. Beides hat Vor- und Nachteile. Mal ist das Eine nötig, mal das Andere. Man muss die Dinge angehen. UND/ODER auch schauen, dass man sich nicht überfordert. Ich wähle zu oft die Komfortzone. Muss allerdings auch wirklich mit meinen Kräften haushalten. Oder das Sich-Erholen ernstnehmen.
Mein Grundgefühl ist, dass ich seit Jahren ziemlich geradlinig auf einen Herzinfarkt zusteuere. Weil ich mein Herz ständig überlaste, zu wenig liebe, zu wenig kuschele, zu wenig das tue, was ich wirklich möchte. Zu wenig meine wahre Meinung vertrete bzw. zu wenig für mich einstehe. Manche kriegen dann ja auch Krebs, weil es innerlich an innen frisst. Ich hingegen ersaufe eher in Selbstmitleid und habe durchaus Einsicht in meine Situation. Ich ändere allerdings nichts oder mache das zu wenig, zu langsam, zu träge. Ich hasse Veränderungen. Man kann mir Halbherzigkeit vorwerfen. Mit sehr viel Recht, mit einigen Argumenten. Dass ist genau das, was mich immer wieder in Probleme bringt: Dass ich nicht mit vollem Herzen dabei bin. Mich durchlaviere, Kompromisse suche, zurückweiche oder aber als Überkompensation unnötig aggressiv bin. Ich bin völlig zurecht in einem Aggressionstraining, auch das sei mal am Rande erwähnt.
Vorhin zum Beispiel sprach mich meine Frau an, wieder mal ohne Anklopfen, wieder ohne "ordentliches" Hallo. Sie ruft mir aus dem Flur irgendwelche "Aufträge" zu. Ich war völlig entnervt, dass sie schon wieder etwas von mir will und scheinbar selbstverständlich davon ausgeht, dass ich "sofort springe". Ich bin das Gegenteil von ausgeglichen.