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Hallo zusammen,

da ich es sehr sehr traurig finde zu sehen und zu lesen wie viele hier unter der Einsamkeit leiden und das häufig schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten ohne dass sich etwas an ihrer Situation gebessert hat, wollte ich meine Erfahrungen niederschreiben. Vielleicht kann das dem ein oder anderen einen Denktanstoß/Tipp was auch immmer geben, um seinen eigenen Weg aus der Einsamkeit zu finden. Natürlich sind es nur meine Erfahrungen und ich behaupte nicht, dass diese allgemeingültig sind. So, wie fange ich am besten an, denn mir fällt so viel dazu sein was ich schreiben könnte. Ich versuchs einfach mal...

Voranschicken möchte ich, dass es mir vor ein paar Jahren genauso erging wie Mensch90: einsamkeit-forum-f37/hab-keine-freunde-t12900.html. Die Situation, die er in seinem Eingangspost beschrieben hat, kenne ich nur zu gut von früher. Die Jahre bis zu meinem Schulabschluss waren sehr einsam, ohne Freunde. Danach ging ich zum Bund. Dort hatte ich unter der Woche Kontakt zu meinen ehemaligen Kameraden. Ich kam sogar nach Dienstschluss raus. Wir gingen unter der Woche mal bowlen und des Öfteren in die Disco. Das half mir mich weniger einsam zu fühlen. Am Wochenende ging es in die Heimat und dort fühlte ich mich fast genauso einsam wie die Jahre vor dem Abi. Auch meine damlaligen Kameraden bemerkten, dass ich mich etwas seltsam verhielt, meine soziale Unerfahrenheit im Grunde. Nach dem Bund dauerte es noch 9 Monate bis zu meinem Studium. Dort begann aber wieder dasselbe Spiel, als ich noch zur Schule ging. Meine Schüchternheit und sozialen Kontakte machten es mir schwer am Anfang meines Studiums Bekanntschaften zu schließen. Viele der Kommilitonen kamen selber aus Berlin (mein Studienort) und hatten vornerein nicht so großes Interesse neue Leute kennenzulernen. Also begann ich wieder zu vereinsamen. Besonders die Wochenende waren schlimm für mich, als ich einsam in der Wohnung hockte. Weil sich meine Situation nicht besserte, schlug mir meine Mutter, die mit nach Berlin gekommen war und bei der ich anfangs wohnte, vor einen Psychologen aufzusuchen. Dies tat ich und setzte all meine Hoffnung, Kraft usw. darin, dass mir die Verhaltenstherapie, die ich begann mir half endlich aus der Einsamkeit und mein bis dahin ereignisloses Leben zu verändern.

Ich schaffte es auch zu Beginn des 2. Semesters auszuziehen, und zwar auf das Haus einer Studentenverbindung. Dies empfand ich als äußerst positiv, da ich merkte, dass ich dort viel einfacher Kontakt bekommen könnte. In der Studentenverbindung nahm ich an geselligen Abenden teil und die Therapie schlug anfangs auch gut an bei mir. Doch irgendwann wendete sich das Blatt. Im Verlaufe der Therapie ging es mir immer schlechter. Ich musste irgendwas falsch gemacht haben, was ich aber damals nicht bemerkte oder mir einfach nicht im Klaren war was ich da tat. Am Ende muss ich sagen, dass mir das alles sehr viel mehr geschadet als geholfen hat, weil ich 1,5 Jahre später psychisch zwwangserkrankte. Also kann ich nur zu Vorsicht raten was die Auswahl eines (kompetenten) Psychologen und das entsprechende Verfahren betrifft. Auch bei meiner Verbindung bermerkte ich, dass alles mehr Schein als Sein war. Die Leute, die ich anfangs für potentielle Freunde hielt stellten sich mit der Zeit immer mehr als oberflächliche Bekanntschaften heraus. Ein Teil dachte auch großteils nur ans Saufen
Aber immerhin war am Wochenende immer was los und ich hatte somit (wenn auch nur meist oberflächlichen) Kontakt. Einen wahren Freund, der auch mein einziger ist und zu dem ich heute noch Kontakt halte, habe ich dort gefunden.

Soviel erstmal zu meiner Geschichte. Als nächstes möchte ich hier konkrete Tipps/Ratschläge auflisten, von denen ich "vermute", dass sie mir aus meiner Einsamkeit herausgeholfen haben.

1. In Kontakt treten: ich weiß, dass ist jetzt natürlich sehr leicht gesagt bzw. echt schwer, vor allem wenn man gerade sehr einsam ist. Ich meine aber eher, dass man überhaupt mit jemanden in erst einmal in Kontakt tritt und somit seine soziale Kompetenz steigert bzw. übt und das Gefühl von Einsamkeit reduziert. Bei mir traten die Einsamkeitsgefühle verstärkt auf je länger es her war, dass ich in der Gegenwart eines anderen Menschen gewesen bin und mich ausgetauscht habe. Wichtig ist hierbei, dass man sich nicht sofort zwingt Freunde zu finden. Einfach mit den anderen etwas sprechen und zusammensein genügt schon. Tipps zum wo und wie gebe ich weiter unten. Ich weiß auch, dass man sich unter Menschen genauso einsam fühlen kann, aber wenn man nicht versucht in Kontakt zu treten, wird man sich auf jeden Fall "mehr" einsam fühlen.

2. sich ein Hobby suchen. Hier gibt es allerhand Auswahl, doch das fiel mir gerade am Anfang selber äußerst schwer, weil ich überhaupt keine Ideen hatte und häufig irgendwie Unlust verspürte. Ich rate dazu so viele Sachen wie möglich auszuprobieren, sei es Sport (habe damals Judo, Bogenschießen, Golf an der Uni ausprobiert), Theaterspielen, Bücher lesen, PC-Spiele, Sprachen lernen (und damit auch Sprachtandems), VHS-Kurse, Filme gucken etc. 9 von 10 Dingen begeistern einen vielleicht nicht, aber Nr.10 kann einem eine ganz neue Welt erschließen. Ausprobieren, ausprobieren ,ausprobieren! Es hilft meiner Erfahrung nach wirklich. Bei vielen Sportarten und diversen hat man dann automatsich Kontakt zu anderen. Ich weiß, dass es in Kleinstädten (aus einer komme ich auch) leider nicht so viele Möglichkeiten um einen herum gibt. Jedoch probiert die möglichen Dinge aus, die ihr zu Hause und in eurem Umkreis machen könnt. Somit verschwindet auch die Langeweile, die häufig bei mir mit Einsamkeit gepaart war und ihr habt somit für euch ein Interessengebiet errungen, mit dem ihr auch über Gleichgesinnte austauschen könnt.

3. "an sich selber arbeiten". Tja, das ist nun meiner Ansciht das allerschwierigste Thema von allen. Ich selber habe mich auch gefragt, wie schaffe ich es daraus, aus dieser Einsamkeit (keine Freunde) zu entkommen. Die entscheidende Frage war für mich das WIE? Wie kriege ich mehr Selbstbewusstsein etc. her, sodass ich keine Ansgt mehr vor anderen mehr habe. Wie schaffe ich es, dass ich endlich zufrieden bin. Eine sehr sehr blöde Angelegenheit, da es nur allgemeine Sprüche und Tipps in Form von "du musst dich selbst zuerst lieben" oder "du musst zuerst zu dir selber finden" gibt. Ja, aber wie komme ich denn jetzt bloß dahin? Das ging mir soooo auf den Keks. Ich würde am liebsten eine Bedienungs- oder Bauanleitung bereitstellen wie man zu mehr Selbstbewusstein und dem anderen "Quatsch" kommt wie z.B. bauen Sie im 1. Schritt, bauen Sie im 2. Schritt... sowie ich sie mir selber immer gewünscht habe. Aber leider gibt es sowas nicht. Es gibt immer nur solche "schlauen Tipps" wie machen Sie Sport, nehmen Sie Kontakt auf, erwarten Sie nichts Hochgeistiges usw. und sofort...
Schon richtig, aber was bringt mir das denn alles? Meine Ängste, Verschlossenheit, Verklemmtheit, Schüchternheit usw. bleiben doch trotzdem alles bestehen (nachdem ich versucht hatte das konkret umzusetzen)
Hier kann ich also selber keine allgemeingültigen Tipps geben, so gerne ich das TUN WÜRDE! Nur aus meiner Erfahrung heraus kann ich schildern: Meditieren ist ein Weg zu sich selber zu finden, um sich selber besser (sein Inneres) kennenzulernen. Ich kam mir immer so verloren in meinen Gedanken und Gefühlen vor, als ich mich damals einsam fühlte. So als würde ich in einer Zwangsjacke gefangen sein. Jedes mal die Angst vor Menschen, als ich auf der Suche nach neuen Kontakten war. aber ich konnte diese Angst und damit verbundenen Gedanken einfach nicht abstellen. Ich wusst nach kurzer Zeit nicht mehr was ich sagen sollte, um das Gespräch aufrecht zu erhalten.
In der Therapie bekam ich anfangs beigebracht meine Gedanken/Gefühle aus einer neutralen (wertfreien) Situation zu beobachten, soll heißen ich bin nicht der Gedanke/das Gefühl, sondern das alles ist ein Teil von mir. Ich will hier jetzt keine psychologischen Ratschläge geben (vor allem weils bei mir am Ende schief gegangen ist), aber so in etwa hat es mir geholfen meine Grundangst vor anderen Menschen und vor der EInsamkeit mehr und mehr zu überwinden. Soweit ich weiß, wird dies auch in vielen Meditationskursen gelehrt, z.B. Sahaya Yoga ist meines Wissens so eine Form, die zudem noch kostenlos ist. Einfach mal googlen und gucken wo es sowas in der Nähe gibt. Natürlich gibt es bestimmt noch andere Wege zur Selbstfindung, die mir aber zur Zeit nicht bekannt sind.

So, das ist erstmal das wesentliche was mir zur Überwindung von Einsamkeit eingefallen ist. Änderungen bzw. Erweiterungen versuche ich natürlich bereitzustellen.
Mein (Gesamt)Fazit: Unterm Strich reicht das Ziel Freunde zu finden nicht aus, um die eigene (Grund)Einsamkeit zu überwinden, da man sich auch unter Freunden/Mitmenschen/Familie ebenfalls sehr einsam fühlen kann. Es ist vielmehr oder gar hauptsächlich die Angst vor der Einsamkeit, die Angst davor, dass man hilflos ist oder nichts wert ist, wenn man keine Freunde/Familie hat. Dies lässt einem alles glauben, dass Einsamkeit nur überwunden werden kann, indem man sich Freunde sucht. Dies ist also meiner Feststellung nach nicht ausreichend, um diese zu überwinden. Zum anderen (Groß)teil ist es auch so, dass man gar nicht weiß wer man ist, man keine Ziele und Hobbys und Interessen hat, einem oft langweilig ist und sich selber so findet, dass einem alles so sinnlos vorkommt. Dies führt auch dazu, dass man gar nicht weiß worüber man mit dem Gegenüber reden soll.
Die Überwindung der Einsamkeit hat bei meiner Wenigkeit erfolgt, dass ich a) wusste, ich konnte mit Menschen in Kontakt treten wann immer ich das Bedürfnis danach hatte (das mussten nicht unbedingt Freunde sein) und b) ich brauche die anderen nicht zwangsläufig, um mit mir selber zufrieden zu sein, weil ich mich gut mit mir alleine beschäftigen kann, genug Interessen/Ziele/Hobbys etc. habe und mir die meiste Zeit selbst genüge.

So, das wars erstmal. Ich hoffe, dass mein erst 25-jähriger Erfahrungsschatz wenigstens dem einen oder anderen eventuelle Denkanstöße liefern kann. Wie gesagt, es sind lediglich meine Erfahrungen zur Überwindung von Einsamkeit.

LS

21.07.2014 22:42 • 22.07.2014 x 3 #1


2 Antworten ↓


Hey lonelysome,

auch an dieser Stelle einen lieben Dank dafür, dass du deine Erfahrungen hier teilst!

Es ist schön zu sehen, dass es auch Menschen gibt, die die innere Einsamkeit überwunden haben. Dazu möchte ich dir gratulieren! Das war mit Sicherheit ein ganzes Stück Arbeit. Es macht mir auch ein wenig Mut, selber irgendwann dieses Ziel zu erreichen...

Ich werde auf jeden Fall veruchen den einen oder anderen deiner Tipps umszusetzen!

Also nochmal vielen Dank und weiterhin alles Gute auf deinem Weg!

VG

22.07.2014 16:20 • #2


Hi Jagony,

danke für deine Rückmeldung! freut mich, dass mein langer Text dir einige Anregungen geben konnte. Ich versuche diesen noch mit der Zeit zu verbessern und zu ergänzen. Es gibt halt soviel zu schreiben über dieses Thema, dass man Seiten damit füllen könnte. Diverse Ratgeber zum Thema Einsamkeit gibt es sicherlich etliche, doch meiner Meinung nach reißen diese meistens das Thema nur oberflächlich mit gut gemeinten Tipps an. Das eigentliche Problem, nämlich warum man sich einsam fühlt, sei es mit oder ohne Freunden und wie man da raus kommt (meistens hat es immer etwas mit Ängsten zu tun), bleibt nach der Anwendung dieser "tollen" Ratgebertipps meiner Erfahrung nach weiterhin bestehen.
Ich glaube aber, dass du ja schon weißt wie man mit Leuten in Kontakt treten kann und mehr als nur Smalltalk führen kannst. Vielleicht kannst du aber ja noch bezüglich meines Tipps Hobbysuche herausfinden was für Dinge dir noch so alles Freude bereiten und deine Zufriedenheit steigern, indem du du dich unabhängiger von den anderen fühlst. Alles Gute,

LS

22.07.2014 21:40 • #3




Dr. Reinhard Pichler