Liebe feuerdrachin,
wie gut ich dich verstehen kann. Mir geht es sehr ähnlich. Fast meine gesamte Kraft brauche ich, um den Alltag zu überstehen und mein Tagewerk zu erledigen. Und was mich am Ende eines Tages erwartet, ist Einsamkeit. Alle Freundschaften und Beziehungen in meinem Leben sind problembehaftet. Ich fühle mich abgelehnt, alleingelassen. Natürlich weiß ich, dass ich mich selbst ablehne und so wie es in den Wald hineinruft, so schallt es zurück. Und ich weiß auch, dass es irgendwie - so absurd es klingt - unsere eigene Entscheidung ist ein solches Leben zu führen. Ich denke, wir haben einen Gewinn dadurch. Nur welchen? Ich sehe keinen, denke viel darüber nach. Ich habe mich schon immer unendlich alleine und wertlos gefühlt. Und ich glaube, ich mache andere dafür verantwortlich. Ich sehe mich als Opfer. Aber die Menschen können nicht hellsehen. Wenn ich ihnen nicht mitteile, was Sache ist, woher sollen sie es dann wissen? Und natürlich gibt es viele "Hohlköpfe", Menschen, die nicht verstehen, auch wenn man sich ihnen erklärt. Ich kenne solche und solche.
Ich weiß, dass ich Dir damit wahrscheinlich nicht helfen kann im Moment.
Doch bitte glaube mir, ich kann Deinen Teufelskreis zu 100% verstehen.
Ich bestehe auch aus dieser Seite, denn ich denke hauptsächlich so wie Du. Ich habe Mitleid mit mir. Aber eben nur MIT-LEID, kein MIT-GEFÜHL. Ich leide, nichts anderes. Aber das bringt mich nicht weiter. Leiden ist ein Zustand und keine "Bewegung". Und das Leben ist ständige Bewegung.
Tja, alles Theorie, was soll das praktisch bedeuten? Wenn ich´s wüßte, stände ich nicht an dem Punkt, an dem ich immer wieder stehe: Soll ich weiterkämpfen oder soll ich aufgeben? Und blicke ich zurück, empfnde ich mein ganzes Leben als Kampf mit mir, meinen Ängsten, meinen verworrenen Gefühlen, meinen Depressionen.... Und ich würde sagen, dass ich diesen Kampf viele Male verloren habe, aber auch viele Male gewonnen habe. Und oft ging er unentschieden aus. Und statt mal inne zu halten und mir zu sagen: "Juchhu, Du hast diesen einen Kampf gewonnen!", bin ich längst schon bei dem nächsten Kampf.
Ich habe keine Ahnung wie ich meine Einsamkeit lindern soll. Meine Patentlösung wäre eine Beziehung. Aber wie Dir fällt es mir total schwer, Männer kennenzulernen, weil ich eben die Gelegenheiten nicht habe. Und selbst wenn ich solche Gelegenheiten angehe und packe, wird meine Ausstrahlung jeden abschrecken. Zudem bin ich keine Schönheit und nicht mehr die Jüngste. Früher konnte ich mir meine Welt erträumen, war ich die perfekte Tagträumerin. Das funktioniert nicht mehr. Die Realität hat mich anderes gelehrt.
Und ich verfalle immer wieder in diesen unproduktiven Gedanken, dass ich nicht das von dem Kuchen dieser Welt abbekomme, was für andere total selbstverständlich ist. Einen liebenden Partner. Viele wissen gar nicht mehr, wie reich sie daran sind.
Dennoch ist es nicht das Ziel. Man kann sein eigenes "Glück" nicht von anderen abhängig machen. Denn dann sind wir abhängig und noch mehr gefangen. Das Ziel sollte sein, sein Glück in sich zu finden, sich zu mögen, sich selbst zu genügen, bei sich zu sein und sich Trost geben zu können. Und ich bin sicher, wer das schafft, ist nicht mehr einsam. Denn er strahlt nach außen dermaßen, dass er anziehend auf alle Menschen wirkt.
Und irgendwo muss man anfangen. Vielleicht damit, dass man mit sich fühlt, ganz tief in sich hineinhört.... Es ist ein Prozess, bei dem jeder sein eigenes Tempo hat.
Wir sind nicht einsam, weil die Menchen böse sind und weil uns keiner haben will. 50000 x am Tag fällt es mir schwer, nicht so zu denken. Ich finde die absurdesten Gründe, warum ich einsam bin. Es liegt an den Umständen, an der Welt...... nein, tut es nicht. Es liegt alleine in uns. Die Gegebenheiten machen es nur zusätzlich enorm schwer etwas dran zu ändern. Ich frage mich auch, wie jemand mit Kontrollzwang, Depression, Panikattacken, Anpassungs-Persönlichkeitsstörungen und auch noch einer sozialen Phobie wie Du es alles hast, auf Menschen zugehen soll? Und ich glaube, es sind die Ziele, an denen wir scheitern. Wir setzen sie vielleicht viel zu hoch. Ich will, dass alles anders ist, dass ich gesund bin und all das kann und kriege, was andere haben. Aber das ist ja absurd. Die kleinen Schritte führen auch ans Ziel. Und es gibt nicht umsonst den Spruch: "Der Weg ist das Ziel." Wenn ich etwas Kraft in mir spüre, sage ich mir immer: "Der Weg ist da, wo die Angst ist." Das bedeutet für mich, ich muss versuchen dahin zu gehen, wo die Angst steht. Anders geht´s ja auch nicht. Und bei mir steht sie manchmal schon nur da, wenn ich mich schlecht fühle und aufs Klo muss. Nun gut, diesen Weg kann man wahrlich nicht meiden!! Schlechtes Beispiel!
Ich gehe mal davon aus, dass Du Therapie bereits versucht hast oder? Woher solltest Du ansonsten die große Anzahl an Diagnosen haben.
Ich weiß nicht, ob Deine Kollegin eingeweiht ist in Deine Problematik? Aber ich weiß, was sie damit meint, ich kriege solche Sachen auch zu hören. Dennoch deuten wir diese Tipps für uns falsch. Wir lesen daraus, dass man uns nicht versteht und uns mit unseren fetten Problemen rät den Bär tanzen zu lassen. Aber "rausgehen" kann ja auch bedeuten, in ein Cafe´zu gehen, einen Spaziergang mit den Nachbarn zu machen....
Ach, liebe Feuerdrachin, ich will Dir hier keine Tipps geben, wie Du es anstellen kannst, Leute kennen zu lernen. Das weißt Du selbst und Du weißt auch, was Du Dir zutrauen kannst. Und Du würdest es tun, wenn Du es könntest.
Ich bin noch länger krank als Du, habe schon etliche Therapien gemacht. Und jetzt fange ich erst an, mich und all meine Gedanken und Annahmen in Frage zu stellen. Und ich bin sicher, dass ich aus irgendeinem verdammten Grund, diesen Lebensweg gewählt habe. Ich habe nur wie Du auch unglaubliche Angst, dass es inzwischen zu spät ist und ich den Dreh nicht mehr finde.
Alles Gute für Dich!