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Liebe Alle,

Ich bin hier weil ich einfach reden möchte/muss.

Ich bin nun seit bald 5 Monaten mit meinem Freund zusammen. Es ist...alles wunderbar. Es gibt nichts was daran nicht passt. Bis auf...Anfang Dezember bekomme ich plötzlich ein total ungutes Gefühl im Bauch. Es lässt sich mit dem Gefühl des Verlassen-Werdens vergleichen. Einfach so, von einem Moment auf den anderen und ohne Vorkommnisse war es da und ist es immer noch. Ich grüble und grüble und grüble, den ganzen Tag. Ich bin mittlerweile müde. Ich zweifle, ich habe Angst vor der Zukunft. Ich habe Angst davor meine Gefühle könnten plötzlich nicht mehr die Selben sein. Ich bin seit bald 2 Monaten in therapeutischer Behandlung. Der Therapeut hat mich nach meinen Eltern gefragt. Nun, sie ließen sich scheiden als ich 9 Jahre alt war. Anfang Dezember. Ganz plötzlich. Einige meiner Beziehungen gingen, zumindest für mich, auch ganz plötzlich zu Ende. Teilweise wurde ich im Regen stehen gelassen, ich hab nie einen Grund dafür erfahren. Wir haben darüber geredet und er meinte das wäre der Grund für meine Angst. Nun gut, jetzt wissen wir womöglich den Grund. Doch was kann ich tun? Mir ist doch klar dass ich an der Vergangenheit nichts mehr ändern kann. Ich will einfach nur glücklich sein und endlich aufhören nachzudenken.

Bis bald, Patricia

25.02.2010 17:36 • 01.03.2010 #1


2 Antworten ↓


Hallo Patricia

Mit dem Therapeuten hast du, glaube ich, schon heraus gefunden, dass die plötzlichen, unbegründeten Enden deiner eigenen Beziehungen und der deiner Eltern dich scheinbar sehr verunsichert haben. Das kann ich mir auch recht gut vorstellen. Erst einmal ist es für ein Kind mit gerade mal 9 Jahren ganz schwer zu verstehen, wenn die Eltern sich plötzlich nicht mehr mögen, wenn das Konstrukt Familie plötzlich und für dich damals scheinbar ohne Grund auseinander bricht.

(Wobei deine Eltern da anscheinend den ganzen Streit von dir fern gehalten haben, womit sie dir wiederum einen großen Gefallen getan haben, denn damit können Kinder in dem Alter noch nicht umgehen.)
Zu dem großen Schock aus deiner Kindheit kamen dann noch die Schocks der letzten Beziehungen hinzu. Du hast gesehen: Ich bin plötzlich allein gelassen, eine Stütze bricht mir weg, ich muss plötzlich alleine zurecht kommen. Und oft hast du nicht einmal erfahren, woran es lag, konntest deine Verzweiflung und deine Wut an nichts fest machen, hattest vermutlich das Gefühl, dass dir das in Zukunft immer und immer wieder passieren könnte.

(Vielleicht auch, dass du es in Zukunft nicht besser machen kannst?)
Das verzwickte an deiner Situation ist leider, dass du Recht hast. Du hast Angst davor, dass du wieder plötzlich und ohne Grund verlassen werden könntest. Und das stimmt ja auch. Denn dein Partner kann sich jederzeit aus freien Stücken wieder aus deinem Leben entfernen und dann stehst du –wieder mal- alleine da. Dieser Angst entgegen zu wirken wäre sinnlos, denn sie ist real und begründet. Ich glaube, du musst lernen, mehr Sicherheit für dich selber zu gewinnen. Lernen, dass du niemanden brauchst, um glücklich zu sein, dass du auch in dir selber glücklich sein kannst. Ich sag immer gern: Eine Beziehung macht mich glücklich, ich brauche sie aber nicht, um glücklich zu sein. Ich kann für mich selber sorgen, für mich alleine glücklich sein. (Vielleicht kannst du das auch, ich hab’s der Gesamtheit halber dazu geschrieben.) Der nächste Schritt wäre vielleicht, deine Angst als realistisch, aber nicht bedrohlich kennen zu lernen. Verlassenwerden ist blöd, ja, und es tut weh. Aber es bedeutet nicht das Ende der Welt. Man muss sich davor nicht fürchten, obwohl es noch nicht eingetreten ist. Zu guter Letzt musst du wohl lernen, mit der Unsicherheit, die eine Beziehung mit sich bringt, zu leben. Es gibt keine Garantie für die Liebe und die Beziehung, du musst einfach vertrauen können, dass es irgendwie schon klappt.

Ich für mich halte es so: Ich plane eine gemeinsame Zukunft nicht, ich träume vielleicht davon. Ich stelle mir vor, was ich gerne noch mit meinem Freund erleben würde, etwa zusammen ziehen und heiraten und solche Sachen. Aber ich träume davon in der Gewissheit, dass ich kein Recht darauf habe, dass es keine Garantie gibt dafür, dass meine Wünsche sich erfüllen. Ich weiß, dass mein Freund nichts ist, was ich einmal einfange und dann für immer besitze. Ich weiß, dass er gehen kann, wenn er will, dass er sich in eine Andere verlieben könnte oder wir uns auseinander leben könnten oder auch, dass es mir passieren könnte. Ich halte es zwar für sehr unwahrscheinlich, weiß aber, dass es möglich ist, weil die Liebe halt einfach so ist, wie sie eben ist. Aber das Alles macht mir keine Angst. Verlassen zu werden empfinde ich als schmerzhaft und schlimm, aber ich weiß, dass es vorbei geht. Ich weiß, dass ich traurig sein werde, aber ich weiß, dass ich danach auch wieder lachen und mich neu verlieben können werde. Ich weiß, dass das Ende einer Beziehung nicht das Ende meines Lebens bedeuten wird. Und vor allem weiß ich, dass ich auch alleine gut zurecht komme, ohne Freund.

Es ist immer so eine Gradwanderung, gerade in einer Beziehung.. auf der einen Seite muss man vertrauen können, dass es schon gut gehen wird, auf der anderen Seite sich darüber im Klaren sein, dass es jederzeit einfach so vorbei sein kann. Das ist sehr kompliziert und sehr schwer, und gerade, wenn dieses Verlassenwerden aufgrund der Scheidung für dich so schwer zu verarbeiten war, dann reißt wohl jede Trennung die alte Wunde wieder auf, und das tut natürlich weh und dann blutet dir das Herz – verständlicherweise.

Ein Allround-Rezept wird dir da, denke ich, keiner geben können. Aber ich wünsche dir, dass du es schaffst, diese Unsicherheit des Verlassenwerdens irgendwie zu akzeptieren und für dich abzuhaken. Also so nach dem Motto: „Ja, ich könnte Verlassen werden, aber ich könnte ja ebenso gut bis an den Rest meines Lebens geliebt werden. Ob es klappt, kann ich zum Teil selber beeinflussen, zum Teil eben leider auch nicht. Am Ende bleibt mir nur, Tag für Tag meine Beziehung zu genießen.“

Sich Gedanken über Probleme zu machen, die es noch gar nicht gibt, ist leider verlorene Liebesmüh. Das lähmt eher, als dass es hilft.
Man überlegt sich ja auch nicht täglich „Was wäre, wenn ich mir morgen den Arm brechen würde?“ Da denkt man drüber nach, wenn der Arm gebrochen ist. So solltest du es auch mit der Liebe halten – aber ich weiß, es ist schwer.

Liebe Grüße,
Bianca

26.02.2010 16:23 • #2


Liebe Bianca,

ich danke Dir sehr herzlich für Deine lieben Worte. Vielen, vielen Dank. Mehr kann ich dazu im Augenblick gar nicht sagen.

Bis bald, Patricia

01.03.2010 20:13 • #3




Dr. Reinhard Pichler