Pfeil rechts
16

By_myself
Ich bin schon 62 Jahre alt
Vor einem 3/4 Jahr kam sie angekrochen - die Angst. Hinterhältig, wie ich finde, denn ich fühlte mich bis dahin ziemlich widerstandsfähig mit dem, was einem das Leben so auferlegt. Meine Familie ist bereits verstorben, von meinem Mann lebe ich seit 16 Jahren getrennt und das Berufsleben habe ich mit 58 Jahren glücklich beendet. Alles tacko - könnte man meinen Was aber übrig geblieben ist, ist die Einsamkeit. Ich habe nur ein paar oberflächliche weibliche Bekanntschaften, einen Mann wollte ich nicht mehr, weil ich nicht ein weiteres Mal jemanden verlieren wollte. (Aus dem gleichen Grund habe ich mir auch kein Haustier angeschafft. ) Die Arbeitskollegen waren aber nun als Letztes auch noch weggefallen und eine sinnvolle Aufgabe ebenfalls. Ich hatte alles verloren. Da war der Weg frei für Millionen von Gedanken. Ich machte mir Gedanken, wer mir wohl meine Wäsche bringen könnte, müsste ich einmal plötzlich ins Krankenhaus. Wer überhaupt würde mich in meiner Wohnung finden, sollte mir etwas zustoßen? Wer würde meine Wohnung räumen, wenn ich gestorben wäre? Und wohin mit dem ganzen Kram? Wenn ich mit dem Auto auf der Autobahn fuhr, hatte ich Sorge, dass plötzlich ein Auto von der Gegenfahrbahn auf mich stürzt. Alle paar Tage sprach ich mit mir selbst, um zu prüfen, ob meine Stimme noch war, denn ich sprach ja mit niemandem sonst. Wenn ich in den Spiegel sah, sah ich eine ältere Frau. Ich fühlte mich fremd in der faltigen Hülle aus Haut, weil ich mich doch noch so gut an frischere Zeiten erinnern konnte. Manchmal guckte ich sehnsüchtig aus dem Fenster und sah, wie die Leute ihrer Wege gehen: zur Arbeit, zum Joggen. Ich sah die Weihnachtsdeko in den Fenstern und mir stiegen die Tränen in die Augen, weil es ein Fest der Familie ist, die ich nicht mehr habe.
Ich glaube, dass mir mein jetziges Leben, was eigentlich augenscheinlich so schön sein könnte, Angst macht. Es geht an mir vorbei, vor lauter Angst. Mein Herz klopft bis zum Hals, mein Puls rast und ich spüre ein inneres Vibrieren, so wie damals als Kind, als ich soviel Angst hatte, wenn meine Eltern sich heftig stritten. Schon damals hatte ich niemanden, der mich beschützt und mir hätte helfen können. Jetzt ist es wieder so. Ich fühle mich schutzlos und sehr allein. Aber ich möchte auch wieder stark werden und die Angst, die mich gerade so sehr besetzt, wieder loswerden. Noch habe ich keine Ausweg gefunden - aber ich suche.
Ich habe schon viel hier mitgelesen und mir ein paar Ratschläge zu Herzen genommen, hoffe aber auch noch auf die zündende Idee für mich, wie ich aus dem Karussell meiner Gedanken aussteigen kann.

17.04.2020 13:23 • 23.04.2020 x 5 #1


12 Antworten ↓


Hallo @by_myself,

ich bin in deinem Alter, in einer ähnlichen Situation und kann dich voll verstehen.

Ich versuche einfach, mir keine Gedanken zu machen. Vor allem um Dinge, die ich nicht ändern kann. Klappt nicht immer, aber oft.

Deine oben beschriebene Krankenhaussituation habe ich tatsächlich vor einigen Jahren erlebt. Ich war beim Arzt, mußte direkt ins Krankenhaus und wurde ein paar Stunden später operiert. Hatte natürlich nichts dabei. Bekam eine Zahnbürste, aber keine Zahnpasta. Einen Waschlappen und ein Handtuch. Das wars.
Das war wirklich schlimm für mich. Danach habe ich zu meiner eigenen Beruhigung eine Krankenhaustasche gepackt. Die Sachen wechsel ich alle halbe Jahre (Winter, Sommer). Die nützt mir zwar auch nichts, wenn ich vom Arzt ins Krankenhaus geschickt werde, aber sie nützt was, wenn ich kurzfristig ins Krankenhaus muss.

Ich spreche auch phasenweise gar nicht. Manchmal wochenlang nicht. Ich merke dann beim nächsten Gespräch, dass ich leichte Sprachstörungen habe.

Ich kann dir einfach nur raten, dich nicht verrückt zu machen, denn alle Sorgen und Ängste bringen dich kein Stück weiter - ganz im Gegenteil. Änder, was du ändern kannst. Den Rest lasse auf dich zu kommen.
Vielleicht leichter gesagt als getan. Für mich war es auch ein Übungsprozess, dass ich meine negativen Gedanken (meistens) verbannen kann.

Kennst du den nachfolgenden Spruch?

Von allen Sorgen die ich mir machte, sind die meisten nicht eingetreten.

17.04.2020 13:44 • x 2 #2



Einsamkeit - Weg frei für Millionen von Gedanken

x 3


Calima
Ich kenne diese Gedanken, wenn auch deutlich weiter weg und (noch) nicht in ihrer vollen Tragweite.

Ich bin sowohl noch berufstätig als auch verheiratet, und es gibt aktuell keinen Grund, mich zu fürchten. Und doch: Der Ausstieg aus dem Job ist in greifbarer Nähe, weil er eben auch Last bedeutet. Und mein Herzensgefährte ist um einiges älter als ich und leider auch nicht mehr gesund. In den vergangenen Jahren standen wir mehr als einmal vor dem Abgrund eines endgültigen Abschieds, und das Gefühl der Einsamkeit und des Verlassenseins hat mich mit voller Wucht erwischt.

Das Bewusstsein, vermutlich für ihn da sein zu können, aber mein eigenes Alter ohne ihn bewältigen zu müssen, macht Schmerz und Angst. Dabei bin ich ein Mensch, der gut mit sich allein sein kann und schon immer selbstbestimmt und selbstständig gelebt hat. Und doch.

Was mir hilft: Ich sorge für soziale Kontakte um mich herum. Ich gehe regelmäßig ins Sportstudio - ist bei uns alten Schachteln ja prima gegen Osteoporose - habe ein Theaterabo, das ich mit meiner Freundin wahrnehme und treffe mich einigermaßen regelmäßig mit Bekannten auf einen Kaffee. Telefonieren mag ich nicht besonders - mochte ich noch nie. Aber ich suche jetzt schon nach Tätigkeiten für nach dem Berufsausstieg. Theater spielen, in einem Chor singen, bei der Telefonseelsorge mitmachen. So versuche ich, das Loch ausreichend klein zu halten, das sich vermutlich irgendwann auftun wird.

Und: Ich bin bei @dore: Ich mache mir immer wieder klar, dass Dinge passieren werden, ob ich mich sorge oder nicht. Die Lebenserfahrung zeigt, dass es sowieso immer anders kommt, als man denkt. Ein paar Sachen - wie eine Krankenhaustasche - habe ich auch vorbereitet .

17.04.2020 14:02 • x 2 #3


By_myself
Liebe @dore, liebe @calima,
vielen lieben Dank für euren Zuspruch. Tz,- ist ja witzig: das mit der Krankenhaustasche habe ich auch tatsächlich schon überlegt. Dabei habe ich früher als junges Mädchen über meine Oma gelächelt, die immer einen Stapel gute Nachthemden fürs Krankenhaus im Schrank liegen hatte. Jetzt ist es wohl bei mir auch soweit.

@dore: Bisher habe ich es noch nicht annähernd geschafft, die Gedanken zu verbannen. Wie geht das? Egal was ich Schönes denke, sie schieben sich immerzu einnehmend davor; ich kann es gar nicht steuern.
Dank Dir für den weisen Spruch. Er stimmt wohl, ich merke ihn mir.

@calima: Du gehst es schon ganz vernünftig und richtig an, finde ich. Soziale Kontakte sind wichtig. Aber es ist nicht so, als ob ich nicht schon vieles versucht hätte. Manchmal treffe ich mich auch mit ein paar Frauen zum Kaffeeklatsch. Aber schon in den ersten Minuten geht es los: Wer ist gestorben, wer hat eine schreckliche Krankheit usw. Da möchte ich gleich auf der Stelle davonlaufen. Ehrlich.
Dann habe ich mich einmal zum Yoga angemeldet. 10-er Runde, alle stellen sich vor. Der erste: ich habe nur noch eine halbe Lunge, der zweite: gerade einen Herzinfarkt überstanden . Oh Gott, - als ich an der Reihe war, habe ich mich fast dafür geschämt, einigermaßen gesund zu sein. Es blieb dann bei der einen Stunde.
Und so ging es weiter mit den sozialen Anbahnungsversuchen. Da hab ichs aufgegeben.
In den 16 Jahren bin ich auch immer in den Urlaub gefahren. Aber immer und überall waren nur Zweiergruppen unterwegs - ich weiß nicht, woran es liegt - aber ich bin immer unter vielen allein.
Ich weiß, dass es soviel Möglichkeiten gibt - nur mir geht langsam die Puste aus und ich merke, wie ich zuhause beinahe verrotte.

Ob ihr es glaubt oder nicht: Jetzt bei Beginn der Corona-Krise ging es mir tatsächlich für 3 Tage besser. Ich fühlte mich nicht mehr so allein in meinem Alleinsein. Plötzlich waren alle für sich und beinahe eingeschlossen, so wie ich mich eingeschlossen fühle. Ich fühlte mich besser verstanden, weil nun alle spüren konnten, wie es sich anfühlt, alleine zu sein.

17.04.2020 14:43 • x 1 #4


Hallo,
Meine generalisierte Angststörung habe ich ebenfalls seit einpaar Jahren.
Die Angst vor der Zukunft.
Was ist wenn ?
Was beruhigt und stärkt ist wenn die Sorgengedanken zu ende gedacht werden

Das aufschreiben hilft sehr viel.
Es gibt sehr gute Bücher über die generalisierte Angststörung .
Ich finde das von Doris wolf am besten .
Über PAl Verlag zu bekommen .
Diese Krankheit fesselt einem.
Das Leben ist zu kurz um sich selber zu fesseln . Gegen das unabänderliche anzukämpfen ist wahrscheinlich ,sinnlos.
Wir können den Tod nicht verhindern .

Ich glaube das ist die Symptomatik dieser Krankheit.
Wir halten an Sicherheiten fest weil wir uns selber das Leben nicht zu trauen.
Ich habe gehört ,dass der Mensch viel stärker ist als er von sich denkt .
Lg

17.04.2020 15:10 • #5


Calima
Zitat von By_myself:
Aber schon in den ersten Minuten geht es los: Wer ist gestorben, wer hat eine schreckliche Krankheit usw. Da möchte ich gleich auf der Stelle davonlaufen. Ehrlich.
Dann habe ich mich einmal zum Yoga angemeldet. 10-er Runde, alle stellen sich vor. Der erste: ich habe nur noch eine halbe Lunge, der zweite: gerade einen Herzinfarkt überstanden . Oh Gott, - als ich an der Reihe war, habe ich mich fast dafür geschämt, einigermaßen gesund zu sein. Es blieb dann bei der einen Stunde.


Das hat mich gerade tatsächlich laut auflachen lassen - obwohl ich natürlich sehe, dass das Gefühl dahinter nicht lustig war. Aber diese Situationen kommen mir so vertraut vor. Es hat halt wohl jedes Lebensalter seine Themen.

Trotzdem denke ich, dass man nie aufhören sollte, es zu versuchen. Und die Freiheit unseres Alters bringt ja glücklicherweise mit sich, dass man gut erkennen kann, was einem gut tut und was nicht und dann einfach seiner Wege gehen kann, wenn es nicht taugt.

Ich weiß nicht, wie sportlich du bist, aber ich liebe Bouldehallen. Die Kletterei beschäftigt Kopf und Körper, man hat was zu gucken und kommt auch immer wieder mit Leuten ins Gespräch.

Die Alternative - zuhause zu vereinsamen - scheint mir jedenfalls nicht die bessere Wahl zu sein.

17.04.2020 15:19 • #6


Doch, ich/wir glauben dir, dass es dir am Anfang der Corona Krise besser ging. Mir geht es im Moment wie vor der Krise: Ich war davor einsam und jetzt auch. Also alles wie immer.

Soziale Kontakte: Da ich für Sportstudio, Theater etc. etc kein Geld habe, habe ich übers Netz versucht, neue Kontakte zu knüpfen. Und zwar eine lange Zeit. Hat nicht funktioniert.

Gedanken verbannen: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Man kann sich etwas angewöhnen, aber auch abgewöhnen. Vor vielen Jahren war es bei mir auch mal so, dass ich morgens schön mit negativen Gedanken wach geworden bin. So zog es sich den ganzen Tag, und bin dann mit negativen Gedanken eingeschlafen. Als Gläubige höre ich regelmäßig Predigten. Eines Tages sagte eine Predigerin:Du musst deine Gedanken nicht denken. Ich dachte:Hä? Was redest du da für einen Unsinn. Was kann ich für meine Gedanken? Die kommen und gehen wie sie wollen.

Sie hat es dann noch ein wenig erklärt, und so fing ich an, um zu denken. Ich wachte also wie immer mit negativen Gedanken auf, und dachte, nein ich will nicht negativ denken. Was denke ich denn jetzt bloß? Ok, ich stehe jetzt auf und gehe in die Küche. Ich koche jetzt Kaffee etc. etc. Danach duschen. Ich dachte bewußt jeden einzelnen Schritt: Ausziehen, Dusche steigen, nass machen, Haare waschen...

Und so ging das den ganzen Tag. Immer, wenn etwas negatives hoch kam habe ich mich bewußt dagegen entschieden, mich abgelenkt oder bewußt anderes gedacht. Das geht. Aber es dauert eine Weile, bis sich der Kopf daran gewöhnt hat. Umso länger man es macht, desto schneller verschwinden die negativen Gedanken.

Ich muss allerdings noch dazu sagen, dass wenn etwas unerwartetes negatives passiert, dass nicht gut klappt. Dann muss man das natürlich erst mal verarbeiten.

17.04.2020 15:25 • #7


Deine Zeilen berühren mich bis in die Tiefen meiner Seele und ebenso weit kann das Thema Einsamkeit ragen, wenngleich es in einer von Menschen befüllten Welt nahezu unverständlich scheint, allerdings in einem System wie diesem unumgänglich ist. Ihr bewegt euch - so ich oberflächlich sehen konnte - in einer ähnlichen bis gleichen Altersklasse und so hoffe ich, dass meine Meinung als nun noch 32 jährige Frau nicht unberücksichtigt bleibt. Mir sind deine Zustände durchaus bekannt. Der Blick aus dem Fenster gen glücklicher Familien und die immer fortwährende Frage nach dem was ist später? wie werde ich mir zu helfen wissen? was ist, wenn ich brauche, was nicht greifbar ist?. Um diese Gedanken nicht zu einem Wirbel um mich werden zu lassen, entdecke ich immer wieder neue Gefilde, entwickele meine Persönlichkeit weiter und übe mich in neuen Dingen, erlerne interessante Fähigkeiten und lerne es zu organisieren, was bereits vorhanden ist - ja, es auch zu schätzen. Vielleicht ist auch dies für dich eine Option, denn die Beschäftigung mit neuen Dingen geleitet deinen Fokus auf neue Themen und Gedanken. Wie schön es ist all dies zu erleben und wie triste, so man merkt, dass alles in dualer Zweisamkeit doch mehr Freude bereitet hätte. Hinter all unseren Schicksalen steckt - so glaube ich - ein tiefer Sinn. Es ist nicht an uns diesen zu ergründen. Vielmehr sollen wir mit ihm spielen und ihn auf unser Leben anwenden, mit ihm arbeiten und uns mithilfe von Schicksalen weiterentwickeln. Es mag etwas verstaubt und unerfahren klingen. Doch glaube mir, Schicksale sind mir durchaus bekannt:-). Außerdem wirst du nicht, so bin ich sicher, ein Leben lang in Einsamkeit verbringen. Allein dein Mut zur Darlegung deiner Situation zeigt, dass du aktiv nach Wegen suchst und dies ist nunmal der erste Schritt zur Veränderung. Behalte deinen Mut bei, deine schöne Seele, deren Farbe durch die Buchstaben schimmert und dein Du. So du möchtest, ich würde mich jedenfalls freuen, könnten wir einen Austausch starten. Deine Zeilen wirkten auf mich, sodass ich dich gerne kennen lernen würde.

17.04.2020 19:48 • x 1 #8


By_myself
@tuffie01 , Danke für Deine Zeit.
An Büchern habe ich mittlerweile auch eine ganze Bibliothek. Zuletzt wurde mir Das Kind in Dir muss Heimat finden empfohlen. Darin geht es um sogenannte Schattenkinder und Sonnenkinder. Demnach bin ich eindeutig ein Schattenkind - nun soll ich ein Sonnenkind werden. Dafür muss ein Teil der Kindheit aufgearbeitet werden, was eigentlich nicht wirklich meine liebste Beschäftigung ist. Das Kindsein liegt so lange zurück und ich denke, dass man auch irgendwann damit abgeschlossen haben muss. Ich habe das Buch erst einmal beiseite gelegt - aber nicht weit weg.
Zitat von tuffie 01:
Gegen das unabänderliche anzukämpfen ist wahrscheinlich ,sinnlos.
Wir können den Tod nicht verhindern .
Ich glaube das ist die Symptomatik dieser Krankheit.
Wir halten an Sicherheiten fest weil wir uns selber das Leben nicht zu trauen.
Ich habe gehört ,dass der Mensch viel stärker ist als er von sich denkt .

Ich kann sagen, dass ich gar nicht ankämpfe gegen das Unabänderliche. Es ist vielmehr ein unendliches Bedauern über all das, was verloren gegangen ist. Und ja, Du hast recht - auch diese verlorene Sicherheit macht mir Angst.

@calima,
wie schön, dass Du lachen konntest. Gott sei Dank habe auch ich meinen Humor nicht ganz verloren.
Zitat von Calima:
Ich weiß nicht, wie sportlich du bist, aber ich liebe Bouldehallen. Die Kletterei beschäftigt Kopf und Körper, man hat was zu gucken und kommt auch immer wieder mit Leuten ins Gespräch.

Upps, nein, kenne ich gar nicht. Da werde ich mich morgen einmal durchgoogeln. Danke für den Tipp.

@dore,
Zitat von Dore:
Sie hat es dann noch ein wenig erklärt, und so fing ich an, um zu denken. Ich wachte also wie immer mit negativen Gedanken auf, und dachte, nein ich will nicht negativ denken. Was denke ich denn jetzt bloß? Ok, ich stehe jetzt auf und gehe in die Küche. Ich koche jetzt Kaffee etc. etc. Danach duschen. Ich dachte bewußt jeden einzelnen Schritt: Ausziehen, Dusche steigen, nass machen, Haare waschen...

So,- damit kann ich etwas anfangen - Danke dafür. Das werde ich direkt morgen früh üben. Ich gebe Bescheid, wie es geklappt hat.

Liebes @travelinchen ,
danke auch Dir, dass Du Dir Zeit genommen hast und danke auch für Deine wirklich netten Zeilen.
Zitat von travelinchen:
Hinter all unseren Schicksalen steckt - so glaube ich - ein tiefer Sinn. Es ist nicht an uns diesen zu ergründen. Vielmehr sollen wir mit ihm spielen und ihn auf unser Leben anwenden, mit ihm arbeiten und uns mithilfe von Schicksalen weiterentwickeln.

Darüber habe ich etwas nachgedacht und mich auch an eine (ich glaube sogar biblische) Weisheit erinnert: Da wurden verschieden große und schwere Kreuze an die Jünger verteilt - am Ende bekam jeder genau das, was er tragen konnte.
Und ich sehe es genau wie Du als eine Art Schicksal an, das zu bewältigen, was einem zustößt.
Zum Beispiel war es wahrscheinlich besser, dass mein Mann mich vor vielen Jahren verlassen hat, als umgekehrt ich ihn. Er hätte es möglicherweise nicht so verkraftet. Als meine Schwester in jüngeren Jahren mit dem Auto tödlich verunglückte - wer hätte dieses schwere Kreuz tragen und in dieser Not noch handeln können? Ich war immer psychisch stark und ich denke, dass ich vieles bewältigt habe, und ich dachte auch, dass ich keinen großen Schaden genommen habe. Aber die Summe der Verluste, und dass nun gar kein lebendiger Mensch für mich übrig geblieben ist - daran verzweifle ich. Und einen Sinn kann ich (noch) nicht erkennen. Alles ist wie ein Kartenhaus in sich zusammen gebrochen. Und diese Angst, dieses innere Vibrieren ... Es macht mich verrückt und manchmal lege ich mich im Badezimmer auf die Fliesen, damit ich die Kälte, die mich umgibt, spüre.

17.04.2020 21:11 • x 1 #9


Perle
Hallo Ihr Lieben,

ich finde diesen thread sehr berührend und wollte einfach mal danke sagen an Euch alle, die Ihr diese in meinen Augen wertvollen, nachdenklichen und auch Mut machenden Beiträge geschrieben habt!

Wenn ich zu viel Angst vor der Einsamkeit bekomme, dann tröste ich mich, indem ich mir sage, dass ich doch nicht ganz alleine bin auf der Welt, denn ich habe ja immer noch mich selbst. Und dann nehme ich mich bildlich betrachtet einfach in den Arm.

LG Perle

17.04.2020 21:38 • x 3 #10


Hoffnungsblick
Hallo, ich glaube hier bin ich auch richtig.
Gehöre auch schon zu den älteren Semestern und setze mich mit der Frage auseinander, wie Einsamkeit im Alter zu bewältigen ist. Zwar lebe ich nicht alleine, trotzdem, jede Partnerschaft findet durch Trennung oder den Tod eines Partners ihr Ende. Also ist Einsamkeit ein Thema, dem sich jeder Mensch stellen muss.
Sie ist auch nicht auf das Alter bezogen.

Die zur Wahrheit wandern, wandern allein, keiner kann dem andern Wegbruder (-schwester ) sein... sagt Christian Morgenstern, wenn ich mich recht entsinne.

Wahrscheinlich macht die Einsamkeit schon Sinn.

Zitat von travelinchen:
Hinter all unseren Schicksalen steckt - so glaube ich - ein tiefer Sinn.


Ja, das meine ich, travelinchen. Das sagst du, obwohl du noch jung bist. Das mit der Einsamkeit ist also doch nicht nur ein Thema das Alters.

Zitat von travelinchen:
Es ist nicht an uns diesen zu ergründen.


Mir hilft es schon, diesen Sinn zu ergründen oder wenigstens, es zu versuchen.

Zitat von travelinchen:
Allein dein Mut zur Darlegung deiner Situation zeigt, dass du aktiv nach Wegen suchst und dies ist nunmal der erste Schritt zur Veränderung.


Das empfinde ich auch so, dass du schon begonnen hast, deine Einsamkeit zu überwinden.

Zitat von By_myself:
Dann habe ich mich einmal zum Yoga angemeldet. 10-er Runde, alle stellen sich vor. Der erste: ich habe nur noch eine halbe Lunge, der zweite: gerade einen Herzinfarkt überstanden . Oh Gott, - als ich an der Reihe war, habe ich mich fast dafür geschämt, einigermaßen gesund zu sein. Es blieb dann bei der einen Stunde.


Das kann ich einerseits nachvollziehen. Aber andererseits, mein Gott, ja, wir sind eben alt und nicht mehr so frisch, sorry. Die anderen auch nicht.
Bei mir habe ich festgestellt, dass es mir mehr hilft, einfach ein offenes Ohr für Menschen zu haben, auf die ich treffe. Manchmal muss ich mir dann endlose Krankheitsgeschichten anhören. Aber ich kann mich mit dem betreffenden Menschen auf einer inneren Ebene verbunden fühlen.
Auch mir bleibt es nicht erspart, mich nach Positivem auszurichten. Für mich ist es -trotzdem- neben kulturellen Aktivitäten, auch Yoga, mit allem, was dazugehört. Es hilft mir sehr. Auch Gedankenbeobachtung, wie Dore es beschreibt:

Zitat von Dore:
Umso länger man es macht, desto schneller verschwinden die negativen Gedanken.


Ja, das hilft mir auch. Dann bin ich meinen eigenen Deutungen und Wertungen meiner unwillkürlichen Gedanken nicht so ausgeliefert.

Letztlich muss jede selbst herausfinden, was ihr hilft oder gut tut.

Mir hilft auch, mich der Einsamkeit zu stellen in der Meditation. Hier bin ich vollkommen mit mir alleine. Immer wieder spüre ich dann , dass ich mich selbst gar nicht genug kenne. Aber genau das wäre interessant...

Trotzdem brauche ich auch Kontakte zu anderen Menschen. Hab zwar auch viiele Bücher, ja, und ich liebe und schätze sie. Aber letztlich ersetzen sie reale, lebende Menschen doch nur teilweise.

18.04.2020 15:41 • #11


By_myself
Zitat von Hoffnungsblick:
Mir hilft auch, mich der Einsamkeit zu stellen in der Meditation. Hier bin ich vollkommen mit mir alleine. Immer wieder spüre ich dann , dass ich mich selbst gar nicht genug kenne. Aber genau das wäre interessant...

Trotzdem brauche ich auch Kontakte zu anderen Menschen. Hab zwar auch viiele Bücher, ja, und ich liebe und schätze sie. Aber letztlich ersetzen sie reale, lebende Menschen doch nur teilweise.

Alleinsein ist vielfach gut. Es ist eine Gelegenheit, nachzudenken oder etwas zu überdenken. Man kann zu sich finden oder etwas ungestört tun. Man kann sich etwas in Ruhe ansehen oder für sich ein Lied singen.
Einsam ist man, wenn man all das längst oft genug getan hat und die Zeit größer ist als die, die man braucht. Einsamkeit ist unangenehm und schmerzt.
Sicher kann man auch in jüngeren Jahren einsam sein. Aber mit zunehmendem Alter wird natürlicherweise die Anzahl der Menschen im Umfeld geringer,- erst recht, wenn man z.B. keine Kinder hat. Dann sterben Familienmitglieder und Freunde um einen herum. Der Kreis wird kleiner und wenn man Pech hat, kennt man nur noch die nette Dame in der Apotheke um die Ecke.

Es ist leichter gesagt als getan,- sich z.B. einer Wandergruppe anzuschließen oder zur Gymnastik zu gehen und es zum 100sten Male zu versuchen, Kontakte zu knüpfen Wenn es nicht gelingt, gibt man irgendwann auf. Aber warum gelingt es nicht?
Vielleicht weil man zu sehr weiß, was man mag und will. Und wenn man etwas nicht mag, so ist einem weniger davon lieber.

Zitat von Hoffnungsblick:
Bei mir habe ich festgestellt, dass es mir mehr hilft, einfach ein offenes Ohr für Menschen zu haben, auf die ich treffe. Manchmal muss ich mir dann endlose Krankheitsgeschichten anhören. Aber ich kann mich mit dem betreffenden Menschen auf einer inneren Ebene verbunden fühlen.

Nein, das Anhören dieser Geschichten tut mir nicht gut. Nicht, weil es mich nicht interessiert, ich nicht aufgeschlossen anderen gegenüber bin. Es tut mir nicht gut, weil ich viel zu empathisch bin, weil ich mich zu sehr der Betroffenen annehme; es belastet mich sehr. Manchmal passiert es, dass ich ähnliche Symptome entwickle, wie die, die diese Menschen beschreiben. Ich habe schreckliche Dinge im Zusammenhang mit Krankheiten meiner Eltern erlebt - und ich bin froh, dass ich nicht mehr jeden Tag daran denken muss.

22.04.2020 07:28 • x 1 #12


Hoffnungsblick
Hallo By myself,

danke für deine Antworten.

Zitat von By_myself:
Vielleicht weil man zu sehr weiß, was man mag und will


Darüber habe ich für mich auch schon nachgedacht. Wenn man älter ist, hat man oft feste Ansichten und durch das Leben gewachsene Meinungen, Verhaltensweisen etc. Man weiß, was man will und was einem gut tut. Andererseits ist man dann vielleicht weniger offen für Ungewöhnliches oder das, was man nicht kennt . Kinder dagegen sind so unbeschwert und reichen jedem die Hand (leider grad auch nicht möglich).

Zitat von By_myself:
Und wenn man etwas nicht mag, so ist einem weniger davon lieber.



Ja, das ist vielleicht auch ein Grund, warum man im Alter manchmal eher alleine ist. Nur ins Blaue rein plaudern bringt nicht jedem etwas. Manche empfinden es als Zeitverschwendung.


Zitat von By_myself:
Es tut mir nicht gut, weil ich viel zu empathisch bin, weil ich mich zu sehr der Betroffenen annehme; es belastet mich sehr. Manchmal passiert es, dass ich ähnliche Symptome entwickle, wie die, die diese Menschen beschreiben. I


Das verstehe ich. Wenn du sehr sensibel bist, kann dir das passieren. Habe das auch schon erlebt.
Andererseits ist es jetzt aber doch manchmal so, dass ich mir bewusst solche Krankheitsgeschichten anhöre. Zwar nicht endlos und mit innerer Distanz. Das heißt, ich sage mir: Diesen Menschen bewegt das jetzt. Ich höre einfach nur zu.
Wenn ich das bewusst tue und nicht alles bestätige, gelegentlich auch mal eine andere Sichtweise einbringe, dann kann es passieren, dass die Krankheit auch mal weniger wichtig wird im Laufe des Gespräches, weil es ja eigentlich um den Menschen dahinter geht. Gerade jetzt im Alter sind das eben auch Themen, denen man sich stellen muss.
Trotzdem ist es natürlich gesünder, wenn sich die Themen um positive Dinge handeln.

Alles Gute und liebe Grüße

23.04.2020 15:57 • #13



x 4




Auch interessant

Hits

Antworten

Letzter Beitrag


Mira Weyer