Hallo liebe Chaosdenkerin,
vielen, vielen Dank für Deine lange und sehr schön geschriebene Antwort!
Ich empfinde Deine Ansicht, bzw. Zustimmung nicht als Freifahrtschein um aufgeben zu können, es ist aber einfach schön, wenn einen jemand versteht und nicht direkt die "Hör auf zu jammern Keule" schwingt.
Unter anderem wurde ich zuvor gefragt, warum ich in meinem gerlernten Beruf nicht arbeiten kann und warum ich diesen dann überhaupt erlernt habe..
Ich bin Sozialpädagoge mit Sozialphobie.
Die Gründe für die Angststörung werde ich aus einem Beitrag von mir hierher kopieren, auch wenn der Text somit wieder unverschämt lang wird:
Kurz zu meiner Person: Ich bin 35 Jahre alt, leide seit der 2. Klasse (seit 28 Jahren) unter einer Sozialphobie, habe dennoch von 2003-2008 Soziale Arbeit studiert und versuche nun, 8 Jahre später meine staatliche Anerkennung zu bekommen. Seit 17 Jahren bin ich in Therapie. Am 02.06.2014 begab ich mich in eine Entgiftung (Alk.) und bin seitdem trocken ohne Rückfall.
Meine Geschichte in Stichworten und kurzen Sätzen: Aufgewachsen mit 3 Brüdern, Vater Alk., Mutter liebend und fürsorglich.
Ich habe wirklich starkes ADS, richtiges ADS (Kindheit: eigenen Haare ausreißen, Selbstverletzung, Feuer legen, stark hyperaktiv...).
Seit dem Kindergarten wurde ich ausgeschlossen und gedemütigt.
Kurz: Hatte ein Kind Geburtstag und verteilte Süßigkeiten in der Schule, blieb mein Tisch immer leer.
Niemand lud mich zu sich ein, keinerlei Freunde außer meiner Mama, die anderen Kinder versteckten sich vor mir im Dorf. Ließ ich mich nicht abschütteln wurde ich bespuckt und geschlagen.
Hodenhochstand erst mit 12 Jahren operativ behoben. Folglich extreme Entwicklungsverzögerung. Während alle anderen in die Pubertät kamen und sich veränderten tat sich bei mir nichts... (Stimmbruch erst mit 20!, Bartwuchs mit 25, inzwischen normal entwickelt).
Aber der 5. Klasse wurde ich gepeinigt, gedemütigt und missbraucht (ich musste in der Schule tote Mäuse essen, durfte nur reden wenn es mir erlaubt wurde, durfte nicht lächeln und musste mir auf Knien in den Mund spucken lassen), nur um einen Bruchteil von dem zu nennen, was mir angetan wurde.
Auf Grund des nicht behandelten ADS´musste ich das Gymnasium bereits nach dem 1. Halbjahr von Klasse 7 verlassen. Dank meiner überdurchschnittlichen Intelligenz konnte ich auf der Realschule einigermaßen mithalten. Mobbing ging auch dort weiter. Ausgrenzung, Demütigung, Erpressung...
Realschule abgeschlossen, 4 Ausbildungen begonnen, immer entlassen.
Dann Fachoberschule Sozialwesen, erstmals kein Mobbing.
Dennoch auf Grund meiner bis dahin entwickelten, starken Sozialphobie und ADS nicht abgeschlossen.
Mit 18 Jahren erster Arztbesuch bezüglich meiner Probleme.
Therapeutin vermittelt bekommen und Ritalin. Durch das Ritalin konnte ich fortan meiner Intelligenz entsprechend handeln und Leistung bringen. Ich holte mein Abitur (1,7) nach und begann anschließend das Studium und schloss auch dieses erfolgreich ab (1,0 Diplomarbeit).
Das Ritalin erlöste mich von den starken Symptomen des ADS´, konnte aber natürlich meine Vergangenheit, meine Seele und meine Angsstörung nicht heilen.
Das Studium schaffte ich nur, weil ich alles was irgendwie ging schriftlich machte und vor Pflichtreferaten getrunken habe. Während der letzten 3 Semester musste ich Vollzeit Nachtschicht arbeiten um leben und studieren zu können. 2005 fing ich an regelmäßig nach der Schicht mit den Kollegen zu trinken. Innerhalb von 12-18 Monaten entwickelte ich eine Alk.. Zum Schluss minimum 6 Liter B. täglich. Nach dem Studium hielt mich meine Unsicherheit, mein nicht vorhandenes Selbstwertgefühl und die Alk. von dem Versuch ab, die Soziale Arbeit zu meinem Beruf zu machen.
Vor also fast genau 24 Monaten machte ich dann den Entzug und anschließend eine Langzeittherapie bezüglich meiner Sozialphobie.
Mitte 2015 begann ich dann mit den Bewerbungen, vielen Bewerbungen, richtig vielen Bewerbungen...
Denn wer stellt einen 35 Jährigen für das Berufspraktikum ein, wenn es hunderte junge und frisch Studierte gibt?!
Ich will garnicht groß erzählen, wie es dazu gekommen ist, dass mir ein Träger eine Chance gegeben hat, kurz, es waren Zufälle, Fügungen und sehr viel Glück.
Nun noch kurz zu den Symptomen meine sozialen Angststörung: Ich halte mich mit Superlativen eher zurück, aber hier geht es nicht anders: EXTREMES Schwitzen. Meine Kleidung ist Schwimmbadnass (darin steckt das Wort badass, haha), es läuft mir in Bächen von der Stirn über das Gesicht und von allen 10 Fingerkuppen tropft es, so das sich am boden Pfützen bilden. Nichts hat geholfen, nichtmal Spritzen oder hochdosiert Vagantin.
Darüber hinaus erröte ich, bekomme eine zittrige Stimme, Kloß im Hals, immer am Rande zum Weinen, Wortfindungsstörungen und einiges mehr.
Jetzt zu meinem Problem: Ich habe vom Kindergarten an nichts anderes als Ablehnung und seelische Gewalt erfahren, mir wurde bei allen Versuchen beruflich fuß zu fassen immer und wirklich immer gesagt, dass ich nicht dazupasse, schlecht bin, mich verhalte wie ein Kind, den falschen Job gewählt habe...Wirklich überall bin ich rausgeflogen, abgesehen von der Nachtschicht-Bandarbeit, denn da war mein Hirn und mein Verhalten relativ egal, solange ich 9 Stunden jede Nacht Kartons befüllte...
Um die Stelle als Berufspraktikant antreten zu können, sollte ich vorher ein Praktikum machen, um zu zeigen was ich kann und wie belastbar ich bin.
Dieses Praktikum lief 12 Wochen und endete gestern mit einem Abschlussgespräch.
Trotz schlimmster Symptome, wieder auftretendem Suchtdruck und aller Ängste, habe ich diese 12 Wochen durchgezogen und ich dachte wirklich, ich dachte tatsächlich, dass ich es geschafft habe!
Lange Rede, garkein Sinn:
Ich bin auch dort rausgeflogen und weiß nun definitiv, Soziale Arbeit geht für mich einfach nicht.
Diesbezüglich kommt jetzt der Satz von Dir:
"Jedes Scheitern hat aber einen Grund und was, wenn man den eben doch in jeden Neuanfang mitnimmt?"
Schöne Worte sind nicht wahr und wahre Worte sind nicht schön!
Denn genau so sieht es nämlich aus. Meine Geschichte wird mich immer wieder scheitern lassen, solange es den sozialen Bereich betrifft.
Warum ich das trotzdem studiert habe?
Weil ich verzeihen wollte, weil ich selbst heilen wollte, weil ich sehr betroffen bin, wenn es Menschen wirklich schlecht geht und ich helfen wollte...
Auf Grund eines sehr hilfreichen Klinikaufenthaltes, kann ich nun zwischenmensch einigermaßen bestehen und ein eher sachlicher Job würde vermutlich funktionieren.
Da ich mich schon immer für Naturwissenschaften interessiert habe, versuche ich nun mit allem was ich habe, für 2017 eine Ausbildung zum Chemielaboranten zu ergattern.
Ich weiß, dass die Chancen sehr schlecht sind und es viele andere Berufe gibt, in denen es leichter wäre.
Und sollte es trotz aller Bemühungen nicht klappen, werde ich auch in anderen Bereichen suchen.
Aber schön im Labor mit 5-10 Kollegen, dass könnte echt gehen. Oder, und das wäre echt sehr sehr gut, Probennehmer!
Mit nem klimatisierten Auto jeden Tag 10 Stunden unterwegs und alle 1-3 Stunden eine Probenentnahme und abends in der Firma die Ergebnisse eintragen und am nächsten Morgen besprechen und wieder los...
Ich bin nicht faul, ganz und garnicht, aber als Probennehmer ist man viel unterwegs und das liebe ich einfach, ich liebe es im "geschützen" Auto die Welt zu genießen

So, nu aber echt genuch, wobei ja niemand gezwungen wird es zu lesen
Liebe Grüße
Moz