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Shelby
Ich möchte auch allen gerne das Fach-Buch Risiken und Nebenwirkungen von Psychotherapie empfehlen, mir hat es sehr viel gebracht. Ihr könnt es leicht über Google finden.

Das Thema ist ein recht neues, denn bisher hat sich die Zunft der Therapeuten als recht unfehlbar gesehen, die Ärzte sehen sich ja nach wie vor gerne so. Zum ersten man hat man aber nun empirisch darüber geforscht und dabei ist einiges rausgekommen, wenn man so will.

Dem einen oder anderen könnte das Buch zumindest teilweise die Frage beantworten warum man mit seinen Therapien gescheitert ist oder sie teilweise sogar als schädlich erlebt hat. Man sucht ja doch meist die Schuld bei sich selbst, auch das Umfeld kann an ein Versagen des Systems nicht glauben und schiebt den schwarzen Peter den Betroffenen zu.

Auch räumt das Buch mit einigen Irrtümern auf die es über Psychotherapie so gibt. Ich finde dass es dabei helfen kann dass man einen realistischen Erwartungs Horizont bekommt über das was Therapie leisten kann und was nicht. Und welchen Preis man u.U. dafür bezahlen muss.

Laut diesem Buch sollte man einige Dinge vor einer Therapie beachten:

- keine Therapie ohne Risiken und Nebenwirkungen. Darauf muss der Therapeut vorab hinweisen und der Klient muss sich damit einverstanden erklären.

- Darüber hinaus sind Fehl- und Falsch Behandlungen in der Psychotherapie nicht die seltene Ausnahme sondern die Regel. Man staunt nicht schlecht, aber so steht es da dem Sinne nach geschrieben. Da selber gilt für Fehldiagnosen. Gehört schlicht zur Normalität und ist eben keine seltene Ausnahme.

- Eine Therapie muss relativ streng nach Schema durchgeführt werden, denn nur dann ist sie wissenschaftlich gesehen wirksam. Dazu gehören viele kleine Dinge die in der Praxis gerne unter den Tisch fallen. Beispiel ist eine ausführlich Anamnese und Diagnosestellung, das kann ein bis zwei Stunden dauern. Wer hat das schon mal real erlebt? Man kennt das eher so im Rahmen 5 bis 10 Minuten, denke ich.

- Die Quote an Fällen in denn es zu negativen Effekten für den Klienten kommt lässt sich schwer erfassen, aber sie ist nicht grade belanglos und die mutmaßliche Dunkelziffer soll sehr hoch sein. Noch immer sind Ärzte und Therapeuten im allgemeine nicht gewillt sich kritischen Kontrollen zu unterziehen, schon gar nicht auf Kritik vom Klienten selbst einzugehen. Ablocken um jeden Preis ist die allgemeine Devise.

- Psychotherapie kann normalerweise nicht heilen, dazu ist sie nicht gedacht. Sie soll helfen mit dem was ist gut umgehen zu lernen, gut damit zu leben. Dazu muss es aber auch die richtige Therapie Form sein. Nicht irgendeine Therapie. Und sie muss regelkonform und konsequent angewendet werden. Nicht irgendwie wird schon gehen.

Dennoch ist Therapie wenn richtig angewendet natürlich der Gold Standard zur Behandlung von psychisch kranken Menschen oder Menschen in akuten und schweren Krisen. Das Problem liegt einfach in der praktischen Umsetzung der Therapie Person und ihrer Qualifikation und Motivation. Wenns also auch längere Zeit über nicht gut läuft, dann sollte man nicht automatisch den Fehler immer nur bei sich selbst suchen.

Man sollte aber auch nicht automatisch immer dem Therapeuten die Schuld geben, auch das kommt ja vor. Wer den Mund nicht aufmacht und nicht aktiv mitarbeitet, dem kann auch die beste Therapie nicht helfen. Man sollte einfach sehen dass hier zwei Menschen an der selben Sache zusammenarbeiten, der Klient und der Therapeut. Wobei der der die Therapie macht, immer der Klient sein muss. Der Therapeut hilft nur dabei. Ist die Therapie erfolgreich, dann hat man das selbst geschafft, das hat nicht der Therapeut für einen getan. Das ist das Prinzip von Psychotherapie, man macht sie selbst.

Den Rahmen dafür - und das ist sehr wichtig - den muss der Therapeut vorgeben und begleiten und zwar fachlich versiert und professionell. Er wendet ja wissenschaftlich anerkannte Methoden an und die wirken nur, wenn man sie fachlich korrekt und kompetent anwendet.

Eine Diskussion über das Thema hat hier natürlich auch Raum, so ein Buch ist ja nicht die Bibel und man kann manches darin sicher auch anders sehen. Da es aber ein anerkanntes Fachbuch ist, gedacht im Grunde für die Therapeuten selbst und NICHT als Selbsthilfebuch für Patienten, gehe ich davon aus dass das Buch aktueller und seriöser nicht sein könnte. Wenn auch die Aussagen darin manches mal verstörend wirken können, zumindest sofern man sie nicht im richtigen Kontext sieht.

Grüßle

PS: Bei Medikamenten kennt man es ja, dass die Wirksamkeit oft schwer zu berechnen ist und die Nebenwirkungen dafür um so sicherer kommen werden, ich denke da an Anti Depressiva. Sogar die vollkommen Sinnlosigkeit dieser Medikamente wird mitunter behauptet, dennoch werden sie standardmäßig eingesetzt und nicht wenige Menschen - auch ich - schwören drauf. Versuch und Irrtum ist die Methode wie Psychiater diese Medikamente meist einsetzen. Das sagen sie auch ganz offen.

18.11.2022 18:43 • 28.11.2022 x 7 #1


177 Antworten ↓


Ronald47
Bei uns in Österreich dauert die Psychotherapie Ausbildung ca. 6 Jahre; aber dennoch gibt es schwarze Schafe, die sich irgendwie durchgewurschelt haben und die Prüfungen geschafft haben; Psychotherapie kann auch Schäden anrichten durch unfähige, schlecht ausgebildete oder narzistische Therapeuten.

18.11.2022 19:14 • x 3 #2



Risiken und Nebenwirkungen von Psychotherapie - Diskussion

x 3


Shelby
Wichtig finde ich dass nun endlich die Zunft selbst an die Sache herangeht und sich mit dem Thema auseinandersetzt, dass das Thema systematisch erforscht wird. Wie es ja in der Pharma Welt auch üblich ist.

Psychotherapie entwickelt sich laufend weiter und was vor 25 Jahren top aktuell war ist heute z.T. ein alter Hut, längst hinterfragt und widerlegt. Diagnosen ändern sich, Verfahren ändern sich, Grundannahmen ändern sich. Insgesamt sehe ich eine positive Entwicklung hin zur Klient Zentrierung und praktischen Lebenshilfe, weg vom ewigen Analysieren und auch weg von den Konfrontations-Strategien, wo man den Klienten ständig mit sich selbst als das Problem konfrontiert, was so in de Realität nicht sein kann. Man lebt ja in einer Welt und die hat einen geformt und geprägt. Das tut sie sogar gerade jetzt, in jedem Augenblick.

Bei den Sozialpädagogen nennt man das Lebenswelt Orientierung. Man kann eine Person ohne die Welt in der sie lebt nicht richtig wahrnehmen und beurteilen. Und man kann nicht helfen wenn man diese Welt um die Person herum nicht akzeptiert, sondern einfach ignoriert. Ignoranz ist ein ganz großes Problem.

Überhaupt sollte das Helfen im Vordergrund stehen und nicht das zwangsweise Erreichen vorab festgelegter Ziele. Was will der Klient erreichen (und warum) und was will er nicht? Oder muss der Klient erst mal lernen etwas zu wollen, herausfinden was er will? Ist das das erste Ziel der Therapie? Moderne Therapie sollte ergebnissoffen sein und sie sollte locker mit Fehlern und Irrtümern auf beiden Seiten umgehen. Man macht sich auf den Weg und weiß noch nicht wohin, da müssen Fehler passieren, sie können sogar dazu beitragen dass man den richtigen Weg findet.

18.11.2022 20:53 • x 2 #3


silverleaf
Ich finde das Thema sehr interessant.

Persönlich habe ich ja schon so einiges an Therapieerfahrung (ambulant und stationär, verschiedene Verfahren und Methoden) und im Laufe der Jahre so einiges erlebt auf dieser therapeutischen Reise.

Es ist ein komplexes Thema, welches differenziert betrachtet werden muss und sehr viele Variablen hat, denke ich.

Ganz grundlegend kann ich aus persönlicher Erfahrung bestätigen, was viele Studien ergeben haben:
Das therapeutische Verhältnis zwischen Patient und Therapeut ist eine der ganz wesentlichen Variablen, die über das Gelingen oder Scheitern von Therapien entscheiden.

Mir sind schon alle möglichen Patient-Therapeut-Konstellationen begegnet, entweder habe ich sie selber persönlich erlebt oder bei Mitpatienten beobachtet, und aus diesen Beobachtungen würde ich sagen: Ob Therapie mehr nützt oder mehr schadet hängt von vielen Faktoren ab.

Ganz wichtig ist: Beide Seiten, sowohl Therapeut als auch Patient, müssen ihren Teil beitragen und Verantwortung übernehmen.

Der ganz entscheidende Faktor ist für mich: Sowohl der Therapeut als auch der Patient müssen sich darüber im Klaren sein, dass die Genesung/symptomatische Verbesserung über den Weg Hilfe zur Selbsthilfe erfolgt. Nicht der Therapeut heilt den Patienten, der Patient heilt sich selber, der Therapeut leistet nur Hilfestellung, und die eigentliche Arbeit muss der Patient leisten.
Das klingt banal, aber das ist ein ganz wesentliches Kriterium, an dem ich schon sehr, sehr viele Therapien habe scheitern sehen, und zwar von beiden Seiten: zum einen zu sehr von sich überzeugt Therapeuten, die glauben, sie könnten den Patienten heilen (was sie nicht können), zum anderen aber auch Patienten, die der Meinung sind, der Therapeut würde sie heilen (was er nicht tut) und sie könnten sich dem Prozess passiv hingeben.

Der Therapeut kann Gedankenanstöße geben, die hoffentlich richtigen Fragen stellen, um im Kopf des Patienten Veränderungsimpulse zu initiieren, aber die eigentliche Veränderungs-Arbeit leistet der Patient/ muss der Patient leisten.
Und: Therapeuten sind Menschen, sie haben keine magischen Fähigkeiten und auch keine Diagnose-Stecker, die sie an die Köpfe ihrer Patienten wie bei Autos anstöpseln und auslesen können, und sie können auch keine Labor- oder Blutwerte zu rate ziehen. Sie sind darauf angewiesen, dass der Patient ihnen für eine zutreffende Diagnose die notwendigen und relevanten Informationen zur Verfügung stellt. Und das geht oftmals leider nicht so schnell und braucht vor allem eines: Zeit. Und die ist leider oftmals Mangelware. Aber eine gut abgesicherte Diagnose ist auch nicht in ein paar wenigen Stunden zu stellen, das dauert Wochen, Monate oder sogar Jahre. Denn gerade zu beginn eines therapeutischen Prozesses kann der Patient oftmals auch noch gar nicht abschätzen, welche informationen überhaupt von Relevanz sind, und bei vielen Patienten dauert es ja auch einige Zeit, bis sie sich überhaupt öffnen können.

Darum sind ja aber auch die Diagnosen, aufgrund derer Therapien beantragt werden, erstmal nur Verdachts-Diagnosen, die dann im Laufe der Therapie weiter abgeklärt und ggf. verändert werden sollten.
Diagnosen sind Arbeitsgrundlagen, aufgrund derer der Therapeut einen Behandlungsplan erstellt. Nicht mehr, nicht weniger.
Und psychische Diagnosen bündeln verschiedene Symptome zu einer (oder mehrerer) Arbeitsgrundlagen.
Darum gibt es hier auch oftmals Differenzen und Abweichungen, da die Gewichtung und Bündelung der relevanten Symptome von verschiedenen Therapeuten unterschiedlich beurteilt wird.

Und auch beim Thema Diagnostik habe ich schon von beiden Seiten, Patient und Therapeut, ungünstige Verhaltensweisen erlebt: Therapeuten, die zu autoritär, von sich überzeugt und von oben herab auftreten, aber auch Patienten, die sich zu passiv verhalten, nicht wirklich in den Dialog mit dem Therapeuten eintreten oder so tun, als sei die gestellte Diagnose in Stein gemeißelt und von etwas Objektivem (wie einem Blut- oder Röntgenbild) bestätigt worden, was ja nicht der Fall ist.

Für mich persönlich kann ich sagen, dass ich bislang hauptsächlich auf Therapeuten getroffen bin, die gleich zu Anfang sehr auf die Risiken und Nebenwirkungen hingewiesen haben und ich das auch unterschreiben musste.
Und ich hatte auch hauptsächlich Therapeuten, die ihr Menschsein immer sehr betont haben, um gleich von vornherein zu vermeiden, dass der Patient zu überhöhte Erwartungen an den Therapeuten hat.
(Wobei auch das zwei Seiten hat: Es gibt auch Therapeuten, die sich viel zu sehr darauf zurückziehen, selber keinerlei Verantwortung übernehmen (was auch nicht geht) und die volle Verantwortung uneingeschränkt beim Patienten lassen.)

Man darf aber meiner Meinung nach auch nicht außer Acht lassen: Es gibt nicht wenige Krankheitsbilder, bei denen die Patienten zu einer Idealisierung ihres Therapeuten neigen und die Verantwortung für ihren therapeutischen Fortschritt wirklich gerne in dessen Hände legen und die notwendige Eigenverantwortung gerne an den Therapeuten abgeben, sich in eine kindliche Rolle begeben und von der Therapie erwarten, dass sie jetzt (wie in einer Eltern-Kind-Beziehung) erstmal von jeder Eigenverantwortung entbunden sind. Auch das ist keine förderliche Haltung und endet selten in einem gesundheitsförderlichen Therapeut-Patient-Verhältnis.

Zusammenfassend:
Wenn beide Seiten, sowohl Therapeut als auch Patient, sich ihrer Aufgaben und Verantwortungsbereiche bewusst sind, beide aktiv und verantwortungsbewusst an dem Prozess mitarbeiten, sind das die besten Voraussetzungen für eine förderliche Therapie.
Dafür darf das Ego des Therapeuten nicht zu groß sein und der Patient muss von vornherein akzeptieren, dass er seine Eigenverantwortung für den therapeutischen Prozess nicht an den Therapeuten abgeben kann, auch wenn er sich das vielleicht wünscht.

Und in diesem Spannungsfeld gibt es unendlich viele verschiedene Patient-Therapeut-Konstellationen. Einige sind hilfreich und förderlich, andere nicht.

Gerade zu Beginn eines therapeutischen Prozesses ist es natürlich (gerade für den unerfahrenen) Patienten schwierig, einzuschätzen, ob der gewählte oder zugewiesene Therapeut einem helfen kann oder nicht.
Den therapeutischen Prozess mit offenen Augen, einem wachem Geist und dem Bewusstsein für die Eigenverantwortung des Patienten zu beobachten und immer wieder neu zu evaluieren, ist meiner Meinung nach das, was der Patient beitragen kann und beitragen sollte. Und hoffentlich gerät man an einen Therapeuten, der das auch tut.

Und es gibt auch die Fälle, wo bei bestem Bemühen und vorhandener Kompetenz auf beiden Seiten die Konstellation Therapeut-Patient trotzdem nicht funktioniert. Dann sollte man den Mut aufbringen, den Therapeuten zu wechseln.

Denn, wie oben schon erwähnt, belegen Studien ja immer wieder: Die therapeutische Beziehung zwischen Therapeut und Klient ist ein ganz wesentlicher Faktor für das Gelingen oder Scheitern von Therapie.
Es ist eine zwischenmenschliche Interaktion zwischen zwei Menschen, denn das bleiben sowohl der Patient als auch der Therapeut immer: Menschen. Natürlich hat der Therapeut eine professionelle Rolle und muss diese auch ausfüllen, aber auch bei der allerbesten Ausbildung passt trotzdem die Chemie zwischen zwei Menschen manchmal einfach nicht, und in Therapie ist mMn diese Chemie noch wichtiger als in anderen ärztlichen Beziehungen.

LG Silver

18.11.2022 22:24 • x 6 #4


Mir wurde auch immer vorab ganz klar kommuniziert, worin auch die „Nebenwirkungen“ einer Therapie liegen können. Wobei ich diese nie als solche gesehen habe, denn anders als bei Medikamenten, fand ich die „unguten“ Parts, die ich nicht selten empfunden habe, eigentlich als Wirkung. Es ist ja auch zumindest für mich, also meiner Meinung nach, das einzige was ich durch die Therapie erfahren kann, das zu reflektieren, was die Therapie mit mir macht. Natürlich muss der Therapeut aber erkennen, wie sich die gemeinsame Zeit bei mir auswirkt und dazu braucht er die nötige Empathie.
Eines ist mir aber im Laufe der Jahre sehr bewusst geworden. Ich muss meine BehandlerInnen nicht vor dem schützen, was mit mir ist. Das habe ich anfangs aber irgendwie getan und viel Zeit dadurch verschwendet, in der ich an meinen Problemen hätte arbeiten können. Ich habe schlichtweg nicht darüber geredet, worüber ich ja mit anderen auch nicht rede. Es dauerte eine Zeit, bis ich, so sehe ich es mittlerweile, mir sagen konnte „hey, der wird dafür bezahlt, sich deinen Sch.eiß anzuhören und wird dir nur helfen können, wenn er weiß was Sache ist“. Warum ich etwas, dass ja jeder „normale“ hinbekommt, nicht hinbekomme.
Solche Informationen habe ich früher immer für mich behalten, weil ich ja dafür Schelte erwartet habe, in Form von Aussagen wie „Sie müssen es halt wollen und sich anstrengen“. Tatsächlich habe ich sowas aber nie gesagt bekommen, oder in dieser Deutlichkeit wahrgenommen. Erstrecht nicht, seit ich offen kommuniziere. Eher das Gegenteil ist der Fall, dann wurde dahin geswitcht, worin mein nicht können Problem liegt. Also unter Umständen auch erstmal fünf Schritte zurück, statt der natürlich gewünschten Schritt für Schritt nach vorne gerichteten Bewegung.
Erstaunlicherweise konnte ich da oft eine vorhandene Empathie meines Gegenübers erkennen, die mir vorher nicht gewiss war. Aber vielleicht hatte ich auch nur Glück mit meinen Behandlerinnen.

19.11.2022 10:59 • x 3 #5


Shelby
Ja, das hatte ich gar nicht erwähnt - die Beziehung zw. Therapeut und Klient. Laut dem Buch ist das sogar wichtiger als die angewendete Methode.

Bei mir war das ganz gut ersichtlich als ich das erste mal in einer Klinik war und nach 4 Wochen einen orgiastischen Wechsel des Psychologen und Bezugs Therapeuten hatte. Das war ein ganz anderer Typ Mensch der auch ganz anderes mit mir umgegangen ist. Das hat einfach gepasst, wogegen der erste Psychologe überwiegend ein Schreckgespenst für mich war.

Für mich muss das menschliche, die Chemie, immer passen egal um was es geht. Das gilt auch für den Hausarzt oder Zahnarzt ect. Ich bin das sehr sensibel - oder auch anspruchsvoll, wie mans nimmt.

19.11.2022 11:43 • x 1 #6


Zitat von Shelby:
Für mich muss das menschliche, die Chemie, immer passen egal um was es geht. Das gilt auch für den Hausarzt oder Zahnarzt ect. Ich bin das sehr sensibel - oder auch anspruchsvoll, wie mans nimmt.

Das ist bei mir anders. Meine Hausärztin galt (nach Bewertungen und nicht zu unrecht) als unsensibel und nicht mitfühlend. Andererseits nahmen viele eine lange Anfahrt zu ihrer Praxis in Kauf, weil sich mit ihren Behandlungserfolgen einen Namen gemacht hatte. Leider ist sie nun in Rente.

19.11.2022 11:53 • x 1 #7


Zitat von Shelby:
Für mich muss das menschliche, die Chemie, immer passen egal um was es geht. Das gilt auch für den Hausarzt oder Zahnarzt ect. Ich bin das sehr sensibel - oder auch anspruchsvoll, wie mans nimmt.

Zweifelsfrei habe ich auch diesen Anspruch, dass die Chemie stimmen soll. Gerade bei Ärzten ist es für mich wichtig, dass diese aber auch direkt wissen, mit wem Sie es zu tun haben. Schroffe ÄrztInnen sehen mich da auch eher selten ein weiteres mal, wenn Sie denken, dass sie mich stetig belehren müssten oder abwertend als unmündigen Patienten betrachten würden. Aber mir ist klar, dass ich Ihnen auch die nötigen Infos geben muss, damit sie mich menschlich richtig einschätzen. Das sie fachlich Ihr bestes geben sollten oder mich informieren, dass Sie der Sache nicht „gewachsen“ sind, ist für mich obligatorisch.
War mal bei meinem angestammten Orthopäden und der hatte sich auch wie üblich alle mühe gegeben um letztlich zu sagen, dass es diesmal somatoform wäre und wohl psychich bedingt sein könnte. Das war gut und es bestätigte sich. Oder letztens bin ich zur jährlichen Kontrolle zu meiner gewohnten Zahnarztpraxis, wo ich erfuhr das meine Zahnärztin verstorben war. Ihre Nachfolgerin habe ich gleich informiert, dass ich Angstpatient bin und wo meine Mankos liegen. Sie fand das gut und verhielt sich „passend“, sodaß ich mich bei Ihr auch in guten Händen wähne. Bei der nächsten Behandlung, werde ich sehen, ob Sie auch fachlich so gut ist, wie meine leider viel zu früh verstorbene.

19.11.2022 12:01 • x 1 #8


Shelby
Was mich interessieren würde ist die wirkliche Erfolgsquote von Psychotherapien. Stationär und ambulant. Man bekommt ja doch im Laufe der Jahre viel mit und ich hab so das Gefühl dass diese Quote nicht allzu hoch sein kann, zumindest langfristig betrachtet.

Jedenfalls war es bei allen Leuten die ich kannte, bei denen es mit der Zeit immer schlimmer wurde bzw. kein gutes Ende nahm, ja immer so dass sie das gesamte Gesundheitssystem im Laufe von Jahren durchlaufen haben. Ich geh davon aus dass es bei beinahe allen Forenusern hier auch so ist, sie können von zahlreichen therapeutischen Interventionen berichten aber am Ende des Tages ist der Erfolg solala. Man sucht dann eben in Foren bei Gleichgesinnten Hilfe oder zumindest jemand der einem zuhört und ernst nimmt.

Man würde ja nichts sagen wenn sich jemand nicht behänden lässt und dann klagt dass es immer schlimmer wird, das würde man nachvollziehen können. Aber so jemand habe ich nie gesehen, immer hatten die Leute das komplette Programm (mehrfach) durchlaufen. Wenn die dann dennoch scheitern wird die Schuld immer nur bei denen selbst gesucht, so als ob sie eben versagt hätten. Kliniken, Therapeuten usw. sind immer fein raus, an ihnen kanns ja nicht liegen. Und das glaube ich eben nicht.

19.11.2022 12:12 • #9


Grace_99
Hm, weiß nicht.
War vor 12 Jahren in einer Tagesklinik und das hat mir super geholfen. War da glaube ich 6 Wochen.

Danach habe ich eine ambulante Psychotherapie mit 100 Stunden gemacht und das hat über 10 Jahre geholfen.

November 21 war ich schwer depressiv und bin stationär gegangen für ca. 9 Wochen.
Im Anschluss zu meiner damaligen Therapeutin.

Diesmal dauert alles länger, ist zäher, sitzt tiefer. Liegt an dem Traumata welches in der Klinik durchgebrochen ist und für mich nach wie vor sehr belastend ist und meine Therapeutin kein schnell macht sondern mich das Tempo bestimmen lässt.

19.11.2022 12:28 • x 2 #10


Gelungene Diskussion, die schön die vielen Facetten des Themas beleuchtet.

19.11.2022 12:49 • x 1 #11


Shelby
Mir haben die Therapien ja auch überwiegend geholfen und ich kenne durchaus Menschen denen es auch so ging. Gibt für mich ja auch keine Alternative dazu. Ohnehin denke ich dass zählt was man selbst in der Zeit danach draus macht. Und zwar langfristig und nachhaltig.

Statistisch gesehen schaut es aber nicht so rosig aus. Es vergehen teils bis zu 10 Jahre bis jemand überhaupt mal die wirklich treffende Diagnose bekommt und weitere Jahre bis die richtige Behandlungen einsetzt. Therapie plätze sind rar, die Wartezeiten lange. Ich habe vor 25 Jahren mal eine sehr entscheidende Diagnose bekommen die vor 8 Jahren an anderer Stelle einfach so vom Tisch gewischt wurde, sozusagen ersatzlos gestrichen.

Überhaupt interessieren sich neue Behandler nach meiner Erfahrung selten für das was die alten Behandler gemacht haben, eher wird einfach ganz von vorne angefangen, als ob all die Arbeit zuvor nie stattgefunden hätte.

Ich bin mir sicher dass weit überwiegend positive Effekte bei Therapien herauskommen und auf jeden Fall eine gute Therapie eine reale Chance darstellt etwas positives zu bewirken. Ob aber darüber hinaus die großen Versprechen eines dauerhaft guten Lebens eingehalten werden können, wenn der Klient nur brav mitmacht und fest daran glaubt, da hab ich meine Zweifel. Es kommt aber natürlich sehr darauf an um welche Probleme es sich handelt und um was für Therapien es da geht. Ist ja ein riesengroßes Spektrum.

19.11.2022 13:45 • #12


Ich finde es ein wenig irreführend, dass zwar die Bezeichnung Psychotherapeut geschützt ist - nicht jedoch der Begriff Psychotherapie.

Vor Corona war ich oft in einem alternativen Cafe. Dort war die Wand tapeziert mit angebotenen Therapieformvorschlägen - und auch auch die Möglichkeit, Therapeut für die beworbenen Therapieformen zu werden. Nicht selten sogar in Crash-Kursen. In der Vita mancher Therapeuten war zu lesen, dass sie bis vor nicht all zu langer Zeit einen ganz anderen Beruf hatten, bevor sie dem nachgingen, was sie selber als ihre Berufung bezeichneten.

19.11.2022 13:59 • x 1 #13


Grace_99
In der Klinik wurde bei mir die Diagnose Borderline in den Raum gestellt (November 21).

Dies war weder vor 12 Jahren Thema noch in den 100 Stunden der Therapie.

Da ich jetzt wieder bei meiner alten Therapeutin bin, hat sie eine Kopie des Arztbriefes erhalten, in dem u.a. Dinge aufgeführt waren, welche nie so in meinem Leben stattfanden. Da hab ich ziemlich sparsam geguckt

Ich habe kein Borderline, erschreckend finde ich allerdings, was es mit einem macht, wenn etwas in den Raum gestellt wird und anfängt an sich selbst zu zweifeln.

19.11.2022 14:06 • x 1 #14


Zitat von Shelby:
Ich bin mir sicher dass weit überwiegend positive Effekte bei Therapien herauskommen und auf jeden Fall eine gute Therapie eine reale Chance darstellt etwas positives zu bewirken. Ob aber darüber hinaus die großen Versprechen eines dauerhaft guten Lebens eingehalten werden können, wenn der Klient nur brav mitmacht und fest daran glaubt, da hab ich meine Zweifel. Es kommt aber natürlich sehr darauf an um welche Probleme es sich handelt und um was für Therapien es da geht. Ist ja ein riesengroßes Spektrum.

Zunächst müsste man vermutlich definieren, was ein dauerhaft gutes Leben ausmacht. Freud sagte ja nüchtern, beim therapeutischen Erfolg tauscht man eingebildete Probleme gegen reale Probleme ein.
Zudem muss nicht jede psychische Erkankung dazu führen, dass man schlecht drauf ist. Reine Manien sind selten, manchmal führen sie nachher zu Leid, muss aber nicht. Manche sind vielleicht in ihrer Welt ganz zufrieden, wo beginnt und endet der Krankheitswert? So leicht hypomanisch ist doch schon nicht schlecht.

Und besser als zuvor kann ja auch schon ein lohnendes Ziel sein. Mir sind die Ziele der Normalität nie so verlockend erschienen, man schreibt auch immer an der eigenen Geschichte mit. Die Zuschreibungen von außen kann man nicht ändern - wie die anderen einen sehen und bewerten - inwieweit man diese annimmt und wie man mit ihnen umgeht, liegt zu einem guten Teil in der eigenen Hand. Ich kenne Menschen, für die es ganz normal ist, dass der Mann zum einkaufen immer mitkommen muss, ohne dass sie das als pathologisch empfinden.

Ich glaube, dass manche angeblichen Kompensationen subjektiv beglückender sein können als das Original, für das sie eigentlich stehen sollen. Manche sind mit und auf ihrer privaten Insel happy und würden vermutlich verlieren, wenn sie normal 'funktionieren' würden. Denn oft geht es heute um nicht viel mehr, als zu funktionieren. Wer fragt hier nach dem pathologischen Wert? Da lacht man dann mal im Kabarett drüber und geht anschließend 49 Wochen arbeiten, damit man 3 Wochen all inclusive buchen kann. Plus SUV, Weber Grill und Beauty OPs, wenns bombig läuft.
Manche finden das erfüllend, vielleicht sogar viele, aber ist es wirklich krank das merkwürdig zu finden?

Wenn der Beruf Berufung ist, super, aber das ist eben auch nicht immer der Fall. Ich bin offen dafür, dass funktionieren zu können besser ist, als es nicht zu können, aber ein Leben in dem es nur darum geht. Ist vielleicht Neigungssache, mein Fall war das nie und wird es nicht.

19.11.2022 14:11 • x 1 #15


Shelby
Ja, der Psychomarkt ist recht unübersichtlich und es kommt ständig was neues hinzu. Auch Heilpraktiker für Psychotherapie oder psychologische Berater. Ist ja auch ein Milliarden Euro Markt, wenn man so will. Immer mehr Menschen brauchen Beratung, Coaching und Lebensbegleitung. Das geht ja teils auch ins religiöse oder esoterische hinein.

Interessant ist dass die Klinik in der ich um die 2000er Jahre dreimal war, heute ein ganz anderes Konzept hat als früher, regelrecht gegenteilig ausgerichtet im Vergleich zu damals. Da fragt man sich was ist denn dann richtig von den beiden Extremen? Denn wenn man damals gerade dieses Konzept dort kritisiert hat wurde man damit abgekanzelt das wäre alles ganz toll und man würde es halt nur nicht richtig verstehen. Gibt mir nun die Veränderung heute Recht mit meiner Kritik von damals?

Auch ganz bestimmte Therapie Methoden, z.b. bestimmte Entspannungs Therapien, die damals jeder mitmachen musste, werden in dem Buch bei bestimmten Krankheiten und Symptomen als schädliche Fehlbehandlung beschrieben. Da denke ich mir, kein Wunder dass damals bei jeder Entspannungs Runde immer einige Leute kollabiert oder rausgelaufen sind. Aber was hätte man tun sollen? Sagen: Ich mach das nicht, das schadet mir?

19.11.2022 14:19 • #16


Shelby
Zitat von Grace_99:
In der Klinik wurde bei mir die Diagnose Borderline in den Raum gestellt (November 21). Dies war weder vor 12 Jahren Thema noch in den 100 Stunden der Therapie. Da ich jetzt wieder bei meiner alten Therapeutin bin, hat sie eine Kopie des Arztbriefes erhalten, in dem u.a. Dinge aufgeführt waren, welche nie ...


Mir wurde mal eine bestimmte Persönlichkeits Störung diagnostiziert. Damit habe ich dann sozusagen einige Jahre gelebt. Später haben sich dann andere Behandler sehr darüber gewundert und gemeint das wäre mehr oder weniger grober Unfug. Ich kann nun quasi selbst entschieden wem ich was glaube.

Ja, in Arztbriefen habe ich auch schon so einiges gelesen was ich kaum glauben konnte. Da wird man manchmal hingestellt als jemand der man mit Sicherheit nicht ist. Es werden sogar Tatsachen beschrieben die so nie stattfanden. Das ist aber etwas was ich speziell in der Psychiatrie so erlebt habe. Die psychosomatische Klinik war auch nicht perfekt, aber man war mir dort doch insgesamt sehr zugetan und wohlgesonnen. Mein ambulanter Therapeut ist wirklich ein herzensguter Mensch und der kann auch was, keine Frage. Hat mir sehr geholfen.

Auch was Medikation angeht wurde bei mir mehr als Schindluder getrieben teilweise. Das ist eh so ein eigenes Kapitel. Wobei ich mit meinem AD zufrieden bin, das hat meine Symptome als einziges wirklich in den Griff bekommen und erst dadurch konnte ich dann später erreichen was ich erreicht habe.

19.11.2022 14:29 • x 1 #17

Sponsor-Mitgliedschaft

Grace_99
Ich war 2005 zur Reha. Entspannungsübungen haben mich total aggressiv gemacht. Wurde vom Plan genommen, dafür täglich Sport. Hab ich jeden Tag bis zu 3 Stunden gemacht. Tat super gut

In der Rehaklinik waren sie sehr flexibel und das fand ich gut.

19.11.2022 14:31 • x 1 #18


Grace_99
Zitat von Shelby:
Mir wurde mal eine bestimmte Persönlichkeits Störung diagnostiziert. Damit habe ich dann sozusagen einige Jahre gelebt. Später haben sich dann ...

Ja, der Arztbrief war aus der Psychiatrie. Wie gesagt, manches was da stand ist in meinem Leben gar nicht passiert

Medikamente: Sertralin und Quetiapin. Mir wurde erst nach 6 oder 7 Wochen geglaubt, dass meine Symptome (ich habe übelst Angst und Panikattacken entwickelt) von der Medikation kam.

Quetiapin komplett weg, Sertralin ausgetauscht gegen Escitalopram. War nicht alles Gold was da glänzte.

Allerdings wurde die tiefe Hoffnungslosigkeit sowie Verzweiflung sowie die

Trigger

Suizidgedanken



dort um vieles besser.

19.11.2022 14:35 • x 1 #19


Shelby
Zitat von Cbrastreifen:
Zunächst müsste man vermutlich definieren, was ein dauerhaft gutes Leben ausmacht.


Sagen wir mal: Weitgehende Leidensfreiheit, Selbstbestimmung und die Chance auf Selbstverwirklichung, denke ich. Berechtige Hoffnung auf Besserung einer (unerträglichen) Lage. Soziale Teilhabe und ein zu einem selbst passender sozio-ökonomischer Status. Freiheit von Bedrohung und Gewalt jeder Art, auch Mobbing und Ausgrenzung. Ein angemessenes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen und die Fähigkeit sein Leben autonom zu gestallten und zu tragen. Aber auch fähig sein ein produktives Mitglied der Gesellschaft zu sein, seinen Beitrag leisten zu können durch Talent, Arbeit und Leistung.

So verschieden sind wir Menschen da nicht, vor allem weil wir ja in einer Gesellschaft zusammenleben. Da gibts schon soziale Nomen und Regeln. Wer da heraus fällt hat es oft schwer und erleidet vor allem langfristig nicht selten große sozioökonomische Verluste.

19.11.2022 14:38 • #20



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Univ.-Prof. Dr. Jürgen Margraf