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Bin seit 2005 bei dem selben Thera, und das war, bis auf einen kurzen Abbruch zwischendrin, in meinem Leben bisher das einzige, was ich über einen solch langen Zeitraum durchgehalten habe.

Am Donnerstag nun fragt mein Therapeut mich, welche Funktion er bezüglch meiner "Person" eigentlich wahrnehmen soll. Ihm käme es so vor, als wäre ein Sterbebegleiter das einzig richtige, dafür sei er aber nicht konsequent und nicht bereit. Bis dahin habe ich dafür vollstes Verständnis,würde ich gar nicht von jemandem verlangen. Als ich ihm dann sagte, dass die einzigen Gründe, dass ich mich noch nicht umgebracht habe zum einen meine Tiere seien, die mir überhaupt noch etwas bedeuten und zudem die Panik, dass, wenn es schiefgeht, ich erneut in der Psychiatrie lande und das ist das letzte, worauf ich Bock hatte. Ich sagte, dass ich schon ziemlich sicher bin, dass dieses und jenes sicher sei, aber an das eine komme ich so ohne weiteres nicht ran, da ich kein Diabetiker bin, bei dem anderen spielt, so perv. oder paradox sich das anhören mag, zum einen meine Höhenangst eine Rolle und zum anderen möchte ich nicht andere da mit hineinziehen, egal, auf welche Art und Weise. Er gibt mir quasi verdeckt Tipps, wie ich an das, was ich brauche, herankommen könnte.

Und er stellt die Hauptfrage in den Raum, was ich denn meinen würde, welche Funktion er überhaupt habe? Das verstehe ich nicht, denn er hat die Diagnose BPS gestellt, er weiß, dass ich unter enormen Ängsten, Phobien und Panikattacken, unter sozialer Angst und (begründeten) Berührungsängsten leide, oder auch, dass ich keine Beziehung eingehen kann, mich selbst verletz, über ein Jahr lang nach hinten die Rolläden unten habe, nach vorne hin den Vorgarten habe zuwildern lassen, weil ich mich andererseits ständig beobachtet fühle... Wie kann man aus alledem nicht ableiten, welche Funktion man eigentlich hierbei wenigstens versuchsweise ausüben könnte? Hinzu kommt auch die Panik und die Verlustängste um meine beiden kleinen Hunde, dass sie einem großen Hund zum Opfer fallen könnten. Das hatte ich mir in jahrelanger Arbeit selbst zum Großteil "ausgetrieben", aber als meine Mutter starb, begann ich, meine Verlustängste eben erneut auf meine Tiere zu übertragen. Kann vielleicht nur jemand verstehen, der einen Bezug zu Tieren hat.

Ich habe ihm, weil es mittlerweilse sowieso "verjährt" ist, erzählt, dass ich schon eine Menge von über 120 Atosil und ein paar Packungen Remergil auf einmal eingenommen habe, aber dass außer zwei Tagen Dauerschlaf null dabei herauskam. Ist das meine Schuld, wenn es nicht wirkt, nicht mal Rattengift?

Momentan bin ich sowieso schon unten, weiß nicht warum und ich weiß auch nichts mit diesen Stimmungsschwankungen anzufangen. Zudem finde ich es keineswegs cool oder interessant, ständig daran zu denken mich umzubringen oder in vielen Dingen, die andere nicht mal beachten, eine Möglichkeit sehe.


Seine Aussagen und Frage am Donnerstag jedenfalls interpretiere ich indirekt auf meine Person bezogen, und zwar derart, dass es ihm lieber wäre, ich würde gar nicht mehr kommen, weil ich ihn vielleicht nerve oder er aber persönlich was gegen mich hat. Ich kann mit sowas umgehen, damit kann ich leichter umgehen, als mit Unehrlichkeit.

Der nächste Termin wäre in zwei Wochen, und ich habe mir überlegt, entweder vorher schriftlich die Therapie zu beenden oder den Termin noch einmal wahrzunehmen und ihm zu sagen, was ich denke, was ich aus seinen Reden schließe und dass ich daraus meine Konsequenz ziehen werde.

Das Ergebnis dieses Donnerstags war jedenfalls, dass ich zunächst zum Friedhof zu meinen Eltern ging, anschließend nach Hause fuhr und nun den totalen Rückzug angetreten habe. Genügend Vorräte eingekauft, meine Tiere sind bestens versorgt und wenn ich überhaupt noch vors Loch mit meinen Hunden gehe, dann höchtsens spät abends und auf den Wegen, wo mir niemand begegnen kann. Mein Telefon habe ich ausgestöpselt, zu den Treffen Freitags bin ich nicht mehr mit gegangen. Es läuft bei mir immer wieder auf dasselbe raus, dass ich mir sage, Du bist ein nutzloses, sinnloses und dämliches AL, ein SCH-Haufen, und letztlich gehört beides nur entsorgt. Immer wieder, wenn ich dann den völligen Rückzug angetreten habe, fuhr ich damit besser und nun werde ich es wieder tun. Ist es irgendwann nicht mehr auszuhalten, dannn gibt es immer noch die eine bestimmte Tür, die man sich selbst öffnen kann. Mehr habei ich dazu nicht mehr zu sagen, außer dass ich nicht verstehe, was er eigentlich von mir erwartet, welche Worte oder welche Reaktion, aber ich denke, das spielt nun auch keine Rolle mehr.

02.08.2008 11:12 • 03.09.2008 #1


36 Antworten ↓


Hallo supergau !

Dein Therapeut will von dir wissen, was du eigentlich willst.

Willst du leben (eine Therapie machen um etwas zu verändern) oder willst du aufgeben?

Er kann dir nur bei dem Versuch zu leben helfen.

Ich selbst habe, bis vor wenigen Wochen, vor dieser Entscheidung gestanden. Habe mich für das Leben entschieden, natürlich sind das keine 100% Entscheidungen, aber sie müssen eindeutig und klar sein.

Viele liebe Grüsse,

Helpness

02.08.2008 11:49 • #2



Ich werde die Therapie ersatzlos abbrechen

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Danke dir für die Antwort. Er hätte das m.E. auch deutlicher sagen können, denn ganz so verblödet, wie es den Anschein hat oder ich auch ausschauen mag, bin ich nun auch wieder nicht.

Eigentlich wollte ich leben. Ich ging da letztes Jahr einen Kompromiss ein. Aber jetzt grundsätzlich und nach dem Tag entscheide ich mich wahrscheinlich eher für's Aufgeben, werde ihm das mitteilen, dann spart die KK die Kosten und er die Zeit, das ist bei mir eh sinnlos, das habe ich zudem erkannt. Wie sagte meine Mutter immer, wenn ich mal aus Frust eine Andeutung machte: "weg mit Schaden". Recht hatte sie. Und ich glaube, ich habe sehr wohl den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden, nur so was ist bei mir nicht nötig, ich bin selbst sehr offen und direkt, warum sollte ich es dann umgekehrt nicht auch einstecken können?

Danke dir für die Mühe und fürs lesen.

02.08.2008 18:14 • #3


Hallo supergau !

Rede mit deinem Therapeuten offen über alles, so wie hier auch.

Du fühlst dich im Moment von der Welt weggestossen, das ist aber in Wirklichkeit nicht so. Lese einfach einmal ein bischen hier im Forum, du bist mit deinen Problemen wirklich nicht alleine.

Wie alt bist du, wenn ich das fragen darf ?

Viele liebe Grüsse,

Helpness

02.08.2008 18:31 • #4


Ich weiß ja, dass ich mit meinen Problemen nicht alleine bin, und für alle anderen tut es mir auch sehr leid und jedem wünsche ich, dass er/sie den richtigen Weg finden möge.

Natürlich fühle ich mich weggestossen, und dem ist auch so und daraus werde ich meine Konsequenzen ziehen. Ich werde ihm dieses schriftlich mitteilen, noch rechtzeitig vor dem Termin, damit er a) umdisponieren kann und b) man mir nicht Unzuverlässigkeit oder Unhöflichkeit unterstellen kann. Ich denke, dass ich ihm damit nur einen Gefallen tue, so wie allen anderen auch, die ich nicht mehr tangieren werde.

Ich bin 44, alt genug, ich habe 44 Jahre 365 mal im Jahr denselben Sch***tag erlebt, und das Spiel ätzt mich einfach an. Zudem ist am kommenden Mittwoch der erste Todestag meiner Mutter, dann tut es natürlich sehr gut, extra noch eins drauf zu bekommen. Aber das macht nichts, einem Dreckhaufen geschieht es Recht. Mein größter Fehler war, dass ich bei meiner "Geburt" überhaupt zu atmen anfing, hätte ich das unterlassen, müsste jetzt keiner hier meinen Müll lesen und sowohl meiner Familie sowie meinem gesamten Umfeld, oder wie man auch immer dazu sagen mag, hätte ich den größten Gefallen erwiesen, trotz der Aussage meiner Mutter, ich sei ein geplantes "Wunschkind" gewesen. Wer wünscht sich so was? Sie war eigentlich sehr intelligent, war Lehrerin, aber als sie diesen Entschluss gefasst hat, muss sie beki. gewesen sein oder es gab damals schon Scientology und die haben sie einer Gehirnwäsche unterzogen. Niemand wünscht sich Dreck. Oder ich war nur als Spielzeug gedacht für meinen älteren "biologischen" Bruder, keine Ahnung, darüber zerbreche ich mir jetzt auch nicht mehr meinen hohlen Kopf.

Liebe Grüße zurück

02.08.2008 22:05 • #5


Hallo supergau !

Das was du da schreibst, das kenne ich sehr gut von mir selbst, ich habe noch vor kurzer Zeit genau solche Gedanken gehabt.
Bitte lese dir doch einmal meine Lebensgeschichte durch. Wenn du Ähnlichkeiten findest, dann können wir uns darüber Austauschen und uns Unterstützen und Helfen.

Ich bin männlich und 49 Jahre alt.

Schon als Kind hatte ich das Gefühl irgendwie anders zu sein als alle Anderen. Habe nicht in den Kindergarten gehen wollen, und später in der Schule war ich immer der Aussenseiter.

PS: Als Neugeborener hatte ich eine schwere Magenkrankheit und verbrachte meine ersten sechs Lebensmonate in einer Art Isolationskammer in einem Krankenhaus, also ohne direkte Kontakte zu Menschen/Eltern.
Im späteren Verlauf meines Lebens musste ich mir von meiner eigenen Mutter immer wieder folgenden Satz anhören: "Wenn ich deinen Alten nicht draufgehoben hätte, dann gäbe es dich gar nicht".

Als ich sieben Jahre alt war, haben sich meine Eltern in einem zwei Jahre dauernden Scheidungskrieg getrennt. Meine Mutter missbrauche mich dabei emotional als "Waffe" gegen meinen Vater, damals habe ich das aber noch nicht so verstanden wie heute.

Später, in der Pubertätszeit habe ich bei sozialen Begegnungen verstärkt Alk. getrunken. Andere hatten ihre Freundin, ich meine Flasche B..
Bis zum heutigen Tag habe ich es noch nicht geschafft, eine Beziehung zu einem anderen Menschen aufzubauen. Nähe, Zärtlichkeit, Küssen oder gar Sex habe ich noch niemals erlebt.

Ich habe aber in dieser Zeit noch einen guten Schulabschluss, und eine Berufsausbildung zum Metallfacharbeiter hinbekommen.
Damals hatte ich auch noch einen grossen Freundeskreis und war alles andere als isoliert und alleine, aber eben nur mittels Alk..
Im Alter von 25 Jahren war ich dann entgültig Alk. und bin letztendlich "auf der Strasse" gelandet.

Ich habe dann eine Langzeittherapie gemacht, und im Anschluss eine berufliche Weiterbildung zum Arbeitserzieher (Ausbilder).
Seit dieser Zeit bin ich Rückfallfrei trocken.

Wenige Jahre nach dieser Therapie fing es an, dass ich mir immer wieder alles selbst kaputt gemacht habe. Ich bin zurück in meinen alten Beruf, und dort von einem Arbeitsplatz zum nächsten gewandert (hatte ca. 36 Jobs, aber nie lange).
Im Verlauf dieser Zeit habe ich dann auch nahezu alle meine sozialen Kontakte, der Reihe nach, verloren (kaputt gemacht).

Im Jahre 2001, ausgelöst durch eine weitere Arbeitsplatzkündigung, habe ich habe mich dann entschlossen, eine stationäre Therapie in einer psychosomatischen Klinik zu machen (Diagnose war anfangs Asperger Authismus und im späteren Verlauf Depression).

Durch die Menschen und die Zuwendung in dem Krankenhaus ging es mir dann auch wieder sehr gut. Ich hatte dort Freunde gefunden, und wir haben dann noch etwa ein bis zwei Jahre lang viel privat zusammen unternommen, und natürlich auch viel geredet.
Nach und nach muss ich dann aber auch diese Beziehungen wieder kaputtgemacht haben, ohne es zu wollen oder zu merken.

Ich denke heute, dass ich zu gierig nach Zuwendung bin, gleichzeitig habe ich dabei übergrosse Verlustängste und reagiere bei jeder Kleinigkeit mit Panik. Das ganze ist völlig ausser Kontrolle geraten und offensichtlich von niemandem mehr zu ertragen. So geht dann alles wieder kaputt, und ich kann das sogar gut verstehen, aber in der jeweiligen Situation kann ich nichts dagegen tun.
Ich habe eine Art von selbstverletzendem Verhalten (auf sozialer Ebene) entwickelt, jeden Erfolg und jede menschliche Beziehung verbiete ich mir selbst, oder mach sie nach kurzer Zeit wieder kaputt.

Etwa seit Sommer 2005 habe ich nunmehr absolut keine sozialen Kontakte mehr. Ich "lebe" völlig alleine und isoliert.
Seitdem suche ich eigentlich auch keine Arbeit mehr, weil ich keinen Sinn darin sehe. Beim Arbeitsamt werde ich als psychisch krank geführt, und gelte als unvermittelbar.

Meine Zeit verbringe ich Zuhause in einer kleinen Dachwohnung. Mein Computer und mein Fernseher sind zu meinen einzigen "Freunden" geworden und mein einziges "Hobby" ist es, über all diese Dinge und über mein Leben nachzudenken. Jede Kleinigkeit, die früher überhaupt kein Thema war, wird zur fast unüberwindbaren Aufgabe. Die Minuten ziehen sich zu Tagen hin, und die Jahre vergehen dabei wie Stunden.
Ich halte in meinem Wohnbereich eine zwanghafte Ordnung und Planung. Die kleinste Störung genügt, um völlig die Nerven zu verlieren. Dabei beobachte ich mich dann selbst, wie von aussen, und schüttele innerlich den Kopf über mich selbst. Ich kann dies aber dennoch alles nicht mehr kontrollieren, und ein Leben ist das schon lange nicht mehr.

Eigentlich hätte ich alles im Leben erreichen können. Ich hatte einmal echte Ziele, eine gute Ausbildung und war immer körperlich gesund.
Warum bin ich so geworden wie ich nun bin? Wo ist mein Leben geblieben? Gibt es da noch Hoffnung?

Weitergehen kann es so nicht mehr, denn es ist unerträglich geworden. Nur noch der permanente Gedanke, meinem Leben jederzeit ein Ende setzen zu können, bewahrt mich vor dem völligen Verrücktwerden, und lässt mich meine Lebenssituation in Tagesschritten ertragen.
Aber ich will eigentlich nicht sterben, ich kann nur nicht mehr so leben, und ich habe grosse Angst vor dem Leben und vor mir selbst.

Ich habe nicht aufgegeben, ich werde es noch einmal versuchen und eine Therapie machen.
Bitte gebe auch du nicht nicht auf, denn da gibt es kein Weg mehr zurück.

Viele liebe Grüsse,

Helpness

03.08.2008 10:46 • #6


kommentarlos zustimmt

03.08.2008 10:48 • #7


Supergau, bitte wechsel den Therapeuten - als Sterbebegleiter kannst du keinen brauchen.

Den verwilderten Garten schaffst du locker, und wenn nicht, dann zieh einfach um, fang ein neues Leben an.

Diese blöden Gedanken hat ab und zu jeder, die entstehen doch durch eine was weiß ich welche Störung, auf jeden Fall sind sie nicht chemieresistent, also nimm doch lieber Antidepressiva als was Leben-Vernichtendes.

Schaue im Internet nach nach einem anderen Therapeut, das solltest du zuerst machen, lass dir ruhig mehrere Termine bei verschiedenen geben, die Erstgespräche werden von der KK auch doppelt und dreifach bezahlt - dann Antidepressiva nehmen und die erste Zeit die Negativ-Wirkung durchstehen. Wenn nötig dann danach die Dosis erhöhen. Bestimmt findest du eine Gute Seele vom Therapeuten, so jemanden brauchst du jetzt.

Ich wäre froh Viecher zu haben, kann aber nicht, wohne in der Stadt.

Melde dich bitte wieder, ob du damit, was ich geschrieben habe, was anfangen kannst!

Lieben Gruß

Isis

03.08.2008 12:24 • #8


Hallo Helpness,

als ich deine Lebensgeschichte las, da stellte ich in vielen Dingen Parallelen fest, außer, dass ich weiblich bin. Ich war auch nie gerne mit anderen zusammen, war lieber alleine und hatte zuweilen auch die Rolle eines Außenseiters, weil ich mich nie richtig wehren konnte, d.h. für mich selbst nicht, ging es aber um andere, die noch hilfloser waren, war ich immer zur Stelle und habe geholfen, das fing schon im Kindergarten an, als ich die gesamte Gruppe runderneuert habe, als sie einen Mischlingsjungen wegen seiner Hautfarbe angriffen und ausschlossen. Ich habe das geregelt und da war ich gerade mal vier Jahre alt, von daher: geht es um andere, habe ich mich noch immer gegen die gesamte Gruppe gestellt.

Dass du als Neugeborener schon so leiden musstest, tut mir für dich leid, denn dies ist doch zudem auch die wichtigste Zeit, um eine Beziehung zwischen Eltern und Kind aufzubauen. Die Worte deiner Mutter waren sehr hart.

Bei mir war es so, dass ich mit ca. drei Jahren fast krepiert wäre an einer Tablettenvergiftung. Es war u.a. das Mittel Phenazitin, was längst vom Markt ist, aber ich hatte eine Dosis und Mischung intus, die innerlich den Sauerstoff bindet, also quasi erstickt man. Für eine Magenspülung war es zu spät, damals ging nicht alles so schnell wie heute, bis sie wussten, was ich genommen hatte. Also lag ich zehn Tage im Koma, unterm Sauerstoffzelt und keiner hat mehr was drauf gegeben, haben meinen Eltern das auch ganz klar gesagt, dass daran normalerweise schon ein Erwachsener stirbt oder zumindest bleibende Schäden behält. Nun gut, ich bin einfach wieder aufgewacht und behielt keinen Schaden. Ich war vorher jedoch noch nie von meinen Eltern getrennt und hatte eine sehr, sehr enge Bindung an sie. Da kam ich dann zu mir in einer völlig fremden Umgebung, um mich herum standen lauter fremde Leute, ich wusste natürlich nicht, was da geschah, aber eines war das Schlimmste: meine Eltern und mein älterer Bruder waren nicht da, und das muss mir wohl den ersten Schock verpasst haben. Als die Drei mich nach vielen Wochen wieder abholen durften, saßen sie nebeneinander, haben auf mich gewartet und ich hatte mich so über sie gefreut, sie wieder zu sehen. Bin immer wieder der Reihe nach vor jedem stehen geblieben, habe gesagt "lieber, lieber Papi" etc. Ich wollte ihnen damit sagen, wie lieb ich sie habe, damit sie mich nur ja nicht dort alleine lassen. Von diesem Zeitpunkt an hatte ich furchtbare Verlustängste. Spielte ich im Garten und sah, dass meine Mutter das Wohnzimmer verließ (ist ein Einfamilienhaus), rannte ich panisch rein zu ihr. Diese Verlustängste legten sich nie, im Gegenteil, sie verstärkten sich und übertrugen sich auch auf meine Tiere.

Als vor 16 Jahren mein Vater verstarb (ich war ein totales "Papakind"), brach zum ersten mal meine Welt völlig zusammen. Ich wäre ihm am liebsten gefolgt.

Meine Mutter hat auch sehr böse Worte und Beleidigungen mir gegenüber geäußert, aber dennoch: meine Eltern waren für mich die beiden wichtigsten Menschen in meinem Leben.

Du sprichst Beziehungen an. Ich bin ebenfalls nicht fähig, eine Beziehung zu führen. Dieses ist bedingt durch die Handlungen meines Bruders. Als ich acht war und an seinem achtzehnten Geburtstag. Später waren es noch zwei Kollegen im Ausbildungsbetrieb und seitdem ist "das" Thema für mich tabu. Ich leide unter enormen Berührungsängsten. Sagt mir jemand, er möge mich und will weitergehen, dann tausche ich in dieser Szene die Köpfe aus, sehe dann meinen Bruder von mir und empfinde nichts als puren Ekel und Abscheu, alles, was damit zusammenhängt, stellt für mich eine Bedrohung dar, das Besitzen wollen eines anderen.

Wahrscheinlich rührt daher auch meine Sozialphobie. Nach meinem "offiziellen" Suizidversuch war ich per Zwangseinweisung zwei Monate in der Psychiatrie und anschließend fing es erst richtig an, vor allem mit Panikattacken. Hier im ganzen Haus ist keine einzige Tür zu, außer der Haustür.

Ich weiß nicht, warum das so oder ob es bei jedem so ist, aber wenn dir in der Kindheit etwas widerfährt, wie es mir widerfuhr, ruft man es erst später im Erwachsenenalter ab und das macht soziale Kontakted unmöglich, geschweige denn alles, was darüber hinaus geht.

Ich denke, dass man all das auch gar nicht erleben muss, denn es ist keine Liebe, sondern andere wollen einen kontrollieren. Es ist widerlich. Neulich fuhr ich im Bus, neben mir saß eine Frau. Da sie etwas kräftig war, berührte sie mit ihrem Bein mein Bein. Plötzlich spürte ich ihre Körperwärme an mir und hätte fast gekotzt. Also stand ich auf und setzte mich auf einen anderen Platz. Die Frau konnte nichts dafür, das weiß ich.

Dass du nun schon so lange trocken bist und dich beruflich weiterbilden konntest, davor habe ich allerhöchsten Respekt. Das schaffen die allerwenigsten, und ich weiß, wovon ich rede, denn mein "Bruder" ist seit über 20 Jahren Alk. und nimmt Dro., macht, wenn ihm Mieter wegen der ausbleibenden Zahlungen auf den Fersen sind, eine Maßnahme. Für ihn ist das keine Maßnahme zum Entzug, sondern eine Möglichkeit, abzutauchen.

Die Kontakte kaputtmachen, das tat ich auch. Und wenn es keinen Grund gibt, dann erfindet man sich einen. Es ist irgendwie merkwürdig. Zunächst finde ich einen Menschen sehr sympathisch, mag ihn vielleicht sogar, soweit man das bei mir so bezeichnen kann, aber irgendwann stoße ich jeden von mir weg.

Vom Asperger Authismus habe ich auch schon Dokus gesehen und darüber gelesen. Bei mir stellte man die Diagnosen Borderline Persönlichkeitsstörung mit depressiven Zügen/Phasen, Panikstörung, Phobien, Zwangshandlungen und Sozialphobie. Ich bin mir selbst im Weg und wenn es sich so richtig hochgekocht hat, dann fahre ich den absoluten Selbsthass, der zuweilen in Selbstzerstörung gipfeln kann. Ich will das nicht. Nehme es mir immer wieder vor, aber immer wieder gerate ich irgendwann unter Druck und dann geht es nicht anders. Abgesehen davon nerven mich diese Zwangshandlungen ungemein, über die ich bis jetzt kaum mit jemandem gesprochen oder geschrieben habe, weil ich glaube, dass man mich dann eventuell als völlig verrückt hinstellen könnte.

Die ganzen Jahre pflegte ich meine Mutter. Ich bin nie von zuhause ausgezogen, machte mich sogar selbständig, um immer zur Stelle sein zu können, hatte mein Büro überwiegend zuhause. Letztes Jahr dann kam sie im Mai ins Krankenhaus. Es war ein ständiges auf und ab, von einem KH zum anderen, ein ständiger Wechsel zwischen Normal- und Intensivstation. Und glaube es mir oder nicht, aber wenn ich nachts zuhause und völlig ruhig war, überkam mich urplötzlich Panik und innere Unruhe. Wenn ich dann morgens im KH anrief (besucht habe ich sie jeden Nachmittag und blieb bis abends), sagte man mir, meine Mutter habe eine sehr schlechte Nacht gehabt. Am 6. August verstarb sie schließlich, und in mir ist innerlich so gut wie alles zerbrochen. Stück für Stück wurde mir bewusst, dass ich keinen Alltag mehr habe, denn mein Alltag bestand daraus, mich um meine Mutter zu kümmern. Ich habe keine Familie mehr, das, was mir immer am wichtigsten war. Ja, früher, als Kind, da wünschte ich mir immer zwölf Kinder und jedes sollte seinen eigenen Hund bekommen. Träume, die mir u.a. mein Bruder zerstört hat. Zu ihm besteht seit meinem Aufenthalt in der Psychiatrie aufgrund noch anderer Vorkommnisse durch ihn kein Kontakt mehr. Meine Mutter hat mir verboten, ihn davon zu unterrichten, dass sie im KH ist und sagte auch, er soll keinesfalls erfahren, wenn ihr was zustößt, er dürfe nicht einmal ihrer Beisetzung beiwohnen. Ich habe also drei Monate mit Krankenhäusern und schlimmen Dingen, die man da mitbekommt, ganz alleine durchgestanden und all das andere auch. Niemanden hatte ich an meiner Seite, auch jetzt nicht. Höchstens Leute mit dämlichen Ratschlägen, die ich nicht mal darum frage. Ich sollte meiner Trauer im Crashverfahren absolvieren, aber das kann ich nicht. Über den Tod meines Vaters bin ich auch nach über 16 Jahren noch nicht hinweg gekommen, und bei meiner Mutter ist es am kommenden Mittwoch ein Jahr. Und ich sitze hier in diesem Haus völlig allein, habe aber wenigstens meine Tiere. Zumindest für sie kann ich Liebe empfinden und mich sogar für sie aufrappeln, um mich um sie zu kümmern. Die ersten Tage, als das mit meiner Mutter geschah, habe ich mir eine kleine Flasche Wodk. gekauft, einen großen Schluck ins Cola getan und einen ordentlichen Tablettenmix geschluckt. Dann war ich so zwischen zehn und zwölf Stunden völlig weg. Wenn ich dann zu mir kam, kümmerte ich mich um meine Tiere, zunächst musste ich mir wieder bewusst machen "Du hast nun gar niemanden mehr", und dann gabr es die zweite Ladung. Weißt du, normalerweise trinke ich überhaupt keinen Alk., um so stärker hat er wohl auch gewirkt. Mich könnte man fast als Antialkoholiker bezeichnen.

Nur die letzten Tage, da kam wieder so vieles zusammen, ich hatte und habe dermaßen alles so satt, dass ich oft nachmittags ein paar Tavor, Atosil, Alprazolam und Flunitrazepam nehme, Tagebuch schreibe und warte, bis der Dreck endlich wirkt. Das ist keine Lösung und es ist nicht gut, was ich da tue, das weiß ich. Davon will ich auch schleunigst wieder weg, denn allein mindestens vier Tavor 2,5 täglich außer den anderen Medis, sind alles andere als gut, aber weniger wirken schon gar nicht mehr. Ich kan dann aber wenigstens schlafen und habe schöne Träume.

Ich glaube, was unsere zwischenmenschlichen Beziehungen betrifft, dass wir sie zwar suchen und wollen und wenn wir sie gefunden haben, müssen wir sie irgendwie kaputtmachen. Einen Grund dazu gibt es immer. Auf einmal entdeckt man nur Negatives an diesem oder jenem Menschen. Ich geht auch zur Zeit nicht mehr zu den Treffen der Psychiatrieerfahrenen, zu denen meine Freundin mich nach dem Tod meiner Mutter regelrecht hingeschoben hat, denn sonst wäre ich aus dem Loch hier überaupt nie mehr rausgegangen. Aber im Moment mag ich mit niemandem mehr zu tun haben, war heute nicht zum Gottesdienst, habe gestern meiner Freundin das Saarspektakel abgesagt und mein Telefon rausgezogen. Mit den Hunden gehe ich Wege, wo mir keiner begegnen kann oder eben spät abends. Einerseits will man aus dieser Einsamkeit raus, andererseits katapultiert man sich immer und immer wieder selbst hinein und ärgert sich dann über sich selbst. Geht dir das auch so?

Ich weiß, Verlustängste können sehr schlimme Ausmaße annehmen. Vor einigen Wochen wurde meine Freundin so arg von einem Hund gebissen, dass sie opertiert und einige Tage im KH bleiben musste. Natürlich musste sie ihre geschiente Hand schonen und schon hatte ich eine Aufgabe: ich hatte jemanden, um den ich mich kümmern konnte, und das tat mir gut, der Gedanke, da ist wenigstens jemand, der deine Hilfe braucht. Nicht, dass du das jetzt falsch verstehst, ich habe ihr diese üble Verletzung nicht etwa gewünscht oder so, das wäre schon etwas perv..

Dass du das Wort leben in Anführungszeichen setzt, kann ich sehr gut nachvollziehen, denn wenn man so "lebt" wie du, ohne jegliche Kontakte, was ich ja auch tue, dann sieht man dieses nicht mehr als Leben an, sondern als reines "Vegetieren". Man atmet, schläft, isst und trinkt, steht auf, tut wieder dasselbe und das ist das, was ich mit den 365 verdammten Sch***tagen im Jahr meinte. Irgendwann wird es einfach unerträglich und man dreht durch.

Deine zwanghafte Ordnung und Planung kann ich sehr gut verstehen. Ich würde mich auch niemals über solches Verhalten lustig machen, denn es ist für den Betroffen selbst schon sehr schwer. Bei mir sind es bestimmte Handlungen, beispielsweise alles dreimal machen, alles von links nach rechts ordnen und dann untereinander noch nach der Größe. Treppenstufen besteige ich grundsätzlich erst mit dem linken Fuß, außer wenn es nur drei Stufen sind, dann ist auch der Beginn mit Rechts errlaubt. Komme ich durch Ablenkung aus diesem Schema heraus, dann kommt es vor, dass ich den Weg zurücklaufe, um den Fehler wieder auszugleichen. So läuft es auch zuhause ab. Gerät das Schema aus den Fugen, nerven mich meine Hunde, dass ich der Ablauf genau falsch herum läuft, werde ich völlig fahrig und nervös. Ich führe auch grundsätzlich immer jeden an ein einer Seite, das heißt, Dandy läuft links von mir und Nikko rechts. Du würdest es bei mir niemals anders sehen. Würde ich aus irgendeinem Grund dieses Schema umstellen, würde ich nachfolgend alles falsch machen. Ich weiß, für Außenstehende liest sich das wie der pure Wahnsinn, aber weder Du noch ich können dafür, dass wir so sind.

Du schreibst von deinem selbstverletzenden Verhalten auf sozialer Ebene. Ich vervollständige es noch mit körperlicher Selbstverletzung. Nur jetzt vor ein paar Tagen habe ich wohl etwas zu viel Kraft angewendet und da klafft am Handgelenk nun eine ca. 5 mm breite, 5 cm lange und ca. 2-3 mm tiefe Wunde. Es sieht aus, als sei ich in eine Kettensäge geraten. Aber eines habe ich damit wenigstens erreicht: es tut weh, ich spüre tatsächlich einen Schmerz, und genau das wollte ich erreichen! Denn oft, da fühle ich diese innere Leere, nichts ist mehr da an Gefühl, und so weiß ich, dass ich wenigsten noch körperlichen Schmerz wahrnehmen kann... Allerdings, bei aller Leere, bei aller Flucht der Gefühle ins Nirgendwo: für meine toten Eltern, auch wenn sie nicht mehr hier sind, aber dennoch irgendwo und irgendwie existieren, sowie für alle unsere gewesen Tiere empfindle ich eine so unendliche Liebe, dass es zuweilen wehtut. Und dass ich für jende und auf diese Art spüren, fühlen kann, innerlich, dafür allein schon bin ich sehr dankbar.

Sprry. wenn ich jetzt vielleicht etwas merkwürdig schreibe, aber ich habe mir für heute Nacht 4 Tavor und 6 Atosil nebst Alprazolam geworfen. Und nun setzt so lnagsam die Wirkung ei sn. Man kann sich dann nicht mehr so recht konzentrieren. Aber es ist ja auch schon sehr spät.

Ich danke Euch allen für eure lieben und aufmunternden Worte, insbesondere H3lpness für seine Offenheit. das würde nicht jeder machen und sicher ist es dir auch sehr schwer gefallen. Allein damit hast du mir schon geholfen, denn das, einen Teil mener selbst, meines Lebens, was mir widerfur und wie ich nun bin, hätte anderweitig hier nicht so offiziell und ausführlich geschrieben.

Ich durfte erkennen, dass es Menschen mit ähnlichen Schicksalen und enormen Problemen gibt. Dachte ich gestern noch, dass jetzt erst Recht der totale Wahnsinn beginnt, weil ictch sämtliche Kontakte gecancelt, das Telefon rausgezogen, mener Freundin die Verabredung abgesagt habe und seit Tagen mit anderen nur die allernötigsten Worte, d.h. eigentlich ausschließlch beim Einkaufen, wo man ja niht drumherum kommt, so weiß ich jetzt, dass andere Menschen, in diesem Fall Du, Helpness, genau so handelst.

Warum Du so bist, das kann ich Dir leider nicht beantworten. Ich weiß auch nicht, warum ich so geworden bin, wie ich heute bin. Ich denke jedoch, dass wir nicht alleine an unserer Situation die Schuld tragen, sondern dass auch andere durch ihr Handeln und Reden dazu beitrugen, aus uns das zu machen, was wir heute sind.

Natürlich kenne ich den Gedanken, auch wenn ich mich für's Leben entscheide: "pffff, aber diese eine, die Nottür, die Hintertür, die kann ich mir stets offenhalten. Ich muss ja nicht, aber ich kann, wenn ich hier nicht mehr weiterkann." Es ist nicht die Patentlösung, aber ich glaube, dass wir allein durch diese Gedanken, diese Einstellung und diese Hintergedanken eine Art Überlebensstrategie entwickeln konnten, die uns, trotz aller Widrigkeiten und trotz allem Unwillen, den Tag doch noch mal er"leben" lässt...

Du hast völlig Recht, Helpness, bei dir kann das so keinesfalls weitergehen. Dieses Nachdenken, Grübeln über alles, sind mir sehr gut vertraut.

Ob es noch Hoffnung für dich und mich all die anderen, die täglich einen Kampf gegen sich selbst austragen mpssen, weiß ich nicht. Aber meinst du, wir dürften wenigstens ein wenig darauf hoffen?


Es kann weder bei dir noch bei mir so weitergehen, denn du has t Recht damit: es wird irgendwann unerträglich, man wird sich selbst irgendwann unerräglich, was dann irgendwann da endet, wovon man doch eigentlich weg wollte.

Am Donnerstag hatte ich aufgegeben un d ernsthaft ini Betracht gezogen, den letzten Schritt zu gehen in dem Gedanken, dasss ich damit allen, auch und vor allem meinem Therapeuten, zu dem ich bisher bzw. seit einer Zeit eine Vertrauensbasis aufbauen konnte, einen riesen Gefallen erweisen würde. Aber gut, ich werde mir das durch den Kopf gehen lassen, ob ich weitermache. Momentan bin ich mental schon mehr mit der anderen Welt verbunden als mit dieser.



@isis-z
Ich weiß nicht, ob ich die Therapie fortsetzen soll. Was den verwilderten Garten betrifft, da habe ich schon ein großes Stück geschafft. Meine Antidepressiva habe ich jedoch abgesetzt. Ich nahm nun seit gut einem Jahr eine Kombi aus Amitryptilin, Opipramol und Sulpirid, aber bis jetzt trat keine Wirkung ein, also habe ich sie neulich abgesetzt. Bei mir kommt nun noch seit ein paar Monaten hinzu, dass bei mir, wenn ich unter enormen psychischen Stress gerate, eine Art Sprachblockade einsetzt und ich hatte in meinem ganzen Leben niemals solche Schwierigkeiten. Laut Thera snd dieses keine Nebenwirkungen von Medikamenten, sondern da wird bei krassem Stress tatsächlich das Sprachzentrum blockiert. Ich kriege dann kein vernünftiges Wort mehr heraus, und Schwierigkeiten, mich halbwegs ordnungsgemäß zu artikulieren, hatte ich definitiv noch nie.

Deine Ratschläge, einen anderen Therapeuten zu suchen, sind ja sehr gut. Nur ich habe das Problem mit meiner sozialen Phobie und weiß nicht, wie ich das dann anfangen soll. Den jetztigen hatte ich zum einen aus Empfehlungen anderer gewählt und er ist in der Nähe wo ich wohne, denn sehr weit über das mir vertraute Umfeld herauszufahren, davor habe ich ja auch schon wieder die Panik. Meinst Du wirklich, dass es Therapeuten gibt, die in einem nicht nur eine Patientin, eine Karteikarte und einen Posten auf ihrer Gehaltsabrechnung sehen, sondern einen Menschen? Bitte verstehe mich jetzt nicht falsch, ich hatte und habe niemals den Anspruch erhoben, einfach als Mensch behandelt zu werden, das kann und darf ich dem Therapeuten nicht abverlangen. Die einzige Verbindung zwischen ihm und mir ist die der medizinischen Art, nicht mehr und nicht weniger. Er ist ein Mensch wie jeder andere, der seinen Beruf ausübt, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Von daher verstehe ich ohne Abstriche, dass ein Therapeut nicht teil haben kann an dem, was einem widerfahren ist, denn diese Leute haben sicher auch oft einen sehr schwierigen Alltag oder auch familiäre Probleme...

Sorry, dass ich so viel geschrieben habe.

Euch allen sei Dank für Eure lieben und aufmunternden Worte. Hier fühle ich mich wenigstens gut aufgehoben.

Liebe Grüße an Euch alle

*supergau*

04.08.2008 03:42 • #9


Supergau,

danke, dass du zurück geschrieben hast und vielen Dank vor allem für deine Geschichte. Sie ist meisterhaft geschrieben, alle Achtung... etwas traurig, ja... ich will mir jetzt nicht anmaßen irgendetwas zu kommentieren oder zu bewerten, das bringt auch nicht viel. Nur das will ich dir noch sagen: Ich habe gestern Abend lange an dich gedacht, da wußte ich allerdings noch nicht dass du eine "Sie" bist, was mich auch sehr freut, weil ich hoffe dich dadurch besser verstehen zu können. Bitte vergiss meine 08/15 Ratschläge von gestern, ich bin wirklich heilfroh dass du mir trotzdem geschrieben hast...

Ich sehe in deiner Situation so viel Positives. Du hast eine Freundin, der du dich anvertrauen kannst. Dann hast du deine Tiere. Hast du schon mal überlegt deinen Bestand zu vergrößern? Ein Bekannter von mir, der auch seit Jahren ohne Beziehung lebt, hat vor einiger Zeit das Tierheim "leer geräumt". Katzen, Hunde, alles vorhanden bei ihm, alle vertragen sich wunderbar miteinander und es ist eine Menge Leben durch sie in die Bude rein gekommen... vielleicht würde es dich auch ein wenig von deinem Zwangverhalten ablenken?

Dein Garten. Pflanze doch eine ordentliche Hecke um dein Grundstück dass du dich wohl und unbeobachtet fühlst in deiner Burg, es ist wichtig, dass du dort gerne bist und die Kreativität und Eigengestaltung zahlen sich garantiert aus.

Ein "Papakind" bist du. Ich verstehe dich sehr gut, ich bin ein "Opakind". Die ersten 10 Jahre nach seinem Tod - ich weiß gar nicht wie ich sie hinter mich gebracht habe. Nach weiteren 10 Jahren wurde es allmählich besser, trotzdem hat diese erste Trennung in meinem Leben tiefe Wunden hintelassen, die bis heute nicht verheilt ist. Und doch ist die Liebe etwas wunderbares... man kann auch stolz auf sich und dankbar sein, dass man es erleben durfte.

Dann zu deinem Bruder: Habit ihr ihn - du und deine Mutter - angezeigt? Falls nicht: Die Verjährungsfristen für die zwei Straftaten kann ein Anwalt ausrechnen. Vielleicht ist es noch nicht zu spät, zumindest eine Anzeige bei der Polizei wäre ein wichtiger Punkt für dich, dadurch wird das Verhältnis Opfer-Täter geregelt und von dir würde eine enorme Last weg fallen.

Das vordergründliche Problem: Therapiewechsel ja oder nein. Du hast in knapp zwei Wochen einen Termin, bei dem du mit dem Therapeuten sprechen willst. Der Termin ist wichtig und vielleicht solltest du dich darauf gut vorbereiten, weil davon für dich viel abhängt. Erstens denke ich, dass er eventuell positiv überrascht sein könnte wenn du ihm gegenüber dein Vorhaben jetzt die Sache ernst anpacken zu wollen äußerst und er auch seine Einstellung zu dir ändern wird.

Was mir allerdings Sorge macht ist folgendes: Wer verschreibt dir die ganzen Medikamente? Er? Tavor macht extrem abhängig und du hast schon die Höchstdosierung erreicht. Alprazolam ist ein Medikament, das ebenfalls hohe Suchtgefahr darstellt und es ist ein Arzneimittel der zweiten Wahl gegen Panik- und Angststörungen, also nicht besonders effektiv. Die unkontrollierte Einnahme ist sowieso ein Problem, was du selbst auch merkst...

Ich möchte dir einen Vorschlag machen: Du schreibst ein Tagebuch... zum Glück, weil du so wundershön schreibst, dass du vielleicht auch versuchen solltest dich an Kurzgeschichten ran zu wagen, hast du es dir schon überlegt? Also zurück zum Tagebuch: Schreib auch alles auf, was du einnimmst, die Medikamente und die Dosierung und ggf. auch die Wirkung. Wie lange du danach geschlafen hast, welche anderen Wirkungen es auf dich hatte. Nimm dann diesen Zettel mit zu deinem Termin und sage dem Typus, du möchtest das alles absetzen und eine wirksame Medikation mit einer kostanten Wirkung haben. Er müsste sich mit dem jeweils vorhandenen Abhängigkeitsgrad beschäftigen und eine Alternative dazu finden. Vor allem Tavor und Alprazolam durch andere Medikamente ersetzen. Er müsste sich mit dir zusammensetzen und ein Konzept erarbeiten, das eine Verbesserung deines Befindens bewirkt und die Abhängigkeit von deinen Medikamenten runter fährt.

Das sind die wichtigsten Punkte, von denen hängt alles ab - ob du deinen Garten gestalten kannst, ggf. das Tierheim leer räumen kannst... smile... oder sonst was unternimmst, was deinem Leben wieder die Qualität gibt, die du brauchst. Wenn dein Psychotherapeut dafür kein Interesse zeigt und weiterhin seine Ratlosigkeit äußert, vergiss ihn, suche einen anderen. Hast du einen guten Hausarzt? Vielleicht könnte auch er dir ein paar Tips geben, was du unternehmen könntest. Eine Tagesklinik z. B., dort hättest du gleich mehrere Fachärzte für dich - und eine intensive (tägliche) Therapie, bei der du trotzdem jeden Abend deine Tiere versorgen kannst... gibt es so etwas bei euch? Die längeren Fahrten wären beslastend, das ist klar. Aber vielleicht gäbe es auch eine Möglichkeit die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen oder in der Nachbarschaft nach Fahrgemeinschaften zu suchen?

Das wäre für´s erste. Ich hoffe dir diesmal mit meinen Gedanken etwas mehr geholfen zu haben. Das alles war aber nur möglich, weil du es geschafft hat deine ganze Geschichte und Problematik zu schildern, das war wirklich klasse von dir - und danke auch an Helpness, der dir dazu Mut gemacht hat.

Bitte melde dich wieder, hier oder über PN, egal, ich freue mich auf deine Antwort!

Lieben Gruß

Isis

04.08.2008 13:02 • #10


Hallo supergau !

Ich weiss nicht richtig, wie ich anfangen soll zu antworten, daher wünsche dir zuerst einmal alle Kraft dieser Welt.

Du bist wirklich nicht alleine mit diesem Lebensproblem. Als ich deinen Beitrag gelesen habe, da war es mir, als ob ich in einen Spiegel sehe, und mich selbst wiedererkenne.
Unsere Lebenssituation ist absolut identisch, nur die Ursachen (in der Kindheit und im späteren Leben) sind etwas unterschiedlich, das macht aber in der Auswirkung keinen Unterschied.

Du hast dein Leben lang nur Verluste erlebt (Trennung von den Eltern als du im Krankenhaus warst, und später der Tod der Eltern, und bestimmt noch vieles mehr), oder bist von Menschen benutzt worden (deinem Bruder und den Arbeitskolegen). Extreme Verlustängste und die Schwierigkeit, Nähe zulassen zu können, sind eine ganz normale Folge davon. Später fangen wir dann auch noch damit an, uns selber vom Leben (von den Menschen) zurückzuziehen und uns selber Schmerzen zuzuführen. Es ist dann alles leichter zu kontrollieren, wenn man es selber tut und nicht wartet, bis es Andere tun. Dadurch wird die Angst etwas weniger und es ist (vorübergehend) leichter zu ertragen.

Ich hatte in den letzten Jahren versucht, mich auf ein Leben nur mit mir selbst einzustellen, mich damit abzufinden, es zu akzeptieren und damit irgendwie auch glücklich zu werden. Es geht aber nur eine Zeitlang gut, irgendwann (nach vielen Jahren) fehlt Etwas und es lässt sich auch durch nichts Anderes mehr ersetzen. Alles Drumherum wird mit der Zeit (nicht von Heute auf Morgen) völlig sinnlos, und verliert seinen Wert.
Wir brauchen menschliche Beziehungen und Nähe, wie die Luft zum Atmen, und wir müssen uns auch in dieser Welt irgendwo angstfrei bewegen können (Geborgenheit finden).

Ich bin am selben Punkt in meinem Leben angekommen wie du, wir sind beide über 40 Jahre alt, also keine Kinder mehr, und wir wissen auch beide, dass wir nicht mehr ewig Zeit haben, um mit dem "wirklichen und schönen Leben" zu beginnen. Ein unbeschwertes Leben, was für "normale" Menschen der ganz gewöhnliche Alltag ist, haben wir noch vor uns. Es ist noch nichts zu spät, auch wenn es nicht leicht werden wird, es könnte noch funktionieren, was haben wir denn bei dem Versuch noch zu verlieren - nichts!

Mache bitte eine Therapie, versuche dort die Vergangenheit aufzuarbeiten, und sie nicht mehr dein Leben (oder Nichtleben) bestimmen zu lassen. Suche dir notfalls einen anderen Therapeuten (probiere mehrere aus, die Krankenkasse bezahlt das), oder gehe noch einmal in ein Krankenhaus, selbst wenn du dort erst einmal keine erfolgreiche Therapie machst, so ist das doch auf jeden Fall einmal eine gute Auszeit (weg vom Alltag und den täglichen Gedanken). Bei mir war das so (2001/2), Urlaub in der "Klappse" (habe damals auch noch keine wirkliche Therapie, bezogen auf meine Probleme, gemacht) und es hat mir sehr gutgetan.

Ja, und die Zwänge, ich habe gelernt dabei etwas über mich selbst Lachen zu können, das hilft damit besser umgehen zu können. Als ich noch Menschen gekannt habe und auch noch öfter Besuch in meiner Wohnung hatte, da haben die manchmal irgend etwas (im Regal oder auf dem Schreibtisch) umgestellt. Beim Abschied haben sie dann zu mir gesagt: "Mal sehen ob du es merkst und damit klarkommst, oder ob wir dich morgen im Krankenhaus besuchen müssen". Mein Ordnungszwang, die Bleistifte im rechten Winkel zum Aschenbecher, während das ganze Leben den Bach herunter geht. Es hat aber wirklich etwas damit nachgelassen, seit ich angefangen habe, in dieser Sache selber über mich zu Lachen.
PS: Die Zwänge kommen durch den Versuch die Dinge (unser Leben) noch in Teilbereichen zu kontrollieren, was woanders nicht mehr möglich ist. Unterbinden wir unsere Zwänge, oder machen wir einmal etwas anders als gewohnt, dann gerät alles ausser Kontrolle, und die letzte Sicherheit ist weg. So dumm sie also manchmal auch sind, sie haben einen wichtigen Zweck.

Ich beneide dich um deine beiden Hunde Dandy und Nikko, ich hätte so gerne Katzen. Sie geben viel Liebe (die ich auch problemlos annehmen könnte). Leider kann ich in meiner Wohnung keine Katzen halten, es wäre Tierquälerei. 23 Quatratmeter im dritten Stock eines Mietshauses, sie könnten nicht nach Drausen wann sie wollen, und Katzen brauchen Freiheit. Hunde sind hier leider verboten.

Übrigens, der Gedanke das Leben jederzeit beenden zu können, ist durchaus zulässig. Als Brücke oder Krücke, um den Moment (eine Kriese) besser ertragen zu können, kann er sogar hilfreich sein. Ich selbst mache das auch oft in Gedanken so, und ein Artz hat mir einmal gesagt, dass dies durchaus in Ordnung so sei.
Es dann wirklich tun zu wollen (bei mir kamen diese ernsthaften Planungsgedanken etwa Anfang dieses Jahres, sie sind im Moment aber weg, nicht zuletzt wegen diesem Forum hier), ist etwas völlig anderes. Mache bitte nichts, ohne dir vorher noch eine Change gegeben zu haben. Schreibe hier im Forum, es hilft natürlich nicht die Probleme zu lösen, aber es hilft, die Zeit zu überstehen bis sie z.B. durch eine Therapie gelöst sind.

Ausserdem mag ich dich, du hast als Kind anderen Kindern in der Not geholfen, ich habe als Kind freiwillig mein Spielzeug an andere Kinder verschenkt, und auch sonst vielen (nur nicht mir selbst) geholfen.

Gute Ratschläge, im Sinne von: Denk positiv, hör auf dich zu verletzen, geh mal in die schöne Natur und es wird schon wieder, werde ich dir/uns jetzt ersparen. Mich bringt solches (gutgemeinte und liebevolle) Gerede
immer an den Punkt, wo ich dann gerade mal aus dem Fenster springen könnte, ich vermute, dir geht es da ähnlich?

Halte den Kopf hoch und melde dich bald wieder,
viele liebe Grüsse,

Helpness

04.08.2008 15:18 • #11


Hallo isis-z,
was bedeutet eigentlich dein nick? Bei meinem braucht man ja nicht lange zu überlegen...

Danke für deine lange und sowohl nette, aufbauende als auch ausfürhliche und hilfreiche Antwort. Warum hätte ich dir denn nicht schreiben sollen?

Dass es in meinem Leben auch Positives gibt, darauf werde ich in letzter Zeit manchmal regelrecht mit einem fiktiven Tritt in ein bestimmtes Körperteil gestoßen. Du hast recht, es ist sehr positiv, wenn man eine gute Freundin hat. Mit ihr kann ich reden, sagen, dass ich jetzt gerade am liebsten allem ein Ende setzen würde und sie hat sich darüber auch noch nie abfällig geäußert, im Gegenteil. In der Nacht, als meine Mutter verstarb, da war sie es, meine Freundin, die sich für mich Zeit nahm und mit mir bis ca. zwei Uhr nachts im Restaurant saß und mich auch hat weinen lassen. Die Restaurantbetreiber schließen normalerweise um 23.00 Uhr, aber sie schickten uns nicht nach Hause, als meine Freundin sagte, was passiert war...

Und dass ich, zumal ich überwiegend eine manchmal beängstigende innere Leere empfinde, die ich dann irgendwann auf meine Art kompensieren muss, zumindestens für Tiere eine absolute und bedingungslose Liebe empfinden kann, dafür danke ich Gott, wann immer ich kann, denn Tiere geben einem so vieles... Weißt du, einer meiner beiden Hunde (sind zwei Westhighland White Terrier, die aus der Reklame, Dandy hat glattes Haar und Nikko hat Löckchen), Nikko, ist völlig überzüchtet, musste bereits im Alter von acht Monaten an der Hüfte wegen Nekrose (reines Überzüchtungsmerkmal) operiert werden und auch nervlich gesehen ist er absolut überzüchtet, was sich in Aggressionen und völligem Ausrasten äußert, jedoch draußen fast ausschließlich, wenn er eine Begegnung mit einem fremden Hund hat. Er hat mir in vier Jahren acht neue und teure Flexileinen geschreddert, mich so oft ins Bein gebissen, dass ich keine einzige Hose mehr ohne Loch hatte und zudem ein paar schöne Narben vor allem an den Beinen, darunter ein Loch mit einem Durchmesser eines 2-Cent-Stücks, was nicht mehr zugeht. Auch hat er sich schon in meinem Arm festgebissen. Aber richtig, die ganze obere Zahnreihe bohrte sich in mein Fleisch, immer tiefer, war ein Gefühl, als wenn ein Schraubstock in eine offene Wunde einen Gegenstand immer tiefer hineindrückt. Als Borderliner und sowieso bin ich ja nicht so schmerzempfindlich, aber das spürte ich. Viele laberten und sagten mehrfach, diesen Hund hätten die wenigsten behalten, eben weil er so schwierig ist. Und dennoch, ja, er ist schwierig, sehr schwierig, zudem sind Terrier sowieso von Grund auf nicht ohne, aber ich liebe diesen Hannibal in Kleinstausgabe genau so wie seinen ein Jahr älteren Halbbruder Dandy. Der Hund kann nichts dafür, dass er so ist, es ist die Schuld von geldgeilen Menschen. Ich habe aber bis jetzt mit aller Konsequenz und überwiegend dem nicht schmerzenden Schnauzgriff sehr vieles bei ihm erreicht, und darauf kann ich stolz sein, denn das hätten andere nicht gebracht. Beide Hundchen hatte mir meine Mutter geschenkt. Diese beiden lebendigen Geschenke sind für mich etwas sehr Wertvolles, zumal auch die letzte lebende Verbindung zwischen meiner Mutter und mir, und ich weiß, dass es ganz genau so in ihrem Sinn wäre, wie ich mit Nikko umgehe und dass ich ein "Weggeben" nie in Betracht gezogen habe. Níkko stammt übrigens in dieser Schreibweise aus dem Japanischen und bedeutet "Sonnenschein". War meine Idee...

Und die Nymphies, die ich vor zwei Jahren adoptiert habe, die habe ich auch mit jedem Tag lieber. Seit einigen Monaten imitieren sie hundertprozentig den Lockpfiff, mit dem ich meine Hunde rufe. Anfangs peilte ich nicht, dass es meine Vögel sind, die da pfeifen und dachte, jetzt geht es bei mir ab, wie bei meiner Freundin. Sie hört allerdings Stimmen, nur von Pfeifen hören war bis bis dahin noch nichts bekannt. Na ja, egal, jedenfalls bekomme ich auch von ihnen jedes Mal eine Begrüßung, wenn ich oben vorbeigehe oder nach Hause komme.

Mir noch mehr Tiere anzuschaffen, daran habe ich auch schon gedacht. Ich hätte gerne noch ein Kätzchen (hatte im Abstand von ein paar Jahren jeweils zugelaufene Katerchen adoptiert) und Schildkröten, vielleicht nochnd einen dritten Hund (bis zum 29. Mai 2006 hatte ich drei, da hatte ich noch einen schwarzen Zwergschnauzer, meinen "Alterspräsidenten"), am liebsten so einen Harlekinpudel, ne neue Rasse, schwarz weiß und supersüß...

Ich muss nur hier noch sehr vieles renovieren und den Garten fertig bekommen. Du hast Recht mit dem Zubunkern. Rechts steht ja schon eine über zwei Meter hohe Holzwand, links eine dichte, hohe lebende Hecke und somit muss ich nur noch unten die Grenze zum Grundstück abdichten. Den Vorgarten habe ich auch schön zuwachsen lassen, manche sagen "Wildnis", ist mir aber wurscht, es sind nur Bäume, die immergrün und inzwischen ziemlich hoch gewachsen sind. Demnächst werde ich da auch alles etwas zurückschneiden und vor die Küchenfenster kommen noch mehr Bäumchen, damit da auch alles gaffdicht ist.

So, nun entschuldige, dass ich so viel über Tiere geschrieben habe, aber ich liebe sie nun mal über alles. Meine Eltern waren genau so. Das erste Geschenk, was mein Papa meiner Mutter machte, als er sie noch umwerben musste, war ein kleiner Zwergspitz namens "Alf" Auf die Flucht gingen sie damals bei Nacht und Nebel mit einem kleinen Köfferchen mit dem Nötigsten und ihrem Schäferhund.

Nein, mein Bruder wurde nicht angezeigt. Es ist so, dass meine Mutter all das immer abstritt, später dann zumindest herunterspielte. Dann kommt noch hinzu: letztes Jahr im Juli bin ich wieder in die Kirche eingetreten und gleichzeitig zum Katholizismus konvertiert. Im Juli hatte ich Firmung und ich kann gar nicht beschreiben, trotzdem, dass meine Mutter da bereits im Krankenhaus lag und alles so schlimm war, was für ein shöner Tag das das war und wie viel Positives ich in mir aufgenommen habe. Dem Pfarrer habe ich ein Heftchen angefertigt mit Grafíken und selbst geschriebenen Gedichten, worüber er sich sehr gefreut hatte. Darunter ist auch mein Gedicht "Vergeben". Ein Exemplar nahm ich meiner Mutter mit ins Krankenhaus, las es ihr vor, sie stellte es auf ihren Nachttisch und las es immer wieder selbst durch. Ich wollte ihr besonders mit "Vergeben" verdeutlichen, dass ich sowohl ihr Nichthandeln und manch anderes als auch meinem Bruder und anderen vergeben habe. Das wusste sie, und darüber bin ich unendlich froh, dass sie in diesem Gedanken gehen durfte, dass zwischen uns nichts mehr besteht, was zu vergeben wäre. Vergessen ist nicht so einfach, ich leide eben weiterhin unter all dem, was geschah, und das geht auch mit der Vergebung nicht von heute auf morgen auszulöschen. Und eben deshalb werde ich keine Anzeige gegen meinen Bruder erstatten. Auch jetzt, wo ihm jemand auf den Fersen ist und eine Betreuung mit betreutem Wohnen anstrebt: zwar habe ich seit all den Jahren keinen Kontakt mehr zu meinem Bruder, möchte das auch dabei bewenden lassen und zudem hätte ich nun Gelegenheit, mích zu "rächen", aber ich werde dieses nicht tun. Zudem ist mir bewusst, dass ich damit voll und ganz im Sinne meiner Eltern handle, das weiß ich, und das ist mir sehr wichtig.

Wegen dem Termin, da bin ich ernsthaft am überlegen, ob ich ihn überhaupt noch wahrnehmen soll. Ich hatte dazu in meinem Tagebuch geschrieben, dass ich ihm sehr wahrscheinlich rechtzeitig einige Zeilen zukommen lassen werde. In diesem Tagebuch (welches ich merkwürdigerweise von Hand schreibe, alles andere ausschließlich über den PC) schrieb ich folgendes:

"Was Dr. X betrifft, dessen Abneigung ich am Donnerstag äußerst deutlich spürte, so werde ich ihn nicht mehr aufsuchen und ihm dieses, noch vor dem regulären Termin, auch mitteilen. Seine Fragen und Aussagen nahm ich sehr persönlich und interpretiere sie teilweise so, als wolle er regelrecht, dass ich mich für Selbstmord entscheide oder ihn zumindest nicht weiterhin belästigen soll. Wenn er meine Gegenwart als lästig, unerträglich und unnötig empfindet, so verste eich das und gestehe ihm dieses, sowohl als Therapeut als auch als Mensch vollkommen und uneingeschränkt zu. Ich habe die Signale empfangen und werde meine Konsequenz daraus ziehen. Es wird keine Gespräche mehr geben und ich weiß ganz genau, dass für ihn meine Entscheidung des Fernbleibens eine sehr große Erleichterung und Befreiung sein wird. Belästigen oder kompromittieren, nerven oder sonstiges, lag nie in meiner Absicht, und sollte ich dieses unbewusst getan haben, so entschuldige ich mich dafür! Dieser Tag und dieses letzte Gespräch haben mich gelehrt und zu der Entscheidung gebracht, dass der totale Rücknug, Schweigen und irgendwann Schadensbegrenzung zu betreiben die beste Lösung für alle Seiten ist!

Ich als "Patientin" will und kann einem Therapeuten nicht seine Funktion erklären, die sollte er schon selbst zu definieren wissen. Ich versprach mir beispielsweise von einer Therapie, meine Ängste und Phobien irgendwann und irgendwie in den Griff zu bekommen oder bestenfalls ganz los zu werden. Ich hatte gehofft, mit der Zeit eine andere Sichtweise zu bekommen und war dazu bereit, mich diesbezüglich belehren zu lassen, was auch meine oft schwierige Einstellung zu oder Beziehung mit Menschen, mit anderen, betrifft. Und letztendlich erhoffte ich mir, irgendwann so etwas wie LebensFREUDE empfinden zu dürfen, was ich eigentlich bis heute nie erfahren konnte oder durfte. Es war eines meiner Ziele, irgendeinen Sinn in allem zu sehen, einige unschöne Eigenschaften abzulegen, wofür ich mir alle Mühe geben wollte, weil ich einsah, durch vorherige Gespräche, welche ich im Nachhinein stets mehrfach reflektierte, dass diese Eigenschaften und Verhaltensweisen weder für mich noch für andere gut sind. Aber es soll nicht sein, auch das akzeptiere ich. Rückzug und Schweigen oder auch irgendwann und irgendwie seine persönlichen Konsequenzen zu ziehen, haben nicht einmal Neben- oder Wechselwirkungebn und keinerlei Suchtpotential. Zudem bin ich hierdurch nicht zur Konversation gezwungen, denn bei diesem fiktiven "Medikament" gibt es weder eine Packungsbeilage noch muss ich mich einem Wortwechsel mit meinem Arzt oder Apotheker unterwerfen... "


So in etwa sollte der Wortlaut in einem Schreiben an ihn sein, ich weiß nur nicht, ob es richtig ist, ob er meinen Müll überhaupt lesen geschweige denn ernst nehmen würde... Dass es ihm schnuppe ist, nun einen Patienten bzw. eine Karteileiche mehr oder weniger zu führen, ist mir klar, was anderes kann und würde ich auch nie erwarten. So wichtig bin ich zudem nicht.

Wegen der Medis muss ich dir Recht geben. Was ich da mache, ist nicht gut, nicht auf Dauer. Aber momentan bin ich so was von unten, da geht es fast nicht mehr anders.

Wegen deines Vorschlags, Kurzgeschichten zu schreiben: das tue ich seit einer Zeit. Vorher war ich über einen langen Zeitraum in einem Suizidforum, wo jemand mich darauf aufmerksam machte, ich solle mal versuchen zu schreiben. Das sagten mir auch andere, obwohl ich in meinen Beiträgen nie etwas Besonderes sah, sondern immer nur eine Aneinanderreihung von Worten, um irgendwas zum Ausdruck zu bringen oder zu schildern. Aber gut, ich begann dann, Kurzgeschichten und Gedichte zu schreiben. Als meine Mutter im Krankenhaus lag, schrieb ich zum Großteil für sie, legte ihr einen Ordner an, der stets von Station zu Station mitwandern musste, weil sie es irgendwie als ihr kleines Heiligtum ansah. Wenn ich sie besuchte, musste ich ihr immer wieder daraus vorlesen, und wenn wir, wie jeden Abend, spät noch mal telefonierten, las ich ihr auch wieder vor. Ihr Trauerheftchen zur Beisetzung habe ich selbst erstellt in Form eines Briefes an Sie, mit Bildern und einem Gedicht, nur für sie.

Als ich deinen Beitrag las, und weil du auch über Tiere geschrieben hast, da kam mir zuerst meine Geschichte "Herr und Frau Krähe" in den Sinn, weil sie irgendwie momentan passend scheint. Ich poste sie dir hier im Beitrag und hoffe, dass ich nun mit diesem Millenniumsbeitrag nicht gelangweilt habe.

Also hier die (erste) Story:

Herr und Frau Krähe

Gestern Abend saß ich nach einem ausgedehnten Spaziergang mit meinen Hunden im Park auf einer Bank. Da kamen zwei Krähen gelaufen. Sie spazierten gemütlich den Weg entlang in unserer Richtung. Plötzlich konnte ich hören, wie sie sich unterhielten und aus ihrer Unterhaltung entnehmen, dass sie wohl ein bereits seit vielen Jahren glückliches Krähenehepaar sind. Da fragte Herr Krähe seine Frau, während beide gemütlich, mit leicht schaukelndem Gang, nebeneinander liefen: "Du, Frau, was meinst du, ist es besser, eine Krähe zu sein oder ist es besser, ein Mensch zu sein? Ich für mein Teil, ich wäre schon lieber ein Mensch."

"Na du stellst mal wieder Fragen, Mann. Ich dachte, wir gingen nun, weil unsere Kinder von ihren Tanten und Onkeln gehütet werden, die Abendluft genießen, und wir hatten außerdem vor, in unserem alten Lieblingsbaum, geschützt von den Blicken und Bemerkungen der anderen, etwas zu schmusen. Da kommst du nun wieder mit deinem Philosophieren an." Ärgerlich schüttelte sie dabei ihren Kopf und ihr Schritt wurde schneller.

"Ach Frau," lispelte verführerisch Herr Krähe, der Mühe hatte, dem schnellen Gang seiner Frau zu folgen, "eine Frage zu beantworten tut doch unserem Vorhaben keinerlei Abbruch. Komm sag schon, was dir lieber wäre."

"Na gut, du lässt ja, wie üblich, nicht locker," meinte Frau Krähe, immer noch sichtlich erregt. "Wenn du's genau wissen willst, ich bin und ich bleibe eine Krähe. Nie und nimmer möchte ich ein Mensch sein."

"Und warum?" fragte Herr Krähe bohrend weiter. "Warum möchtest du kein Mensch sein? Ich fände es toll, denn dann wäre endlich ich einmal in der stärkeren Position und müsste mich nicht, weil ich nur ein Tier bin, was in den Augen vieler Menschen wohl leider gar nichts zählt, verjagen, erschießen oder gar überfahren lassen. Dann könnte ich auch mal sagen: 'husch husch'."

"Ja, sicherlich birgt das Menschsein gewisse Vorteile, das bestreite ich ja gar nicht," entgegnete ihm Frau Krähe. "Aber weißt du, mir ist es viel lieber, wenn ich durch die Lüfte fliegen kann, wann und wohin auch immer ich will. Ich kann mir überall mein Nest bauen, finde überall Nahrung. Menschen haben das längst nicht so einfach. Die brauchen eine Wohnung, müssen arbeiten gehen. Und bis die mal laufen lernen, neee, also da finde ich das bei uns schon praktischer. Unsere Kinder werden viel eher flügge und selbständig."

Herr Krähe nickte mit dem Kopf und meinte nachdenklich: "Von dieser Seite habe ich das ja noch gar nicht betrachtet. Ich sah bis jetzt immer nur die Vorteile im Menschsein. Da hast du wohl Recht, einfach haben die es auch nicht gerade. Und was unsere Freiheit betrifft, da kann ich dir nur zustimmen. Ich glaube, dann bleibe ich doch lieber eine Krähe. Ich möchte noch viele, viele Jahre mit dir zusammen sein, denn du warst mir immer eine gute Frau und unseren Krähenkindern eine sehr gute Mutter. Wie konnte ich nur so dusselig sein, keine Krähe mehr sein zu wollen. Denn dann könnte ich ja außerdem nicht mehr mit dir zusammen sein."

"Na siehst du, es ist nicht immer das besser, was man nicht ist und gerne wäre. Du musst auch hinter die Mauern schauen, auf denen du so gerne sitzt, und nicht nur darüber, denn ein Blick dahinter öffnet so manches Fenster. So, jetzt reicht's mir. Gehen wir jetzt endlich schmusen?" schloss Frau Krähe ihre Unterhaltung mit ihrem Krähengatten.

"Oh Frau", flüsterte betroffen Herr Krähe, "woher nimmst du nur all die Weisheiten? Manchmal überkommt mich so ein Gefühl, als wärest du schon einmal..."

"Lass es dabei bewenden", unterbrach ihn Frau Krähe und erweckte dabei den Eindruck, dass ihr Gatte sie wohl bei irgend etwas ertappt haben könnte. "Ich bin ich, du bist du, sie ist sie", wobei sie mit ihrem langen, kräftigen Schnabel in meine Richtung zeigte.

"Und auf geht's, unsere alte neue Freiheit und das, was wir sind, schätzen und genießen" riefen beide fast synchron, während sie mit einem kräftigen Ruck abhoben.

Ich konnte mir jedoch nicht verkneifen, dieses angeregte tierische Gespräch mit der Bemerkung "entschuldigt, dass ich euch beiden so einfach anspreche, aber ich konnte eure Unterhaltung mit anhören und fand das, was ihr da gesagt habt, sehr interessant" zu beenden. "Wisst ihr, ich als Mensch, wenn ich euch so betrachte, wäre schon viel lieber eine Krähe, wenn ihr auch kleiner seid als wir, und wenn auch viele meiner Artgenossen nicht gut zu euch sind. Zu sich selbst sind sie auch oft böse. Aber dennoch, der Gedanke, einfach auf und davon zu fliegen, hat was."

"Ei, ei," hechelte Frau Krähe, die bereits den ersten großen Bogen geflogen hatte, noch einmal landen und einen sicheren Platz außer Reichweite meiner Hunde suchen musste, die seit des Krähendialoges merkwürdig ruhig wurden, und fast schien es, als hörten sie zu... "Ihr Menschen seid wohl auch nie zufrieden mit dem, was ihr seid und wie ihr seid. Aber dennoch: Bleibe du lieber Mensch, und wir bleiben die stolzen, schwarzen Vögel. Es wird schon alles so seine Richtigkeit haben. Einen schönen Abend noch."

"Ja, einen wunderschönen Abend wünsche ich ebenfalls," plapperte ein aufgeregter Herr Krähe mir zu, während beide mit großem Schwung über die Wipfel der Bäume bis zu ihrem Lieblingsbaum flogen, um dort in schützender Höhe, umgeben von dichtem, sich leise im Wind wiegenden Blätterdach, ihr ganz persönliches Stelldichein zu genießen.

Ich rief nur noch schnell hinterher: "hey, ja, den wünsche ich euch beiden auch."

Ich weiß nicht, ob meine Hunde instinktiv den beiden *beep* nachschauten. Aber irgendwie hatte ich den Eindruck, dass sie leise in hündisch etwas tuschelten, als sie ihre beiden weißen Köpfchen geheimnistuerisch zusammensteckten. Ich glaube, ich konnte sogar ein leichtes Nicken ihrerseits wahrnehmen...


Es war tatsächlich so, dass ich abends mit den Hunden im Park auf einer Bank Platz nahm, mache ich oft, um nachzudenken, und da kam auf dem Weg ein Krähenpaar nebeneinander gelaufen. Dazu fiel mir dann die Geschichte ein...Vielleicht ist sie ja auch einfach nur blöd, kannst du mir aber gerne sagen, denn ich vertrage sehr gut Kritik...

Als meine Mutter im KH lag, da begann ich eine Geschichte zu schreiben über Knut, den Eisbärenjungen. Ich schrieb sie jedoch mit dem Tag des Todes meiner Mutter nie zu Ende und weiß nicht, ob ich es noch tun werde oder soll.

Morgen ist der erste Jahrestag ihres Todes. Ich habe ihr eine schöne Schale bepflanzt, einen Blumenstrauß gebunden (solche Dinge mache ich alle selbst) und werde ihr das morgen zum Grab bringen. Vielleicht fahre ich dann anschließend mit dem Fahrrad zum Krankenhaus. Die Intensivstation, wo sie verstarb, ist im Erdgeschoss, die Bänke für die Raucher stehen fast davor, also denke ich, ich hätte dann irgendwie die Nähe zu ihr...

Es ist morgen um 16:42 genau ein Jahr, und mir ist es immer noch, als sei es gestern gewesen..oc.

05.08.2008 20:48 • #12


Hallo Helpness,

musste erst einmal zwischen den Antworten an dich und isis-z eine Pause einlegen, was aufräumen, die Hunde füttern etc.

Es stimmt, es mögen eine Unterschiede im Kindheitsverlauf bestehen, aber die Auswirkungen, unter denen man später leidet, sind die gleichen.

Mit den Verlusten, da hast du Recht. Das ist etwas ganz besonders Schlimmes in meinem Leben seit meiner Kindheit. Meine Mutter musste oft, als ich noch ein Kind war, mit dem Notarzt ins Krankenhaus, da sie zu dieser Zeit öfter Herzattacken bekam. Ich fuhr immer mit, und glaube mir, ich war nicht zu klein und zu dumm, um zu verstehen, was da geschieht. Kurz bevor ich die Tablettenvergiftung hatte, ein paar Wochen vorher, hatte mein Papa einen schlimmen Autounfall, er überschlug sich durch starken Seitenwind, bekam aber zum Glück keine Schramme ab. Er hatte einen Schock, der erst Stunden später kam, aber da meine Eltern mit unserem damaligen Hausarzt befreundet waren, kam er auch gleich und meinem Dad wurde geholfen. Aber auch das habe ich verstanden, dass da was nicht stimmt, mit ihm. Als ich neun Jahre alt und in der dritten Grundschulklasse war, in diesem einen Jahr, da kamen nacheinander meine Eltern und mein Bruder jeweils für viele Wochen ins Krankenhaus. Ich sah quasi Monatelang nichts als Krankheit, Leid, Gefahr, Angst, Krankenhäuser und Ärzte. Ich war immer sehr gut in der Schule, doch plötzlich war ich einfach nur noch abwesend. Meine Lehrerin bemerkte das und gab mir ein Schreiben mit nach Hause, dass sie sich über mein Verhalten sehr wundere, ich würde am Unterricht überhaupt nicht mehr teilnehmen, sei abwesend und kaum noch ansprechbar. Meine Mutter rief sie zuhause an und erklärte ihr, warum ich mich so verhalten würde, und die Lehrerin hatte sehr viel Verständnis für diese Situation. Ich kann ja auch nichts dafür, dass mir immer alles so nahe geht und will damit auch niemanden ärgern. Starb eines unserer Tiere, war ich jedes Mal krank. Als ich etwa vier Jahre alt war, fuhren meine Eltern mit uns in Urlaub an die Nordsee. Wir gingen abends spazieren, plötzlich schrie ein Hund ganz erbärmlich, weil er angefahren wurde. Er lag in der Wiese, zwei Mädchen kümmerten sich um ihn. Wie sich später herausstellte, war er zum Glück nur am Pfötchen leicht verletzt und hatte wohl nur aus Schreck so geschrien. Ich aber bekam eine Art Schock, hatte einen Schreikrampf und konnte nicht mehr aufhören, nicht mal meine Eltern konnten mich beruhigen.

Eine Parallele fiel mir durch die Erzählungen meiner Mutter auf. Ihr Vater hatte zehn Geschwister, und eine Schwester war ganz besonders sensibel, auch sie hatte eine wahnsinnig enge Bindung an ihre Eltern. Alle Kinder zogen irgendwann aus, nur sie nicht, sie versorgte das große Haus und die Eltern. Irgendwann starben dann meine Urgroßeltern. Dann zog eine andere Schwester zu ihr, nun kümnerte sie sich aufopferungsvoll um sie, aber als diese Schwester heiratete, fühlte sie sich überflüssig. Sie nahm sich auch das Leben, weil sie es nicht mehr ertragen konnte. Vielleicht habe ich ja zusätzlich auch ein paar entsprechende Gene mitbekommen, ich weiß nicht, inwieweit so etwas möglich ist.

Wenn ich zuhause anfing zu schreien, stürzte mein Vater grundsätzlich rein und schaute erst mal nach allen Tieren, ob eines verletzt sein könnte, weil er wusste, dass ich nur so verzweifelt und laut schrie, wenn es um eines unserer Tiere ging, ich selbst konnte schon recht früh einiges wegstecken und war ziemlich brutal zu mir selbst, schon damals.

Mein bester Freund, er war etwa fünf Jahre älter als ich, es war so etwas wie eine ganz innige Geschwisterliebe, eine reine und saubere Liebe zwischen zwei Menschen, trotz des Altersunterschiedes. Oft gingen wir stundenlang mit unserem damaligen Schäferhund im Wald spazieren, saßen dann lange nebeneinander schweigend und nachdenkend auf einer Bank und wenn wir uns später unterhielten, wer von uns wohl was gedacht hatte, stellten wir fest, dass wir fast immer die gleichen Gedankengänge hatten. Er hieß Frank, und an ihm hing ich mehr als an meinem eigenen Bruder, ist ja auch kein Wunder. Frank war ein wundervoller Mensch, aber er fing irgendwann an zu *beep*, dann nahm er Dro., schließlich hing er an der Nadel. Meine Mutter versorgte ihm mehrere Therapieplätze, aber alles schlug fehl. Eines Tages beging Frank Selbstmord, er sprang aus dem zehnten Stock, wo er seine Wohnung hatte. Ein Schulkamerad brachte sich um, er erschoss sich. Ein anderer guter Freund, Rainer, beging ebenfalls Selbstmord. Dann verstarb eine ältere Dame, die für mich so etwas wie ein Großmutterersatz war. Mir war es leider nicht vergönnnt, mit meinen Großeltern aufzuwachsen. Als ich mit 16 Jahren die private Handelsschule besuchte, starb ein Mädchen ibm gleichen Alter bei einem Verkehrsunfall. Das alles, dieses Verlassenwerden, zieht sich wie ein roter Faden durch meine Kindheit bis jetzt. Und meine Verlustängste, die habe ich nun mit geballter Ladung auf meine beiden Hunde übertragen.

Es ist immer so. Wenn man einen Menschen mag oder ein Tier, irgendwann wird man verlassen.

Du hast völlig Recht mit den extremen Verlustängsten und dem Problem, Nähe zuzulassen. Ich kann nicht mal auf einer Couch Platz nehmen, da könnte sich ja jemand neben mich setzen... und so weiter. Und dass wir uns selber Schmerzen zufügen, das verstehen viele Außenstehende nicht. Ich hatte bis jetzt sogar ein paar Wochen durchgehalten, aber irgendwann war es dann doch wieder so weit. Eine gute Bekannte meinte einmal, ich solle ihr versprechen, dieses nicht mehr zu tun. Das Versprechen gab ich ihr jedoch nicht, weil ich von vorneherein weiß, dass ich es nicht einhalten kann. Es stimmt, es ist neben dem Druck, dem sich einfach fühlen wollen auch in gewissem Sinn die Kontrolle, die man dann über sich selbst hat und nicht (wieder) andere.

Ich hatte es, wie Du, auch versucht, einfach zu akzeptieren, mich innerlichah nicht mehr dagegen zu wehren, aber, wie du schreibst, das funktioniert nur eine Zeitlang. Es ist Selbstbetrug, aber das erkennt man erst später.

Ich weiß, dass der Zug in vielerlei Hinsicht bereits abgefahren ist. Weißt du, mein größter Kindheitstraum war der, später einmal selbst zwölf Kinder zu bekommen und jedes sollte seinen eigenen Hund und sein eigenes Zimmer haben. Nur auch diesbezüglich haben mir Menschen wie meinh Bruder einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Verlangen wir denn wirklich zu viel, wenn wir, wie andere, auch einfach nur ein Leben mit ein wenig Freude am Leben haben möchten? Ist das denn wirklich zu hoch gegriffen? Ich habe mir nie Reichtum oder Luxus gewünscht. Ich wollte einfach nur irgendwann meine eigene, große Familie, Kinder endlos knuddeln, verwöhnen und auf den rechten Weg bringen. Ich kenne es nicht, so ausgelassen zu sein wie andere, immer schieben sich irgendwelche düstere Gedanken oder dunkle Erinnerungen dazwischen und es geht nicht auszuschalten.

In eine Psychiatrie werde ich nie wieder gehen. Ich war dort 2002 per Zwangseinweisung, zwei Wochen auf der Geschlossenen, insgesamt zwei Monate dort. Und weil ich jegliche Therapie und Medikamente ablehnte und den Mund nicht hielt, sondern ihnen meine Meinung sagte, wurde ich auch dementsprechend behandelt. Mir wurden sechs Wochenlang die Medis für Allergie und Asthma, worunter ich schon seit meiner Kindheit leide, verweigert. Dadurch wurde das Asthma chronisch. Nach meiner Entlassung fingen die Panikattacken erst richtig an, heftigst und regelmäßig. Der ganze Aufenthalt dort hat bei mir noch mehr Schaden angerichtet, als eh schon vorhanden war. Anschließend sollte ich zur Tagesklinik gehen. Damit wäre deine Frage beantwortet: Ja, es gibt eine Tagesklinik. Nach einem Tag bin ich nicht mehr hin. Sie sagten mir, ich könne jederzeit kommen, wenn ich Hilfe bräuchte und das ganz ohne Geschlossene. Aber ob ich dieser Aussage vertrauen kann, weiß ich nicht...

Na ja, was unsere Zwänge betrifft, so denke ich, dass wir beide da (noch) nicht die aller schlimmsten Zwangshandlungen betreiben. Das ist wieder reine Parallele: auf der einen Seite die Ordnung mit deinen Bleistiften und auf der anderen Seite geht es immer mehr Richtung Abgrund. Das kenne ich auch. Hier und da zwanghafte Ordnung, rundherum, innerlich und außen das totale Chaos, aber so man hat ja dann wenigstens in ein paar Winkeln und Ecken noch den Überblick, oder, viel wichtiger, die Kontrolle...

Katzen sind auch etwas ganz Tolles. Vorgestern, auf dem Weg zum Friedhof, kam miauend und flirtend ein schwarzweißes Kätzchen auf mich zu gelaufen, strich mir um die Beine, miaute und genoss mit einem ständigen maunzen und Schnurren ihre Streicheleinheiten. Obwohl ich sie vorher noch nie gesehen, geschweige denn gestreichelt hatte, bekam ich sogar "Liebesbisse" von ihr. Das hat mir so gut getan. Am liebsten hätte ich sie mitgenommen.

Also wenn auch du es so machst und das sogar für einen Arzt in Ordnung ist, dass man sich wenigstens in Gedanken dieses Hintertürchen offen hält, dann werde ich das auch nicht immer wieder verheimlichen. Wir machen ja keinel Spielchen, es ist schlimm genug, manchmal, mit diesen Gedanken umzugehen, bzw. können sich Leute, die anders sind, nicht vorstellen, dass man schon ein schlechtes Gewissen bekommen kann, wenn man sich dabei ertappt, dass man irgendwas für einen Zeitraum von ein paar Wochen oder Monaten plant...

Für mich war es immer selbstverständlich, anderen zu helfen. Das hat sich allerdings bis heute so gehalten. Merkwürdigerweise kann ich für andere zur Wehrwölfin mutieren, aber für mich eben nicht. Doch - neulich, da waren meine Hunde wie immer vorm Laden angebunden. Sie saßen ganz brav da, waren ruhig, konnten niemanden belästigen oder sonstwas. Die taten einfach nichts! Da kam ein Mann und sagte völlig grundlos: "Die Hunde sind Ungeheuer." Und ich antwortete: "Da haben Sie Recht. Und Sie sind ein zweibeiniges A-loch." Ich war erst über mich selbst erschrocken, aber was fällt ihm ein, ohne Grund meine Hunde zu attackieren und zu beschimpfen?!

Ja, das hast du sehr gut erkannt. Bei diesem Satz musste ich sogar grinsen. Diese guten Standardratschläge, um die wir nicht mal fragen, ein Fenster in der Nähe und ... Abflug. Nach dem Tod meiner Mutter sagten alle standardmäßig "Das Leben geht weiter. Du musst jetzt Dein eigenes Leben leben". Toll. Dass das Leben weitergeht, war mir scheinbar nicht aufgefallen und auf alles andere kann ich sowieso pfeifen. Zumal ich diese Leute in keinster Weise vollgejammert habe. Nicht einen einzigen. Außer an dem Abend im Restaurant mit meiner Freundin, wo ich reden und auch weinen durfte. Sie hat einen solch blöden Satz bis heute mir gegenüber nicht ein einziges mal geäußert.

Na ja, nun weiß ich auch nichts mehr zu schreiben. Weiß auch gar nicht, was ich jetzt noch machen soll. Am besten zuwerfen und schlafen gehen, das funktioniert wenigstens noch. Aber selbst bei den ärgsten Medis: ich werde selbst dann meinem einen Zwang gerecht, grundsätzlich zuerst den linken Schuh auszuziehen. Ich finde es auch selbst manchmal schon fast zum Lachen, aber sooo schlimm sind solche Ticks finde ich nicht. Auch nicht der, parallel beim Schreiben, Lesen oder Sprechen die Buchstaben der Wörter zu zählen. Die meisten kann ich dir, ohne nachzuzählen, schon auswendig auswerfen wie eine Maschine. Schön ist auch, sich Autonummern zu merken, aber man muss dabei mit dem inneren Auge das Auto fotografieren. Ich kenne hier in der Nachbarschaft von jedem die Autonummer, und ein Telefonregister brauche ich auch nicht, ist alles im bekloppten Oberstübchen gespeichert anhand dieses Wählbildes bei jeder Nummer. Bei meinem Chaos würde ich ein Telefonbuch sowieso grundsätzlich verschlampen und müsste dann stundenlang suchen, also ist Merken die schnellere Alternative.

So, habe nun hoffentlich dich nicht auch gelangweilt mit meinem langen Text, aber manchmal fange ich an und kann dann gar nicht mehr aufhören.

Sende dir viele liebe Grüße zurück, auch von meinen beiden Hundies

*supergau*

05.08.2008 22:29 • #13


Hallo Supergau,

ich gebe zu, dass mir dein Nick ein bisschen schwer über die Lippen geht und ich ihn wirklich nur als Schwarzen Humor akzeptieren kann... hast du den nicht mal überlegt die drei letzten Buchstaben weg zu lassen?... smile.

Erst einmal danke für deine ausführliche Mail... langweilig? niemals!... und für das tolle Krähenpaar, dem getrost ein Ehrenplatz in manchem Beziehungsbuch eigeräumt werden könnte. Es ist mir schon seit langem nicht passiert, dass ich beim Lesen einer Geschichte das ganze Geschehen in meiner Vorstellung verfolgen konnte. Ich sah schöne, graue und silberne Töne, zu denen die zwei weißen Hündchen und zwei schwarze Krähen wunderbar passten. Die Bäume, zu denen das Pärchen zum Schluß geflogen ist, sind ganz hohe Kiefer gewesen, dunkelgrün, mit weißen Wolken im Hintergrund, ein schönes Bild. Vielen Dank. Kein Wunder, dass deine Mutter den Ordner nicht aus der Hand geben wollte - ich denke sogar, dass die Geschichte eine Klasse hat, die man ganz entspannt an einen Verlag schicken könnte.

Ich werde deine Mail erst morgen Abend beantworten können - und weil du ja einen wichtigen Tag vor dir hast, will ich dir hier in aller Eile liebe Grüße hinterlassen. Ich wünsche dir, dass der Tag so ablaufen wird, wie du es dir wünschst und dass dich viele Erinnerungen an deine Mutter begleiten werden.

Ich drücke dir die Daumen... bis morgen!.. Isis

06.08.2008 00:36 • #14


Hey,

vorab möchte ich schreiben, dass mein folgender Beitrag nicht böse gemeint ist und auch kein Angriff gegen Dich darstellen soll.. Und ich hoffe, Du fasst das auch nicht so auf. Das ist nur die Sichtweise, wie Dein Therapeut es sieht.. und ich hoffe, es rüttelt Dich vielleicht ein bischen wach..


Ich habe nun nicht alles hier gelesen sondern gehe mal von dem Ausgangsbeitrag von Dir aus..

Du klingst ein bischen wie ein kleines beleidigtes Grundschulmädchen, jetzt hat er mal was gesagt was Dir nicht passt und dann willst Du gleich den Kopf in den Sand stecken und trotzt hier rum wie k.A. was, kotzt Dich über ihn aus und traust Dich dann noch nichtmal, ihm selber zu sagen, dass Dir sein Gesicht nichtmehr passt?

Weißt Du eigentlich, was Dein Therapeut Dir mit der Frage sagen wollte?

Ich sage Dir, was er damit meint:

Er hat den Eindruck, Dass Du da brav Deine Sitzungen "absitzt" er ein bischen Quatscht und Du denkst, dass damit dann alles wieder gut ist und er Dich gesund macht mit bischen reden..

Er hat den Eindruck, dass Du von ihm erwartest dass er Dir jez bis ans Ende eurer tage den Hintern abwischt um es mal symbolisch auszusprechen.. Deshalb hat er gefragt, was er Deiner Meinung nach machen soll, was Du von ihm erwartest... Du scheinst wohl keinerlei EIgeninitiative gezeigt zu haben, selber mal was an Dir zu ändern..

So läuft der Hase aber nicht..

Du scheinst wohl vergessen zu haben, dass Du diejenige bist, die ihren Hintern hochbekommen muss und der Therapeut eigentlich nur dazu da ist, damit Du DEINEN Alltag änderst, es heißt ja nicht umsonst Verhaltenstherapie..

Wieso willst Du ihm jetzt beweisen, dass Du ihn nicht brauchst?

Es gibt da einen tollen Spruch:

Das was Du hören willst ist leider nie das, was Dich auch weiterbringt im Leben

Wurmt es Dich nicht? Willst Du nicht DIR lieber beweisen, dass Du es doch schaffst?
Du bist doch so stark liebes, Du hast soviel Mist mitmachen müssen.. Wieso gibst Du an dieser Stelle auf, nur weil er was gesagt hat, was Dir nicht passt?
Wieso sprichst Du nicht selber mit ihm darüber? Klatsch ihm doch mal selber an den Kopf was Dir nich passt, Du glaubst nicht wie unglaublich gut das tut..



lg
sherlock[/b]

06.08.2008 12:01 • #15


Hallo supergau !

Mir geht es mit deinem Nicknamen genauso wie isis-z, ich schreibe ihn nur sehr ungerne. Nicht du bist ein "supergau", sondern die Dinge die rund um dich geschehen sind.

Nein, so viele Verluste wie du ertragen musstest habe ich nicht ertragen müssen, und soviel Tod und Leiden wie du gesehen hast, habe ich nicht sehen müssen.

Wenn ich deine Geschichten lese, dann sehe ich alles vor meinen eigenen Augen, so als wäre ich dabei und könnte alles selber miterleben.
Ich sehe, wie deine Nymphensittiche pfeifen, und Dandy und Nikko angelaufen kommen.
Ich sehe dich, wie du dich um jedes Tier und um jeden Menschen kümmerst, der deine Hilfe braucht.
Du schreibst Geschichten, die wunderschön sind, und mich auch zum Nachdenken bewegt haben (Herr und Frau Krähe).

Doch, was tust du für dich ?

Nicht du bist ein "supergau", sondern diese Welt, in der wir leben, ist ein Supergau. Wären alle Menschen so wie du, dann wäre unsere Welt ein grosses Stück besser und reicher, sie könnte ein Paradies werden. Du, dein Garten und dein Haus und deine Tiere, ihr seid ein Stück Paradies auf dieser Welt.

Du hast es verdient, mehr als verdient, dir ein grosses Stück Glück auf dieser Welt zu nehmen. Lebe dein Leben, denn du machst nichts falsch, aber vergesse dich selbst nicht dabei.

Noch einmal die Frage: Was tust du für dich ?

Schreibe mir bitte wirklich einmal, was du in den letzten Jahren an schönen Dingen für dich getan hast, nur für dich alleine (natürlich nur wenn du es willst).

Weisst du, worum ich dich beneide? Um dein gutes Gedächtnis, von dem du geschrieben hast. Ich habe viele Jahre gebraucht, bis ich mir meine eigene Telefonnummer behalten konnte, wirklich.
Und die Zwänge, das sehe ich auch so, finde sie bei mir sogar manchmal richtig lustig, wenn ich nicht gerade depressiv drauf bin.

Schreibe bald wieder einmal und streichele deine beiden Hunde von mir,

bis dann und viele liebe Grüsse,

Helpness

06.08.2008 17:48 • #16


Hallo Supergau,

über Tiere kannst du seitenweise schreiben, das ist für mich immer interessant. Ich hatte selbst Hunde und viele Katzen, weiß, wie die Liebe zwischen uns und den Viechern funktioniert. Fehlt mir im Moment sehr. Ob mich die Spinnen zwischen den Blumentöpfen am Fensterbrett wahr nehmen bin ich mir nicht sicher. Aber zumindest von meiner Seite ist alles klar, ich mag sie... lach.

Momentan sind meine einzigen tierischen Freunde freilebende Enten, die am Fluß in der City leben. Im Frühjahr hatte eine von ihnen Nachwuchs bekommen, den sie gerne durch die anliegenden Straßen ausgeführt hat. Oft sind dann Menschen bei dem Versuch den Verkehr umzuleiten wild gestikuliert auf der Straße hin und her gelaufen. Jetzt sind die kleinen schon etwa dreiviertel groß, ein paar von ihnen sind schwarz mit einem weißen Fleck vorne am Hals. Tagsüber schlafen die am Ufer im Gras... sie sind ziemlich gelassen, obwohl viele Hunde vorbei gehen. Und neue Winzlinge gibt es auch schon wieder, ob die Herbstenten den Winter durschstehen werden... keine Ahnung. Andererseits gibt es eine Unmenge an Leuten, die sie füttern.

Also dein kleiner Hannibal namens Nikko, hat er sich gebessert mit der Zeit oder ist die Gefahr, dass du von ihm gebissen wirst immer noch da? Mag sein, dass du schmerzunempfindlich bist... aber hast du denn keine Angst, erschreckst du nicht, wenn er dich angreift? Vielleicht gibt es Beruhigungs-Medis für Hunde?

Ja, wenn die Thearapeuten bei uns versagen, vielleicht sollten sie dann wenigstens die Hunde richtig behandeln...

Stichwort dein Teharpeut: Also war mein erste Reaktion doch richtig. Nein, seine Funktion musst du ihm nicht erklären, sollte er selbst definieren können. Wenn in 3 Jahren so gut wie nichts erreicht wurde, hat es gar keinen Sinn. Du hast auf jeden Fall einen Anspruch auf die Verbesserung deines Zustands und auf eine bessere Lebensqualität. Suche dir den nächsten sorgfältig aus.... und die Tagesklinik, hast du schon danch gefragt... gibt es da eine Möglichkeite in deiner Umgebung?

Was mein Nick bedeutet: Isis ist eine altägyptische Göttin der Meere, der Fruchtbarkeit usw. Diesen Namen fand ich auch in der englichsen Version schön... ich bekam das Album von Bob Dylan mit dem gleichnahmigen Lied zu meinem 19. Geburtstag.

Aber zurück zu deinem Nick: was machen wir damit... Der ist ja schlimm. Mir fällt noch Superbaf ein... : der BESTE anzunehmende Fall...

Ich hoffe du hast den Tag heute gut überstanden und feierlich abgeschlossen. Und morgen kommt ein neuer Tag. Ich weiß, ich hab´gut zu reden. Aber die, die es noch nicht hinter sich haben, wird es noch treffen, mich auch.

Bis bald, dir viel Kraft... und schreib fleissig, ja, du kannst das super!
Dir eine schöne Zeit.

Isis

07.08.2008 00:42 • #17

Sponsor-Mitgliedschaft

Hallo,

ich habe jetzt auch nur quer gelesen und bin bei der Antwort von Sherlock hängen geblieben.

Ich kann dir aus eigener Erfahrung sagen, gerade dann wenn dich was richtig ärgert an deinem Therapeuten, dann ist da auch der Hase begraben.

Ich schließe mich Sherlock an. Die Therapeuten können nur Hilfestellung leisten, verändern bzw. ändern müssen wir was. Und manchmal kann einem ein SAtz von einem Therapeuten richtig wachrütteln...

Ich hatte auch vor einiger Zeit so eine Situation...Er sagte etwas zu mir und ich war sauer ohne Ende...Habe auch überlegt die Therapie abzubrechen, saß heulend im Auto usw....Ich habe mich dazu durchringen können, es in der nächsten Stunde anzusprechen und siehe da, es war danach besser...Es hat sich aufgelöst...

Diese Erfahrungen sind ganz wichtig für die Therapie...

lg
nicita

07.08.2008 07:19 • #18


Hallo, also ich habe mich schlau gemacht, weil ich BPS nicht so einfach als Begrabenen Hasen bezeichnen würde, BPS ist so gut wie nicht therapierbar, was aber nicht heißt, dass es während der Therapie zu keiner Besserung kommen kann. Noch dazu ist eine sehr hohe Rate an Therapieabbrüchen bekannt (30 bis über 70 %), daneben oft mangelnde Kooperationsbereitschaft bei den Therapieinhalten („Non-Compliance“).

Das alles muss der Therapeut berücksichtigen und alles darauf setzen den Abbruch zu verhindern. Wenn er also eine BPS-Patientin nach hause schickt mit der Bemerkung, dass er für sie sowieso nichts machen kann und ihr Tips gibt, wo sie die entsprechenden Stoffe kriegt um ihrem Leben ein Ende zu setzen, ist er nicht sonderlich vertrauenswürdig.

Es gibt für BPS-Patienten vorrängig diese Therapien:

Dialektisch-behaviorale Therapie (DBT)

Transference-Focused-Psychotherapy (TFP)

und Traumatherapie.


Mit der Medikation, die den wichtigsten Bestandteil der Therapie darstellt, hat es bisher auch nicht geklappt; es ist keine Besserung fest zu stellen.

*Supergau*, bitte, ruf einfach bei der KK an und frage, wer eine von diesen Therapien durchführt. Und frage auch nach der Tagesklinik....

Ich bin lästig, stimmt´s... es tut mir auch leid. Aber ich weiß wie schwer es ist sich zu etwas aufzuraffen wenn es einem schlecht geht. Trotzdem, probier es einfach...

Liebe Grüße.

07.08.2008 18:36 • #19


Wenn BPS nicht therapierbar ist, dann weiß ich nicht, warum ich brav Woche für Woche oder wie jetzt ausnahmsweise im Abstand von zwei Wochen dorthin dackeln soll. Im übrigen fíel mir auf, dass die Therapiestunden bis vor ca. 2-3 Monaten stets vierzehntägig anfielen, plötzlich bekam ich wöchendliche Termine, ohne dass ich etwa danach verlangt habe. Die KK hat eine Langzeittherapie bewilligt, ich weiß nicht, wie viele Therapiestunden einem da zustehen, habe aber für mich es so aufgefasst, dass er plötzlich wöchentliche Termine setzte, um es so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Vielleicht werde ich auch langsam paranoid.

Ich habe das letzte Gespräch auch mehrmals reflektiert, wie alle anderen Gespräche zuvor auch. Mir kam im Nachhinein ins Gedächtnis, dass wohl einer der Gründe seiner Reaktion der war, dass ich zum einen die Aussage machte, dass ich das Leben als Sch***leben empfinde, dass es mich ankotzt, 365 mal im Jahr aufzustehen, 24 Stunden (ausschließlich der paar Stunden Schlaf zwischendurch) frisst, säuft, sonst was tut, schlafen geht und den nächsten Tag dieses schei. von vorne beginnt, und dass ich darin keinen Sinn sehe. Zudem sagte ich, dass ich vor einer Zeit Kontakt aufgenommen habe zu Dignitas (ich weiß nicht, inwiefern diese Gesellschaft hier bekannt ist). Ich habe gesagt, dass ich es für betrügerisch und lächerrlich halte, wenn ich verrecken will, noch einen Jahresbeitrag zu entrichten und dass das, was die versprechen, reine Verarsche ist, weil sie es so hinstellen, als könne jeder zu ihnen kommen, auch die, die schlichtweg lebensmüde sind. Ich sagte zu dem Thera, dass ich, würde es so laufen wie angeprangert, selbstverständich die entstehenden Kosten dafür tragen würde, aber ein Mitgliedsbeitrag für mich der gespielte Witz sei.

Vielleicht war seine Reaktion auch deswegen so, ich weiß es nicht, es ist mir mittlerweile auch ehrlich gesagt egal.

Es ist nicht so, dass er etwas sagte, was mir nicht passte, sondern eher umgekehrt, so sehe ich das zumindestens. Genau wie vor einiger Zeit, als er mich fragte, ob ich Phantasien habe, mir was anzutun und wie diese aussehen. Ok, wenn's jemand unbedingt so genau wissen möchte, also brachte ich meine Phantasien diesbezüglich zur Sprache und plötzlich unterbrach er, als Therapeut, der erst danach fragte, das Gespräch mit den Worten: "An dieser Stelle muss ich abbrechen, denn jetzt weiß ich auch nicht mehr weiter..."

Zudem scheint ihn meine Aussage gewurmt zu haben, dass ich letztlich nur noch "lebe" und bisher keinen weiteren (offiziellen) Versuch begangen habe, weil bei mir die Angst, es könnte schiefgehen und ich wieder per Beschluss in der Klappse landen, weitaus größer ist als die Angst vorm Sterben und dass ich nun mal keinen Diabetiker kenne, dem ich ein oder zwei Ampullen Insulin mopsen könnte...

Ich habe, um auf Sherlocks Beitrag einzugehen, sehr wohl Eigeninitiative(n) ergriffen. So konnte ich beispielsweise wochenlang durchhalten, ohne mich selbst zu verletzen, ich weiß nicht, inwieweit dir das etwas sagt. Als meine Mutter im Krankenhaus lag, wurde sie ohne Vorwarnung an einem Samstag auf die Intensivstation verlegt in ein Krankenhaus, was sehr weit weg ist von dem hiesigen, in welchem auf der Intensiv damals kein Bett zur Verfügung stand. Noch am selben Tag fuhr ich mit dem Zug zu ihr. Dabei musste ich viele Hürden, Ängste und Panik auf einmal überwinden, ohne vorher jemals "geübt" zu haben, ich will das jetzt nicht alles aufführen, weil es würde mit Sicherheit langweilen. Ich sehe es sehr wohl als Eigeninitiative an, selbst zu versuchen, solche Hürden zu überwinden, ohne, dass jemand mir dabei das Händchen hält. Ich habe sogar geübt, Aufzug zu fahren. Selbst er, als ich ihm das erzählte, sagte, ich solle das von der positiven Seite sehen, denn ich hätte allein an diesem Tag und den weiteren (ich fuhr mehrmals dorthin, bis sie wieder hierher am Wohnort verlegt wurde) sehr vieles geschafft und bewältigt, und völlig ohne fremde Hilfe.

Weißt du, Sherlock, bis vor einigen Monaten war es mir unmöglich, jemandem die Hand zu geben, ohne mich hinterher mit Sagrotan hinterher zu desinfizieren. Aber auch das habe ich geschafft, und zwar ganz alleine. Das Sagrotan gehört heute nicht mehr zur Grundausstattung meiner Tasche, ich weiß nicht mal, wo es abgeblieben ist. Weiß nicht, ob du dir vorstellen kannst, wie dieser sich dieser absolute Ekel anfühlt oder wenn dir ist, als würdest du einen Stromschlag bekommen, nur, weil ich jemand berührt.

In anderen Gesprächen wies er mich darauf hin, ich würde ein "Schwarz-Weiß-Denken" an den Tag legen, für mich gäbe es nur Gut oder Böse und nichts dazwischen. Dieses Gespräch ließ ich mir tagelang durch den Kopf gehen und stellte fest, dass er Recht hat. Im übrigen erzählte er mir diesbezüglich auch eine Geschichte, aus welcher hervorging, und mit welcher er mir wohl sagen wollte, dass an jedem Menschen irgendwas Schönes oder Gutes zu finden ist, dass man es nur auch erkennen muss. Auch dieses (Schubladen-)Denken habe ich geändert.

Ich begann, bei Panikattacken nicht gleich zu Alprazolam zu greifen, sondern legte sie mir auf dem Tisch mit dem Gedanken, du kannst, wenn du willst, aber du musst sie nicht nehmen. Ich habe mich abgelenkt und begonnen, irgendwas zu schreiben. Irgendwann war die PA vorbei, ohne Medikament.

Bezüglich meiner sozialen Phobie: ich habe es irgendwann sogar geschafft, alleine zum Gottesdienst zu gehen, ohne mich mit jemandem dort verabredet zu haben. Die anfänglichen vielen Wochen saß ich mich ganz abseits und allein in eine Stuhlreihe, wo niemand neben, vor oder hinter mir saß. Mittlerweile nehme ich im mittleren Block mit den Bänken Platz und traute mich beim letzten Mal sogar, eine mir fremde Frau anzusprechen und sie zu bitten, mich doch noch durchzulassen.

Ich weiß, dass das alles für andere, die damit keine Probleme haben, anscheinend absolut lächerlich klingt, wofür ich sogar Verständnis habe.

Was soll ich denn Deiner Meinung nach nocht tun?

Den Hintern abwischen braucht mir niemand, im Gegenteil habe ich bis heute sowohl meiner Mutter als auch meinem versoffenen, gewalttätigen und kriminellen Bruder den Hintern abgewischt. Sein Standardsatz war jedes Mal "das macht meine Schwester" oder "das zahlt meine Schwester". Ja, damals hatte ich noch mein Büro, denn ich machte mich in der Hauptsache selbständig, damit ich nur ja immer zur Stelle sein kann, wenn man nach mir pfeift, denn mit einem Vorgesetzten wäre das nicht machbar gewesen. Meinen Bruder konnte ich einmal vorm Knast bewahren, einmal löste ich ihn dort mit einer Zahlung aus. Ich weiß, nachdem, was er mir angetan hat, muss man nur absolut verblödet sein, so jemandem noch zu helfen. Aber ich tat es auch, um so viel als Möglich an Aufregung von meiner Mutter fernzuhalten. Jeder, der mich um Hilfe fragte, erhielt von mir ein "ja". Ich habe - im übertragenen Sinne - genügend Menschen den Hintern abgewischt, aber ich habe es auch immer gerne getan, nur umgekehrt war und ist es nie der Fall und ist es auch das letzte, was ich will.

Ach ja, bis auf zwei oder drei Unterbrechungen gehe ich seit Monaten mit meiner Freundin jeden Freitag zu unseren Treffen. Ich gehe unter Leute. Und hättest Du mir das vor einem Jahr gesagt, hätte ich dich für verrückt erklärt.

Ich hing abgöttisch an meiner Mutter, und dass, obwohl sie mir dir ärgsten Beleidigungen an den Kopf warf, und das nicht nur einmal. Nun aber, im Nachhinein, posthum, gebe ich ihr Recht. Ich bin ein Stück schei., ich bin eine Sau jeglicher Variation, kann verstehen, dass sie einmal sagte, das war kurz bevor ich mich umbringen wollte, und da ist man nun mal nicht das batteriebetriebene nonstop lächelnde Rindviech, ihr verginge bei meinem Anblick der Appetit. Ich hörte Dinge wie "verpiss dich" oder "ich steche dich ab". Und solches, als es nicht einmal um einen richtigen Streit, sondern lediglich eine Meinungsverschiedenheit handelte. Ich habe sie meinerseits jedoch niemals "zurückbeleidigt". Und ich habe auch bis heute noch nie, obwohl ich ein relativ hohes Aggressionspotential besitze, da gebe ich dem Thera auch uneingeschränkt Recht, jemand anderen auch nur bedroht, geschweige denn angegriffen, das zählt auch für meine Tiere. Meine Aggressionen und mein Hass richten sich gegen mich selbst. Und was meine Mutter betrifft: mit allem, was sie über mich sagte, hatte sie Recht. Ich weiß nicht, ob ich das hier schon geschrieben hatte, aber wenn ich ihr gegenüber Selbstmordabsichten äußerte, bekam ich oft zur Antwort: "weg mit Schaden". Also sah sie mich als Schaden, warum sollten das dann andere nicht auch tun? Auch darin gebe ich ihr Recht. Nichts wie weg mit Schaden. Einmal, als sie ad hoc auf Intensiv verlegt wurde, da blieb ich (das Personal ließ es zu) bis zum späten Abend, saß an ihrem Bett und hielt ihr die Hand (das, was ich Gott sei Dank wieder konnte...), da sagte sie: "du bist ein gutes Kind." Das geht mir heute noch nach, weil es nicht stimmt. Ich war nie ein guter Mensch, bin keiner, und werde keiner sein, und dass sie das in dem Moment dachte, wider der Wahrheit, das macht mir heute noch, wie so vieles zu schaffen. Das werden nicht viele verstehen oder nachvollziehen können...

Und ja, ich werde abbrechen und aufgeben. Zum einen, weil ich nicht anderen, selbst wenn es ihr Beruf ist und sie damit ihr Geld verdienen, den Tag mit meinem Anblick und meinen Eigenarten vermiesen will und zum anderen, weil ich der Meinung bin, dass das alles keinen Sinn macht, zumal isis-z schreibt, BPS sei nicht therapierbar.

Nein, ich werde es ihm nicht sagen, denn dazu müsste ich seine Praxis noch einmal betreten. Ich werde es ihm schriftlich mitteilen, ob er es dann liest oder nicht. Es ist mir auch wurscht, wie er das auffasst und ich denke, dass ich ihm damit einen Gefallen erweise. Also, jeden Tag eine gute Tat, das gehört dann auch dazu.

Nach dem, was du schreibst, gehe ich davon aus, dass du dich mit dem Therapeutenkram recht gut auskennst. Vielleicht könntest du mir freundlicherweise die Frage beantworten, was er damit meinte, ich hätte eine gute und eine soziale Intelligenz. Ich kann mir darunter nämlich null vorstellen. Und Intelligenz ist sowieso eines der letzten Dinge, die ich mir selbst zuschreibe. Wäre dir aber dankbar, so es dir möglich ist und du Lust hast, wenn du mir das erklären könntest.

Und was meine Tiere betrifft: sicherlich würde ich sie im Stich lassen, aber andererseits sage ich mir dann immer, dass sie es sowieso bei jemand anderem von vorneherein besser hätten als bei einer überflüssigen Bekloppten. Nur um das vorwegzunehmen.

servus

07.08.2008 20:23 • #20



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Univ.-Prof. Dr. Jürgen Margraf