Hallo Malin2,
ich kann dich total gut verstehen, mir ist es ganz ähnlich ergangen.
Vorweg schonmal gesagt: Ich habe meine Unterstützungs-Angebote heruntergefahren, als es mir zu viel wurde, ich war auch irgendwann überfordert.
Ich habe inzwischen auch nicht mehr genug Energie, um mehrere Termine pro Woche wahrnehmen zu können. Ich habe meine ambulante Pflege/Betreuung für den Moment ausgesetzt, weil es bei mir auch so war, dass die ganzen Termine irgendwann mehr Stress als Hilfe waren.
Ich habe zu meinem letzten Pfleger/Betreuer eigentlich ein gutes Verhältnis gehabt, daran hat es nicht gelegen. Davor hatte ich mal eine Dame, mit der ich gar nicht zurechtgekommen bin, da habe ich zum Glück gleich die Reißleine gezogen und bei dem Pflegedienst Bescheid gesagt, dass das nicht funktionieren wird, dann hat man mir jemand anderen zugeteilt. Es handelte sich aber um einen offiziellen ambulanten psychiatrischen Pflegedienst und war nicht privat vermittelt.
Vor noch gar nicht langer Zeit habe ich pro Woche recht viele therapeutische Termine gehabt, da war ich aber auch noch körperlich fitter und psychisch instabiler.
Inzwischen ist das anders. Ich bin zwar immer noch psychisch instabil, aber meine Energie-Ressourcen sind deutlich zurückgegangen und ich schaffe einfach weniger am Tag.
Zusätzlich hatte ich zwischendurch mal einen sehr guten Klinik-Oberarzt, mit dem ich länger zusammengearbeitet habe, der eine ganz klare Meinung vertreten hat, die besagte:
„Zu viel Unterstützung schadet vielen Patienten mehr als dass es ihnen nutzt. Das Gefühl der Selbstwirksamkeit leidet darunter, und das ist kritisch zu sehen.“
Er hat mir den Mut gegeben, wieder mehr auf meine eigene Wahrnehmung zu vertrauen und mich nicht mehr so in Richtungen drängen zu lassen, die mir nicht guttun.
Ganz klar, manchmal braucht man auch mal etwas „freundlichen Druck“, um aus einer möglichen Vermeidungs-Haltung wieder herauszufinden und wichtige Dinge anzugehen,
aber wenn man merkt, dass man in die Überforderung rutscht, sollte man darauf hören.
Seitdem heißt es für mich: weniger ist mehr.
Ich mache lieber weniger Termine und die dafür richtig
als mich von Termin zu Termin zu quälen, ohne davon profitieren zu können.
Ja, einige Sachen dauern dadurch länger. Ich brauche jetzt vielleicht einen Monat, um zu erledigen, wofür ich früher nur eine oder zwei Wochen gebraucht habe, aber das ist ok für mich, da es meinem aktuellen Zustand entspricht.
Vielleicht wird das auch mal wieder anders, aber da kümmere ich mich dann darum, wenn es wieder soweit ist. Aktuell ist es ok, dass ich nur das Nötigste schaffe und einfach viele Pausen und Ruhezeiten benötige.
Und für mich persönlich ist es auch ganz wichtig, immer ein Auge darauf zu haben, dass man nicht in eine Art der Abhängigkeit rutscht. Das kann schnell passieren, wenn man zu viel Eigenverantwortung abgibt und sich zu sehr auf andere Menschen verlässt, das kann schnell dazu führen, dass man sich schrittweise immer weniger zutraut und das Gefühl der Selbstwirksamkeit in den Keller geht.
Das ist genau dieser Effekt, vor dem der Oberarzt auch gewarnt hat.
Denn auch wenn wir psychisch krank sind, sind wir trotzdem mündige Menschen, die für sich immer noch selber entscheiden dürfen und auch sollen, wo unsere Entwicklungs-Reise gerade hingeht.
Natürlich ist es wichtig, dass man die Unterstützung annimmt, die man tatsächlich benötigt, das ist ganz wichtig. Aber darüber hinaus ist es immer noch unser freier Wille, unser Leben selber zu gestalten. Und da ist es dann auch völlig ok, zu sagen, dass man aktuell gerade nur das machen möchte, was tatsächlich auch geht und uns guttut.
Es hilft ja auch nichts, wenn man sich mit zu viel eigentlich gut gemeinten therapeutischen Angeboten völlig erschöpft.
Alles zu seiner Zeit.
Vielleicht kommst du ja auch irgendwann wieder in eine Phase, in der es dir besser geht und du wieder mehr machen kannst und möchtest, aber aktuell klingt es für mich bei dir eher so, als wenn deine aktuelle therapeutische Aufgabe vielleicht eher sein könnte, deine Grenzen zu kommunizieren und für deine Grenzen einzustehen, das ist ja auch eine wichtige therapeutische Aufgabe.
Dein Gefühl der Selbstwirksamkeit ist ganz wichtig, du bist im Endeffekt für dich verantwortlich und entscheidest für dich. Sich die Eigenverantwortung zu sehr aus der Hand nehmen zu lassen, kann in die völlig falsche Richtung führen.
Und manchmal wollen Therapeuten auch einfach zu schnell zu viel, das habe ich auch ganz oft selber erlebt und beobachtet.
Manchmal ist weniger mehr. Natürlich soll man nicht in die Vermeidungs-Fälle tappen, aber:
Das therapeutische Angebot muss immer auf die aktuellen Energie-Ressourcen des Patienten angepasst sein. Und du entscheidest selber, wie viel du gerade machen kannst. Du bist ja auch diejenige, die mit den Folgen leben muss, wenn du für längere Zeit in der Überforderung lebst. Therapeuten können Vorschläge machen, aber im Endeffekt du bist diejenige, die in ihrem Körper lebt und die das letztendlich wirklich einschätzen kann. Und auch als Patient darf man „nein“ zum Therapeuten sagen. Trau‘ dich, dir selber zu vertrauen.
Alles Gute für dich ! LG