Erfolge zu lesen machen Mut und das ist so wichtig um seine Ängste zu besiegen.
Ich möchte deshalb von meiner sozialen Phobie erzählen und wie ich sie besiegt habe.
Vor 17 Jahren, (damals war ich in der 6. Klasse ) ist etwas Ungewöhnliches passiert. Ich sollte einen Aufsatz vor der Klasse vortragen. Ich stellte mich hin, fing an zu lesen und plötzlich fing meine Stimme an zu zittern, ich atmete immer weiter ein, konnte aber nicht ausatmen. Mein Herz raste (es klopft jetzt auch, wenn ich darüber schreibe) und ich konnte kaum weiterlesen, hatte aber noch eine ganze Seite vor mir.
Meine Stummer klang als würde ich weinen, so zittrig und dünn. Ich setzte mich wieder hin, war völlig außer Atem und mir war schwindelig.
Was war das?
Ich verstand es einfach nicht. Es war mir peinlich. Doch genau dieses Phänomen sollte von da an jedes Mal auftreten, sobald ich etwas vortragen oder laut vorlesen sollte. Mit anderen Worten: Ich musste von der 6.Klasse bis zum Abi in jeder Unterrichtsstunde damit rechnen, diesen Albtraum wieder zu erleben. Ich begann mir Ausreden zu überlegen, weshalb ich nicht vorlesen kann: Ich hab Halsschmerzen, kann jemand anderes lesen? Ich hab eine andere Buchversion, jemand anders muss lesen, ich hab meine Hausaufgaben nicht gemacht usw...
Ich kassierte schlechte Noten weil ich meine erbrachten Leistungen verleugnete, nur um sie nicht vortragen zu müssen. Ich fehlte im Unterricht, in den Stunden, von denen ich wusste, hier muss ich was vorlesen. Nicht immer konnte ich der Situation entkommen und zu Hause brach in dann in Tränen aus. Ich verstand das Problem nicht und anderen konnte ich es auch nicht erklären. Manchmal sprach mich sogar jemand darauf an, er hätte mich kaum verstanden, weil meine Stimme so gezittert habe oder mein Körper wäre immer nach vorn und zurückgegangen, vor Zittern und Beben.
In der 10.KLasse konnte ich nicht mehr, ich fing vor meiner Lehrerin an zu weinen. Sie war völlig erschrocken. Was denn mit mir los sei und wieso ich denn nie was gesagt hätte. Für andere Menschen ist es so unglaublich schwer nachzuvollziehen wie schwer das ist.
Aber es hatte was gebracht. Sie wusste von nun an bescheid und nahm mich zum Vorlesen nicht mehr dran. Auch den anderen Lehrern musste ich bescheid geben. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, wartete bis ich sie alleine sprechen konnte, manchmal schrieb ich auch einen Brief und drückte ihnen diesen in die Hand. Sie verstanden es, mahnten mich aber, ich müsse das Problem in den Griff bekommen.
Ich ging zu einer Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin, trainierte das laute Vortragen, machte Entspannungsübungen, etc.
Es half nicht. In den Situationen, in denen ich ein Referat halten sollte (vor denen ich nicht bewahrt wurde) konnte ich all diese Praxistipps nicht anwenden. Die Panik war zu groß, sie hat alles dominiert.
Ich ging zu einer Psychotherapeutin und fand in den vielen Gesprächen mögliche Ursachen für die Angst. Damit war sie aber nicht weg.
Nach dem Abi wollte ich gern an die Uni, entschied mich aber dagegen, weil ich Angst vor den vielen Referaten hatte, die ich dort halten müsste. Ich wählte eine praktische Kamera Ausbildung, in der ich nicht einen einzigen Text vortragen musste. Doch eigentlich wollte ich etwas anderes und meine Angst hielt mich davon ab.
Nach meinem Abschluss stand das Berufsleben vor der Tür, ich brauchte einen Job, musste mich selbst versorgen, das bedeutete Druck.
Eine Stellenanzeige suchte Leute, die die Grundlagen der Fotografie vermitteln können und dabei einer kleinen Gruppe von Teilnehmern die Stadt Hamburg auf einer Fototour zeigt. Das kann ich, dachte ich! Fotografie ist mein Spezialgebiet, Hamburg meine Heimat, den Job würde ich kriegen! Und ich bekam ihn. Aber oh Gott, worauf hab ich mich da eingelassen! Vor lauter Berufsdruck hab ich nicht lange überlegt und nun sollte ich vor Leuten sprechen? Mir war schlecht vor Angst, ich machte mich total verrückt vor dem ersten Arbeitstag, las mir sämtlich Bedienungsanleitungen von Kameramodellen durch, um auch ja auf jede Frage antworten zu können - völlig bescheuert.
Und dann war es so weit, die Fototour begann, die Teilnehmer kamen auf mich zu, drückten mir ihre Kameras in die Hand: "Erklär mal!" Ich fing einfach an, ich war in meinem Element, es war gar nicht schlimm, fühlte sich nicht an wie ein Vortrag, ich machte einfach meinen Job und das 3 Jahre lang. Die Gruppen wurden größer, ich stand irgendwann routinemäßig vor dem Halbkreis von Leuten auf der Straße und hielt meine Anweisungen - verrückt! Was war passiert? Konfrontation. Immer wieder. Mit etwas, das mir lag. Mit dem ich mich auskannte. Das gab mir Sicherheit. Inzwischen hab ich mich doch noch für ein Studium an der Uni entschieden. Kunstgeschichte. Ein absolutes "Laberfach"

Ich trainierte zu Hause vor meiner Laptopkamera, hielt meine Vorträge immer wieder, studierte sie regelrecht ein wie ein Theaterstück.
Meine Vorträge wurden richtig gut, ich bekam positives feedback und meine Vorbereitung wurde weniger aufwendig. Jetzt verspüre ich Herzklopfen kurz bevor ich nach vorne zum Rednerpult gehe. Völlig normal. Dann gehts los, ich stecke drin in der Thematik, ich bin vorbereitet und die Angst ist weg.
Ein langer Weg und ich hab es geschafft! Vielleicht einer der Dinge, auf die ich am meisten Stolz bin in meinem Leben.