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Carsten1974
Hallo, ich weiß nicht, ob ich eine "echte" soziale Phobie habe, weil ich erstmal keine Angst habe in "geregelten" Abläufen vor oder mit anderen Menschen zu sprechen, also zum Beispiel bei Arbeitsbesprechungen, bei Vorträgen, in therapeutischen Gruppen.

Wenn jedoch der geregelte Ablauf verlassen wird, tue ich mich extrem schwer mit Menschen in Gruppen zu sprechen, also zum Beispiel in Arbeitspausen, auf Partys, bei Freizeitveranstaltungen. Es ist leichter, wenn ich die Menschen schon vorher kenne, wie bei Familienfeiern, aber auch da fühle ich mich oft überfordert.

Intensive, ernsthafte Zweiergespräche sind übrigend grundsätzlich möglich in solchen Situationen, aber ich kann (und mag) keinen Small Talk und tue mich sehr schwer, in Situationen ab 3 Personen mit Menschen in Kontakt zu kommen. Aus Ängsten vor solchen Situationen habe ich schon Feiern oder Arbeits-Konferenzen mit dem Vorwand krank zu sein, abgesagt.

Das war früher in der Schule auch schon so. Da hatte ich keine Ängste während des Unterrichts, aber große Angst vor den Pausen.

Mich würde interessieren, wer das auch kennt und wie ihr damit umgeht? Ich habe mich mittlerweile damit arrangiert, aber es be-hindert mich manchmal eben doch noch im Alltag und wahrscheinlich auch dann, wenn ich wieder berufstätig sein sollte.

Ich frage mich auch, ob die "Symptomatik" wirklich zur "Sozialen Phobie" passt oder doch etwas anderes ist.

10.11.2019 15:34 • 11.12.2019 x 3 #1


34 Antworten ↓


rero
Da bist Du nicht alleine. Mir geht es wie dir.
Auch bei einer kleine runde finde ich irgendwie ein "Einstieg" ein ein Gespräch. Je länger es geht, desto grösser die Blockade....

Zitat:
Da hatte ich keine Ängste während des Unterrichts, aber große Angst vor den Pausen.

Ging mir auch so früher.....

Es braucht auch die zuhöre. - Und Büro Weihnachtsfeiern ist auch gar nicht mein Ding. Früher ging ich da noch hin.....aber nur wegen dem Essen tue ich mir das nicht an.

10.11.2019 17:41 • x 2 #2


Hoffnungsblick
Zitat von Carsten1974:
Das war früher in der Schule auch schon so. Da hatte ich keine Ängste während des Unterrichts, aber große Angst vor den Pausen.


Leider ging mir das öfter auch so.

Kann das auch sehr gut verstehen, dass man, wie rero, nicht zu Büroweihnachtsfeiern geht. Bei solchen Situationen muss ich immer meine ganze Kraft zusammennehmen und das innerlich durchspielen. Mag einfach nicht diese oberflächliche Selbsdarstellungsshow. Es kommt mir dann wie Zeitverschwendung vor.
Wenn ich dann das Gefühl habe, "nichts zu sagen" zu haben, dann habe ich mir in letzter Zeit angewöhnt, einfach längere Zeit dabei zu sitzen und zu schweigen und diese "stille Zeit" (bald ist Weihnachten ) eben mit mir selbst zu verbringen. Da kann ich mich bewusst in meinen Körper hineinfühlen und mir viele gute Gedanken senden. Ich kann mir innerlich auch zulächeln und üben, mich nicht von dem allgemeinen Gelächter ablenken zu lassen. Dann ist es eine Zeit, in der ich mir gut tue. Wichtig ist auch, dass ich innerlich meine negative Erwartungshaltung loslasse und den Menschen in der Runde innerlich freundlich zugewandt bleibe. Es ist alles eine Übung. Habe auch schon erlebt, dass ich mich auf diese Weise in solchen Gruppen wohlgefühlt habe.
Selbst habe ich beobachtet, dass es noch mehr stille Menschen gibt und dass ich sie dafür schätze. Das werden vielleicht auch andere tun.
Vielleicht hat es auch mit Hochsensibilität (HSP) zu tun. HSP mögen keinen smalltalk und Oberflächlichkeiten. Aber es gibt nur 20% HSP. Interessant finde ich, dass es bei den Tieren auch so ist.

16.11.2019 18:42 • x 1 #3


Carsten1974
Zitat von Hoffnungsblick:
Wenn ich dann das Gefühl habe, "nichts zu sagen" zu haben, dann habe ich mir in letzter Zeit angewöhnt, einfach längere Zeit dabei zu sitzen und zu schweigen und diese "stille Zeit" (bald ist Weihnachten ) eben mit mir selbst zu verbringen.


Das fällt mir sehr schwer, vor allem mit Fremden. Ich denke dann oft: "Was halten denn bloß die anderen jetzt von mir?" bzw. "Die denken bestimmt, ich bin ein Freak." und bekomme dann noch mehr Angst. Aber ich übe diese Gedanken loszulassen.

Abgesehen davon langweile ich mich tatsächlich auch oft bei solchen Gelegenheiten, sodass ich dann auch nicht wirklich traurig bin, bei Partys oder Feiern nicht dabei zu sein.

16.11.2019 18:55 • x 1 #4


Akinom
Weißt du,man muss nicht zu allem etwas zu sagen haben, manchmal ist es besser zu schweigen.
Was andere über dich denken ist sekundär,du musst zu dir stehen so wie du bist,denn so bist du liebenswert und echt.Bleibe so wie du bist unechtes Verhalten ist immer negativ. Liebe Grüße

16.11.2019 19:03 • x 2 #5


Zitat von Akinom:
Bleibe so wie du bist


Das sollte man keinem Menschen empfehlen weil es Veränderung ausschließt.
Richtig ist, was du zuvor gesagt hast sich zu akzeptieren wie man ist.

Zitat von Carsten1974:
Wenn jedoch der geregelte Ablauf verlassen wird, tue ich mich extrem schwer mit Menschen in Gruppen zu sprechen, also zum Beispiel in Arbeitspausen, auf Partys, bei Freizeitveranstaltungen


Vielleicht weil es dann privat werden könnte und man dir zu Nahe kommt, oder du Smalltalk nicht magst?
Diese "Gefahr" besteht natürlich nicht wenn Du einen Vortrag hältst, jeder verhält sich also professionell und nimmt dich ernst.

Es verhält sich also jeder professionell und du beruflich weißt du scheinbar genau was du willst.
Du weißt also wovon du erzählst und bist geübt in Vorträgen, dass ist ein klar geregelter Ablauf während man auf einer Party
oder in Pausen relativ spontan sein muss. Möglicherweise liegt dir genau das nicht.

16.11.2019 20:13 • x 1 #6


survivor3
Was ist gegen "Smalltalk" einzuwenden?
Man muss doch nicht jedem gleich seine gesammte Lebensgeschichte sofort erzaehlen...
Am Anfang steht mMn nach erstmal ein freundlicher,unbeschwerter Einstieg in die Runde.

16.11.2019 20:17 • x 1 #7


Akinom
Das man sich verändert mit der Zeit schließt meine Aussage so zu bleiben wie man ist nicht aus.
Es ist eher die Persönlichkeit des Menschen und der Charakter gemeint die muss sich nicht zwangsweise verändern.Eine Veränderung und Weiterentwicklung hat damit nichts zu tun. Liebe Grüße

16.11.2019 22:06 • #8


Carsten1974
Zitat von survivor3:
Was ist gegen "Smalltalk" einzuwenden?
Man muss doch nicht jedem gleich seine gesammte Lebensgeschichte sofort erzaehlen...
Am Anfang steht mMn nach erstmal ein freundlicher,unbeschwerter Einstieg in die Runde.


Für den Einstieg völlig richtig. Nur fällt es mir schwer, einen Anfang zu finden, weil ich Kontaktängste habe und leider bleibt es dann meist bei auch Belanglosigkeiten und das ist dann für einen ganzen Abend zu wenig. Was mich interessiert, sind in die Tiefe gehende Zweiergespräche. Alles andere ist nicht so meine Sache.

17.11.2019 09:03 • #9


survivor3
Zitat von Carsten1974:
Für den Einstieg völlig richtig. Nur fällt es mir schwer, einen Anfang zu finden, weil ich Kontaktängste habe und leider bleibt es dann meist bei auch Belanglosigkeiten und das ist dann für einen ganzen Abend zu wenig. Was mich interessiert, sind in die Tiefe gehende Zweiergespräche. Alles andere ist nicht so meine Sache.

Es haengt doch von der Stimmung und von den Menschen ab,was "belanglos" und was "tief" ist.
Fuer Alles gibt es eine Zeit.
Und Themen gibt es doch wie Sand am Meer.

17.11.2019 09:08 • #10


juwi
Bezugnehmend auf deinen Eingangspost finde ich, dass es nicht auffällig ist, in diesem Bereich seine Schwierigkeiten zu haben. Ich habe das oft gehört, dass sich jemand mit Smalltalk in Runden wie den genannten unwohl fühlt. Die meisten überspielen es halt und spulen Allerweltsdialoge ab. Ich selbst neige zur Überkompensation: rede besonders viel, damit es ja nicht auffällt, dass ich mich unwohl fühle. Führt dann oft dazu, dass ich zu viel von mir preisgebe, mehr, als es in solchen Kontexten üblich ist, wodurch ich dann erst recht auffalle.

17.11.2019 09:11 • x 1 #11


Carsten1974
Zitat von Inkompatibel:
Du weißt also wovon du erzählst und bist geübt in Vorträgen, dass ist ein klar geregelter Ablauf während man auf einer Party
oder in Pausen relativ spontan sein muss. Möglicherweise liegt dir genau das nicht.


Es liegt mir nicht. Mehr noch, ich fühle mich davon kognitiv überfordert, also von den vielen potentiellen Interaktionsmöglichkeiten und den Gesprächen um mich herum. Mein Gehirn scheint dafür nicht gemacht.

17.11.2019 09:13 • x 2 #12


juwi
Findest du das so schlimm? Steh doch dazu, dass es einfach nicht deins ist. Nicht jeder muss alles gleich gut können. Das nimmt den Druck raus, wenn man sich das bewusst macht.

17.11.2019 09:18 • x 1 #13


Akinom
Wie gesagt ,dass muss nicht sein, Smalltalk liegt mir auch nicht,rede lieber mit Menschen die mir nahe stehen. Es ist gut wie es ist. Liebe Grüße

17.11.2019 09:19 • x 1 #14


Zitat von Carsten1974:
Nur fällt es mir schwer, einen Anfang zu finden, weil ich Kontaktängste habe und leider bleibt es dann meist bei auch Belanglosigkeiten und das ist dann für einen ganzen Abend zu wenig. Was mich interessiert, sind in die Tiefe gehende Zweiergespräche. Alles andere ist nicht so meine Sache.


Ich finde Belanglosigkeit trifft es ziemlich gut, es fehlt dir in solchen Situationen einfach an "Ernsthaftigkeit" und Sinn.
Du brauchst und möchtest das einfach nicht, und ich finde das ist ok.

Das du beruflich und in Vorträgen überhaupt keine Probleme hast dich zu präsentieren und vor mehreren Leuten zu sprechen könnte also daran liegen das du von der Sache die du oder andere vortragen überzeugt bist.

Du bist dann zumindest beruflich unter Gleichgesinnten und am Thema Interessierten und deshalb fällt dir der Austausch auch viel leichter als Smalltalk in Pausen oder auf Parties.

Das ist ein Stück weit normal, es gibt halt Menschen die mögen keinen Smalltalk und die in Gesprächsthemen von einer Sache überzeugt sein müssen, weil ihnen Belanglosigkeiten einfach nichts bedeuten. Das du dich dann nicht wohl fühlst kann ich gut nachvollziehen. Ich finde nicht das du dich zu etwas zwingen solltest was du eigentlich ablehnst.

Du passt dich halt in Gesellschaft nur bis zu einem bestimmten Punkt an und ich finde das völlig in Ordnung.

17.11.2019 09:20 • x 3 #15


survivor3
Zitat von Carsten1974:
Es liegt mir nicht. Mehr noch, ich fühle mich davon kognitiv überfordert, also von den vielen potentiellen Interaktionsmöglichkeiten und den Gesprächen um mich herum. Mein Gehirn scheint dafür nicht gemacht.
MMn ist das einfach eine Uebungssache.
Und nix spricht dagegen,bei Interesse u Symphatie ein Gespraech zu vertiefen.
Ich will auch immer erstmal "leicht" anfangen,dann ggfs entwickelt sich Lust fuer mehr.

17.11.2019 09:23 • x 1 #16


Carsten1974
Zitat von juwi:
Findest du das so schlimm?


Früher fand ich es schrecklich, weil ich nur Alk. auf Partys gehen konnte oder gar nicht erschienen bin und mich davon von vielen sozialen Kontakten ausgeschlossen habe.

Mittlerweile kann ich einigermaßen damit leben, weil ich dann kurz auftauche, dem Einladenden damit meine Wertschätzung zeige und nach 1 Stunde wieder weg bin.

Gibt dann zwar immer diese nervigen Sätze: "Was, Du gehst schon wieder?", aber die muss ich halt ertragen.

Unangenehm ist es immer noch in Pausen bei Veranstaltungen wie Seminaren oder Ähnlichem. Aber auch da mache ich mir mittlerweile etwas weniger Stress und zur Not verbringe ich die Pause halt alleine. Ist immer noch besser als mit belanglosen Gesprächen.

Nur manchmal komme ich dann so in ein Isolationsgefühl. Also, dass ich zur Gruppe nicht dazugehöre, weil ich in der Pause nicht kommuniziere. Und das ist immer noch sehr unangenehm.

17.11.2019 09:24 • x 2 #17


juwi
Aber gerade in Pausen zu Fachveranstaltungen kann man gut gleich in die Tiefe gehen und keine Belanglosigkeiten austauschen, denke ich mir. Da kann man einen Vortragenden auf einen interessanten Aspekt ansprechen und eine kleine Diskussion anfangen. Oder? Ich weiß es nicht, kenne solche Veranstaltungen nicht so gut, bin ja schon lange aus dem Berufsleben raus.

17.11.2019 09:28 • #18


Carsten1974
Zitat von juwi:
Aber gerade in Pausen zu Fachveranstaltungen kann man gut gleich in die Tiefe gehen und keine Belanglosigkeiten austauschen, denke ich mir.


Theoretisch ja. Aber ich habe oft gemerkt, dass viele in den Pausen sich auch einfach nur erholen möchten. Das wäre ja genauso, als ob ich früher auf dem Schulhof über den Unterrrichtsstoff diskutiert hätte. (Was ich auch gemacht habe und damit als Streber abgestempelt wurde.)

17.11.2019 09:34 • #19


Zitat von Carsten1974:
ich fühle mich davon kognitiv überfordert, also von den vielen potentiellen Interaktionsmöglichkeiten und den Gesprächen um mich herum.


Das ist interessant, denn es gibt dann ja keinen geregelten Ablauf sondern eher Chaos.
Zum Beispiel wenn man unter mehreren Menschen ist und die sich in kleineren Grüppchen unterhalten wird es für dich nicht gerade einfach sein sich da einfach dazu zu stellen und sich einzumischen.

Zumal es sich in der Situation auch um eine Reizüberflutung handeln könnte, weil man überhaupt nicht fokussiert sein kann vor lauter Gesprächen aus allen Richtungen. Man könnte auch sagen "Es nervt" und ist auch nachvollziehbar.

Ich denke Du brauchst Struktur und organisierte Abläufe, dass Chaos magst du einfach nicht und das ist auf Veranstaltungen in Pausen oder auf Parties ein "Problem".

17.11.2019 09:34 • x 2 #20





Dr. Reinhard Pichler