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36

E
Hi,

Ich bin 36 und lebe seit über 20 Jahren mit einer Phobie, (negativ) aufzufallen.
Es begann damit, dass ich in der Schule gemobbt wurde. Während der Pubertät habe ich stark geschwitzt. Damit haben mich die anderen aufgezogen, bis es in Mobbing endete und sich daraus bei mir eine Phobie entwickelte. Ich konnte schlicht nicht mehr ohne starke Angst in der Klasse sitzen. Die Angst vorm Schwitzen wich einer Angst vor Übelkeit.
In meiner Jugend wusste ich mir nicht anders zu helfen, ich blieb der Schule fern bis ich fast rausgeflogen bin.
Trotz allem habe ich das Abitur und auch ein Studium erfolgreich abgeschlossen.
Im Verlauf habe ich immer Möglichkeiten gefunden, Situationen so anzupassen, dass sie für mich machbar sind.
Bis vor 8 Jahren habe ich das Ganze ohne Medikamente gemacht, bevor ich zum ersten Mal professionelle Hilfe suchte.

Eine richtige Therapie habe ich nie gemacht. Zeitweise habe ich Escitalopram genommen und als Notfallmedikamente Alprazolam und Metoprolol.

Außer in bestimmten Situationen bin ich jedoch ein völlig zufriedener Typ, der sogar leicht extrovertiert ist und Spaß am Leben hat. Das Escitalopram habe ich auf ärztlichen Rat nach einem Jahr wieder ausgeschlichen, da es mir schlicht nichts gebracht hat.
Auch der Einsatz der Notfallmedikamente wurde immer seltener.

Meine Angst ist generell

- starke Angst vor Präsentationen.
Dies ist mit Abstand meine stärkste Angst. Mir graut es davor, selbst wenn es nur zwei Folien sind, einen zusammenhängenden Redebeitrag leisten zu müssen.
Dabei ist eine starke Performance und eine gewählte Sprache hierbei genau was mir immer wieder positiv attestiert wird - und zu mehr solcher Situationen führt.
Die Angst ist speziell, die Rede nicht zu Ende bringen zu können und die Situation verlassen zu müssen. Die Angst ist vorher am schlimmsten und ebbt kurz nach Beginn ab. Wie Lampenfieber auf Steroiden.

- Angst vor ausweglosen Situationen.
Beispiel: in zwei Wochen feiert mein Sohn Kommunion. Es wird generell erwartet, dass die Eltern in der Kirche der Kommunion beiwohnen. Mir graut es davor, mich schlicht in die Kirche zu setzen und aus dieser Situation für eine definierte Zeit nicht ohne negativ aufzufallen entkommen zu können.
Ähnlich auch bei geschäftlichen Essen, im Kino, etc.
Bei Flugreisen war es ähnlich. Beruflich bedingt bin ich jedoch immer häufiger geflogen, bis zu 60% meiner Zeit. Durch die Wiederholungen wurde es mir irgendwann sogar lästig - ich habe mich halt in den Flieger gesetzt, gelesen oder gearbeitet. Außer einer leichten Angespanntheit sich in eine stählerne Röhre zu setzen, die mit 800km/h zig Kilometer über dem Boden reist, blieb von vormaligen starken Ängsten nichts mehr übrig.

- Leuten in die Augen sehen
Es ist keine Angst im Speziellen, jedoch fiel mir dieses Verhalten im Laufe meiner Selbstanalyse auf. Ich kann Leuten nicht in die Augen sehen, während ich rede. Ich schaue meist irgendwie weg.
Soweit ich mich selbst analysieren kann liegt das daran, dass ich mich bewertet fühle.

Meine Gedanken / Symptome
Generell katastrophisiere ich die Situationen im Vorhinein, wodurch ich sie für mich emotional und im Bezug auf die Angst nur noch mehr auflade.
Das Beispiel mit der Kommunion: ich mache mir Gedanken, wo ich wohl sitzen werde. Natürlich sitze ich am Rand, so dass ich im Fall der Fälle weg kann. Was passiert, wenn ich raus muss? Hier natürlich die emotionale Belastung, meinen Sohn nicht enttäuschen/verunsichern zu wollen. Ähnliche Situationen in der Vergangenheit äußerten sich bei mir in einem beschleunigten Puls, einem stärker werdenden Gefühl von Übelkeit und dem generellen Gefühl, dass sich immer mehr Adrenalin sammelt, das irgendwohin muss.
Beispiel Friseur, noch dazu bei einer attraktiven Friseurin: es wird erwartet, dass ich sitzen bleibe, bis der Schnitt fertig ist. Angst.
Beispiel Zahnreinigung, ebenso bei einer attraktiven technischen Angestellten. Angst!

Das Beispiel mit der Präsentation: auch hier grüble ich Tage vorher. Im Home Office falle ich meist darauf zurück, meinen Redebeitrag komplett auszuformulieren und schlicht abzulesen. Sobald ich z.B. zwei vollgeschriebene Seiten vor mir sehe geht es los. Mein Gott, wie soll ich da bloß durchkommen. Was ist, wenn ich abbrechen muss. Was sagt mein Chef, was sagen meine Angestellten, .
Ich habe in den letzten Wochen vermehrt versucht, auf das Ausformulieren zu verzichten, jedoch ist die Angst vor der Angst genau die Gleiche.

Andere Situationen, z.B. Essengehen mit der Familie, kann ich vollständig genießen. Auch, wenn es hier eine gewisse Erwartungshaltung gibt, das Essen nicht zu verlassen. Auch fallen mir andere soziale Situationen, wie z.B. Smalltalk nicht schwer.

Mein Ansatz - wobei ich eure Hilfe ersuche
Ich wende mich an euch mit der Bitte um Unterstützung.
Nach zig Jahren muss ich nun zum ersten Mal wieder meine Notfallmedikamente anfassen. Sowohl das Alprazolam, als auch das Metoprolol waren abgelaufen.
In der letzten Präsentation, bei der durch den hohen Rang der Teilnehmer im Unternehmen die Situation für mich noch mehr aufgeladen wurde, habe ich 0,5mg Alprazolam und 27,5mg Metoprolol genommen. Trotzdem stieg das Adrenalin wieder fast ins Unermessliche.
Ich denke hier also über die Dosierung nach. 0,5mg Alprazolam merke ich schon und es macht mich deutlich gelassener. Bei 1 mg vermute ich, dass der Tag im Anschluss gelaufen ist.
27,5mg Metoprolol waren vermutlich nicht ausreichend. Auch vom Arzt bestätigt darf ich hier mehr nehmen . Gibt es bzgl. Metoprolol Erfahrungswerte, welche Dosierung empfehlenswert ist?

Ich werde nun auch eine Therapie anfragen. Derzeit arbeite ich viel an mir selbst und wähle unter Zuhilfenahme von einer Online-CBT (es gibt einen YouTube Kurs zu kognitiver Verhaltenstherapie, den ich sehr hilfreich finde) gewisse Expositions-Situationen. Dazu zählt z.B., den Leuten beim Reden und auch beim Widersprechen in die Augen zu sehen. z.B. auch schlicht beim Spazierengehen willkürlich Leute zu grüßen.
Das Feedback ist übrigens überragend. 95% grüßen freundlich zurück. 5% nicht, weil sie es vermutlich nicht wahrgenommen haben, oder selbst irgendwelche Probleme haben.

Zudem erwäge ich, mich schlicht bei Toastmasters anzumelden. Der Redebeitrag ist meine größte Angst. Hier kann ich in einer Umgebung reden - und auch katastrophal scheitern - ohne, dass es berufliche Konsequenzen für mich hat.

Was mich umtreibt ist das Katastrophisieren von Situationen vorab, wodurch ich die Angst vor der Angst steigere. Gibt es hier Empfehlungen? Welche Inhalte sollte ich lesen/schauen, um gute Startpunkte zu kriegen?

Mein Ziel

Ganz einfach ist mein Ziel, in diesen Situationen ein normales Maß an Anspannung zu verspüren.
Ganz konkret jedoch auch: ich will zur Hochzeit beider meiner Kinder jeweils eine vernünftige Rede halten können.
Ich weiß, dass in meinem Leben diese Angst zwischen mir und vielen Dingen steht, die ich erreichen / realisieren möchte. Ich muss es überwinden und meine Motivation ist gigantisch. Jedoch ist der Weg, wie vermutlich jeder hier bei seiner/ihrer persönlichen Angst erlebt, äußerst schwierig.

Daher bitte ich um eure Unterstützung und Anleitung/Erfahrungsaustausch

30.04.2022 21:56 • 21.01.2023 x 2 #1


52 Antworten ↓


R
Hallo estikei,
Was mir dazu einfällt: vielleicht die worst case szenarios bzw die schlimmsten Szenarien einmal zu Ende durchdenken, auch rational. Wovor hast du Angst wenn du etwas präsentierst? Den job zu verlieren? Es gibt immer die Möglichkeit einen anderen Job zu finden oder einen anderen Weg einzuschlagen.. dich vor den anderen zu blamieren? Glaub mir, die meisten Menschen sind viel mehr mit sich selbst beschäftigt als du denkst. Was sie über dich denken ist geprägt von ihrer eigenen Erfahrungswelt und das kannst du schwer beeinflussen. Bzw ist es in erster Linie ihr eigenes Problem wenn sie etwas Negatives denken und nicht deines. Wieso hast du zb im Restaurant Angst nicht fliehen zu können? Hast du Angst zu sterben, die Kontrolle über deinen Körper zu verlieren? Wenn du stirbst bist du tot und wirst dir keine Sorgen mehr machen. Ich habe immer die Vorstellung völlig hilflos dazulegen und mich nicht bewege zu können. Das ist völlig absurd. Ich habe die Erfahrung gemacht dass die Angst meistens sehr diffus ist bzw eine bildliche Vorstellung, aber wenn man diese diffuse Angst konkretisiert und bis zum Ende durchdenkt kann man sie relativieren und rationalisieren.

Ansonsten finde ich es ganz toll was du alles unternehmen willst um deine Angst in den Griff zu bekommen, Hut ab!

30.04.2022 22:26 • x 1 #2


A


Angst aufzufallen

x 3


E
Danke für die Antwort. Der Tipp, die Gedanken man weiterzudenken ist gut und hat mich schon ein wenig beschäftigt.

Es geht in erster Linie um die Bewertung durch andere. Selbst durch Leute, die ich nicht kenne.

Damals in der Schule war es natürlich so, dass ich immer wieder in die gleiche Situation mit den gleichen Leiten rein musste. Wenn ich den Raum häufig verlassen musste, hätte mir das weiteres Mobbing eingebracht.

Diese Woche steht ein Workshop an, bei dem auch mein Chef-Chef teilnimmt. Was ist, wenn ich es nicht aushalte und den Raum bereits nach kurzer Zeit verlassen muss? Und dann wieder?
Ein gewisses Maß ist normal. Mal geht man aufs WC, mal muss man einen Anruf machen.
Übermäßig den Raum verlassen zu müssen würde jedoch auffallen. Vor allem wenn ich zurück komme und kurz darauf wieder raus müsste.
Vermutlich würde man mich irgendwann fragen was los ist, worauf ich immer noch antworten kann, dass es mir heute nicht gut geht. Letztendlich gäbe es hierfür wahrscheinlich Verständnis. Da ist einer, dem es vielleicht Magen/Darm technisch grad nicht gut geht und er muss ab und zu mal raus - ok.
Im schlimmsten Fall, wenn ich es gar nicht aushalte, müsste ich mich halt entschuldigen und den Workshop verlassen. Das wäre doof, kann aber auch mal passieren. Ich weiß aber, dass das zur Angst vor der Angst beitragen würde.
Nehmen wir mal an genau der gleiche Workshop mit den gleichen Leuten würde die Woche darauf noch einmal stattfinden. Vermutlich würde ich ihn dann vermeiden, da es mir zu peinlich wäre die gleiche Situation mit den gleichen Leuten wieder zu durchleben, die ja schon beim letzten Mal mitbekommen haben was abgeht und sich nun denken "der muss ja schon wieder ewig raus".
Das wäre die Analogie zum damaligen Klassenzimmer.

Natürlich ist mir das noch nie passiert. In der Vergangenheit war ich völlig entspannt. Eine anfängliche Anspannung legte sich, sobald ich mich zb. Durch Redebeiträge im Raum legitimiert habe.

Durch die mangelnde Praxis während COVID hat sich jetzt wieder eine gewisse Anspannung eingestellt. Das verfliegt aber sicher auch diese Woche wieder nach kürzester Zeit.
Ich habe mir fest vorgenommen in dieser Situation den Fokus von mir selbst wegzudenken und zb Details im Raum oder bei den anderen Teilnehmern wahrzunehmen. Letztlich versuchen wir auch ein Problem zu lösen, also muss ich mich auch auf die Sache konzentrieren.

Meine derzeitigen Gedanken drehen sich aber nicht darum, wie wir als Team dieses Problem bestmöglich lösen können, sondern schlicht, dass ich in dem Raum sitzen bleiben kann.
Während ich das schreibe wird mir also bewusst, dass ich bereits vorher den Fokus auf andere Dinge lenken kann.

Auch macht es überhaupt keinen Sinn jetzt schon angespannt zu sein, denn in dem Raum werde ich erst in ein paar Tagen sitzen. Aber so ist der Kopf eben.

01.05.2022 07:49 • x 1 #3


K
Zitat von estikei:
Hi, Ich bin 36 und lebe seit über 20 Jahren mit einer Phobie, (negativ) aufzufallen. Es begann damit, dass ich in der Schule gemobbt wurde. Während der Pubertät habe ich stark geschwitzt. Damit haben mich die anderen aufgezogen, bis es in Mobbing endete und sich daraus bei mir eine Phobie entwickelte. Ich konnte ...

In Deiner Beschreibung kann ich mich 1:1 wiederfinden - allerdings mache ich mir immer Gedanken in Verbindung mit der Toilette. Sprich, in einer für mich aufregenden Situation muss ich immer sofort aufs Klo und mache mir dann von vornherein tausend Gedanken, dass ich dann raus muss, was die anderen dann denken etc. Ich sitze im Kino und Theater immer nur ganz außen, möglichst nah an der Tür. Bestimmte Dinge, von denen ich weiß, dass es dort schlecht ist, auf Toilette zu gehen, meide ich ganz. Fliegen tue ich auch äußerst ungern, da es in der Zeit zwischen Boarding und dem Erreichen der Reiseflughöhe nicht möglich ist, die Toilette zu benutzen etc. Beim Arzt überlege ich immer - wann komme ich wohl dran? Gehe ich jetzt nochmal? Oder warte ich lieber noch? Was ist, wenn ich im Behandlungszimmer sitze, auf den Arzt warte und dann wieder muss? Das alles hört sich für andere lustig an, ist aber unglaublich erschöpfend.

Ich habe zwar keinen Reizdarm, aber dennoch hat sich das Problem vom Pipiproblem hin zum Durchfallproblem verwandelt, was ja nochmal unangenehmer ist.

In diesen Situationen schießen Puls und Blutdruck in die Höhe, der Atem wird hektisch, alles in mir fährt auf Alarm. Wenn ich aus der Situation raus bin, denke ich: Wie blöd von Dir dass Du Dich so anstellst und dann bin ich so erschöpft, dass ich ins Bett gehen könnte.

Aber ich habe es in den Griff bekommen - noch nicht zu 100%, aber ich würde mal sagen, 80% habe ich bis jetzt. Eine tiefenpsychologische Therapie und eine Verhaltenstherapie haben bei mir nichts bewirkt, ich habe es mit Hilfe eine Körper-Psychotherapeuten geschafft.

Das Problem ist, dass Du diese Art der Ängste nicht kognitiv angehen kannst. Der Verstand weiß ja, dass Du eigentlich reden kannst und auch, dass Dir nichts passiert, wenn Du z.B. im Kino sitzt und einfach raus gehst, weil Du es nicht mehr aushältst. Für alle anderen dort bist Du nur eine flüchtige Begegnung in ihrem Leben, und niemand macht sich solche Gedanken über Dich, wie Du sie im Kopf hast. Der Kopf weiß das, aber der Körper fährt trotzdem Alarm. Das passiert in Arealen des uralten Reptiliengehirns, das wir bewusst nicht steuern können. Deshalb ist es auch kognitiv nicht erreichbar.

Und auch wenn ich mich für die Exposition entscheide, geht es zwar eine zeitlang besser, aber das Problem kommt immer wieder, weil ich das grundlegende Druckmuster nicht ändere.

Diese Zusammenhänge hat mir der Körper-Psychotherapeut das erste mal verständlich gemacht. Nachdem mir das erst einmal klar war, konnten wir mit Atem- und Wahrnehmungsübungen im Laufe der Zeit gegensteuern. Du kannst z.B mit Hilfe der kohärenten Herzatmung bewusst Deinen Puls, Dein Herz und die Atmung in Gleichklang bringen und damit dem Gehirn signalisieren es ist alles in Ordnung. Ich kann in stressigen Situation damit innerhalb von Minuten runterfahren. Das muss man allerdings regelmäßig üben (wirklich jeden Tag) damit man es im Akutfall zuverlässig abrufen kann.

Vielleicht könnte das für Dich auch ein Weg sein.

01.05.2022 08:20 • x 2 #4


E
Danke. Körperpsychotherapie kannte ich noch gar nicht! Scheint auch ein relativ neues Feld zu sein. Ich mache mich da mal schlau.
Es stimmt schon, dass ich z.B. gewisse Haltungen annehme, wenn ich angespannt bin. Das fängt beim Einziehen des Bauches ein und geht bei dem Überschlagen der Beine und auch Hände - in Sitzposition - weiter. Vermutlich, um mich möglichst klein zu machen.

01.05.2022 08:33 • #5


K
Zitat von estikei:
Danke. Körperpsychotherapie kannte ich noch gar nicht! Scheint auch ein relativ neues Feld zu sein. Ich mache mich da mal schlau. Es stimmt schon, dass ich z.B. gewisse Haltungen annehme, wenn ich angespannt bin. Das fängt beim Einziehen des Bauches ein und geht bei dem Überschlagen der Beine und auch Hände - in ...

Nein, das ist nicht neu, Die Körper-Psychotherapie gibt es schon lange. Allerdings wird sie von der Krankenkasse nicht übernommen und das finde ich echt schade. Ich bin überzeugt, dass vielen, die bisher erfolglos von Therapie zu Therapie laufen, damit geholfen werden könnte.

Da es nicht kassenzugelassen ist, tummeln sich auf dem Gebiet allerdings auch viele schwarze Schafe. Die meisten Therapeuten, die das anbieten, sind Heilpraktiker für Psychotherapie. Da muss man dann schon gut hinschauen und im Erstgespräch erfragen, was der Therapeut für Erfahrungen und Ausbildungen hat.

Falls Du interessiert bis, kannst Du mir gern sagen, aus welchem Bereich Du kommst - dann frage ich meinen Therapeuten mal nach einer Empfehlung.

01.05.2022 08:47 • x 1 #6


E
Zitat von Kruemel_68:
Nein, das ist nicht neu, Die Körper-Psychotherapie gibt es schon lange. Allerdings wird sie von der Krankenkasse nicht übernommen und das finde ich echt schade. Ich bin überzeugt, dass vielen, die bisher erfolglos von Therapie zu Therapie laufen, damit geholfen werden könnte. Da es nicht kassenzugelassen ist, ...


und genau das nervt ich. Sobald ich auf der Webseite irgendwas von Schamanismus und heilender Energie lese bin ich raus.

Der Hinweis bzgl. Körperhaltung war jedoch super. Ich bin heute bereits angespannt und merke, dass ich z.B. das Zwerchfell anspanne (Bauch einziehe). Ich werde mich in das Thema mal weiter einlesen!

01.05.2022 08:56 • x 1 #7


E
Ich habe heute noch viel über das Thema nachgedacht - natürlich lassen mich meine Gedanken nicht los.

Letztlich komme ich aber auch zu einer Frage, die ich hier stellen möchte: Wenn ich meine Angst durch Katastrophisieren verstärken kann, dann kann ich sie doch sicher auch durch positive Gedanken positiv beeinflussen.

Vermutlich geht das in Richtung Autosuggestion, NLP, etc.. hat damit jemand im Bezug auf solche Ängste Erfahrungen die er/sie teilen würde?

01.05.2022 18:49 • #8


P
Zitat von estikei:
Letztlich komme ich aber auch zu einer Frage, die ich hier stellen möchte: Wenn ich meine Angst durch Katastrophisieren verstärken kann, dann kann ich sie doch sicher auch durch positive Gedanken positiv beeinflussen.


Das ist in der Tat ein sehr starker Hebel, der ja sogar wissenschaftlich anerkannt/bewiesen ist. Diese Technik wird ja z.B. seit langer Zeit im Sport angewandt und auch mir hat es geholfen und hilft es, potenziell Angst machende Situationen im Vorfeld positiv zu besetzen.

Du scheinst kognitiv sehr stark zu sein, das ist die beste Voraussetzung. Ich empfinde die Fähigkeit wie einen Muskel, den man trainieren kann. Also einfach anfangen und üben.

Außerdem hat mir die Akzeptanz und Commitment Theorie (ACT) geholfen Katastrophengedanken in den Griff zu bekommen. Es gibt zahlreiche Ratgeber dazu.

Was das Verlassen von Situationen angeht, hat mir immer geholfen, mir das absolut zu erlauben. Jeder darf eine Kirche verlassen, auch wenn es die Kommunion des Kindes ist, jeder darf einen Workshop verlassen und jeder darf sogar seine eigene Präsentation abbrechen. Die Erklärung ist dann gesundheitlicher Natur.
In dem Moment, wo ich mir das selbst ganz ehrlich zugestehe, mich nirgendwo in unerträglicher Art durchzuprügeln, fällt schon ein gutes Stück Last von den Schultern. Die Situation wird angenehmer und das Durchziehen leichter. Selbstfürsorge und -liebe sind da also auch noch gute Ansätze.

02.05.2022 03:14 • x 2 #9


E
Danke, Pauline.

Wie besetzt du angstmachende Situationen positiv? Geht das bei dir über autogenes Training, NLP?

02.05.2022 05:54 • #10


P
Ich stelle sie mir in gut, entspannt und erfolgreich vor
Und zwar möglichst detailliert.
Ich würde es Autosuggestion nennen.

So, wie sich z.B. ein Stabhochspringer den bzw seinen idealen Stabhochsprungablauf immer und immer wieder vorstellt. Durch diese Vorstellung werden ebenfalls neuronale Bahnen im Gehirn geschaffen und vertieft. Wie, als würde man es in echt durchführen.

Mit z.B. einer Präsentation funktioniert das auch: Ich sitze auf meinem Platz und warte, dass ich dran bin. Ich bin ruhig und entspannt und freue mich, mein Thema gleich zu präsentieren. Mein Vorredner leitet mich ein, ich stehe auf und gehe mit einem Lächeln auf den Lippen nach vorne. Ich checke, ob das Mikro die richtige Höhe hat und meine Präsentation schon an die Wand geworfen ist. Mein Herz schlägt etwas schneller, meine Hände sind leicht f.eucht. Prima, das Adrenalin macht mich wach und einsatzbereit. Ich sage meinen ersten Satz, nämlich...

Als grobe Idee.

Frei nach dem Motto if you can dream it, you can make it.

02.05.2022 15:29 • x 1 #11


E
@Pauline333 danke Dir. Der Detailgrad ist hier wohl der springende Punkt.

Erlebst du irgendeine gesteigerte Angst, sobald ein Detail nicht deinen Erwartungen entspricht? Zb wenn der Raum in dem du präsentierst anders ist als in deinen Vorstellungen?

02.05.2022 16:18 • #12


P
Zitat von estikei:
@Pauline333 danke Dir. Der Detailgrad ist hier wohl der springende Punkt. Erlebst du irgendeine gesteigerte Angst, sobald ein Detail nicht deinen ...


Sehr gute Rückfrage.

Ich habe es mir immer nur im realistischen Detailgrad vorgestellt.
Wenn ich den Raum nicht kenne, würde ich versuchen, ihn vorher mal zu sehen und ansonsten das Detail Raum weglassen. Was aber ja immer mindestens geht, sind die Visualisierung deiner Gedanken und Gefühle und der Ablauf deiner Präsentation.
Ansonsten könntest du auch mit, Wenn das, dann das arbeiten (Wenn eine Zwischenfrage kommt, werde ich souverän darum bitten, kurz bis zum entsprechenden Thema zu warten / sie beantworten oder ggf. notieren, um sie im Nachgang zu beantworten, falls ich sie nicht direkt beantworten kann oder sollte ich vorgestellt werden, werde ich mich mit einem Lächeln freundlich für die netten Worte bedanken)

02.05.2022 16:36 • x 1 #13


E
@Pauline333 sehr gute Antwort und bitte nicht so verstehen, dass ich deine Methode kritisiere. Ich stelle mir vor, dass dieser Thread ggf. auch anderen Kämpfenden hilft. Daher spiele ich auch gern mal devil's advocate.

Bzgl. meiner eigenen Bemühungen: ich habe mich für Mittwoch bei den Toastmasters angemeldet und hoffe noch auf positive Rückmeldung. Dort wird ermöglicht auch online teilzunehmen, was mir erstmal einen Teil des Druckes nimmt. Mein Plan ist, mich dort recht schnell mit meiner Angst zu outen. Auch um mal zu sehen, wie die Leute reagieren.

Zudem versuche ich bei einer Praxis in der Nähe einen Therapieplatz zu bekommen.

Und - man nehme es mir nicht übel - aber ich versuche den Schwierigkeitsgrad meiner in die Augen sehen Phobie zu steigern. Bei flüchtigen Bekanntschaften, z.B. wenn ich beim Joggen Leute treffe, versuche ich nicht nur Moin oder Hallo herauszubringen, sondern den Leuten einen Guten Tag zu wünschen und ein Lächeln zu schenken. Besonders bei der älteren Generation hat mir das gestern am 1. Mai sogar Spaß gemacht, einen schönen guten Tag! zu wünschen.

Heute habe ich beim Laufen Blumen für meine Frau und Kinder gepflückt und bin die restlichen 3,5km mit den abgepflückten Blumen durch die Gegend gelaufen. Um ihnen eine Freude zu machen, aber auch um irgendwie doof auszusehen. Warum läuft ein Typ mit abgerupften Blumen durch die Gegend?
Ich versuche zu lernen, dass
1) es keinen interessiert
2) ich die Leute nicht daran hindern kann, mich irgendwie zu bewerten

02.05.2022 17:07 • x 2 #14


P
Zitat von estikei:
@Pauline333 sehr gute Antwort und bitte nicht so verstehen, dass ich deine Methode kritisiere. Ich stelle mir vor, dass dieser Thread ggf. auch ...


Kommt gar nicht wie Kritik an. Ein Sparring finde ich immer gut. Bringt beiden Beteiligten was.

Ansonsten finde ich, dass du dein Thema sehr gut und effizient angehst. Das kann nur gut werden.

Auf Youtube gibt es gute Videos gegen Redeangst und Lampenfieber oder anders: wie man gut präsentiert.
In der Hochphase meiner Präsentationsangst habe ich mir auch Videos von guten Rednern angeschaut als Inspiration. Steve Jobbs natürlich ganz weit vorn.

02.05.2022 21:00 • x 1 #15


E
Hi,

ich berichte mal kurz von meinen Erfahrungen aus dieser Woche.
Für den beschriebenen Workshop wurde die Agenda erst kurz vorher bekanntgegeben. Als Punkt direkt nach der Einführung war eine Vorstellung von bestimmten Kennzahlen durch mich angesetzt.
Das steigerte natürlich ein wenig die Angst, jedoch hatte ich mein Alprazolam und Metoprolol genommen, so dass es ganz gut ging.
Letztlich muss man sich eine solche Präsentation dann nicht als durchgängigen Redebeitrag vorstellen, sondern eher als Diskussion.
Im weiteren Verlauf musste ich dann eine Arbeitsgruppe leiten, was aber kein Problem war. Am zweiten Tag sollten die Ergebnisse der Arbeitsgruppe vorgestellt werden. Hier hatte ich deutlich mehr Angst.
Die Nervosität war vor dem Beitrag schon recht intensiv. Trockener Mund, ein wenig Herzklopfen und einfach diese Anspannung bis es endlich losgeht, wenn man weiß, dass man als Nächster dran ist. Noch dazu, wenn diverse wirklich ranghohe Funktionen mit im Raum sitzen...

Sobald ich den Beitrag begann war die Anspannung aber schnell weg. Wirklich innerhalb von Sekunden. Ich erkenne sofort (nun zum wiederholten Mal), dass ich einer der besten Redner bin. Ich bin während der Vorstellung in der Lage, den Leuten in die Augen zu sehen, mit körperlichen Gesten zu unterstützen und einen sehr strukturierten und gehaltvollen Beitrag zu leisten.
Während der Situation habe ich es regelrecht genossen. Es geht nur darum den ersten Impuls zu überwinden, sich doch lieber nicht in diese Situation zu stürzen.

Es ist gleichzeitig das Schlimmste was ich erlebe, aber auch das Beste. Meine Redebeiträge sind regelmäßig so gut, dass ich eigentlich denke, dass ich das mehr und mehr zu meinem Markenzeichen ausbauen muss und auf der Welle dieser Stärke reiten muss. Wenn da nicht dieses tierische Lampenfieber wäre!

Der Toastmasters Einstand hat leider nicht geklappt. Ich habe keine Rückmeldung gekriegt, ob ich tatsächlich als Gast erstmalig teilnehmen darf. Aufgeschoben, nicht aufgehoben - meine Anfrage bleibt bestehen.

Hier meine Erfahrungen in Kurzform
1. Kaugummi hilft, den Speichelfluss bei Anspannung anzuregen. So vermeide ich das Pappmaul. Auch habe ich gelesen, dass Kauen dem Körper suggeriert nicht in Gefahr zu sein, da normalerweise Essen nur in Situationen der Sicherheit möglich wäre.
2. Bewusste Zwerchfellatmung hilft mir bedingt, die Anspannung einigermaßen zu bekämpfen. Hier ein Video dazu
3. Die Anspannung ist VOR der Situation am Größten und ebbt nach Beginn innerhalb von Sekunden ab
4. Das wovor ich so tierische Angst habe ist eine meiner größten Stärken

Insgesamt eine sehr interessante Woche und als nächste konkreten Schritte habe ich mir vorgenommen
1. Jede Redemöglichkeit im Beruf zu nutzen
2. Toastmasters anzufangen
3. Autosuggestion stärker zu nutzen, sowohl beruflich als auch privat

Die nächste angstbehaftete Situation ist die Kommunion meines Sohnes. Hier stehe ich auf die beschriebene Art und Weise im Mittelpunkt: als Vater wird von mir erwartet, dass ich in der Kirche schlicht auf meinem Platz sitzen bleibe. Aufzustehen und ggf. die Kirche kurzfristig zu verlassen würde Aufmerksamkeit auf mich ziehen = Angst.

Was in der Vergangenheit in solchen Situationen passiert ist: ich bekomme ein Pappmaul, schlucke immer mehr Luft, die Luft sammelt sich im Bauch und muss irgendwann oben wieder raus. Das verwechsle ich mit Übelkeit, was wiederum meine Angst steigert. Das Herz pocht immer schneller. Bis ich dann tatsächlich mal aufstehen muss. Sobald ich ein paar Schritte gehe kommt ein Rülpser raus und das Thema ist durch - völlig bescheuert.
So war es aber in meiner Schul- und Studienzeit.

Ich denke also, dass ich die Kommunion mit ein wenig medikamentöser Unterstützung einigermaßen genießen kann.

06.05.2022 19:40 • x 1 #16


P
Vielen Dank für das Update und das Teilen deiner Erkenntnisse und Hilfsmittel. Da nehme auch ich etwas für mich mit.

Prinzipiell hast du selbst fest gestellt, das du vor der Redesituation gar keine Angst haben brauchst, weil du sehr gut darin bist. So wie ein begnadeter Meisterpianist eigentlich keine Angst vor seinem Auftritt haben muss. Und dennoch werden die meisten kurz vor Auftritt denken ich will weg. Das ist ja genau das, was viele im Rampenlicht stehende beschreiben, klassisches Lampenfieber eben.
Hast du dahingehend mal nach Hilfe gesucht? Lampemfieber besiegen oder zumindest händeln? Deinen ranghohen Personen wird das übrigens sicherlich auch so gehen in solchen Situationen. Ich denke, dass 99,9% der Menschen in so einer Situation - kurz vor Auftritt - nervöser und angespannter werden. Es ist einfach keine entspannte Situation, wenn x Augenpaare auf einen gerichtet sind. Schon rein biologisch nicht.

Aber man kann sicher das Lampenfieber eindämmen. Eine Möglichkeit ist die Autosuggestion, rede dir Vorfreude ein. Du sagst, du kannst deinen Part dann auch relativ schnell genießen und nimmst wahr wie gut du bist, wie du die Zuhörer mitnehmen kannst. Das musst du dir vorstellen. Dieses Gefühl, wie gut du darin bist. Wie die anderen vermutlich denken werden so wäre ich auch gern oder so reden würde ich auch gerne können.

Zur Kommunion: ist dein Sohn nicht auch nervös? Wenn mein Kind nervös ist, dann werde ich automatisch ruhiger, um ihm in der Situation zu helfen. Außerdem richte ich dann meinen Fokua aufs Kind und bin mir selbst egal.
Außerdem: was ist mit der Mutter? Sie ist sicher dabei? Paten? Großeltern? Geschwister? Du bist nicht allein verantwortlich dafür, dass dein Kind nicht allein in der Kirche sitzt. Solltest du raus müssen, sind da noch andere liebe Menschen bei deinem Sohn.
Vielleicht musst du da auch die Bedeutung deiner Rolle etwas einordnen/relativieren. Das ist sicher auch für berufliche Situationen hilfreich.

07.05.2022 03:19 • x 1 #17

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K
Zitat von estikei:
als Vater wird von mir erwartet, dass ich in der Kirche schlicht auf meinem Platz sitzen bleibe

Sagt wer?

Das ist nur Dein Zensor im Kopf, der Dir das sagt und Druck macht.
Die anderen würden Dein Aufstehen zwar bemerken, aber nur kurz darüber nachdenken und es abhaken. Auch in der Kirche kann man mal müssen müssen oder kurz frische Luft brauchen. Die o.g. Erwartung an Dich hast nur Du selbst.

07.05.2022 09:12 • x 1 #18


E
Danke für die Unterstützung hier.

ihr habt beide völlig recht.
Mein Sohn ist mit Sicherheit super nervös, meine Frau sogar noch mehr als ich - aber auf andere Weise. Sowieso sitzen in der Kirche vielleicht 200 Leute, die nur Augen für ihren eigenen Sprössling haben.
Und natürlich darf man auch mal aufstehen - ganz genau, das ist der Druck, den ich mir selbst mache. Das war schon immer so.

Mein Selbstwertgefühl ist stark an die Bewertung durch Andere geknüpft. Ich wollte schon immer was aus meinem Leben machen, aber nicht in erster Linie für mich selbst, sondern um es den Anderen zu zeigen, die mich in der Schule gemobbt haben. Das Ziel habe ich sicher erreicht und heute ist mein Ziel eher, eine stabile Lebensgrundlage für meine Familie zu bieten. Mich interessiert immer weniger, was andere Leute von mir halten, aber alte Verhaltensmuster sind in bestimmten Situationen noch präsent.

Als Weg aus dieser Situation heraus sehe ich eigentlich nur wenige echte Möglichkeiten, die alle unbequem sind.

1. Sich häufiger solchen Situationen stellen - siehe mein Beispiel mit den Flugreisen. Aus einem Flugzeug kann ich nunmal faktisch nicht weg. Mein Job brachte sehr häufige Flugreisen mit sich. Irgendwann war es so normal, dass ich geschlafen habe sobald der Flieger in der Luft war. In den Situationen kann man bestimmte unterstützende Faktoren nutzen (siehe Kaugummi, Medikamente, Atemmethoden,..)

2. Autosuggestion im positiven Sinne nutzen. Wenn Katastrophisierung klappt, dann klappt auch Glorifizierung.

3. Psychotherapie. Wobei ich eine Therapie nur in dem Sinne als hilfreich erachte, als dass dem Patienten alternative/ergänzende Sichtweisen angeboten werden. Ich denke Patienten, die sich aktiv ihrer Angst stellen, werden früher oder später auf die gleichen Rückschlüsse stoßen. Jedoch ist eine Psychotherapie aus meiner Sicht ein kontrollierter Prozess, der gezielt zum Ergebnis führt. Meine eigenen Anstrengungen sehe ich eher wie eine Fliege in einer Flasche. Sie schwirrt herum, stößt an allen Ecken an und findet eventuell die Öffnung.


Sicher bin ich weit davon entfernt, meine Angst zu meistern. Aber diese Lösungswege zeigen mir zumindest, dass es besser wird, wenn man die Arbeit reinsteckt.

Meinen Weg dokumentiere ich auch für mich schriftlich in einem Tagebuch. Mir hilft das zu reflektieren.

07.05.2022 15:25 • #19


E
Hi,

ich berichte mal wieder den aktuellen Stand der Dinge.

Zunächst: Die Kommunion.
Meine Nervosität davor war sehr schlimm. Ich weiß es nicht mehr genau, aber ich habe an dem Tag 1,0 oder 1,5mg Alprazolam und 25mg Metoprolol gebraucht, um es einigermaßen zu dämpfen. Den Tag davor hatte ich 0,5mg und in der Nacht nochmal 0,5mg, damit ich überhaupt einschlafen konnte.

Die Kirche war mit etwa 250 Leuten schon recht voll und natürlich sitzt man als Elternteil weit vorn, hat alle im Nacken.
Letztendlich hat Kaugummikauen gegen die übliche, als Übelkeit missempfundene, Mundtrockenheit gewirkt und durch die Medikamente war ich entsprechend gedämpft.
Ich habe mich auf eine aktive Teilnahme am Gottesdienst konzentriert, das Singen und dem Zuhören.
Und ja, ich konnte es 98% der Zeit genießen. Am Anfang war ich nervös und einmal mittendrin gab es einen kleinen Anflug für ein paar Sekunden.
Auf der privaten Feier im Anschluss habe ich die Gäste mit einer kurzen Rede begrüßt und dann den Nachmittag genossen.
Alles in allem einer der schönsten Tage meines Lebens und als Eltern sind wir natürlich unsäglich stolz auf unseren Sohn, der das Ganze toll gemacht hat.

Dementsprechend ein positives Fazit und die Gewissheit, dass mit genügend Medizin das Thema in den Griff zu kriegen ist.
Ob 1,0 oder 1,5mg Alprazolam für einen großen und sportlichen Mann viel sind weiß ich jedoch nicht. Ich kann nur sagen, dass ich von 0,25mg fast gar nichts merke.

Weiter: Am Dienstag habe ich ein Meeting einberufen, in dem ich an ein paar ranghohe Kollegen zu einem bestimmten Thema appellieren wollte.
Ich hatte mir ein paar Slides zurechtgelegt und als Vorbereitung ein Manuskript angefertigt.
An dem Morgen ist es wieder passiert, dass ich ins Katastrophisieren verfallen bin. Ich kam wieder in die Denke ich kann das nicht, ich kriege gleich keinen Ton raus und war wie gelähmt. Am Vormittag sind mir dann noch Meetings ausgefallen, die mich eigentlich hätten ablenken können und so saß ich mehrere Stunden wie gelähmt und trotzdem auf heißen Kohlen da.
Wieder habe ich auf Medizin zurückgreifen müssen: 1 mg Alprazolam und 25mg Metoprolol.
Trotzdem ging die Angst nicht komplett weg und ich hatte mehr oder weniger meine Präsentation gedanklich komplett umgeschmissen und mir eine Strategie überlegt, bei der ich direkt zu Beginn ein paar Fragen gestellt hätte, die den Fokus ein wenig von mir ablenken.
Es hat mich wirklich absolut genervt, so aufgeregt zu sein. Ich dachte das kann doch nicht sein!. In der Situation bin ich so gut. Wieso habe ich davor diese Gedanken. Wieso bin ich so?

Und was soll ich sagen: sobald es losging war ich souverän wie immer, habe mein originales Skript mehr oder weniger frei vorgetragen und es war eine meiner besten Präsentationen.

Das Ganze verwirrt mich. Das Lampenfieber ist massiv und während der Situation bin ich nahezu perfekt.

Immer wieder Alprazolam zu nehmen oder immer wieder Todesqualen zu leiden kann auch keine Lösung sein. Meine Position erfordert häufiges Reden und ich möchte das wirklich gut machen.

Bzgl. Therapie habe ich noch keine Rückmeldung erhalten. Ich werde mich morgen bei einem Psychiater melden der beides macht. Ganz früher hatte er mich mal auf Moclobemid gesetzt, das ich aber gefühlt nie gebraucht habe, solange ich Benzos für die Notsituationen hatte.

18.05.2022 20:08 • #20


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Dr. Reinhard Pichler