Mein schlimmster Albtraum "gestohlene Küsse"
Ich stürze also mit einem Flugzeug ab und kann mich auf eine einsame Insel retten. Zusammen mit einer jüngeren Frau. Sie hält sich für hübsch; ich finde sie oberflächlich. Im richtigen Leben würde sie einen alten Typen wie mich keines Blickes würdigen. Sie ist die typische Vertreterin der selbstsüchtigen jungen Generation, und bildet sich unheimlich viel auf ihr Äußeres ein. Dass sie weder Shampoo noch Parfum auf die Insel hat retten können, scheint ihr größtes Problem und Thema zu sein. Am liebsten würde ich sie links liegen lassen, ihr Wasser und Essen besorgen und ansonsten meiner Wege gehen. Aber irgendwas sagt mir, dass ich so nicht handeln darf oder sollte. Also mühen wir uns miteinander ab. Suchen zusammen eine Höhle oder bauen eine Art Zelt. Erkunden die Insel. Dabei passieren natürlich kleinere Abenteuer oder zumindest spannende Momente. Da wir nur uns haben, beziehen wir uns immer mehr aufeinander. Schon am nächsten Tag wandelt sich mein Gefühl für sie komplett. Sie erzählt mir etwas von sich, was mir zum ersten Mal den Eindruck vermittelt; ja, sie ist in Wahrheit ein sensibler Mensch, empathisch, zu echten Gefühlen fähig, und die Fassade, die sie mir seit unserer Begegnung vorspielt, eben nur ein Schutzschild. Der Stress und die Überforderung lassen sie weinen; und in ihrem Frust wird sie plötzlich ehrlich und redselig. Ich nehme sie in den Arm; aber leider nicht nur aus "Nettigkeit", sondern weil ich selbst eine Umarmung dringend brauchen kann. Mir kommt das Ganze immer noch "unecht" und etwas "geschauspielert" vor, und dennoch gefällt es mir natürlich - so wie immer, ich bin immer auf Berührungen aus -, sie in den Arm zu nehmen. - Dann kommt, was kommen muss. In den folgenden Tagen kriegen wir unser Überleben auf der Insel gut hin. Wir überstehen einen Wildschweinangriff, und ich entsorge Spinnen und Schlangen von unserem Lagerplatz. Wir finden genug zu essen, und jede positive Entdeckung wird von uns überschwänglich gefeiert; das Vertrauen zwischen uns steigt immer mehr. Eines Abends küssen wir uns. Ich könnte nicht mal sagen, wer damit "anfing". Jedenfalls lieben wir uns die ganze Nacht lang. Mir ist völlig klar, dass das nur passiert, weil wir aufeinander angewiesen sind; doch ich mag und kann nicht "Nein" sagen. Diese eigentlich immer noch "fremde" Frau ist mein ganzes Universum. In dieser Inselwelt, die mich "erschlägt", in den Bann zieht und mir eigentlich zehn Mal lieber ist als die Zivilisation mit ihren Zwängen, dem Stress und den falschen Verlockungen. Der Sex mit ihr ist übrigens wundervoll, großartig. Wir sind sehr darauf aus, verständlicherweise. Wenn ich ehrlich bin, übersteigt die Nacht meine kühnsten Erwartungen und ich bin am nächsten Morgen verliebt und komplett hingerissen von diesem "Mädchen" - sie ist gerade mal 19 oder 20. - - - Ein paar Monate später findet uns ein Rettungsschiff. Wir sind natürlich heilfroh gerettet zu werden, wobei ich auch das Gefühl habe, am liebsten noch länger mit ihr auf der Insel bleiben zu wollen. Von mir aus hätten wir ein ganzes Jahr dort verbringen können.
Jetzt kommt es, der "Schrecken" dieses Traums: Kaum an Bord des Schiffes und im Kontakt mit den anderen Leuten, "kennt" sie mich praktisch nicht mehr. Jegliche Vertrautheit zwischen uns ist mit einem Schlag weg. Von ihrer Seite aus wirkt es so, als hätten wir all die Monate nichts miteinander zu tun gehabt. Wenn sie den Leuten an Bord von den Geschehnissen erzählt, bin ich nur "der Mann" und nicht etwa ein Freund oder gar Geliebter. Eigentlich fehlt nur noch, dass sie behauptet, ich hätte sie vergewaltigt oder wozu auch immer gezwungen. Sie formt aus dem Geschehen eine andere Wahrheit und schaut mir kein einziges Mal mehr in die Augen. Wir haben uns mehrfach gegenseitig das Leben gerettet, aber das zählt für diese Frau nicht. Ich bin Luft für sie; ich war das von Anfang an gewesen, und am meisten schmerzt mich, dass ich das nicht begriff bzw. es nicht genug spürte.
Das ist mein größter Albtraum: Das verfehlte Leben. Ich nenne ihn "Gestohlene Küsse", weil ich die junge Frau in Wahrheit nie hätte küssen dürfen. Wenn man einen Vorbehalt hat, muss man ihn auch leben, ihn wahrnehmen und nicht darüber hinweggehen, nur weil man "Lust" hat oder es einfacher erscheint. Und ich kann mich nicht darauf hinausreden, dass ich nun mal so bedürftig und "versessen" auf Kontakt bin oder die Situation so außergewöhnlich war. Sei ehrlich! Das ruft mir dieser Traum zu. Und ich möchte mich vor der Botschaft am liebsten drücken. Eigentlich bin ich selbst derjenige, dessen Liebe und Leidenschaft nicht "echt" genug ist.