Zitat von Luna70:Kann es nicht sein, dass du einen Teil der Trauerarbeit schon während der Krankheit deines Vater gemacht hast? Mein Vater ist sehr schwer krank und wird zuhause palliativ versorgt. Ich habe immer das Gefühl, er löst sich quasi vor meinen Augen irgendwie auf und der Mensch, der er mal war verschwindet immer mehr. Man trauert ja während einer langen Krankheitsphase auch schon, wenn man weiß es gibt keine Heilung mehr.
So ging es meiner Cousine auch. Ihre beiden Eltern sind vor einem Jahr innerhalb von zwei Wochen gestorben. Sie waren vorher schon jahrelang im Pflegeheim. Sie hat nach ihrem Tod gar nicht mehr getrauert, weil sie alles schon vorher durchgemacht hat.
Als mein Vater mit 61 starb, war ich 21. Er war nur ein paar Tage krank und starb zuhause. Um ihn habe ich so gur wie gar nicht getrauert, weil wir irgendwie gar keine Beziehung zueinander hatten. Das einzige, worum ich mir Sorgen machte, war, wie es finanziell mit uns weitergehen würde. Das große Haus war nur zur Hälfte abbezahlt und meine Mutter nicht berufstätig. Wir mussten dann auch schnell ausziehen, aber es ging trotzdem weiter. Meine Mutter hat es geschafft, trotz geringer Witwenrente ein neues kleines Haus zu erwerben und es langsam abzubezahlen. Mein Oma wohnte auch bei uns und hat Wohngeld gezahlt, ich bekam Bafög und kurz danach auch einen gut bezahlten Hiwi-Job an der Uni.
Wie ihr wohl schon gelesen habt, starb meine Mutter jetzt auch vor einem halben Jahr mit 79, auch ganz plötzlich nach einer Woche Krankheit. In den ersten Wochen war ich zu sehr schockiert, um zu trauern. Ich habe mich aber auch ziemlich mit Medikamenten zugeballert, weil ich sonst nicht hätte schlafen können. Da ich alles allein regeln musste, konnte ich mir das nicht erlauben. Bei der Beerdigung war es, als ob ich bei der Beerdigung einer völlig fremden Person wäre. Ich habe überhaupt nichts gefühlt.
Erst ein paar Wochen später hat es mich richtig erwischt, mit viel Schmerz und viel Weinen. Es überkommt mich immer noch, fast täglich. Ich habe ihr Portraitfoto eingerahmt auf dem Couchtisch stehen und rede auch immer zu ihr. Ich sage ihr immer die ganzen Liebkosungen, wie früher und nehme auch das Foto manchmal und drücke es an mich und streichle und küsse ihr Gesicht.
Außerdem träume ich seit einiger Zeit ständig von ihr. Es vergeht kein einziger Traum, wo sie nicht vorkommt.
Immer wenn mir für kurze Augenblicke bewusst wird, dass ich sie nie wieder sehen werde, kommt ein Anflug von Panik in mir hoch, aber die meiste Zeit komme ich gut ohne sie zurecht.