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Perle
Hallo zusammen,

ich möchte gerne Eure Erfahrungen zum Thema Tod der Eltern bzw. eines Elternteils hören.

Ende Juni d. J. verstarb mein Vater nach langer schwerer Krankheit im 81. Lebensjahr. Es war ein langer Abschied, was zwar sehr anstrengend aber für mich dennoch gut und wichtig war. Die Bestattung fand erst vergangenen Mittwoch statt, was familiäre Gründe hatte.

Mein Problem derzeit ist, dass ich gar nicht weiß, was ich fühle. Ich weine 1-2 Mal pro Tag für etwa fünf Minuten heftig. Dann hört es abrupt auf und ich vergesse den Todesfall regelrecht über Stunden. Meine Angststörung glaube ich bis auf einige wenige Momente gut überwunden zu haben. Dennoch habe ich nun Sorge, nicht genug zu trauern und dadurch der Erkrankung wieder einen gewissen Nährboden zu geben, praktisch im Verborgenen zu reifen und dann wieder über mich zu kommen.

Kennt Ihr diese Sorge auch? Wie seid Ihr mit dem Tod eines Elternteils umgegangen?

LG, Martina

30.07.2016 20:52 • 03.08.2016 x 1 #1


12 Antworten ↓


miriam0707
Hallo Martina,
das mit deinem Vater tut mir erstmal sehr leid.
Es ist immer schwer jemanden zu verlieren, besonders einen Elternteil.
Meine Oma ist vor Jahren gestorben, Sie war fast wie eine Mama für mich.
Mir ging es damals ähnlich wie dir, ich habe schon getrauert damals und habe auch viel geweint. Aber es gab immer wieder Momente an denen ich nicht daran gedacht habe und die Trauer quasi abgestellt habe.
Ich habe mich damals auch immer gefragt ob das richtig ist, vielleicht schützt man sich ja auch so? Um nicht komplett in der Trauer zu versinken. Ich kann auch z.B. nicht so gut auf den Friedhof gehen.
Ich habe hier ein Bild stehen und denke an die alten Zeiten.
Wie gesagt, vielleicht ist es ja auch eine Art Schutz, dieses nicht ununterbrochen daran zu denken.
Aber du hast auch geschrieben das dein Vater nach langer, schwerer Krankheit gestorben ist. Vielleicht liegt es ja auch daran und du denkst das es für ihn besser war ...
Liebe Grüße

30.07.2016 21:46 • #2


A


Tod eines Elternteils

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Perle
Hallo Miriam,

vielen Dank für Deine Worte.

Ich habe letztens gehört, dass der Körper bzw. die Seele immer nur so viel an Trauer zulässt wie der Mensch verkraften kann. Insofern hast Du recht mit dem Schutz. Vielleicht sollte ich einfach mehr Vertrauen in die Zeit und in das Leben haben, im Moment ist das aber einfach etwas schwierig für mich.

LG, Martina

31.07.2016 07:20 • x 1 #3


miriam0707
Guten Morgen Martina,
ja das denke ich auch. Nach einer Zeit geht man damit auch anders um. Bei dir ist ja alles noch recht frisch.
Man spricht ja auch von verschiedenen Trauerphasen die man durchlebt.
Ich glaube für uns hier ist das Thema ja noch mal ganz anders, wir sind ja was das angeht noch mal sensibler, also ich zumindest.
Liebe Grüße

31.07.2016 08:39 • #4


S
Hallo Perle,

mein Beileid, sowas ist sehr schwer.

Ich hab' meinen Vater vor acht Jahren an Lungenkrebs verloren. Da war ich 24. Das Schlimme an der Geschichte war, dass es unter Umständen möglich gewesen wäre, ihn zu retten. Zweieinhalb Jahre lang wurde er bei sämtlichen Ärzten als Simulant abgetan, im April 2008 stellte dann endlich mal jemand fest, dass dort ja DOCH Schatten auf der Lunge sind, und keine drei Monate später starb er.

Ich hatte im Jahr zuvor bereits meine beiden Großeltern verloren, die für mich immer wie ein zweites Paar Eltern waren, allein dadurch, dass sie im Haus nebenan lebten und immer da waren.

Dementsprechend war ich zu dem Zeitpunkt kaum noch zu offenkundigen Trauerregungen fähig. Sicherlich habe ich meine Tränen vergossen, aber es lief ganz ähnlich wie bei dir: Ein heftiger, etwa fünfminütiger Heulschub alle paar Tage und dann war's das. Ich dachte auch andauernd... ist das jetzt alles? SO trauert man? Das kann's doch nicht sein.

Bis ich dann über die Zeit hinweg realisiert habe, dass die Trauer sich auch nach Jahren in den verschiedensten Situationen versteckt:

Meine Abschlussprüfung plus Feier. Kein Papa mehr da, der sieht, dass ich es DOCH geschafft habe, mein Studium erfolgreich zu beenden.

Meine (damals) große Liebe. Dieser Mann hat meinen Vater nie kennengelernt und ich WUSSTE, dass sie sich sehr gemocht hätten. Das hat mich unendlich traurig gemacht.

Falls ich mal heirate, wird mein Vater das nie mitkriegen.

Er wird nie sehen, was aus mir geworden ist. Aus dem 24-jährigen, traurigen, planlosen Mädchen, was er zurückließ, ist eine eigenständige junge Frau geworden, die als einziges seiner Kinder wirklich das Nest verlassen hat.

Das wird er aber niemals wissen. Mit Sätzen wie Doch, er weiß es sicher, er ist doch immer bei dir! konnte ich als bekennende Realistin NIE was anfangen. Mag ja alles sein, aber er ist eben nicht HIER.

Einschneidende, lebensverändernde Situationen; Momente in denen man sich BEIDE Elternteile wünscht... die bekommt man erst über Monate und Jahre mit.

Nach mittlerweile acht Jahren gibt es Tage, an denen ich gar nicht mehr an ihn denke, zumindest nicht bewusst. Aber manchmal braucht es nur eine einzige Sekunde, EINE Situation, um ihn wieder auf den Schirm zu holen und dann ist alles so schmerzhaft wie am ersten Tag. Zeit heilt nicht alle Wunden. Man lernt lediglich, mit dem Loch im Herzen umzugehen und zu leben. Es wird wieder, aber es wird einfach anders.

Ich wünsche dir alles Gute!

31.07.2016 10:48 • x 5 #5


Perle
Liebe Suekre,

vielen Dank für Deine Worte. Sie haben mich sehr berührt.

LG, Martina

31.07.2016 11:54 • x 1 #6


F
erstmal mein herzliche Anteilnahme, es ist immer schwer eine geliebten Mensche zu verlieren.
Meine Mutter war 59 Jahre alt, ich gerade 14 j. Ich habe sie leiden gesehen, soweit ich mich erinnern kann, es war so furchtbar, ich muss heute noch nach 32 J. oft an sie denken, obwohl nicht alles reibungslos bei uns abgelaufen war, aber ich habe sie geliebt! nach ihrem Tod konnte ich mit niemandem über den Abschied reden, es wurde immer nur abgewunken mit den Worten.,es ist eben so Noch heute schleppe ich mich damit rum. Sie hat mein Leben ab 14 gar nicht mitbekommen, es sei denn es gibt sie wirklich, die andere Welt. (glaub ich aber nicht unbedingt dran)
Was ich eigentlich sagen wollte, suche dir unbedingt Leute, mit denen du reden kannst und die dich vor allem verstehen. Heute weiss ich, dass trauerverarbeitung extrem wichtig ist.
lieben gruß und viel kraft

02.08.2016 18:47 • #7


R
Hallo, ich wünsche dir von Herzen mein Beileid, ich weiss wie es sich anfühlt!
Mein stiefpapa ist am 31.3 ganz plötzlich mit 49 Jahren verstorben, er war für mich auf der einen Seite Papa und auf der anderen Seite mein bester Freund!

Ich lasse es zb nicht zu wirklich zu trauern, ich kann an ein oder zwei Händen abzählen wie oft ich geweint habe! Habe eine Zeitlang wenn sie kam mit einer Tablette Gegen gewirkt weil ich stark sein wollte für meine Mama und Schwester unf auch für meinen Freund, der seinen Papa auch in jungen Jahren verloren hat und er es quasi zweimal durch lebt hat! Mittlerweile nehme 7ch die Tabletten nicht Mehr aber kann trotzdem nicht wirklich weinen bzw will nicht weinen! Ich kann auch kein Bild von ihm sehen oder gut drüber sprechen, wenn über den Tod gesprochen wird gehe ich anscheinend innerlich irgendwie auf Distanz um es nicht an mich ran zu lassen!

Ich glaube jeder geht mit dem Tod anders um, auch wenn ich weiss das meine Variante nicht die beste und gesündeste ist!
Lg

02.08.2016 21:50 • #8


K
Hallo Martina,

auch von mir mein herzliches Beileid!

Mein Vater ist vor 9 Jahren gestorben. Über die Umstände möchte ich nicht reden.

Er war immer mein Vorbild und mein Fels in der Brandung! Bis er mich und meinen Bruder verlassen hat. Ist eine lange Geschichte.

Er lag dann zuletzt im KH auf der ITS. Dort habe ich ihn genau einmal besucht. Aber er lag im Koma und hat es nicht mitbekommen. Und er sah nicht mehr dem Menschen aehnlich, der einmal mein Vater war. Und das tut mir bis heute weh.

Er wurde dann verlegt auf normale Station. Da habe ich einen zweiten Versuch unternommen, ihn zu besuchen. Ich schaffte es sogar, die Tür zum Krankenzimmer aufzumachen. Ein Anblick, den ich nie wieder vergessen werde. Er lag da wie tot. Ich konnte nicht rein. Das war der Abschied von meinem Vater.

Ich habe bis heute nicht getrauert, liegt wahrscheinlich an der unzumutbaren Vorgeschichte. Ich habe niemanden, mit dem ich das mal aufarbeiten könnte.

Deshalb werde ich die Trauer wohl still mit ins Grab nehmen.

Achso, er war 56 Jahre jung.

03.08.2016 02:57 • #9


Cati
Hallo Perle,

mein herzliches Beileid!

Als meine Mutter starb, war sie 65 und ich war 35 Jahre alt.
Sie war schwerkrank und hat fast 1 Jahr gekämpft. Es sah erst so aus, als
könnte sie wieder gesund werden, aber dann kam eine neue Diagnose dazu,
und in ihren letzten Lebensmonaten wussten wir alle, daβ sie nicht mehr
gesund werden kann.
Sie selbst wusste es auch und sie war unglaublich tapfer.
Ich lebte damals 600 km von meinen Eltern entfernt. Als ich erfuhr, was los ist,
bin ich so schnell wie möglich wieder in mein Elternhaus gezogen. Ich wusste
einfach, daβ ich das tun muβ. Und es war auch richtig so, denn mein Vater hätte
das alles allein nicht geschafft. Wir haben meine Mutter zuhause umsorgt, erst
wenige Tage vor ihrem Tod musste sie in's Krankenhaus.
Ich habe meine Trauer erst nicht so gezeigt. Ich dachte, ich muβ mich erst mal
um die anderen Familienangehörigen kümmern. Dann sagte mir eine Tante,Du
tröstest immer alle, aber was ist denn mit dir? Du musst das auch rauslassen
und nicht verdrängen, sonst wird es dich eines Tages einholen.
Diese Worte haben mich nachdenklich gemacht und ich habe meine Trauer dann
auch zugelassen, es war vor allem gut, daβ wir im engsten Familienkreis ganz
offen reden konnten.
Wenn mein Vater und ich heute mal miteinander über diese schwere Zeit sprechen,
dann tun wir das ganz ruhig und da fließt auch keine Träne mehr.

Manchmal denke ich, was würde meine Mutter mir wohl raten, speziell in der Situation,
in der ich gerade bin.
Sie würde wahrscheinlich sagen, Hast du dir das denn auch gut überlegt ?
Ja, ich habe es mir gut überlegt.

03.08.2016 06:25 • x 1 #10


Luna70
Kann es nicht sein, dass du einen Teil der Trauerarbeit schon während der Krankheit deines Vater gemacht hast? Mein Vater ist sehr schwer krank und wird zuhause palliativ versorgt. Ich habe immer das Gefühl, er löst sich quasi vor meinen Augen irgendwie auf und der Mensch, der er mal war verschwindet immer mehr. Man trauert ja während einer langen Krankheitsphase auch schon, wenn man weiß es gibt keine Heilung mehr.

Meine Mutter ist relativ plötzlich gestorben und war vorher von einigen Wehwehchen abgesehen sehr fit. Da mussten wir mit Emotionen wie dem Schockzustand umgehen, die es nun gar nicht gibt weil genug Zeit ist, sich damit abzufinden. Ich weiß es natürlich noch nicht, wie es sein wird aber ich könnte mir vorstellen, dass die Trauer diesmal anders sein wird. Auch weil noch die Erleichterung dazu kommen wird, dass die Qual ein Ende hat.

Ich wünsche dir viel Kraft.

03.08.2016 08:42 • x 1 #11


Schlaflose
Zitat von Luna70:
Kann es nicht sein, dass du einen Teil der Trauerarbeit schon während der Krankheit deines Vater gemacht hast? Mein Vater ist sehr schwer krank und wird zuhause palliativ versorgt. Ich habe immer das Gefühl, er löst sich quasi vor meinen Augen irgendwie auf und der Mensch, der er mal war verschwindet immer mehr. Man trauert ja während einer langen Krankheitsphase auch schon, wenn man weiß es gibt keine Heilung mehr.


So ging es meiner Cousine auch. Ihre beiden Eltern sind vor einem Jahr innerhalb von zwei Wochen gestorben. Sie waren vorher schon jahrelang im Pflegeheim. Sie hat nach ihrem Tod gar nicht mehr getrauert, weil sie alles schon vorher durchgemacht hat.

Als mein Vater mit 61 starb, war ich 21. Er war nur ein paar Tage krank und starb zuhause. Um ihn habe ich so gur wie gar nicht getrauert, weil wir irgendwie gar keine Beziehung zueinander hatten. Das einzige, worum ich mir Sorgen machte, war, wie es finanziell mit uns weitergehen würde. Das große Haus war nur zur Hälfte abbezahlt und meine Mutter nicht berufstätig. Wir mussten dann auch schnell ausziehen, aber es ging trotzdem weiter. Meine Mutter hat es geschafft, trotz geringer Witwenrente ein neues kleines Haus zu erwerben und es langsam abzubezahlen. Mein Oma wohnte auch bei uns und hat Wohngeld gezahlt, ich bekam Bafög und kurz danach auch einen gut bezahlten Hiwi-Job an der Uni.

Wie ihr wohl schon gelesen habt, starb meine Mutter jetzt auch vor einem halben Jahr mit 79, auch ganz plötzlich nach einer Woche Krankheit. In den ersten Wochen war ich zu sehr schockiert, um zu trauern. Ich habe mich aber auch ziemlich mit Medikamenten zugeballert, weil ich sonst nicht hätte schlafen können. Da ich alles allein regeln musste, konnte ich mir das nicht erlauben. Bei der Beerdigung war es, als ob ich bei der Beerdigung einer völlig fremden Person wäre. Ich habe überhaupt nichts gefühlt.
Erst ein paar Wochen später hat es mich richtig erwischt, mit viel Schmerz und viel Weinen. Es überkommt mich immer noch, fast täglich. Ich habe ihr Portraitfoto eingerahmt auf dem Couchtisch stehen und rede auch immer zu ihr. Ich sage ihr immer die ganzen Liebkosungen, wie früher und nehme auch das Foto manchmal und drücke es an mich und streichle und küsse ihr Gesicht.
Außerdem träume ich seit einiger Zeit ständig von ihr. Es vergeht kein einziger Traum, wo sie nicht vorkommt.
Immer wenn mir für kurze Augenblicke bewusst wird, dass ich sie nie wieder sehen werde, kommt ein Anflug von Panik in mir hoch, aber die meiste Zeit komme ich gut ohne sie zurecht.

03.08.2016 09:21 • #12


Perle
Ich möchte mich bei Euch allen ganz Herzlich für Eure Worte bedanken! Das Thema Tod wird in unserer Gesellschaft immer noch gerne vermieden, um so mehr freut es mich wie offen und innig Ihre über Eure ganz persönlichen Erfahrungen und Eure Trauer berichtet habt.

Danke!

Liebe Grüße, Martina

03.08.2016 09:27 • x 1 #13


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