Hallo Annefuchs,
falls Dich all diese Aktivitäten so überfordern, wirst Du nicht darum herumkommen, Sachen zu streichen, da kann ich mich meinen Vorrednern nur anschließen.
Ich glaube, Du bist da gerade an einem ganz kritischen/entscheidenden Punkt: Noch kannst Du etwas ändern und verhindern, dass Du irgendwann vielleicht komplett zusammenbrichst und dann gar nichts mehr geht, aber falls Du jetzt nichts änderst, läufst Du wirklich Gefahr, dass Deine Erkrankungen sich deutlich verschlimmern.
Ich glaube, hier im Forum gibt es viele User, die einen solchen Total-Crash erlebt haben (ich gehöre auch dazu), und ganz viele davon denken ähnlich: Hätte ich doch bloß damals etwas geändert, als ich es noch gekonnt hätte, dann wäre es vielleicht nicht so schlimm gekommen.
Darum wähle ich jetzt mal etwas deutlichere Formulierungen, nicht, um Dich vor den Kopf zu stoßen, sondern um Dich vielleicht etwas wachzurütteln.
Ich weiß nicht, wie Du dazu gekommen bist, Dir Dein Leben so vollzupacken, ob Du versucht hast, Erwartungen anderer zu erfüllen oder ob Du einfach Schwierigkeiten hast, die Limitierungen, die das Leben (gerade als psychisch Erkrankte) hat, akzeptieren zu können, aber so wirst Du vermutlich nicht mehr lange durchhalten können, das ist Dir auch selber klar. Aber Du wirst, wenn Du wirklich etwas ändern möchtest, auch ein paar vielleicht unangenehme Entscheidungen treffen müssen und wirst Dich einer unbequemen Wahrheit stellen müssen, wenn Du Deine Selbstfürsorge langfristig verbessern möchtest und verhindern möchtest, irgendwann komplett zusammenzubrechen:
Man kann nicht alles haben! Und man kann es nicht immer allen recht machen.
Es hat viel mit der Anspruchs- und Erwartungshaltung zu tun, die man sich selbst und dem Leben gegenüber hat und die manchmal andere Menschen uns gegenüber haben.
Du kannst Dir nicht dermaßen vielen Hobbys "ans Bein binden" und jedem Spaß und Interesse nachgehen, den Du haben möchtest, und Dich dann darüber wundern, dass Deine Energie nicht ausreicht.
Wenn man echte Freundschaften haben möchte, muss man auch Zeit für diese Freunde einplanen, auf die eine oder andere Weise. Freundschaften muss man pflegen, man kann nicht gleichzeitig ganz viele Freunde haben wollen, aber nichts dafür tun können, weil es einfach zu viele sind.
Du musst Deine Freunde ja nicht "streichen", aber sei offen und ehrlich in der Kommunikation mit ihnen, erkläre ihnen, dass Du krank bist und gerade nicht so viel Energie zur Verfügung hast. Du musst Deine Freunde ja nicht unbedingt "real" treffen, man kann ja auch über WhatsApp Kontakt haben und sich für eine Weile mit Audio-Nachrichten auf dem Laufenden halten. Aber klare Kommunikation ist hier unerlässlich.
Es könnte für Dich entlastend sein, ihnen klar zu sagen: "Ein Treffen geht gerade nicht" und ihnen ggf. zu erklären, warum, dann wissen diese Freunde auch, woran sie sind und hören auf, Dir diese (wie Du sie sehr passend beschrieben hast) passiv-aggressiven Nachrichten zu hinterlassen. Das tun sie ja oftmals nur, weil sie nicht wissen, woran sie sind und warum Du Dich nicht meldest/ keine Treffen wahrnimmst.
Genauso wenig wirst Du es vermeiden können, Leuten auch mal ganz sanft vor den Kopf zu stoßen, wenn Du auch mal absagen musst. Das habe ich mal im Rahmen einer Psychotherapiegruppe gelernt, in der es um Kommunikation und Grenzen wahren ging. Da hat die Therapeutin ganz klar gesagt: "Sie werden im Gegenüber immer eine gewisse negative Reaktion auslösen, wenn Sie ihre Grenzen kommunizieren, das ist schlicht und ergreifend unvermeidbar. Aber das ist auch nicht schlimm und muss ja nicht auf unfreundliche Art und Weise erfolgen, und es ist trotzdem unerlässlich, diese Grenzen zu kommunizieren."
Es ist so, wie man es häufig liest: Ein Nein zu Dir ist ein Ja zu mir. Und auch, wenn es hier um Dein Wohlergehen geht: Im Endeffekt wird auch keiner deiner Freunde etwas davon haben, wenn Du irgendwann komplett zusammenklappst.
Es klingt so, als müsstest Du lernen, Prioritäten zu setzen, Deine Freizeit so zu gestalten, dass sie Deinem Energieniveau entspricht und einfach akzeptieren, dass Du nicht alles haben kannst, was Du haben willst oder was andere Leute vielleicht unbewusst an Erwartungen an Dich herantragen.
Für mich war es entlastend, als ich angefangen habe, den Leuten gegenüber klarer aufzutreten und auch mal zu sagen "Ich kann mich gerade nicht treffen, aber ich melde mich, wenn es wieder geht", anstatt zu sagen "Heute kann ich nicht, lass' uns das Treffen verschieben". Weil ich früher dann immer mit genau dieser Angst aufs Handy gesehen habe, die Du auch beschrieben hast: "Oh bitte, hoffentlich hat derjenige jetzt nicht geschrieben und will mich morgen/übermorgen/am Wochenende treffen." Es hat mich entlastet und im Endeffekt auch die Freunde, weil die dann wussten, woran sie waren.
Denn, ich wiederhole nochmal: Man kann nicht alles haben! Und man kann es nicht immer allen recht machen.
Das zu akzeptieren ist ein wichtiger Schritt in Richtung einer gesünderen Haltung zu Dir selber.
LG Silver