Zitat von Hotin:Hallo Downwards,
Lass Dir Zeit, zu beschreiben, was Dich hauptsächlich stört und belastet.
Ich finde es gut, dass Du dieses Thema ansprichst. Was machtet Dich denn meistens
so unsicher? In Deinen Texten hier lese ich keine Unsicherheit.
Wenn Du bisher noch nicht die passende Hilfe für Dich gefunden hast, wofür benötigst Du
denn vorrangig Unterstützung?
Viele Grüße
Bernhard
Hallo Bernhard,
danke sehr für deine Antwort.
Wenn ich die knapp 30 Jahre, die ich auf der Welt bin, bilanzieren müsste (was sehr, sehr schmerzhaft wäre), würden nach und nach mit der Zeit relativ viele Stichwörter zusammenkommen. Ok, einige wichtige wiederum würde ich nicht aus dem Gedächtnis abrufen können, aber ich bin mir absolut sicher, dass das Thema Unsicherheit mir auf Anhieb immer einfallen würde! In den letzten Jahren sind zwar andere große Probleme auch stark in den Fokus gerückt, aber diese Sache mit der Unsicherheit begleitet mich einfach schon ewig!
In der Kindheit mag das eine Form von genereller Ängstlichkeit vor allem und jedem gewesen sein. Ich zog mich also schon als verstörtes Kleinkind immer weiter zurück. Dafür gab es Gründe in meinem Elternhaus... aber auch wenn ich dort keine Geborgenheit bekam und kein Grundvertrauen aufbauen konnte, so fürchtete ich mich erst recht vor der Welt außerhalb meiner Familie, weil ich ja nur negative Erfahrungen gewohnt war. Ein Dilemma. Anscheinend hat niemand damals die Situation erkannt oder erkennen wollen, weder meine Eltern noch jemand anders. Der Grundstein für meine Fehlentwicklung wurde sehr früh gelegt und nichts dagegen unternommen, sodass ich eben nicht zu einem psychisch gesunden, überlebensfähigen Menschen heranreifen konnte.
Heruntergebrochen: Es gab früher einfach keine sichere Basis, um neue Erfahrungen und auch Fehler zu machen, aus denen ich hätten lernen können. Irgendwann erwächst daraus natürlich ein riesiges Defizit an notwendigen Kompetenzen und Lebenserfahrungen! Herausforderungen bin ich versunsichert aus dem Weg gegangen oder ich stellte mich dabei logischerweise so ungeschickt an, dass irgendjemand sich immer genötigt sah, mir die Aufgabe abzunehmen bzw. mich genervt von dieser zu entbinden oder es wurde sich lustig darüber gemacht. Je länger das so ging und je größer mein Entwicklungsrückstand wurde, umso schwieriger, später unmöglich wurde es, einerseits die versäumten Dinge nachzuholen, anderseits kam mit dem Bewusstsein der eigenen Probleme auch immer mehr Scham hinzu. Das heißt, die Bewertungsangst bzw. Sozialphobie multipilizierte sich stetig und gleichzeitig zog ich mich resignierenderweise zurück, um der ständigen Blamage zu entgehen! Was mir an Lebenstauglichkeit fehlte, musste ich unbewusst immer vergeblich mit Kognition überkompensieren.
Es ging also die ganze Jugend bis ins Erwachsenenalter so und heutzutage ist das Problem immer noch in jedem Lebensbereich sehr stark präsent! Es ist halt teilweise nur nicht so leicht greifbar, deswegen muss ich abstrakter darüber sprechen. Immer noch gibt es die große Angst vor der Blamage, vor allem aber eine Hilflosigkeit, wie man mit den Anforderungen des Lebens umgehen soll. Verkürzt dargestellt, ich weiß in den allermeisten Lebenslagen einfach nicht, was "zu tun ist", es fehlt der Anker, die Orientierung, die Sicherheit, die Selbsthilfekompetenz, die richtige Intuition, das situative Gespür. Ich suche dann außerhalb, z.B. im Internet oder bei anderen Leuten nach Hilfe oder Bestätigung. Ich habe auch extreme Schwierigkeiten damit, Entscheidungen zu treffen, egal ob es um Alltagskram geht oder wirklich wichtige Lebensentscheidungen (manchmal stehe ich 20 Minuten unentschlossen vorm Kleiderschrank, bis ich beschließen kann, welche Klamotten ich anziehe). Ich bin im Endeffekt fast überall ziemlich eingeschränkt, weil ich in viele Bereiche nicht "hineinwachsen" konnte. Es ist ja nicht nur einfach so, dass ich mich nicht trauen würde, auch die nötigen Grundfähigkeiten fehlen mir einfach. Außerdem habe ich gewisse Dinge nicht nur nicht gelernt, sondern auch die starke Tendenz, Sachen wieder zu
verlernen.
Schwer zu sagen, was mir helfen könnte. Zwar bin ich stark in der Fehleranalyse, aber wie gesagt miserabel, wenn es darum geht, wie man es besser machen könnte... ich weiß in der Regel besser, was ich
nicht gebrauchen kann. Und zusätzlich ist meine aktuelle Problemlage sehr komplex und unüberschaubar.
Ich möchte keine Form von Betreuung, die einen entmündigt. Andersherum ausgedrückt, möchte ich mehr Autonomie und Lebenskompetenz lernen. Ich möchte Selbstsicherheit aufbauen. Ich brauche dringend ein stabiles Fundament in Form eines allgemeinen Problemlösungsvermögens, das ich ich auf x-beliebige Situationen übertragen kann! Das wäre der wichtigste Punkt in dieser Hinsicht