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callisto
Ich habe einen Fehler gemacht und deshalb geht es mir nur noch schlecht.
Als mein Bruder 2007 gestorben ist, habe ich einfach weiter gemacht. Ich habe seitdem einfach weiter gemacht. Ich hatte ja meine kleine Tochter, die da gerade einen Monat alt war und mich brauchte. Und so funktioniere ich seit dem, mal mehr, mal weniger. Mal weine ich aber ich funktioniere. Jeder denkt wahrscheinlich ich hätte seinen Tot verwunden. Habe ich nicht. Mein Leben ist seit dem nicht mehr was es war und manchmal vermisse ich mich selbst. Ich vermisse den Menschen, der ich vor seinem Tot gewesen bin. Ich bin ängstlich, zerbrechlich und nachdenklich geworden und doch habe ich nach außen eine Fassade geschaffen, die lustig, sarkastisch und fröhlich ist.
Aber das bin ich nicht! Mir geht es schlecht. Sehr schlecht und ich komme aus dieser Spirale nicht mehr raus. Das würde mir eh keiner mehr glauben, geschweige denn, dass es jemand verstehen würde.
Mir geht es schlecht und ich habe das Gefühl ich baue auch körperlich mehr und mehr ab. Ich habe keine Energie mehr. Fühle mich verwirrt und unzulänglich und das Schlimmste ist, ich kann mich selbst nicht leiden!
Ich kann meine Symptome nicht in Worte fassen und ich kann auch keinem überzeugend vermitteln wie es mir geht. Ich kann mich keinem öffnen weil ich mich schäme, weil ich das Gefühl Habe es nicht Wert zu sein, dass jemand sich meine Problemchen anhört. Ich funktioniere einfach weiter bis mich niemand mehr braucht.

29.12.2013 20:16 • 05.02.2014 #1


11 Antworten ↓


Falls dich das tröstet: ich finde nicht, das du einen Fehler gemacht hast. Du hast getan, was dir damals am nächsten war, was du als sinnvoll erachtet hast und jetzt brauchst du etwas anderes.

Ich glaube, nichts verändert uns so sehr, wie der Tod geliebter Menschen. Er lässt uns anders zurück als vorher und der Gedanke, dass alles wieder so wird, wie es vorher war, ist eigentlich absurd, denn dieser Mensch fehlt. Ich kann dich so gut verstehen. Trauer kommt in Phasen. So war es bei mir. Mal "funktioniert" alles einfach nur und mal ist da dieser Abgrund, diese Sinnlosigkeit, in die ich geblickt habe. Ich habe leider kein Patentrezept. Auch bei mir kommt das schwarze Loch immer mal wieder. Sich dem stellen hilft mir manchmal ein bisschen. Die Trauer zulassen.

Gibt es in deiner Gegend eine Trauergruppe? Das fand ich sehr hilfreich. Andere Menschen, denen es ähnlich ging. Mir hat das Halt und Stärke gegeben und wieder ein bisschen Sinn in all dem Unsinn.

Dein letzter Satz klingt nicht schön. Warum bist du dir selbst so wenig wert, wenn du für andere doch ganz viel bedeutest?

29.12.2013 20:27 • #2



Ich habe einen Fehler gemacht

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callisto
Danke für deine lieben Worte und dein Verständnis. Ich hatte schon Angst vor den Antworten die kommen könnten. Es ist genau wie du sagst. Manchmal geht es und manchmal ist da dieser absolute Tiefpunkt. Aber wirklich gut geht es mir eigentlich nie.
Warum ich mir so wenig Wert bin...ich weiß es nicht. Ich weiß auch dass es eigentlich Unsinn ist. Ich habe schon seit je her ein sehr geringes Selbstwertgefühl und habe deshalb auch große Probleme andere mit meinen Problemen zu behelligen. Das macht das Ganze noch schwieriger.

29.12.2013 20:45 • #3


Eigentlich denk ich, das "warum" ist vielleicht auch gar nicht so wichtig. Meiner Erfahrung nach zumindest. Zu wissen, warum, hat mich nicht weitergebracht.
Das "jetzt" etwas zu ändern, war mir wichtiger.

Vielleicht magst du doch noch einmal über die Trauergruppe nachdenken? Kann ich wirklich empfehlen. Hat mir sehr geholfen. Auch das Wissen, nicht allein zu sein, mit all den widersprüchlichen Gefühlen, denen ich mich so ausgeliefert fühlte und manchmal immer noch fühle.

29.12.2013 20:59 • #4


Zitat von callisto:

Aber das bin ich nicht! Mir geht es schlecht. Sehr schlecht und ich komme aus dieser Spirale nicht mehr raus. Das würde mir eh keiner mehr glauben, geschweige denn, dass es jemand verstehen würde.


Ich behaupte, dass fast jeder bei dieser Geschichte nachvollziehen kann, dass es dir heute so geht. Das passiert doch vielen, dass Sie den Tod eines geliebten verdrängen. Das macht doch keiner absichtlich, sondern weil ein "guter" Umgang in unserer Gesellschaft nicht gelernt wird. Wenn man berufstätig ist, dann bekommt man vielleicht einen Tag Sonderurlaub und danach muss es weiter gehen. Und in der Schule lernen wir auch nicht, was man in so einer Situation machen soll. Es überfällt einen und es gibt ja auch keine Patentlösung. Das ganze tut soooo weh, dass man gar nicht mehr weiß, wo man ist und oft ist ein "Verdrängen" die Variante, die im Moment am wenigsten weh tut. Und oft holt einen dann dieser nicht verarbeitete Schmerz ein, so wie es dir heute geht. Und ich glaube die meisten Menschen können das sehr nachvollziehen. Vielleicht ist ein erster Schritt, dass du nach und nach deinen Liebsten im Umkreis genau das erzählst, was du uns erzählt hast. Du wirst sehen, dass du auf Verständnis stößt. Und such dir einen Therapeutin oder einen Therapeut. Du wirst hier deinen Schmerz aufarbeiten können und vielleicht im guten Abschied nehmen können von deinem Bruder.

Wünsche dir alles Gute!

30.12.2013 10:33 • #5


callisto
Vielen Dank für eure lieben Worte.
Es tut gut, wenn man verstanden wird. Naja mein Mann und meine Mama wissen eigentlich schon ungefähr wie es mir geht. Die beiden verstehen mich auch aber helfen können sie auch nicht wirklich. Ich weiß nicht mal ob mir eine Therapie wirklich helfen würde. Ich habe vor einigen Jahren schon mal eine Gesprächstherapie gemacht aber so richtig geholfen hat das auch nicht, denke ich. Das Problem ist ja auch, dass ich mich nicht wirklich öffnen kann. Selbst vor dem Therapeuten habe ich mich oft verstellt und konnte nicht wirklich sagen was in mir vorging. Es ist schwer zu erklären. Eine Trauergruppe klingt ganz interessant, allerdings habe ich da die Sorge, dass mich die einzelnen Schicksale der Anderen noch mehr runter ziehen. Ich kann mich bei sowas einfach nicht distanzieren.
Ich weiß, ich zerrede hier gerade jegliche gut gemeinte Ratschläge. Tut mir leid. Aber ich danke euch trotzdem, dass ihr mir geantwortet habt. Eure Worte haben mir die Tränen in die Augen getrieben. Ich glaube ich muss es einfach schaffen mit jemandem darüber zu sprechen. Das wäre zwar sicher nicht das Ende meines Leidensweges aber vielleicht würde es mich zumindest weiter bringen. Ich weiß es nicht...

30.12.2013 21:44 • #6


Hallo Callisto,

das mit dem "sich öffnen können" kommt mir bekannt vor. Ich hab auch zwei Therapieanläufe gebraucht, bis ich dem wirklich nahe kam, mehr erzählen konnte, ein Stück mehr preisgeben. Und es hat bei mir auch erst geklappt, als ich dem Therapeuten sagte, dass es mir schwer fällt mich zu öffnen. Das hat den Bann irgendwie gebrochen. Vor allem auch, weil mir wirklich klar wurde, dass mir niemand helfen kann, wenn ich es nicht zulasse. Danach hab ich mich selbst "aus dem Weg geschubst".

Deine Bedenken wegen der Trauergruppe kann ich verstehen. Es ist auch nicht so, dass einen die Schicksale der anderen kalt lassen, aber es geht weniger darum, wer wen verloren hat, sondern eher darum, was gerade aktuell ist, wie man mit aktuellen Gefühlen, Widersprüchlichkeiten umgehen kann. Und das fiel mir in der Trauergruppe leichter, als mit dem Therapeuten, weil die Menschen in der Gruppe schon oft wortlos erahnten was los war und aussprachen, was ich mich nicht zu sagen traute. Da fand ich es leichter, mich zu öffnen.

Vielleicht findest du die Kraft, es zu versuchen, bevor du es "kaputt-denken" kannst - das würde ich dir wirklich wünschen!

30.12.2013 22:03 • #7


Erstmal mein Beileid Callisto. Du klingst irgendwie wie ich^^, auch ohne das ich direkt um wen trauere. Bei mir stehen dabei meine Depressionen im Vordergrund. Die bringen sehr viel von dem was du beschreibst mit sich, von den Gedanken und Gefühlen, der Energielosigkeit, dem nicht mit anderen reden können, etc.
Vllt wäre der erste Schritt, neben dem den du hier im Forum schon gemacht hast, mal anzufangen, deine Maske aufzugeben - und zwar vorallem vor dir selber. Kann es sein, dass diese Einsicht, wie schlecht es dir geht, erst so langsam wirklich durchkommt in dir?

31.12.2013 01:44 • #8


callisto, darf ich dich fragen, warum du dich nicht öffnen kannst. Das ist eine allgemeine Frage an alle, die das nicht "können". Ich finde es gibt nichts schöneres bei Stress und Problemen, als sich auszukotzen. Was sind eure Befürchtungen, wenn man sich öffnet?

31.12.2013 12:32 • #9


callisto
where.there.is.light: Es sind immer so Phasen, in denen es mir richtig bewusst wird.
Manchmal geht es mir besser, obwohl ich so gut wie nie frei von irgendwelchen körperlichen Symptomen bin. Wenn die dann aber überhand nehmen, ich mich dadurch immer schlechter fühle und immer ängstlicher werde, dann werde ich auch immer depressiver und niedergeschlagener. Dann kommt irgendwie alles hoch in mir. Diese Verzweiflung und auch diese Wut auf meinen Zustand und dass ich einfach nicht so kann wie ich möchte und diese Trauer weil mein Bruder einfach nie mehr wieder kommt und es nie mehr wird wie es mal war und diese Wut weil scheinbar alle um mich rum ( außer meiner Mama ) die ihn kannten ihn scheinbar einfach vergessen haben und ihr Leben genießen können als wäre er nie da gewesen! Und ich muss leiden und es geht mir schlecht und ich weiß nicht mehr ein noch aus...
Ja und wenn ich mich dann entschieden habe, in Therapie zu gehen kommt mir das wieder übertrieben und unnötig vor. Dann denke ich mir, ich muss mich einfach zusammen reißen und dann wird das schon. Wie gesagt ich weiß einfach nicht was ich dem dann erzählen soll. Aber ich muss sagen, so geplatzt wie in diesem Thread bin ich noch nie...und ihr haltet mich trotzdem für normal? Und nicht für total durchgeknallt?

Knausix: Ich kann mich nicht öffnen weil es mir schlicht peinlich ist und ich mich dann schwach und angreifbar fühle. Ich möchte auch nicht, dass jemand mich für einen Trauerkloss und Jammerlappen hält. Ich möchte zwar Trost, aber keiner soll wissen was in meinem Koof vor sich geht. Ich weiß, ist schwer zu verstehen.

Es tut sooo gut mit euch hier zu schreiben! Ihr versteht mich und seid so einfühlsam! Danke!

31.12.2013 16:17 • #10


Ich glaube du kannst viel gewinnen, wenn du mehr und mehr Offenheit leben könntest in der Zukunft. Ständig eine Fasade aufrecht zu halten, ist sehr anstrengend und belastend.

Du hast jedes Recht der Welt schwach zu sein und dir für diese Lebendsphase hilfe zu holen. Und wie kommst du drauf, dass deine Themen in einer Therapie übertrieben sind. Ganz und gar nicht. Wenn es dir nicht gut geht, dann ist das Grund genug.

31.12.2013 18:02 • #11


@callisto: Nein, für verrückt halte ich dich nicht. Finde deine Reaktionen durchaus sehr normal und das sogar noch ohne sie in einen "Krankheitsrahmen" wie Depressionen oder co. zu pressen.

@krausix: Ja äh mit der Offenheit wär ich vorsichtig. Da kann man super leicht auf die Fresse fliegen. Zumindest passiert mir das immer. Hab es damit 2-3 mal ernsthaft versucht und es hat mir nur negatives eingebracht. Man sollte schon vorsichtig sein, wem man sich mit was! öffnet. Es gibt Themen, da funktioniert das. Und es gibt Themen und Gedanken, über die sollte man jedem! gegenüber besser stillschweigen bewahren.

06.02.2014 00:19 • #12



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