Anja und TanjaEs war der 20. November, ein ungemütlicher Herbsttag mit
Nebel über der Hansestadt Lübeck. Die Bäckerei- und Konditorenvereinigung Nord e.V. schrieb wieder ihren Lebkuchenhauswettbewerb aus. Die beiden Zwillings
geschwister Anja & Tanja hatten schon zu Hause fleißig geübt und sich jede eine Hausfassade vorgezeichnet.
Sie waren im 2.
Lehrjahr und waren beide als Konditorenazubinen bei einer kleinen Familienkonditorei angestellt. Bei Anja sollte es das Holstentor selber werden, bei Tanja das Buddenbrookhaus.
Da beide Mädchen noch nicht ihren Führerschein hatten, bot sich ihr Vater als
Fahrer an und setzte die beiden pünktlich vor der Bäckereistube ab. Anja trug ihren Glücks
pullover, wodrauf Krümel mit
Keksen zu sehen war. Tanja trug ihr B-Hörnchenshirt mit XXL
Nuss, es war als Comic wirklich sehenswert und hatte sie selber entworfen und drucken lassen.
Bereits am Morgen drehte sich bei Anja ihr
Magen um, sie war einfach zu aufgeregt. Sie wollte unbedingt unter die ersten 3 Besten, da ihr Chef in Aussicht stellte, der besseren von beiden einen Anschlussarbeitsvertrag anzubieten. Tanja hatte wieder mal ihre Ruhe weg, jedenfalls sah es äußerlich so aus.
Als die ganzen Anweisungen und Regeln vorgetragen und die Schürzen angelegt wurden, ging es auf Kommando los. Sie hatten 4 Std. Zeit. Es waren insgesamt 15 Teilnehmer*innen. Zuerst wurde Honig mit
Zucker im Wasserbad gescholzen...
Dann kurz abkühlen lassen und die Butter unterrühren. Jetzt wurde das Mehl mit dem Lebkuchengewürz und dem Kakao gesiebt und untergerührt. Dann das
Ei, 1 EL Pottasche und 2 EL Wasser zugefügt. Dann alles in Folie und über Nacht kühlen lassen. Dieses hatten die Damen bereits am Vortag vorbereitet – dieser Wettbewerb findet deshalb immer an 2 Tagen statt – heute war der Finaltag. Also wurde der jeweilige Teig ausgegeben und sogleich ausgerollt. Nun begannen alle ihre Skizzen auf Backpapier vorzuzeichnen und mittels Nadelperforation zu übertragen. Dann ging es ans Ausstechen der Fassade, der Fenster und die groben und zuletzt der feinen Details. Das Backen an sich dauerte zum Glück nur 10 Min., dann mussten aber noch die Einzelteile zusammengeklebt werden, denn es sollte ein dreidimensionales Gebäude entstehen. Hier zeigte sich sofort, wer sauber gearbeitet hatte. Den Vorteil hatte allerdings Anja, die Holstentorarchitektin, denn es steht ja bekanntlich schief.
Bei Tanja lief soweit auch alles gut. Ihr Buddenbrookhaus strahlte bereits jetzt schon Würde aus. Die ersten Häuser auch der anderen Teilnehmer*innen standen bereits und jetzt wurden die Zuckergussansätze verrührt. Anja rollte bereits ihre schwarze Fondantmasse aus, um damit die dunklen Dachkegeln mit Dachziegeln der Holstentürme zu formen. Als Extradetail wollte sie noch mit einer Zuckerkanone trumpfen, die ja auch vor dem Tor steht.
Bei Tanja klappte weiterhin alles sehr gut. Sie war bereits an der weißen Fassade mit dem Pinsel zugange.
Anja schaute nervös auf die Uhr: es waren nur noch 30 Min. und sie musste noch den Schriftzug anfertigen: Concordia domi foris pax ("Eintracht innen, draußen Friede"). Hier hatte sie der Einfachheit halber den Satz schon gekürzt. Concordia domi et foris pax sane res est omnium pulcherrima ("Eintracht innen und Friede draußen sind in der Tat für alle am besten").
Aber wer will das denn bitteschön alles modellieren

So, die letzten 5 Minuten wurden durchgegeben. Tanja war bereits fertig und musste den Raum, wie auch die anderen, die fertig waren, verlassen. Anja und nur noch ein Teilnehmer werkelten noch rum. Sie war jetzt an der Kanone aus dem schwarzen Fondant zugange. Der Countdown wurde runtergezählt, und Anja platzierte die Kanone vor den großen Fenstern...."Die Hände bitte weg, die Zeit ist um!" Anjas
Herz pochte wie wild, hatte sie doch in den letzten Sekunden die Kanone falsch platziert, sie errötete vor
Scham. Wieviel Punkte Abzug würde dieser
Fehler sie nur kosten?
Die Juri trat ein und machte sich bereits Notizen. Die Teilnehmer*innen standen hinter der Absperrung und versuchten, ihre Gesichter zu lesen. Nach dem Ersteindruck wurde der
Geschmack getestet von dem Testprinten, der auch zu Geschmackszwecken mitgebacken wurde. Danach ging es an die technischen Details und dann schon an die künstlerischen Extrapunkte. Nach einer Beratung der Juri wurden dann die 3 Erstplatzierten gekürt. Auf Platz 3 war eine Version des Rathauses, auf 2 Tanja.
Jetzt war Anja klar, dass sie definitiv raus war. Platz 1 war, wie fast zu erwarten, der Azubi von Niederegger mit "Breite Straße Nr. 2". Mit fetten Grinsen nahm er sein Preisgeldscheck in Empfang und zeigte schon fürs Foto seine Zähne. Anja freute sich für Tanja und drückte sie kollegial.
"Herzlichen Glückwunsch Große, deine
Schulden begleiche ich dann nächstes Wochenende." Die Gewinnerin durfte sich ein Fantasiegebäude ausdenken, welches dann die Verliererin backen sollte. "Und, was hast dir für mich ausgesucht?"
"Naja, da die Holstentor-Kanonen natürlich stadtauswärts und nicht stadteinwärts aufstellt werden sollten, dachte ich passend wäre:
Wie Baron Münchhausen auf seiner Kanonenkugel in die Festung reinfliegt"
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