Tja, Honneur, was soll ich sagen? Dein Betrag hätte auch von mir geschrieben sein können. Auch ich habe mich von 122 kg auf 78 kg heruntergearbeitet, was jetzt allerdings schon über 15 Jahre her ist. Nichts desto trotz (oder gerade weil ich es kenne), Respekt vor dieser Leistung, dazu gehört einiges an Selbstdisziplin (und erklärt auch die OP).
Des Weiteren finde ich deine Ansätze sehr gut, da bist du definitiv auf dem richtigen Wege. Auch ich bin seit zwei Monaten beim Fitness (was mir auch sehr gut tut), arbeite an dieser und jener persönlichen Baustelle, größtenteils in der von dir beschriebenen Form.
Ich muss sagen, dass meine jetzige Situation größtenteils im Laufe der Jahre entstanden ist, ich war nicht immer so. Um es abzukürzen: Neben anderen Faktoren ist hauptsächlich mein Beruf daran schuld.
Ich habe über 10 Jahre ausschließlich in sozialen Brennpunkten einer hessischen Großstadt gearbeitet. Meine Aufgabe war es durchweg, mich (ich entschuldigte mich für meinen Ausdruck) mit dem Menschenmüll unserer Gesellschaft herumzuschlagen, ob ich wollte oder nicht.
Es gibt kaum ein Elend oder sozialen Abgrund, den ich noch nicht gesehen habe bzw. ertragen musste. Zuerst dachte ich, dass ist alles kein Problem. Viel zu spät bemerkte ich erst den schleichenden Prozess der inneren Zerrüttetheit, was sich Kontaktarmut außerhalb des Berufs, Burnoutsyndrom und gesteigertem Alk. widerspiegelte (zum Glück noch keine körperliche Abhängigkeit und zwischenzeitlich wieder ad acta).
Hinzu kam, dass ich die wichtigsten Jahre in der persönlichen Entwicklung meines Lebens eben dadurch verdorben habe. Ich hatte lange Jahre keine Partnerin, und damit meine ich wirklich keine einzige. Wenn ich von einem Drecks-Arbeittag nach Hause kam, war niemand da, dem ich mich anvertrauen konnte. Alles fraß ich in mich hinein, was den Teufelskreis der Isolation erst so richtig in Gang brachte.
Ohne es bewußt zu merken, wurde ich abweisend gegenüber den Freunden und Mitmenschen. Ich hasste Smalltalk (und heute zum Teil immernoch), weil es mich einfach nicht interessierte, was andere zu schwallen hatten. Meine privaten Verhaltensweisen passten sich mehr und mehr den beruflichen an, die durch ständige Konfliktlösung (auch mit Gewalt), Konfrontation mit allen Asozialitäten und Abneigung geprägt waren.
Dann lernte ich irgendwann eine Frau kennen (aber auch nur, weil sie auf mich zukam), mit der ich mir eine Zukunft hätte vorstellen können. Und wie es das Schicksal wollte, musste ich dann beruflich in den norddeutschen Raum wechseln. Meine erste Beziehung nach über sieben Jahren zerbrach daran und an anderen Umständen. Anschließend fiel ich in das Loch, aus dem ich nun zu entkommen versuche.
Meine persönliche Ausstrahlung, welche für die zwischenmenschliche Akzeptanz einer Person sehr wichtig ist, liegt quasi bei Null und ich leider zur Zeit sehr unter meiner Einsamkeit, mehr als je zuvor. Es gedauert, bis ich das verstanden habe, denn der erste Weg zu Besserung führt u.a. über die Selbstreflektion, auch wenn diese sehr schmerzhaft sein kann und bei mir auch ist.
Nur ein Beispiel: Ich stehe an einer Kasse im Supermarkt. Die Verkäuferin, zu allen schon von berufswegen nett, begrüßt jeden Kunden. Wenn ich an der Reihe bin grüßt sie nicht mehr, lächelt nicht und gibt mir wortkarg das Wechselgeld wieder. Und das ist tatsächlich sehr häufig passiert, egal in welchen Läden.
Warum das Ganze? Wegen meiner extrem negativen Ausstrahlung. Warum negative Ausstrahlung? Weil ich im Inneren total verdorben bin, kaum Selbstbewusstsein habe und ständig eine ungewollte aber dicke und fette Schutzmauer aufbaue, die so deutlich ist, dass andere Menschen das sofort spüren. Dies habe ich bis dato erkannt, stehe also quasi gerade komplett am Anfang und habe eigentlich noch gar keine Problemlösungsstrategie. Einige Bekannte bestätigen mir meine Verhaltensweisen.
Notwendig ist jedoch zwingend, das ich aus mir wieder einen sozial zugänglichen Menschen mache. Dass die innere Zufriedenheit wieder halbwegs in die Waage kommt. Dann würde mir definitv vieles wieder leichter Fallen. Manchmal habe ich solche Phasen, wo ich ganz locker aus mir heraus komme (leider nur für Augenblicke). Oftmals spüre ich sofort eine positive Resonanz meiner Mitmenschen. Der Lerneffekt diesbezüglich hat sich aber noch nicht eingestellt, da hat es noch einen weiten Weg.
Deswegen Honneur, sind deine Ansätze definitiv die richtigen. Allerdings kommt mir die von dir gesetzte Frist etwas merkwürdig vor. Es klingt irgendwie nach:“Ich habe der Gesellschaft nun etwas gegeben, jetzt ist sie mir was schuldig!“
Du scheinst da mit einer gewissen Erwartungshaltung hineinzugehen. Glaube mir, diese wird auf diesem Wege nicht erfüllt, so hart es auch klingt. Die Gesellschaft ist keinem von uns etwas schuldig. Es liegt an uns persönlich, in ihr zurecht zu kommen. Dies muss aber aus dem Inneren heraus kommen und eine Art Automatismus sein.
Deswegen musst du dir klar machen, dass deine positiven Maßnahmen nicht für andere, sondern ausschließlich für dich sind, was sie noch viel wertvoller macht. Denn du wirst irgendwann von ihnen zehren und somit auch andere. Aber erst in zweiter Instanz.
Ich weiß, dass das sehr schwer ist. Wenn jeder alles könnte, gäbe es dieses Forum wohl kaum....