Liebe Itsybitsy,
finde überhaupt nicht, dass Du undankbar bist. Nur weil man alleine und einsam ist, muss man ja nicht gleich mit jedem können. Und natürlich hast Du das Recht festzustellen, dass Dir jemand nicht behagt. Wäre ja noch schöner, wenn einsame Menschen keinerlei Ansprüche mehr haben dürften. Für mich hört sich das zudem so an, als sei diese Dame grenzüberschreitend. Und mich hätte es wahnsinnig gemacht, jemandem den ganzen Tag förmlich ausgeliefert zu sein, den ich auch noch kaum kenne. Ist doch nicht normal, dass sie ungefragt den Tag bei Dir verbringt. So was macht man selbst bei Freunden nur nach Absprache.
Ob Du allerdings schwierig bist und/oder die falschen Leute anziehst, kann ich Dir nicht beantworten. Wenn man lange alleine lebt, wird man schon etwas "komisch". Davon bin ich inzwischen überzeugt. Kann dieses "komisch" allerdings noch nicht näher erläutern.
Aber wie Du es auch drehst und wendest, es ist definitiv nicht einfach in einem bestimmten Alter Menschen kennen zu lernen. Wie Du selbst weißt, verschieben sich oft Interessen und Wertigkeiten mit einer Familiengründung.
Ich denke, je einsamer man ist, desto höhere Erwartungen hat man unbewußt an die Menschen, die man trifft. Unbewußt möchte ich betonen! Und Erwartungen führen zwangsläufig zu Enttäuschungen.
Was ich mir auch vorstellen kann, ist, dass Du bisher oder im Moment auf Menschen stößt bzw. gestoßen bist, die mit diesen zwei Seiten nicht klar kommen. Das gibt es einmal die Itsybitsy, die zielstrebig und erfolgreich ihren Job macht, viel erlebt hat und interessant ist und auf der anderen Seite die Itsybitsy, die doch an sich zweifelt und wahrscheinlich Minderwertigkeitskomplexe mit sich herumschleppt, weil sie immer noch alleine ist. "Jemand der in unserem Alter alleine ist, mit dem kann ja was nicht stimmen." Wenn man so was denkt, strahlt man es wahrscheinlich auch aus. Und ich kenne es zur Genüge, dass viele der Leute oder sogenannten Freunde, die Partner und Familie haben, von sich aus den Kontakt nicht gerade pflegen. Ich weiß nicht, woran das liegt. Vielleicht sind es definitiv die falschen Menschen oder sie können es nicht nachvollziehen, wie Du Dich fühlst oder grundsätzlich nicht, wie sich ein Mensch fühlt, der alleine lebt. Und wenn Du zu allem noch nach außen stark wirkst, dann denkt sich der ein oder andere Mensch vielleicht auch, Du kommst super alleine klar und Du brauchst niemanden. Vielleicht sendest Du "falsche" Botschaften an die Leute. Es ist aber auch super schwer seine Bedürftigkeit vor anderen einzugestehen, vor allem wenn man befürchtet kategorisiert zu werden. Und dazu neigen die Menschen ja leider alle. Nimm jemanden aus diesem Forum mit einer Angststörung. Soll derjenige sich outen oder nicht? Glaubst Du, man würde diesem Menschen noch zutrauen, dass er trotzdem den Anforderungen der Arbeitswelt gerecht werden kann? Würde man ihn nicht wahrscheinlich eher als grundsätzlich "labil" einordnen? In eine Schublade packen? Was denkst Du, würde einer Deiner Auftraggeber von Dir denken, wenn er wüßte, dass Du ein total einsamer Mensch ohne Kontakte bist? Und ist es nicht so, dass man dazu neigt, diese Seite deswegen zu unterdrücken oder gar zu verleugnen? Vor allem wenn man in einer Branche arbeitet, die "Schwächen" nicht akzeptiert.
Ich will damit nicht sagen, dass Du mit Deiner Einsamkeit hausieren gehen sollst. Auf keinen Fall! Ich glaube, Du musst überhaupt erst mal die Itsybitsy finden, die Du bist, die sich mag, sich selbst genügt. "Einfach nur so genommen werden, wie man ist," funktioniert leider nicht oder nur ganz schwer.
Und es gibt natürlich verschiedene Arten von Kontakten. Welche, die einem wirklich emitional was bringen - sprich Freunde - und Kontakte, die einem das Alleinsein ein bisschen versüßen wie z.B. evtl. diese Frau. Mir fiel auf, Du schriebst gleich davon, dass Du "so eine Freundin nicht brauchst". Mal abgesehen von ihrer wirklich etwas extremen Art, hätte Du sie doch auch einfach als jemanden sehen können, mit dem Du mal was unternimmst und vielleicht nicht gleich an Freundschaft denken dürfen. Womit wir da nämlich wieder bei den Erwartungen sind. Meine Kontakte sind aus bestimmten (teilweise gewollten) Gründen inzwischen auch sehr rar gesät, doch ich pflege auch Beziehungen zu Menschen, mit denen ich nur ganz ganz wenig gemeinsam habe. Nun, und oft funktionieren diese Kontakten sogar am Besten, vielleicht deswegen, weil sie mit wenig Erwartungen verknüpft sind und vielleicht auch, weil sie emotional nicht so gefährlich werden können.
Und was mir noch aufgefallen ist, dass sich mehrere Leute aus Hamburg auf Deinen anderern Thread gemeldet haben, die an Kontakt interessiert sind. Du hast aber nur geantwortet (PNs kenne ich natürlich nicht), dass Du im Grunde wenig Zeit hast. Das ist es, was es dem Gegenüber schwer macht, weil Du undeutliche Signale sendest. Auf der einen Seite "beklagst" Du Deine Einsamkeit, auf der anderen kommt dann rüber "Ich habe aber eigentlich keine Zeit". Ich meine das nicht böse, ich kenne das selbst von mir. Vielleicht ist es ein Denkanstoß, mal zu analysieren, was Du von anderen möchstest und erwartest, welche Botschaften Du aber gleichzeitig sendest, also was Du ausstrahlst und wie das wohl bei Deinem Gegenüber ankommt.
Ich denke, niemand braucht Dir hier Tipps geben, wie Du es schaffst Menschen kennen zu lernen. Ich schätze Dich so ein, dass Du schon weißt, wie und wo man das macht. Nur die bisherigen Erfahrungen machen Dich unsicher. Und mal abgesehen von allem, was ich jetzt geschrieben habe, ist es ein "Phänomen", was viele alleinstehende Menschen in unserem Alter betrifft, vor allem wenn sie auch noch andere Probleme haben (z.B. Angst). Gott sei Dank hast Du die nicht. Deswegen würde ich Dir anraten, Leute zu suchen, die AUCH alleine sind. Das ist eine ganz andere Ausgangsbasis. Gibt doch in Hamburg bestimmt sowas wie Singletreffs oder so. Ich meine keine "Über 30 Party", sondern so etwas wie einen Stammtisch o.ä. für Singles. Das lernt man dann Männer und Frauen kennen, die gemeinsam was unternehmen. Oder gib kostenlos eine Anzeige auf bei ...meine-stadt.de.
Ich will Dein Problem damit nicht abwerten, versteh mich bitte nicht falsch. Ich spreche auch aus der Erfahrung, dass man als alleinlebender Mensch sich eher bei anderen Alleinlebenden aufgehoben fühlt.
Dennoch glaube ich, dass Du auch noch mehr hinter Deine eigene Fassade gucken solltest (Therapie?), was da so brodelt in Dir, was eigentlich mit der einsamen Itsybitsy los ist, die auch keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie hat.
Ganz liebe Grüße