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Du musst dich ja nicht handwerklich betätigen, es gibt auch andere Ausbildungsberufe die den Geist fordern und nicht so sehr die Geschicklichkeit. Als Rechtsgehilfe z.B. hättest du bestimmt gute Chancen weil du durch das abgebrochene Studium schon ein bisschen juristisches Hintergrundwissen hast. Ausbildungsberufe fordern auch sehr, aber eben anders. Meine Mom ist z.B. Einzelhandelskauffrau, sie braucht viele Soft-Skills wegen der oft gestressten oder gar zornigen Kundschaft, muss flexibel sein und sich auch mal an die Kasse setzen können wenn niemand da ist und sie muss das Interesse ihrer Kunden an saisonalen Produkten einschätzen und darf weder zu viel noch zu wenig bestellen um der Nachfrage gerecht zu werden. Sie muss sich mit Vertretern beraten, die Präsentation in den Regalen ansprechend gestalten, und sie muss sich gleich auf mehreren Fachgebieten gut auskennen weil sie sowohl in den Abteilungen Haushalt, Spielwaren, und Elektronik arbeitet. Meine Mom weiß mittlerweile mehr über Fernseher-Anschlüsse oder Sat-Receiver als die meisten Männer aus meinem Verwandtenkreis.
Ich sag das nur um zu zeigen: Eine Ausbildung ist nicht winderwertig im Vergleich zum Studium wie Viele nach dem Abitur denken. Ein Ausbildungsberuf ist auch sehr fordernd. Bloß eben anders.
Zum Studieren gehört die Studierfähigkeit, und die geht meist mit der Fähigkeit zur Selbstorganisation einher. Ich hab erst letzte Woche mit zwei Diplom-Psychologen gesprochen, der eine hatte fertig studiert, durfte aber von der Kasse aus bloß Motivationskurse für Behinderte abrechnen und musste sich seine restlichen Brötchen selber verdienen, und die Andere macht seit vier Jahren nur Praktika und lebt quasi an der Armutsgrenze weil sie sich die Fortbildungen nicht leisten kann die nötig sind um diverse Therapieformen anbieten zu können. Die haben Beide schon fertig studiert und trotzdem keinen sicheren Job. Das fand ich selber auch ziemlich erschreckend als ich hörte dass es Vielen nach dem Studium erst einmal so geht.
Es geht nicht so sehr um Ansehen oder Verdienst oder um Ruhm oder darum dass Andere denken "Oh, cool!" wenn man von seinem Job erzählt. Es geht darum das zu machen was man wirklich machen will, und wenn das kein Studium ist sondern eine Ausbildung dann ist das auch okay. Und wenn es ein Studium sein soll für dich dann ist das auch okay, madig machen will ich es dir ja nicht. Ich hab nur beim Lesen oft das Gefühl dass du krampfhaft nach einem Studium suchst um des Studieren willens, nicht weil dir gefällt was du tust. (Und ich werf dir nicht vor dass das so ist, es ist nur ein Gefühl.)
Der Verdienst stimmt eigentlich überall irgendwie. Unsere Nachbarn z.B. arbeiten einmal als Lagerarbeiter und einmal bei der Post als Briefsortiererin und die können sich sogar zwei Autos und ne schicke Wohnung leisten, meine Familie lebt von Halbwaisenrente, Witwenrente, und dem Verdienst meiner Mom als Einzelhandelskauffrau. Mit dem Geld kommen wir zu dritt über die Runden und können uns sogar mehrmals Urlaub im Jahr leisten - man muss halt gut haushalten mit dem was man hat. Viel Geld macht bekanntermaßen auch nicht so glücklich wie ein Beruf den man gerne macht. Immerhin verbringt man in der Arbeit etwa zwei Drittel seines ganzen Lebens, 8h am Tag, 5 Tage die Woche. Da ist es wichtig dass man macht was einem wirklich gefällt und was einen wirklich interessiert, und nicht das von dem man denkt dass es am meisten Geld abwirft oder am interessantesten klingt.
Vielleicht wär auch mal ein Urlaubssemester für dich ganz gut. Das könntest du für ein freiwilliges soziales Jahr nutzen, für Work&Travel oder sowas. Hab mich vorletzte Woche auf dem Oktoberfest mit zwei Japanern unterhalten die das machen weil sie sich eben nicht genau sicher sind was sie studieren wollen, also gehen sie erst mal 6 Monate lang auf Reise, probieren Verschiedenes aus, sammeln Erfahrungen, und entscheiden sich dann. Meine Freundin hat das nach dem Abi auch so gemacht. So eine kreative Auszeit in der man mal über den eigenen Tellerrand hinaus blickt kann auch hilfreich sein und bei anstehenden wichtigen Entscheidungen helfen, und eingeschrieben bleiben kannst du ja trotzdem. Auf der anderen Seite wirst du auch nicht jünger und bist mit zwei abgebrochenen Studiengängen jetzt schon älter als die meisten Abgänger und Mitstudenten, und mit einem Urlaubs-Semester wärst du dann wieder ein Jahr älter. Aber vielleicht auch um eine gute Entscheidung reicher.
Ich will dir hier nichts madig machen oder dich verunsichern, ich möcht dich nur dazu anhalten genau zu überlegen was du gut kannst, was dir Spaß macht, was du machen willst, und dabei halt nicht nur ein Studium in Betracht zu ziehen sondern auch mal eine Ausbildung, vielleicht.
Und um mal mit dem Vorurteil über ruppige Handwerker aufzuräumen: Das stimmt so bestimmt auch nich überall und immer. Es gibt immern och Holzfäller die Eichhörnchen und Vogelbabies aus dem Wald mitbringen und zum Tierarzt geben wenn sie aus Versehen ihre Nester kaputt machen und wir hatten auch mal nen Fliesenleger da der in seiner Freizeit gern gedichtet hat. Also bitte: Es gibt nicht nur weiß und schwarz, sondern auch viel grau dazwischen. Der Beobachter ist auch ein Handwerker, und der kommt mir nicht unbedingt ruppig vor Nicht dein Charakter soll zum Job passen, sondern deine Interessen und deine Neigungen. Alles Andere, das Zwischenmenschliche, das ist von Betrieb zu Betrieb anders.
10.10.2010 09:33 •
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