Hallo farfaraway,
Und erst einmal willkommen hier im Forum
Mir fällt auf, dass du davon redest, deine vielen Bekanntschaften würden nur an deiner Oberfläche leben. Was du damit meinst, verstehe ich.
Aber wieso ist das so?
Erwartungen an die Freunde und das eigene Verhalten müssen immerhin auch zusammen passen. Ich meine, wenn du dir wünscht, über ernstere Themen zu reden, gleichzeitig aber z.B. wartest, dass man dich darauf anspricht, wirst du immer enttäuscht sein. Man muss selbst sagen, was man will, damit Andere es wissen und sich danach richten können.
Ein häufiger Fehler, den ich früher auch gemacht habe, darum meine Nachfrage. Ich war auch lange Zeit der Überzeugung, niemand würde sich wirklich für mich interessieren, niemand würde sich wirklich um mich kümmern. Ich war der festen Überzeugung, nur oberflächliche Freundschaften zu haben, niemand fragte mal ernsthaft, wie es mir geht, niemand wollte etwas von meinem tieferen Inneren sehen. Bis ich dahinter kam: Wenn ich mich nicht öffne, kann auch keiner tiefer gucken. Wenn ich nicht sage, was ich mir wünsche und wie es mir geht, kann es auch keiner wissen. Ich war wirklich eine lange Zeit sehr enttäuscht von meiner Umwelt, bis ich begriff, dass ich selber es war, die die Enttäuschung herauf beschwor. Indem ich, zum Einen, eine nicht der Realität angepasste Vorstellung von Freundschaft hatte, und zum Anderen nicht aussprach, was ich dachte und fühlte, so dass Andere gar nicht die Chance hatten, auf mich einzugehen und mir zu helfen.
Das Andere ist, dass sich wahre Freundschaft, finde ich, erst zeigt, wenn etwas wirklich Schlimmes passiert. Ich hab als mein Vater gestorben ist gemerkt, wer mir da zur Seite stehen kann und wer nicht. Ich konnte meine Freunde davor auch schon einteilen in die Party-und-Spaß-Freunde, die Kultur-Freunde, die Diskussions-Freunde, die Tiefsinnig-Freunde. Jede Bekanntschaft geht ja auch unterschiedlich tief. Mit einigen konnte ich viel lachen und Spaß haben, aber wollte ich da ein Gespräch anfangen über die Gesellschaft oder Politik, stand ich auf verlorenem Posten. Das konnten die einfach nicht. Mit Anderen konnte ich dafür herrlich stundenlang über eben diese Themen reden, oder mit einer Freundin sogar über das Leben an sich, diverse philosophische Ansätze, Tod, und lauter solche Dinge. Aber auch nicht immer - das wäre uns beiden zu viel geworden.
Als dann mein Vater gestorben ist, als ich 21 war, da hab ich gemerkt, wer mich auf einmal mied, weil er nicht wusste, was er hätte sagen sollen, wer mich ganz normal behandelte, das Thema einfach tot schwieg, und wer wirklich auf mich zu gehen und mich in den Arm nehmen konnte. Das war.. interessant. Zumal da Leute plötzlich bei mir waren und mir halfen, die ich vorher vielleicht als Bekannte, nicht einmal als Freunde bezeichnet hätte, und Freunde, die ich als Freunde empfunden hatte, blieben mir fern. Ich will damit nur sagen: Wer deine wahren Freunde sind, das merkst du erst, wenn es wirklich hart auf hart kommt. So lange das Leben in seinen normalen Bahnen verläuft, benimmt sich jeder auch ganz normal. Dazu gehört eben auch, dass die Beziehungen zu den Anderen unterschiedlich tiefgreifend sind. Dass man mit manchen nur über dieses und mit anderen auch über jenes reden kann. Das ist jedenfalls der Standpunkt, auf dem ich heute mit 22 Jahren stehe. Ich erwarte deswegen auch nichts Unmachbares mehr von Anderen im täglichen Alltag. Wieso sollen Freunde Alles geben, ihre ganze Kraft ausschöpfen, wenn sie keinen Grund dazu haben? Die Kraft muss man sich für wirklich schwere Momente aufsparen, kein Mensch kann immer Alles für Andere geben, so viel Kraft hat man nicht.
Ein anderes Problem in unserer heutigen Gesellschaft ist, dass wir uns sehr frühzeitig auseinander leben. Ich merk es jetzt nach dem Abi besonders. Mit meiner besten Freundin hab ich seit November nicht mehr gesprochen, weil sie eine Rucksackreise durch die USA macht und nie erreichbar ist, mit meiner anderen besten Freundin auch nicht, weil sie derzeit in Afrika ein Praktikum absolviert. Es reicht bei Manchen auch schon, wo anders hin zu ziehen. Neue Stadt, neue Eindrücke - neue Freunde. Oftmals verliert sich der vorher stetige Kontakt so. Das empfinde ich mittlerweile als ganz normal, das bedeutet für mich, dass die Bekanntschaft oder Freundschaft in eine neue Phase eingetreten ist und einfach nicht mehr funktioniert oder an Intensität verliert, weil einfach der tägliche Kontakt fehlt. Ich bin dann nicht enttäuscht. Ich sage mir dann schlicht "Gut, es hat eben nicht geklappt" - und lass es hinter mir. Ein weiteres Problem ist, dass viele Menschen heutzutage Bestätigung ihrer eigenen Wichtigkeit und Liebenswürdigkeit brauchen, um sich selbst lieben zu können. Wenige schaffen es noch, sich aus sich selbst heraus zu lieben, die meisten brauchen mittlerweile Bestätigung von Außen. Das ist eine fatale Haltung, denn so neigt man dazu, sich einsam oder unerwünscht oder uninteressant zu fühlen, obwohl man es doch im Grunde gar nicht ist. Weil man nie gelernt hat, sich selbst zu lieben und diese Aufgabe an die Außenwelt delegiert. Das soll nicht bedeuten, dass der Mensch Liebe und Zuwendung von Außen nicht braucht. Doch, klar, die braucht er. Aber er muss auch im Kern sich selbst lieben können, um im Leben zu bestehen. Andernfalls neigt man dazu, Andere dazu zu missbrauchen, sich Zuwendung zu holen - und das ist weder für einen selbst noch für die Anderen schön.
Vielleicht reicht es schon, wenn du deine Vorstellungen von Freundschaft und deine Erwartungen an die Anderen überprüfst. Vielleicht wünschst du dir etwas, was es so gar nicht geben kann, zumindest nicht dauerhaft, oder du wünscht dir etwas, sprichst es Anderen gegenüber jedoch nicht aus und bist am Ende deswegen enttäuscht.
Kennst du bereits folgende Seiten?
https://www.psychic.de/einsamkeit.phpVielleicht würde dir der Ratgeber aus dem Pal-Verlag bereits helfen, dich weniger einsam zu fühlen.
Liebe Grüße,
Bianca