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Hallo!

Ich hatte vor einiger Zeit wahnsinnige Eifersuchts- / Verlustangst-Probleme in meiner Beziehung. Vielleicht helfen euch meine Erlebnis-Schilderungen ein bisschen.

Meine Freundin hat seit Beziehungsbeginn via Telefon Kontakt zu ihrem Ex.
Zumal wir für diverse Dinge den selben PC verwendet haben, habe ständig mitbekommen, daß er von ihr via Mail oft "Bussi" oder "Kuss" zu hören bekam, und habe ihr deswegen einen gigantischen Aufstand gemacht. Ich habe ihr vorgeworfen "noch nicht von ihm losgekommen zu sein", habe ihr vorgeworfen, sie würde ihm hinterherrennen, und habe ihr vorgeworfen, daß ich glaubte, daß sie sich womöglich nicht "beherrschen" könnte, sollte sie sich je mit ihm treffen.
Es wurde immer reizvoller für mich die SMS' auf ihrem Handy auszuspionieren, oder sie zu belauschen, wenn sie mit ihm redet. Ich habe mich (mit viel Anstrengung) erfolgreich davon zurückgehalten, das zu tun, denn irgendwie wusste ich, daß ich - egal was in den SMS drinsteht - und wenn es nur ein "Ja, ok" ist - irgendwas daran finden würde, was meine Eifersucht nur weiter hochpusht.
Sie hat mir auch gesagt, daß sie ihn "sehr mag", aber daß er nur mehr ein Freund ist, und daß sie nicht daran denkt diese Freundschaft mit ihm wegen meines Vertrauensmangels zu kündigen.
Bezüglich der "Liebeleien" wie den "Küssen" in den Mails hat sie gesagt, daß ich mal darüber nachdenken solle, daß zwischen dem geschriebenen und gesprochenen Wort ein sehr sehr großer Unterschied ist, und daß ein "Bussi" oder ein "Kuss" in einer Mail keinesfalls so persönlich und intim ist, wie die Realität, oder das gesprochene Wort.

Das alles hat mich natürlich keineswegs beruhigt. Ich habe alle paar Tage einen Streit über dieses Thema vom Zaun gebrochen und mich soweit in diese Eifersucht hineingesteigert, bis meine Freundin soweit war, daß sie sich dagegen gesperrt hat, überhaupt in meiner Anwesenheit mit ihm zu telefonieren, und sich auch dagegen geweigert hat, mit mir über ihren Ex zu reden.
Dann ging es auch schon los: Ich schob sofort Panik, wenn sie mal ein paar Stunden nicht erreichbar war, ich wurde sofort misstrauisch, wenn sie auf eine SMS oder eine Mail nicht innerhalb kürzester Zeit reagierte etc.

Ich war nur noch einen Schritt davon entfernt die Beziehung zu beenden, bis ich mich mal hingesetzt habe, und mich - so sachlich wie möglich - mit dem Thema auseinandergesetzt habe. Das Ergebnis dieses Nachdenkens hat mich ziemlich erschrocken.

Ja, sie schrieb und schreibt ihr "Bussi" und "Kuss" in den E-Mails, und höchstwahrscheinlich auch via SMS, aber nüchtern betrachtet hat sich absolut recht wenn sie sagt, daß zwischen dem geschriebenen und dem gesprochenen Wort (oder gar der "Tat") ein großer Unterschied ist. Gerade in Chats, Messengern etc. HAGELT es im Endeffekt geradezu "Bussis", "Küsse", "Umarmungen" und "Kuscheleien", ohne daß im Endeffekt viel dahintersteckt.

Ich habe ihr immer weniger vertraut, weil sie sich dagegen gesperrt hat, in meiner Gegenwart mit ihrem EX zu telefonieren, oder mit mir über ihn zu reden. Das waren für mich lauter Indizien dafür, daß "zwischen den beiden etwas läuft". Letztendlich musste ich allerdings erkennen, daß nicht sie es war, die mein Vertrauen permanent geschädigt hat, sondern daß ich mein Vertrauen in sie im Grunde selbst geschädigt habe.
Welcher Mensch mit Selbstbewusstsein und Würde lässt sich freiwillig kontrollieren? Wer lässt sich schon vorschreiben, wie er mit seinen Freunden zu reden hat? Wer lässt es sich gefallen, daß bei jedem geschriebenen "Bussi" ein (ohne Übertreibung) DREISTÜNDIGER lautstarker Streit vom Zaun bricht? Wer tut es sich ewig an, daß bei der Blossen Erwähnung des Namens des Freundes, sofort einen Tag lang schlechte Stimmung herrscht?
Ich habe sie mit jeder Kleinigkeit unter Druck gesetzt, und da war es im Endeffekt mehr als Verständlich, daß sie ihn von mir fernhielt, um den ewigen Streitereien (die ich alle paar Tage angefangen habe) zu entgehen.

Letztendlich habe ich darüber nachgedacht, daß Prinzip der Eifersucht und Verlustangst, die ich ihr gegenüber voll ausgelebt habe, auf meinen üblichen "psychischen Lebenswandel" zu übertragen, und es hat perfekt gepasst.

Ich hatte Panikattacken weil ich nicht auf meinen Körper vertraut habe.
Ich hatte Herzphobie, weil ich nichtmal darauf vertraut habe, daß mein Herz von sich aus problemlos schlagen kann.

All diese Probleme und Phobien sind Ängste vor eigenen "Unzulänglichkeiten". Wenn ich nicht darauf vertraue, daß mein eigener Körper überlebensfähig ist, oder daß mein Herz seine Arbeit machen kann, dann halte ich mich für Unzulänglich, was das eigene Überleben betrifft.
Genau hier liegt der Link zur Eifersucht: Eifersucht ist die Angst davor in soweit "unzulänglich" zu sein, daß die Partnerin es für nötig hält, sich anderen Männern zu widmen.
Wenn ich also nichtmal in meinen eigenen Körper vertraue - wie soll ich dann in einen anderen Menschen vertrauen können?

Phobien bedeuten, sich in seinen Ängsten soweit hochzuschaukeln, daß sie einen beherrschen. Man dramatisiert immer weiter und weiter, man sieht sich immer mehr als ausgeliefertes Opfer, man beginnt Kleinigkeiten drastisch überzubewerten, und man sieht sich der Angst gegenüber als vollkommen unterlegen.
Die Eifersucht ist nichts anderes - sie ist eine Form von Phobie (die Angst vor Unzulänglichkeit gegenüber dem Partner / der Partnerin), die genau wie Panik, Herzangst, Hypochondrie etc. dafür sorgt, daß man in scharfen Kontrasten denkt, viele Dinge furchtbar überbewertet, und sich ständig selbst unter Druck setzt.

Nehmt euch ein paar Tage Auszeit vom Partner um den Kopf klarzukriegen (auch wenns schwer fällt), und lasst euch all die Dinge die euch "eifersüchtig" machen Stück für Stück durch den Kopf gehen.
Gerade Mails und SMS sind in der heutigen Zeit oftmals ein großer "Nähr-Faktor" für Eifersucht, weil mit Bussis, Küssen, Umarmungen, Kuss-Smileys, Rosen-Bildern etc. nur so um sich geworfen wird. Gerade im Zuge der Eifersucht ist es natürlich verlockend die Grenze zwischen "virtuellem Kitsch" und der Realität verfliessen zu lassen. Es liegt allerdings an einem selbst, diese recht nüchterne und kühle Grenze im Auge zu behalten.

Pueblo

09.02.2009 10:59 • 09.02.2009 #1


2 Antworten ↓


Hi pueblo,

das hast du sehr schön beschrieben.

Grade bei
Zitat:
Eifersucht ist die Angst davor in soweit "unzulänglich" zu sein, daß die Partnerin es für nötig hält, sich anderen Männern zu widmen.
hast du den Punkt getroffen.

Aber ich finde das viel größere Problem ist, nach Erkennen des Problems, dieses zu ändern. Also ich befürchte sobald ich wieder in der Situation bin werde ich wieder die gleichen Fehler machen. Es werden die Gefühle sein, die mich überrumpeln, weil diese Verlustangst, in diesem Fall das fehlende Selbstvertrauen in mich und das fehlende Vertrauen in die Liebe meines Partners, einfach viel stärker sind als das "Wissen", dass ich grade FALSCH denke.

Ich habe noch keine Ahnung wie ich aus diesem Kreis ausbrechen soll :/

Klappt es denn bei dir mittlerweile?

09.02.2009 11:46 • #2


Hi Klaus!

Du sagtest, daß das ÄNDERN des Problems schwieriger ist, als es zu erkennen. Meiner Meinung nach liegt in diesem Wunsch nach dem "ÄNDERN des Problems" aber genau der Fehler.
Der Trugschluss dem man in der Eifersucht nämlich leider fast automatisch nachgeht ist der, daß man meint ständig an den Dingen arbeiten bzw sie "ändern" zu müssen. Man meint man müsse die eigene Eifersucht "ändern", sich selbst "ändern", und sich fortwährend "verbessern" um der Partnerin gerecht zu werden. Meiner Ansicht nach, ist das aber genau der Weg, mit dem man die Eifersucht ständig nur noch steigert. Durch die eigene Unsicherheit ist jeder Versuch der Änderung eines Problems von Vornherein zum Scheitern verurteilt, denn das mangelnde Selbstvertrauen wird nie zulassen, daß man eine "selbstgemachte Veränderung" als zureichend oder zufriedenstellend empfindet.

Ich finde man sollte nicht versuchen sich selbst oder die Eifersucht zu ändern. Man sollte sogar eher das Gegenteil anstreben: Vom Zwang der Eifersucht "alles ändern zu wollen", "ständig an sich arbeiten zu wollen" und immer "die Zügel in der Hand halten zu wollen" wegzukommen, indem man nach und nach versucht sich in die Beziehung fallen zu lassen, und sie dadurch nicht mehr ständig als ein "Kräftemessen mit sich selbst" sieht.
Wenn man es ein paar Tage (wenn auch mit viel Überwindung) geschafft hat, den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen, und man dadurch sieht, daß es auch so funktioniert, und nichts drastisches passiert, dann ändert sich viel an der Beziehung, denn erst wenn man mal innerlich ein bisschen abkühlt, und nicht ständig damit beschäftigt ist einem "Arbeitsplan für sich selbst" nachzugehen, bewertet man die Dinge, die einen eifersüchtig gemacht haben, weit realistischer, und erkennt, wieviel davon man sich eigentlich nur "zurechtgesponnen" hat, und wieviel davon nur überdrehte Eigeninterpretation war. Ich bin kein Beziehungsexperte, aber ich für meinen Teil glaube, daß man nur so nie nötige Selbstsicherheit aufbauen kann, um aus der "Ich bin eifersüchtig - also arbeite ich an mir"-Abwärtsspirale auszubrechen. Zumindest bei mir funktioniert es erstaunlich gut, und ich fühle mich alle paar Tage immer wieder ein Stück besser.

Viel erfolg und alles gute!

Pueblo

09.02.2009 12:42 • #3