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Hallo,

ich leide seit ein paar Jahren an Depressionen. Grund hierfür ist ein vorangegangenes mehrjähriges Mobbing und Schikane an meinem letzten Arbeitsplatz. Mein Therapeut meinte ich habe eine Persönlichkeitsstörung und eine Anpassungsstörung. Ich war sehr lange bei diesem in Behandlung. Parallel habe ich Medikamente eingenommen ( erst Sertralin dann Agomelatin ). Ich war fast zwei Jahre krank geschrieben. Jetzt habe ich einen neuen Job. Ich habe meiner Familie von den Vorkommnissen erzählt. Ich besuche aktuell eine Selbsthilfegruppe und nehme noch Medis. Ich denke noch jeden Tag mehrfach ( zu bestimmten Zeiten andauernd ) an die Vorkommnisse von vor über 2 Jahren. Die neue Arbeit hilft mir sehr. Ich habe Kontakt zu Menschen und eine körperlich fordernde Tätigkeit. Das empfinde ich als sehr positiv.

Es ist doch nicht normal nach so langer Zeit immer noch Gedanken an die Vorkommnisse zu haben. Oder?
Ständiges Gedankenkreisen und Ängste.
Ich wache früh auf und habe eine negative Grundstimmung. Als erstes denke ich an die Zeit von damals zurück. Ich sehe alles pessimistisch und innerlich fühle ich gar nichts mehr. An meine Gefühle komme ich nicht ran. Ich weiß auch nicht wie ich Wut, Trauer anschalten kann. Vielleicht will ich diese Gefühle nicht zulassen.
Mein Selbstvertrauen ist stark im Keller.
Ich fühle mich ausgebrannt und leer. Meine Familie und meine Bekannten meinten, dass ich früher anders war. Ich war lebensfroher. Das empfinde ich auch so. Ich habe Hürden besser gemeistert. Rückschläge besser weg gesteckt. Ich hatte Ziele und konnte meinen Alltag gut bis sehr gut managen. Heute ist das anders.

Kann es sein das ich an einem Trauma leide? Hat jemand von euch Erfahrung mit sowas? Was für eine Therapie ist bei einem Trauma angebracht? Hat jemand Erfahrung mit einer Trauma Therapie? Wo ist der Unterschied zur kognitiven Verhaltenstherapie?




Lg


Lebenskünstler

14.01.2020 20:02 • 25.01.2020 #1


8 Antworten ↓


Grashüpfer
Hallo Lebenskünstler,

erst einmal herzlich willkommen hier bei uns im Forum! Hier kannst du über Sorgen sprechen, die du im realen Leben vielleicht nicht mit deinem Umfeld teilen möchtest oder kannst. Ich wünsche dir sehr, dass du dich mit Leuten hier austauschen kannst, die dich verstehen und dir helfen oder Ratschläge geben können. Und wenn mal kein passender Rat dabei sein sollte, hören wir dir auch gern einfach zu.

Dein Nick ist toll, so lebensbejahend und positiv! Vielleicht ist das ein Stück deiner alten Lebensfreude? Die geht nie verloren und schimmert immer wieder durch, auch wenn einen die Depression verändert hat.

Ob du an einem Trauma leidest, kann ich dir letztlich nicht beantworten, das kann nur ein Arzt oder Psychotherapeut. Die Symptome, die du beschreibst - das frühe Erwachen und die schlechte Grundstimmung - sind eindeutig Anzeichen einer (mittelschweren) Depression. Du siehst in diesen frühen Morgenstunden alles schwarz oder? Alles erschlägt dich, ist es so? Wird deine Stimmung nach dem Aufstehen oder im Lauf des Vormittags besser?
Hast du denn das Gefühl, dass dir die Medikamente helfen und die Depression abschwächen und dich stabilisieren?

Mobbing ist eine sehr schlimme und einschneidende Erfahrung, die viel in einem Menschen zerstören und auch jahrelange Folgen haben kann. Ich habe das während der Schulzeit erlebt. Ob es normal ist, dass man nach zwei Jahren noch so viel daran denkt, weiß ich nicht, ich habe damals alles verdrängt und erst Jahre später meinen Eltern davon erzählt. Es ist aber gut, dass du dir gleich nach dem Erlebten Hilfe gesucht hast. Auf jeden Fall scheinst du deine Erlebnisse noch nicht verarbeitet zu haben, sonst würdest du nicht so viel daran denken. Wie lange wurdest du denn gemobbt? Ich glaube, das ist ein wichtiger Faktor, der Zeitraum, wie lange man die Schikanen und Kränkungen aushalten musste. Je länger, um so tiefer schneiden sie in die Seele, um so mehr brechen sie deinen Selbstwert. So jedenfalls habe ich es erlebt.

Fühlst du dich bei deinem Therapeuten gut aufgehoben? Es ist total wichtig, dass die Erlebnisse und Gefühle in der Therapie gut aufgearbeitet werden.
Es ist schön, dass du wieder eine Arbeit gefunden hast, die dir gefällt und gut tut. Das stärkt das Selbstbewusstsein und gibt dir Selstvertrauen zurück. Vielleicht hlft sie sir auch, mit der Zeit mehr und mehr Abstand zu deinen schlechten Erfahrungen zu bekommen.

Liebe Grüße,
Grashüpfer

14.01.2020 20:35 • x 2 #2



Hallo Lebenskünstler,

Depressionen nach Mobbing

x 3#3


Hallo Grashüpfer,

danke für deine schnelle und ausführliche Antwort. Dein Nick gefällt mir auch.

Ja, ich sehe früh morgens alles schwarz.
Gegen Abend hin wird meine Stimmung besser. Ich bin aktuelle nachts gerne lange wach.
das Agomelatin ist nicht so gut wie das Sertralin, hilft aber eindeutig. Das Sertralin hatte ein paar unangenehme Nebenwirkungen.
Das Mobbing ging mehrere Jahre. Wegen mittelschweren Depressionen war ich auch krank geschrieben. Am Anfang ( noch während der aktiven Arbeitszeit ) habe ich früh sehr starke Probleme gehabt hoch zukommen. Ich hatte es auch mehrfach mit Schlafentzug probiert. Das hat mir an manchen Tagen geholfen ( das mache ich aber nicht mehr ).

Bei dem Therapeuten bin ich nicht mehr. Am Ende habe ich mich nicht mehr wohl bei Ihm gefühlt. Ich besuche jetzt eine Selbsthilfegruppe. Der Therapeut wollte am Ende auch eine Gruppentherapie durchführen.

Ich weiß seit vielem Monaten nicht wie es bei mir weiter gehen soll. In meinen alten Beruf kann ich nicht zurück. Eine neue Ausbildung oder ein Studium will ich nicht machen. Ich habe keinen Plan wie es weitergeht. ich drücke mich nur rum. Ich habe mir sogar schon überlegt Berufsunfähigkeit zu beantragen (habe jedoch Angst das die Symptome stärker werden).



LG

14.01.2020 21:21 • #3


Ich glaube auch das du an einem Trauma leidest.
Wenn ich über so manche Leute nachdenke die mich geärgert haben, komme ich am besten darüber hinweg indem ich mir denke, " ich kann mich jetzt den ganzen Tag ärgern, aber ich bin dazu nicht verpflichtet !"

14.01.2020 21:39 • #4


Danke für vielen Antworten.

Glaubt Ihr das man bei Mobbing immer selbst Schuld hat bzw. es ein grundlegendes Selbstwertproblem ist?

Wenn man mit Absicht aus dem Betrieb entfernt werden soll und man keine Möglichkeiten hat zu wechseln........ daraufhin Depressionen, Burn Out, etc. eintreten........ das kann doch eigentlich kein Selbstwertproblem sein.Oder?

Ich meine, wer hält schon jahrelangem Druck stand der darauf ausgerichtet ist einen zu entfernen.

Kann aufgrund solch eines über mehrere Jahre aufgebauten Drucks eine chronische Depression entstehen? Oder ist die vorübergehend? Lindert die Zeit die Symptome? Klingen die allmählich ab?
Mir geht es mittlerweile schon viel besser als damals. Allerdings denke ich täglich an die Ereignisse. Meine Konzentration ist mittlerweile etwas besser geworden. Ich habe das Gedankenkreisen mit Meditation etwas eingedämmt. Zumindest kann ich die Gedanken jetzt akzeptieren und ich habe wieder gelernt mich zu ordnen ( Naja.... zumindest etwas ). Ich habe aber noch mehrere Defizite die ich hoffentlich irgendwann wieder in den Griff bekomme. Allen voran will ich mein Gedankenkreisen abstellen können.

Hat es jemand von euch geschafft dieses Karussell von Gedanken wieder in den Griff zu bekommen und unbeschwert und klar zu denken?



LG


Lebenskünstler

24.01.2020 00:57 • #5


Hallo

Meine letzte depressive Phase ist jetzt 6 Jahre her. Aber der Schrecken dieser Zeit steckt mir immer noch in den Knochen und ich denke fast jeden Tag zurück. Doch ich kann behaupten, das mich das nicht mehr sehr belastet. Dazu habe ich zu viele Hobbys, die mich ablenken und ich habe eine Familie die mich fordert. Irgendwie will mir mein Gehirn mir manchmal weismachen, das es eigentlich eine schöne Zeit war. Wahrscheinlich baut sich das Gehirn mit der Zeit ein gewissen Selbstschutz auf, was ich an sich eigentlich nicht schlecht finde.

Gruß
win10

24.01.2020 07:41 • #6


Icefalki
Dein Zustand der damals empfundenen Hilflosigkeit ist dein Grundproblem. Zeigt sich dir ja tagtäglich wieder. Ich denke, damit haben wir hier alle zu kämpfen.

Vielleicht hilft es dir, den Fokus nicht mehr auf andere zu richten, sondern darauf, dich mit dieser, deiner Hilflosigkeit umfassend auseinander zu setzen. Und da schon das Wort und die dabei entstehenden Gefühle Unbehagen auslösen, denn wer will denn schon Hilflos sein, ist das der richtige Weg.

Weisst du, im Prinzip geht es um Klarheit. Klarheit, wer man eigentlich ist. Und wenn dazu eben diese Hilflosigkeit gehört, dann darf man sich damit mal beschäftigen. Ist es denn soooo schlimm, sich einzugestehen, dass man verletzt wurde, verletzt werden kann, den Umgang damit noch nicht beherrscht? Kann man doch ändern.

Und diese Änderung mag zwar ein langer Weg sein, aber dabei wird aus Hilflosigkeit eine Aktion. Und alles, was man bewusst tut, ist keine Hilflosigkeit mehr. Man wird aktiv.

Aktiv, sich diesem Gefühl zu stellen, es akzeptieren, sich selbst verzeihen und sich um Veränderungen zu bemühen. Ist nicht einfach, aber machbar.

24.01.2020 13:33 • #7


Danke,

@win10: Mein Gehirn versucht mir auch weiszumachen das es sich damals angeblich um eine "schöne" Zeit gehandelt
hat.
Auf den Gedanken das es sich dabei um eine Selbstschutzmaßnahme handelt bin ich noch gar nicht gekommen.
Es würde aber eine Menge erklären. Das Gehirn versucht wohl den erlebten Schmerz zu unterdrücken und die
aktuelle Lage gut zu heißen um die jetzige Situation als positives Ergebnis des Vergangenen darzustellen.
Es ändert aber nichts an den Geschehnissen und den daraus resultierenden psychischen Folgen.

@icefalki: Aktiv werden ( wie jetzt aktuell auf Arbeit ) hilft mir enorm weiter. Als ich meinen jetzigen Job angetreten hatte
war es am Anfang voll die Hölle. Ich musste Arbeiten einfacher Art neu lernen. Ich brauchte viele Pausen und
konnte mir einfache Abläufe nur schwer merken.Jetzt bin ich stolz das ich es hinbekommen habe mich im
Betrieb einzubringen. In der letzten Firma wurde ich so fertig gemacht das ich am End gar nichts mehr
hinbekommen hatte. Ich wurde ständig kritisiert und meine Beschwerden wurden abgetan. Man lies mich
andauernd nacharbeiten und überlastete mich, unterstellte mir psychische Probleme..... am Ende hatte ich die
auch bekommen.
Jetzt bin ich schon ein paar Monate in meiner neuen Firma. Ich merke wie ich immer besser werde.
Mich mit meiner erlebten Hilflosigkeit auseinanderzusetzen ....... das werde ich mir als nächstes auf die Fahnen
schreiben.

Habt Ihr euer Wissen aus euren Therapien? Mein Therapeut hatte mir sowas zum Beispiel gar nicht vermittelt.



LG


Lebenskünstler

24.01.2020 23:18 • #8


Hallo

Mein Wissen über die Krankheit stammt aus mehreren Quellen. So konnte ich mein Wissen aus 2 ambulanten Behandlungen ziehen. Darüber hinaus ist das Internet eine gute Quelle. Der Rest sind eigene Erfahrungen. Medikamente nehme ich schon seit Jahren nicht mehr. Sie sind für mich wichtig gewesen, erst mal wieder runter zu kommen. Ich bin aber persönlich der Meinung, dass sie auf Dauer mehr Schaden anrichten können. Das ist aber eine rein subjektive Erfahrung.

Gruß
win10

25.01.2020 16:51 • #9




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Univ.-Prof. Dr. med. Isabella Heuser