Ich glaube, dass du insgesamt gerade sehr unter Druck stehst und deine allgemeine Verzweiflung mit dem Leben insgesamt ein Ausmaß angenommen hat, das meiner Meinung nach intensivere Unterstützung notwendig macht, als du gerade bekommst.
Ich persönlich glaube nicht, dass deine analytische Therapie alleine dir gerade genug Halt gibt. Ich glaube, dass deine Psyche verzweifelt nach Lösungen sucht für all deine Probleme im Leben insgesamt, aber keine Lösungen findet und somit nach einem Ventil für den Druck sucht, der sich innerlich aufgebaut hat. Ich könnte mir daher vorstellen, dass deine Gedanken um das Non-binär/Trans-Thema ein Symptom deiner aktuellen Überforderung sind und vielleicht nicht unbedingt die Ursache deiner aktuellen Verzweiflung (das erkläre ich weiter unten noch genauer). Wie gesagt: nur eine Theorie.
Ich glaube, dass es dir vielleicht helfen könnte, dir in deiner aktuellen Situation andere Hilfe zu holen, als du aktuell hast.
Darunter wären unter anderm ein Wechsel der Therapieform, vielleicht sogar ein Klinik-Aufenthalt, wenn die lebensmüden Gedanken nicht nachlassen.
Ich würde mir für dich wünschen, dass du mit deinem Hausarzt über deine aktuelle Verfassung sprichst, damit dieser entscheiden kann, ob du vielleicht für den Moment eine kurze Auszeit von deinem aktuellen Alltag benötigst. Das kann, je nach Schwere, ein kürzerer oder längerer Klinikaufenthalt oder eine Kur sein, damit du einfach mal zur Ruhe kommen kannst und das Hamsterrad, in dem du gerade festzustecken scheinst, einfach mal verlassen kannst.
Dein Hausarzt kann dir auch ambulante Hilfen besorgen, die dir Entlastung im Alltag bringen könnten, z.B. ambulante psychiatrische Pflege.
Du wirkst auf mich sehr erschöpft und verzweifelt, und da kann es manchmal wirklich helfen, Hilfe anzunehmen und eine Auszeit vom Alltag zu nehmen (mit therapeutischer Hilfe), bevor du vielleicht unter all dem Stress irgendwann ganz zusammenklappst.
Sprich‘ mit dem Arzt, der dich am besten kennt. Bei mir war es damals der Hausarzt, der erkannt hat, dass ich psychisch schon zusammengebrochen war und darum die Klinik empfohlen hat.
Hier nun paar Gedanken zu deinem Konflikt an sich:
Erstmal vorweg: Natürlich kann es sein, dass du non-binär oder trans bist, und wenn es so wäre, wäre das ja auch kein Weltuntergang. Es kann aber auch sein, dass da gerade ein Zwangsgedanke für Unruhe sorgt, dass du einen ganz anderen ungelösten Konflikt in dir hast, der sich ein Ventil sucht.
Das ist ja mit Zwangsgedanken so: Ganz oft überlagern diese ein ganz anderes Problem, für welches man sich vielleicht schämt oder welches man sich nicht eingestehen mag. Vielleicht bist du unzufrieden mit deinem Leben, vielleicht bist du unglücklich mit deiner Partnerschaft oder deiner Rolle als Mutter, all das sind Möglichkeiten. Dann gerät die Psyche unter Druck, in diesem Beispiel vielleicht durch den Gedanken: Aber als Mutter muss ich doch glücklich sein, ich darf mir nicht eingestehen, dass es nicht so ist. (Wie gesagt: nur ein Beispiel.) Dieser psychische Druck muss sich irgendwie abbauen, und dann kann ein Zwangsgedanke als Ventil auftauchen. Unzufrieden mit dem Leben allgemein, mit dem Job, mit der Partnerschaft...all das kann die Psyche unter einen solchen Druck setzen, dass ein Zwangsgedanke als Ventil zur Kompensation auftaucht.
Wie gesagt: Beides ist möglich, ich sage nicht, dass es sich um einen solchen Zwangsgedanken handelt, ich sage nur, dass das auch eine Möglichkeit ist.
Was jetzt nochmal das Thema „non-binär, trans“ angeht:
Tatsächlich ist es so, dass ich in den letzten Jahren recht viele Mitpatienten kennengelernt habe, die solche Gedanken hatten. Bei vielen Patienten hat sich da nichts weiter draus entwickelt, ein paar Monate später war das dann kein Thema mehr. Von all diesen vielen Mitpatienten hat nur eine Patientin tatsächlich eine Umwandlung gemacht.
Ich bin jetzt seit ein paar Jahren selber in der Community aktiv.
Da dazuzugehören ist wirklich nicht das Ende der Welt, dort findest du ganz viele ganz supertolle Menschen.
Da du bislang allerdings noch nie solche Gedanken hattest, würde ich aber wirklich noch mal ganz genau in mich hineinspüren, ob da nicht ein anderer Konflikt aktiv ist, der durch diesen Gedanken kompensiert werden soll.
Wenn tatsächlich der hauptsächliche Anlass war, dass du dein inneres Kind als Jungen gesehen hast, würde ich das relativieren.
Denn wie schon gesagt: Es ist völlig normal, dass man als Frau auch männliche innere Anteile, innere Kindanteile und Facetten hat.
Es ist völlig normal, dass man beides in sich vereint und beides irgendwie vertreten ist.
Vielleicht warst du bislang auch einfach gezwungen, immer sehr weiblich aufzutreten, vielleicht sogar auch schon als Kind, und vielleicht möchtest du jetzt einfach deine männlicheren Seiten einfach etwas mehr ausleben. Und das ist doch total ok!
Das Thema Identitätsverlust ist auch eine Sache, mit der viele Patienten Probleme haben. Gerade dann, wenn man das Gefühl hat, im Leben nur funktionieren zu müssen und in den ganzen Anforderungen des täglichen Lebens irgendwie unterzugehen. Gerade von Eltern habe ich das oft gehört.
Ich glaube, es könnte dir vielleicht helfen, einmal ganz genau zu überlegen, was dir in deinem Leben aktuell gerade fehlt. Hast du Freiräume, in denen du auch mal ausspannen kannst, in denen du Hobbys nachgehen kannst und dich mit Dingen beschäftigen kannst, die dich persönlich interessieren? Und falls nicht, wie kannst du dir diese Räume schaffen? Mutter sein ist wichtig, aber dazu gehört auch, dass du auf dich achtest und Möglichkeiten findest, deine Akkus wieder aufzuladen.
Wir entwickeln uns als Menschen kontinuierlich weiter. Unsere persönliche Identität hat viele Facetten. Es ist immer sinnvoll, sich mal therapeutisch zu fragen: Wer bin ich eigentlich? Was macht meine Person aus? Lebe ich im Einklang mit meinen aktuellen Wertvorstellungen und Vorstellungen vom Leben allgemein?
Ich denke, dass es wichtig ist, erstmal ganz genau zu schauen, wie du in deinem Leben gerade aufgestellt bist, wo du vielleicht gerade einen Mangel erlebst.
Nimm dir Zeit, nimm ein bisschen den Druck raus. Du hast genug Zeit, in aller Ruhe herauszufinden, wer du bist und was du in deinem Leben vielleicht verändern möchtest, um zufriedener zu leben.
Eine andere Therapieform fände ich für dich nach wie vor vielleicht ganz passend.
Ich könnte mir vorstellen, dass du von einem anderen therapeutischen Ansatz gut profitieren könntest. Einfach auch, um nochmal eine andere Perspektive zu bekommen.
Und nochmal: Ich würde dir wirklich raten, mit einem Arzt deines Vertrauens zu reden und vielleicht über eine Kur oder einen Klinikaufenthalt nachzudenken.
Alles Gute und viel Kraft 🍀! LG