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Kennt ihr das? Ihr lernt neue Menschen kennen, sei es auf einer Party oder zufällig durch Bekannte/Freunde von euch und ertappt euch dann im Gespräch irgendwann dabei, dass alles was ihr erzählt nur die halbe Wahrheit ist?

Wenn man einen Menschen gerade erst kennenlernt, erzählt man natürlich nicht gleich als erstes, dass man eigentlich total gestört ist, Angst und Panik hat und all die anderen Probleme, die da eben noch mit dranhängen.

Am Wochenende war ich mit zwei Freunden verabredet zum Essen. Das war auch alles ganz schön. Ich kenne die beiden nun seit über 9 Jahren und sie haben keine Ahnung von meinen Attacken. Ich habe mich in den letzten Jahren zu einer superguten Schauspielerin entwickelt.
Jetzt bin ich an einem Punkt angelangt, wo mir das während der Gespräche bewusst wird und mich unglaublich frustriert.
Auf der anderen Seite ist es auch sehr entspannend, ab und zu mal mit Leuten zusammen zu sein, die mich für ganz normal halten. So kann ich eben hin und wieder in eine andere - ganz normale - Welt flüchten. Wenn auch nur für ein, zwei Stunden.

Kennt ihr das auch? Wie geht ihr damit um?

LG
Kiiwii

13.08.2007 09:16 • 28.08.2007 #1


34 Antworten ↓


Kiiwii schrieb am Mo, 13 August 2007 09:16
ab und zu mal mit Leuten zusammen zu sein, die mich für ganz normal halten.

du bist ganz normal. 5-10% der gesamtbevölkerung entwickeln eine angststörung - genausoviel, wie rote haare haben oder eine kurzsichtigkeit von mehr als 5 dioptrien oder magengeschwüre : die sind doch auch normal, oder ?
ähnliche gedanken wie du sie hast, haben wir alle schonmal entwickelt, einfach, weil es vorher anders war. vielleicht solltest du "normal" mal googeln. hier noch ein zitat :
Was "Normal", "Anders", "Fehler", "Gestört", "Krank", "Verrückt" heißen soll, ist eine Frage der Ziele und Zwecke der Bezugsgruppe, die diese normativen Unterscheidungen trifft. D. h. die Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit der getroffenen Unterscheidungen ist zu zeigen.

Ein Mensch, der sich "ungewöhnlich" verhält, verhält sich zunächst einmal "ungewöhnlich" und sonst nichts. Meist bedeutet eine solche Aussage nur, daß er sich nicht so verhält, wie es eine Bezugsperson oder Bezugsgruppe wünscht, erwartet oder haben will. Relativ zu einer bestimmten Bezugsperson oder Bezugsgruppe verhält sich ein solcher Mensch zunächst einmal, wertneutral formuliert, nur anders.

Die sachliche Grundlage jeder Normabweichung ist also das Anderssein: die Unterscheidung: das eine und das andere. Sind A und B verschieden, für sich also jeweils anders, so kann jeder von sich aus den anderen als "falsch", "gestört", "nicht normal""krank" oder gar "verrückt" bezeichnen.

Grundsätzlich und sachlich betrachtet ist der andere aber zunächst einmal nichts anderes als eben "nur"anders. Die Bezeichnung anderer als "nicht normal", "gestört", "krank" oder "verrückt" kann selbst "nicht normal", "gestört", "krank" oder gar "verrückt" sein.

13.08.2007 11:11 • #2



Ständige Schauspielerei !?

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Hallo no fear,

danke für Deinen Input. Du hast völlig recht - mir war gar nicht bewusst, dass ich mich als nicht normal wahrnehme, empfinde. Dein Denkanstoß ist sehr gut, brutal auf eine Art, aber gut. Danke!
Ich muss da noch mal ein bisschen drüber nachgrübeln und ein paar Sachen verinnerlichen.

LG
Kiiwii

13.08.2007 13:20 • #3


Hallo Kiiwii,
genauso komm ich mir auch immer vor, sobald ich das Haus verlasse und mit Personen zusammen bin, die nichts von meinen PA wissen. Z.B. sitze ich mit Kolleginnen beim Frühstück und alle erzählen von Wochenendausflügen, Kino, Theater oder ähnlichen und ich sitz schweigend dabei, weil meist nichts zu erzählen, weil entweder nichts erlebt oder PA im Kino gehabt. Das erzähl ich aber auf keinen Fall. Oder ein Betriebsausflug wird geplant mit dem Zug nach Hamburg. Alle sind begeistert und ich überleg mir schon ne Ausrede, was an dem Tag ist, dass ich nich mitkann, weil jetzt schon Angst vor der PA beim Zug fahren. Ich fühl mich oft irgendwie völlig k.o. vom schauspielern, weil ich ja meine Ängste ja auf keinen Fall zu erkennen geben will und immer irgendwie auf der Hut sein muss, damit keiner was merkt.

LG
Maja

16.08.2007 16:04 • #4


Hallo Maja,

ja, diese Situationen sind unheimlich anstrengend. Das Essen mit meinen Freunden letztens hat gute drei Stunden gedauert und ich war danach fertig, als hätte ich einen Marathon gelaufen.
Ein Freund von mir, der allerdings keine Panikstörung hat, hat von einem Phänomen "Kopfkino" erzählt. Und ich finde, das passt hier wie die Faust auf's Auge. Es ist, als ob ich mir selbst dabei zusehe, wie ich wieder mal eine schauspielerische Glanzleistung hinlege - Anstrengend, denn zwischendurch "muss" ich natürlich auch noch auf meine Körpersignale hören ... geht ja nicht, dass mir da was entgeht.

Die Ausreden, von denen Du schreibst, kenne ich auch. Das nervt nicht nur, sondern führt mit der Zeit auch zur Isolation. Ich weiss nicht, wie lange Du nun schon "dabei" bist, aber während der letzten 7 Jahre habe ich recht viele Freunde verloren. Obwohl ich letztendlich gar nicht sicher bin, ob sie den Titel "Freunde" verdienten.

LG
Kiiwii

16.08.2007 18:40 • #5


Hallo Kiiwii!

Ja, das kenne ich sehr gut mit der Schauspielerei! Ich ertappe mich selbst auch ganz oft dabei, wie ich Friede-Freude-Eierkuchen spiele obwohl's in meinem inneren nach Friedhof aussieht...
Einerseits tut es schon gut, wenn die Leute denken man wäre ganz "normal" (obwohl wir das auch sind, auch wenn wir oft denken wir werden verrückt ) und wenn man vorgeben kann, ein Brutto-Normal-Bürger ohne Angstzustände und mit Lebensfreude zu sein.
Ich habe meinen besten Freunden lange verschwiegen, was mit mir los ist, aber inzwischen wissen es die meisten. Und das widerrum tut auch gut, weil sie mir beistehen, wenn ich mit ihnen unterwegs bin und es mir gerade nicht so gut geht.
Außerdem haben viele augenscheinlich "normalen" Leute auch Probleme, die sie genauso verbergen, wie wir unsere.
Ein guter Freund hat mir z.B. vor kurzem erst erzählt, dass er schwere Depressionen hat, Tabletten schlucken muss und 1x pro Woche zur Psychotherapie geht.
Das hätte ich auch nie erwartet, weil er immer einen so fröhlichen, munteren und unbeschwerten Eindruck macht. Er überspielt das genauso.
Aber oftmals, wenn es mir grad richtig mies geht, hab ich dann auch gar keine Lust mehr auf diese Schauspielerei. Da gehts mir dann richtig auf den Keks, jetzt ein künstliches Lächeln aufsetzen zu müssen, nur damit mich alle für "normal" halten und mich nicht jeder fragt, was los ist, obwohl ich grade heulen könnte.
Aber inzwischen kann ich eigentlich ganz gut über meine Angsterkrankung reden, auch wenn die andren nix verstehen, wenn ich sag, dass ich Panikattacken habe. Aber das werden die "Normalos" eben nie verstehen, wie wir uns fühlen

Liebe Grüße,
Pinxi

16.08.2007 19:03 • #6


Hallo Pinxi,

Du kannst Dich glücklich schätzen, solche Freunde zu haben.

Den anderen, den "Normalos" (wie Du sie nennst) kann man kaum einen Vorwurf machen. Wenn ich mir vorstelle, das nachvollziehen zu müssen, obwohl ich solche Probleme nicht hätte ... ich hätte sicherlich Schwierigkeiten. Das ist eben schwierig, weil es so irrational, unbegründet ist. Selbst ich frage mich öfter nach dem Warum.

So langsam verändert sich meine Einstellung zur Angst und Panik auch. Nicht zuletzt, oder auch vor allem, durch dieses Forum. Ich gehe auf jeden Fall offener damit um seit ich das Forum entdeckt habe.
Wahrscheinlich würden die Leute, Freunde, Bekannte, denen man davon erzählt, vielleicht doch ganz anders reagieren, als ich es erwarte. Aber die Angst davor, dass ich abgelehnt würde bzw vielleicht auch bemitleidet oder auch einfach auf Unverständis stosse, ist natürlich da.
Aber, wie gesagt, ich beobachte da eine positive Entwicklung bei mir.

Dieses Forum hat schon einiges bei mir bewegt. Das ist schön.

EIN FETTES DANKESCHÖN MAL AN ALLE !

LG
Kiiwii

16.08.2007 20:17 • #7


Ich schauspielere ein wenig anders, aber das ist genau so anstrengend und unproduktiv.

Beim ersten Kennenlernen kann ich fast immer einen lockeren, aufgeweckten, ausgeglichenen "gut drauf"-Eindruck machen. Das geht als ein vollautomatisches Programm und ich wundere mich dann immer selber darüber.

Die anderen halten mich dann für interessant. Nur Leider habe ich mein Pulver bereits beim ersten Treffen verschossen. Mehr habe ich nicht zu bieten. Bei weiteren Treffen kommt nichts mehr von mir, da möchte ich am liebsten weitgehend schweigen, ich habe einfach nichts mehr zu sagen. Natürlich ist das dann die totale Enttäuschung für die anderen, und sie setzen sich wieder von mir ab.

Ich weiß nicht, was ich daran ändern könnte - außer vielleicht, mich auch beim ersten Treffen so langweilig zu verhalten wie später. Aber dann bekomme ich ja nicht mal diese erste positive Resonanz, das ist ja noch schlimmer. (

19.08.2007 23:58 • #8


Hallo,

das hört sich jetzt vielleicht doof an, aber hast Du schonmal probiert, Dein Pulver von vornherein ganz bewusst aufzuteilen? Dich also bei einem ersten Treffen nicht langweilig zu verhalten, einfach nur halb so witzig und aufgeweckt? Nur die Hälfte der der Geschichten zu erzählen? Du müsstest Dir anfangs ganz konkret überlegen, was Du wann erzählst. Ich könnte mir vorstellen, dass das funktionieren kann.

Wie sehen denn Deine Erwartungen von einem ersten, zweiten Gespräch aus?
Lässt Du Dein Gegenüber auch zu Wort kommen? Gehst Du auf diese Sachen dann ein? Ein gutes Gespräch besteht ja (häufig) aus gegenseitigem Erzählen und Eingehen auf das Gesagte des Anderen.
Meinst Du, dass Du auch mit "halber Kraft" bei einem ersten Date, Chancen auf ein zweites hättest?

LG
Kiiwii

20.08.2007 14:03 • #9


Ich denke mal gute Schauspieler sind wir alle mehr oder weniger im Laufe der Zeit geworden oder...somit ist meine Antwort also: Ja, ich kenne das nur zu gut....

Bei mir fing das schon an mit der Diagnose Weichteilrheuma...ab dem Moment habe ich geschauspielert...schlimm wird es dann wenn du es so verinnerlicht hast das es dir gar nicht mehr bewusst ist das du schauspielerst...du dich völlig versteckst und gar nicht du bist...selbst bei freunden und familie die wissen was mit einem ist zu schauspielern (zwar nicht immer und so extrem, aber dennoch zu schauspielern)...

Ich versuche das abzuändern und nicht mehr so zu schauspielern was allerdings nicht von heut auf morgen geht...

20.08.2007 17:53 • #10


schonmal was vom strudel des lebens gehört?!
geht einfach raus, bringt euch in situationen, in die ihr sonst nicht geratet. probiert aus was passiert(mit leuten, die ihr nicht kennt), wenn ihr einfach mal anders handelt, als ihr es sonst tun würdet. was gibt es zu verlieren?
mögliche plätze sind zum beispiel innenstadt, supermarkt, eben plätze, wo man vielen leuten begegnet.
probieren geht über studieren.

friede sei mit euch,

brow

20.08.2007 18:47 • #11


Stimmt linchen.
Ich habe das letztens erst an mir beobachtet. Meine Familie weiss davon, aber weil ich das Gefühl habe, dass sie es nicht so richtig nachvollziehen können (wie auch?), spiele ich meine kleine "mir-geht's-gut-Rolle" auch dann

(Hab Dir ne pn geschickt )

20.08.2007 18:50 • #12


hab den kommentar vom letzten gast gelesen:
hier ein pic dazu(könnte ja vllcht helfen):

20.08.2007 18:57 • #13


Gast schrieb am Mo, 20 August 2007 18:47
schonmal was vom strudel des lebens gehört?!

Ich kenne vor allem Apfelstrudel.

20.08.2007 20:05 • #14


Kiiwii schrieb am Mo, 20 August 2007 14:03
Hallo,

das hört sich jetzt vielleicht doof an, aber hast Du schonmal probiert, Dein Pulver von vornherein ganz bewusst aufzuteilen?


Klar, das nehme ich mir jedes Mal vor. Aber ich kann ja nicht vorhersehen, was kommen wird. Und ich kann dann auch Redepausen sehr schlecht ertragen. Wenn der andere nicht bald etwas sagt, fange ich wieder an zu reden.

Es ist aber nicht so, dass nur ich rede. Je nach Gesprächspartner frage ich ihn/sie aus, dann muss der andere reden. Das mögen manche ja auch. Bloß beim nächsten Mal weiß ich dann schon so viel, mehr mag ich dann gar nicht erfragen, das soll ja kein Interview werden.

Und letztlich ist es ja auch egal, ob es 1, 2 oder 3 Treffen werden - dann wird es eben erst beim 4. langweilig. Aber langweilig wird es auf jeden Fall. So habe ich schon viele begonnene Kontakte wieder verloren.

Offenbar bin ich eigentlich schweigsam. Und mich nervt ein anhaltendes Geplauder zu zweit oder in einer Gruppe furchtbar. Andere sitzen gerne stundenlang zusammen, trinken B. oder Wein und reden und reden - ich finde das furchtbar anstrengend und auslaugend.

20.08.2007 20:12 • #15


[quote title=Gast schrieb am Mo, 20 August 2007 20:05]Gast schrieb am Mo, 20 August 2007 18:47

Ich kenne vor allem Apfelstrudel.



also ich find, diese bemerkung ist hier nicht angebracht, viel mehr fehl am platz.

21.08.2007 03:43 • #16


[Gast schrieb am Mo, 20 August 2007 20:05]Gast schrieb am Mo, 20 August 2007 18:47

Ich kenne vor allem Apfelstrudel.



also ich find, diese bemerkung ist hier nicht angebracht, viel mehr fehl am platz.[/quote]


Also mich hat das kurzzeitig zum Lachen gebracht. DANKE dafür!

21.08.2007 07:08 • #17

Sponsor-Mitgliedschaft

Hallo Gast mit dem "Pulverproblem",

wie sieht's bei Dir aus mit Small Talk?
Das ist auch eine Art von Kennenlernen. Man tauscht zwar nicht wahnsinnig sinnvolle Informationen aus, meistens auch keine persönlichen, aber man lernt dadurch das Gegenüber doch auch kennen. Auf einer anderen Ebene, von einer anderen Seite. Man kann dadurch zB einen Eindruck von seinem Humor bekommen; auch einen Gesamteindruck. Weisst Du, was ich meine?

Wenn die Leute bei einem B. stundenlang zusammenhocken und reden, zudem in einer größeren Gruppe, dann sind das meistens keine ernsten, heiklen oder sehr persönlichen Themen. Das ist dann zum großen Teil eine Art Small Talk.

Schon mal probiert?
Denn damit geht einem doch auch so gut wie nie der Gesprächsstoff aus, weil ja jeden Tag was neues passiert (ein neuer Film im Kino, ein Lied, ...). Und dann kommt halt eins zum anderen ... und schon landet man vielleicht bei einem persönlicheren Thema und lernt sich weiter, Stück für Stück, kennen.

Zum Thema Gesprächspausen: versuch es mal etwas lockerer zu nehmen (ich weiss, leicht gesagt). GP kannst Du nutzen, um Dinge an Deinem Gegenüber wahrzunehmen, für die Du sonst kein Auge gehabt hättest, weil Du die ganze Zeit am Erzählen bist. Du kannst sie nutzen, um mal tief durchzuatmen, die Umgebung zu geniessen. Ich persönlich finde diese Pausen sehr schön. Mach Dir nicht so viele Sorgen im Gespräch, was Dein Gegenüber denkt, schau einfach, wie und womit DU Dich erstmal gut fühlst. Das kommt dann auch viel lockerer rüber.

LG

22.08.2007 07:21 • #18


Also ich hab damit aufgehört.

Wenn zum Beispiel sowas aufkommen würde wie einen Betriebsausflug,
würd ich sagen tut mir leid ich kann da nicht mit weil ich Angstzustände habe.

Seit ich offen damit umgehe,
habe ich schon ganz viel Leute kennen gelernt die das auch haben.

Da war zum Beispiel die Rede von einem Motorradausflug,
ich sagte tut mir leid ich kann da nicht mit weil ich das und das habe.
Daraufhin eine ganz erstaunte Frau, echt? ich hab das auch schon 2 Jahre.
Und schon hatten wir ein tolles Gesprächsthema.

Also ich bin deshalb noch nie abgelehnt oder ausgelacht oder für verrückt erklärt worden.

Die Meisten wollen genau wissen was da passiert und sind sehr interessiert.

Also ich Schauspieler nicht mehr.

23.08.2007 18:11 • #19


@ Nikara:
Du hast meine volle Bewunderung!
So weit bin ich noch nicht!

23.08.2007 18:13 • #20



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