Zitat von Cappuccino12:@Kruemel_68 aber Angst vor was? Ich kann mir nicht erklären wovor ich Angst haben soll… Natürlich hab ich Ängste sowie jeder Mensch, zb vom Dunkeln, das hatte ich schon immer, oder vor dem Tod. Aber ich kann mir nicht erklären woher es aufeinmal kam….
Okay, jetzt verstehe ich Deinen gedanklichen Knoten. Ich versuche mal, ein bisschen zu erklären und würde Dir empfehlen, Dich einmal mit dem Krankheitsbild "Angststörung" auseinanderzusetzen. Die meisten haben davon nämlich komplett falsche Vorstellungen. Vielleicht hilft es Dir auch, einmal meinen "Werdegang" durchzulesen, dann könnte Dir auch einiges klarer werden.
erfolgserlebnisse-f59/mein-tipp-koerper-psychotherapie-bei-somatoformer-stoerung-t106750.htmlEine Angst- und Panikstörung bildet sich nicht aus, weil man Angst vor etwas hat. Eine Angststörung bildet sich aus, weil die Person jahrelang in unterbewussten Druckmustern lebt, nicht-relativierte Glaubenssätze aus der Kindheit hat, dauerhalt seelischem Stress ausgesetzt ist, dauerhaft mit Abwertung, Nicht-Gesehen-Werden, ständige Verletzungen oder Überforderung konfrontiert ist oder einfach nicht so lebt, wie er es gern möchte. Diese Dinge "höhlen" unser Nervensystem aus, konstant, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Am Anfang entwickeln wir Kompensationsstrategien (z.B. Sport, Alk., Flucht in Konsum etc.) und wir können unsere Funktionsfähigkeit noch aufrecht halten.
Aber irgendwann funktioniert das nicht mehr. Das ist dann der Zeitpunkt, wo die körperlichen Symptome zunehmen. Unwohlsein, wenn man unterwegs ist oder mit vielen Menschen zusammen. Schwindel, für die sich keine Ursache findet. Magen- und Darmprobleme. Herzklabastern, Energielosigkeit, innere Unruhe und vieles mehr. Und wir fangen an, nach einer körperlichen Krankheit zu suchen. Konsultieren Ärzte. Aber es ist alles in Ordnung. Und wir denken - das kann doch gar nicht sein, mir geht es so schlecht.
Und dann kommt irgendwann der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Und dann fliegt uns alles um die Ohren. Zu dem Zeitpunkt kommen dann auch die Ängste. Uns wird dann mal wieder schummrig im Laden, das Nervensystem ist jetzt endgültig drüber, wir können es nicht mehr kompensieren und dann kommt die Angst vor der Angst: Was, wenn ich ohnmächtig werde? Beim nächsten Mal gehen wir dann schon angespannt in den Laden - und natürlich wird uns dann wieder schummrig, diesmal aber noch schlimmer. Und schon sind wir in einer Angstspirale gefangen.
Du musst also in eine andere Richtung denken. Die Frage ist nicht: wovor habe ich Angst? Sondern Du musst schauen, was in Deinem Leben Dir so Druck bereitet, dass er - weil es ja nicht sein darf - somatisch abgeleitet werden muss. Als mein Therapeut mich das erste mal gefragt hat, war bei mir alles prima. Ich hatte einen guten Mann, einen tollen Sohn, ein gesichertes Einkommen, eine gute Herkunftsfamilie, eine gute Kindheit, gute Eltern. Konnte alles gar nicht sein. Jeden Faden, den der Therapeut aus dem imaginären Wollknäul auf dem Tisch gezupft hat, habe ich hastig wieder zurückgestopft.
Es hat sehr lange gedauert, bis ich mir eingestanden habe, dass es da eben doch seitens meiner Eltern ungesunde Muster gab die ich mit ungesunden Kompensationsstrategien aufgefangen habe. Und das sind nicht die großen Themen wie Gewalt, Mißbrauch o.ä. Es sind kleine, kaum merkbare Dinge. Und was Du als Kind gelernt hast, machst Du halt als Erwachsene genauso. Ohne es weiter zu hinterfragen. Und wenn Dir diese Dinge erst einmal bewusst sind, kann man gegensteuern. Man kann Dinge anpassen und klären. Und für sich loslassen. Und dann kann das Nervensystem nach und nach zur Ruhe kommen und die Angst in ihrer Stellvertreterfunktion kann gehen. Das nennt man dann auch Heilung.
Ich hoffe, ich konnte Dir hier ein paar neue Denkanstöße liefern. Ich kann Dir versichern, dass dieser Weg sich lohnt, auch wenn er mühsam ist und es einfacher ist, sich Tabletten einzuwerfen.