Zitat von ConnyOsi:Was hat deine Psychiaterin eigentlich gesagt das du immer in die Notaufnahme gegangen bist?
Ich denke, dass es eine Frage des Ausmaßes und des Zeitpunktes in der Therapie ist.
Ich habe schon erlebt, dass Patienten wegen eines solchen Verhaltens von ihren ambulanten Therapeuten nicht mehr behandelt worden sind oder aus psychosomatischen Klinikaufenthalten vorzeitig entlassen worden sind.
Das grundlegende Prinzip in der Therapie ist ja Hilfe zur Selbsthilfe. Das ist ein langer Prozess, in dem es verschiedene Phasen gibt. Die Patienten sollen aber langfristig lernen, mit ihren schwierigen Emotionen einen funktionalen Umgang zu finden, sich selber emotional regulieren zu können. Das langfristige Ziel ist es, den Patienten zu befähigen, sich selber helfen zu können und sich selber emotional versorgen zu können. Das Ziel ist nicht, auf Dauer immer nur von außen (durch Therapeuten/Ärzte) reguliert zu werden.
Wenn ein Patient keinen Therapeuten oder Psychiater hat und noch nie therapeutisch und/ oder psychiatrisch behandelt worden ist, ist es ja verständlich, dass die Fähigkeiten/Fertigkeiten zur funktionalen Selbst-Regulation noch nicht vorhanden sind.
Darum wird dem Patienten in frühen Therapiephasen oft viel Verständnis entgegengebracht, wenn viele Notfallkontakte in Anspruch genommen werden.
Da geht es dann erstmal darum, dem Patienten ein erstes Verständnis für sein Krankheitsbild zu vermitteln, Vertrauen aufzubauen und erste Fertigkeiten zur Regulation schwieriger Gefühle zu vermitteln.
Aber je mehr Therapie ein Patient hatte, je länger der Patient in Behandlung ist, umso mehr werden viele Therapeuten und Psychiater von dem Patienten Schritt für Schritt erwarten, dass die erlernten Fähigkeiten zur Selbstregulierung auch umgesetzt werden. Wenn ein Patient dann aber weiterhin wiederholt Notfall-Kontakte sucht, sobald ein schwieriges Gefühl auftaucht, und nicht auf seine erlernten Fertigkeiten zugreift, sondern weiter die Regulierung durch andere Personen/ von außen sucht, werden viele Therapeuten/Ärzte zunehmend kritischer auf dieses Verhalten reagieren, da es darauf hinweisen kann, dass eine Patient keine Eigenverantwortung übernehmen möchte (sondern eher „emotional versorgt“ werden möchte).
Darum ist es oftmals eine sehr individuelle Sache, wie Therapeuten reagieren, wenn ein Patient sich so verhält. Derselbe Therapeut ist vielleicht bei Patient A sehr nachsichtig, weil dieser noch nicht lange in Therapie ist oder gerade in einer schweren therapeutischen Phase steckt (z.B. Trauma-Therapie),
aber bei Patient B reagiert er vielleicht kritisch und konfrontiert das Verhalten, weil dieser Patient vielleicht schon weiter in der Therapie ist und eigentlich schon selber in der Lage wäre, mit der Krise auch selber einen Umgang zu finden.
Und in letzter Konsequenz werden dann manchmal Patienten von ihren Therapeuten nicht länger behandelt, wenn diese denken, dass der Patient gerade nicht weiter von der Therapie profitieren kann, weil es keinerlei Veränderung gibt und der Patient nicht bereit scheint, therapeutische Impulse umsetzen zu wollen.
Es ist also für viele Therapeuten ein Unterschied, ob ein erfahrener Patient wirklich nur in Ausnahmesituationen um Unterstützung/Notfallkontakte bittet, aber grundsätzlich bemüht ist, das Erlernte umzusetzen,
oder ob bei einem erfahrenen Patienten nach wie vor der erste Impuls ist, sich von außen Hilfe zu holen. Wenn also der erste Impuls stets ist: „Ich gehe zu meinem Arzt/Therapeuten, ich rufe ihn an, ich schreibe ihm, ich gehe zur Notaufnahme...“,
kann es sein, dass dieser Patient irgendwann Probleme mit seinen behandelnden Ärzten und Therapeuten bekommt.
Ich habe schon erlebt, dass Patienten irgendwann nicht weiter behandelt worden sind, aus Kliniken früher entlassen worden sind oder anderweitige Konsequenzen bekommen haben.
Ich erinnere mich an eine Mitpatientin in der Klinik, der irgendwann die Einzeltherapie gestrichen worden ist, weil sie zu oft wegen nicht-Notfällen trotzdem Notfall-Kontakte gesucht hat.
Die Zeit, die diese Notfall-Kontakte gedauert haben, wurde ihr von der Einzeltherapie-Zeit abgezogen.
(Bei echten Notfällen nicht.) Sie konnte dann mit der Zeit unterscheiden, was ein echter Notfall ist und was vielleicht nur ein schwieriges Gefühl ist, das sie selber bewältigen kann.
Bei Bedarfsmedikation habe ich ganz ähnliche Einstellungen erlebt.
Viele Therapeuten sehen es nicht gerne, wenn erfahrene Patienten zu schnell und zu oft zu Bedarfsmedikation greifen und sich somit nicht mit schwierigen Gefühlen auseinandersetzten, sondern diese nur „wegmachen wollen“, sobald sie auftauchen. (Dauermedikation ist damit nicht gemeint, nur Bedarfsmedikation.)
Auch das wird dann als Regulation „von außen“ betrachtet.
Darum ist es dann kein Unterschied, ob ein Patient einen Notfallkontakt sucht, um ein Gespräch zu bekommen oder um ein Medikament zu bekommen.
Ab einem bestimmten Punkt in der Therapie erwarten viele Therapeuten und Psychiater mehr Eigenverantwortung und Veränderung (im Verhalten und/oder im Umgang mit Gedanken/Gefühlen) von ihren Patienten.
Ich habe schon alle möglichen Therapeuten erlebt, von sehr „streng“ bis hin zu total nachsichtig und geduldig.
Manche wollen Veränderungen bei ihren Patienten bewirken, manchen ist es auch einfach egal, ob sich etwas ändert oder nicht.
Meiner Meinung nach finden wirklich gute Therapeuten eine gesunde Balance zwischen Geduld und Nachsicht einerseits
und Förderung von Eigenverantwortung und Motivation zur Veränderung im Handeln/Denken andererseits.