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Werte Forumsmitglieder und Mitleser

Lange lange habe ich in diversen Foren mitgelesen. Es hat mir stehts sehr geholfen, zu sehen, dass ich nicht alleine bin. Es gibt einem das Gefühl "normal" zu sein.

Nun habe ich mich entschieden auch einen Beitrag hier zu verfassen. Mein Problem ist momentan die Anspannung. Dazu aber zuerst etwas übermich:

Ich bin männlich und 22 Jahre alt. Alles hat bei mir mit einem Schwindelanfall im Urlaub begonnen. Es folgte ein 3 tägiger Spitalmarathon in einem fernen Land. Ich hatte eigentlich schon mit meinem Leben abgeschlossen. Es war meiner Meinung nach nur eine Frage der nächsten Stunden, bis ich meinem "leiden" erliege.

Dem war aber nicht so. 2.5 Jahre später, siehe da, ich lebe noch. Es würde den Rahmen sprengen hier alles zu erzählen. Ich kann euch aber versichern ich habe enorm viele auf und abs durchgemacht (wie es halt mit einer Angstsörung üblich ist...), daher einfach eine Auflistung was ich alles hatte und meinte zu haben.

- Zuerst Herzangst - ständige Angst vor Herzinfarkt oder Herzstillstand
- Es folgte eine Essstörung - alles muss gesund sein - niemals etwas ungesundes, nichts darf schwarz angebraten sein etc.
- Ständige tagelange totale Angespanntheit mit anschliessenden enormen Erschöpfungszuständen
- Hypochondire - Angst vor jeder Erkrankung - Schlaganfall, Herzinfarkt, Herzstillstand, Trombose und vieles mehr - grundsätzlich die Angst zu sterben
- Einkaufen im Supermarkt - 5min Fussmarsch - wurde zur Tortur... - Schwankschwindel, Dusselig im Kopf, Zittrig, enorme Anspannung etc.
- Herzstolpern - monatelanges Herzstolpern - zum Teil kaum mehr regelmässiger Puls - dadurch natürlich noch viel mehr Todesangst
- Einschränkung - Urlaub unmöglich, arbeiten gehen horror etc.
- keine Freude mehr am Leben - Wieso Lohnerhöhung verlangen, vielleicht lebe ich dann eh nicht mehr?!
- Rückenschmerzen
- Chronische Übelkeit

Also Leute ich kann euch sagen, ich war einfach so viele male total am Ende und bin zum Glück immer wieder aufgestanden. Denn es lohnt sich!

Heute stehe ich hier:
- Ich habe wieder ein gesundes Gewicht und esse ohne Zwangsgedanken ausgeglichen
- Ich gehe sorgenfrei einkaufen, arbeiten, treibe sport - ins Ausland zu gehen ist nach wie vor eine grosse Herausforderung für mich, aber ich tue es regelmässig und hoffe es wird wieder wie früher
- Ich habe wieder viel mehr Lebensfreude
- Mein Tag wird nicht mehr durch Angstgedanken dominiert - ich "geniesse" grösstenteils meine Tage
- Ich bin immer noch etwas hypochondrisch veranlangt - Kribeln im Kopf = ou hoffentlich ists nicht schlimmes - aber ich habe die Gedanken +- im Griff

Was ich alles dafür getan habe:
- Psychotherapie
- Viel Sport
- Meine Einstellung probiert zu ändern (natürlich geht das nicht einfach vollständig einfach so) - Man hat nie eine 100% Sicherheit, aber lieber das Leben geniessen, als auf etwas schlechtes zu warten
- Mehr rausgehen - auch wenn es am Anfang hart ist - Anschluss zu Freunden nicht verlieren
- Viel viel mit Freunden und Familien darüber reden
- etc.

Ich bin heute grundsätzlich zufrieden mit meinem Leben, ich würde sagen, dass ich die Angststörung ziemlich stark in ihre Schranken gewiesen habe. Mein Problem, was mich noch sehr viel Kraft und Zeit kostet, ist die innere Anspannung. Irgendwie schaffe ich es nicht keine Angst vor der Anspannung zu haben, sonst würde sie ja nicht mehr kommen.
Bin ich abgelenkt ist alles super, denke ich aber: "Ou nein bitte nicht angespannt werden". Und zack ist es da. Ich bin dann total versteift und angespannt.
Diese Zustände können sich dann durch den ganzen Tag ziehen. Am Abend bin ich dann total erschöpft und habe wieder Rücken Schmerzen. Leider bekomme ich in diesen Situationen das Gedankenkarussel nicht wirklich in den Griff. Bspw. denke ich, ich möchte nicht Angespannt sein, wenn ich dort und dort auf Liegestuhl liege und mich entpsannen möchte.
Mich ziehen diese Phasen immer extrem herunter. In diesem Zustand habe ich keine Lust auf nichts mehr...

Kennt jemand dieses Problem und hat Tricks damit umzugehen?

Ich mache regelmässig Progressive Muskelentspannung und probiere auch mich einfach abzulenken. Leider funktioniert dies sehr oft nicht so....

Natürlich dürft ihr mir auch gerne eine PM zukommen lassen, wenn ihr persönliche Fragen habt.

Gruss und ein schöner Tag

29.06.2015 15:12 • 13.07.2015 #1


39 Antworten ↓


HeikoEN
Die Zustands- und Symptombeschreibungen nehmen, wie so oft, einen sehr großen Raum ein.

Vielleicht ist das der Wunsch, doch noch äußere Umstände zu finden, die für Angst, Panik und/oder Depressionen verantwortlich sind.

Ich würde es etwas "breiter" und grundsätzlicher angehen und die Angst nicht als Feind verstehen (siehe Deine Aussage: Ich habe sie in ihre Schranken verwiesen).

Der Ansatz, dass auch eine Angsterkrankung oder schon/auch depressive Phasen einen Grund haben, finde ich ganz gut.

Das Ganze anzugehen mit der Suche nach verschiedenen Tricks und Tipps, geht für mich eher in die Richtung, Verdrängung, den Umgang mit Symptomen erlernen usw., den Du, wie Du selber beschreibst, ja schon ganz "gut" gelernt hast, denn Angst scheint nicht mehr Deinen Alltag komplett zu bestimmen.

Denn auch die "innere Anspannung" ist Ausdruck dafür, dass da etwas im Ungleichgewicht ist. Und die Tatsache, dass Du ganz gut damit umgehen kannst, bedeutet nicht, das Problem gelöst zu haben. Verstehe mich richtig, es ist gut, dass Du das kannst und gelernt hast. Ich will aber eher damit sagen, dass Psyche und Körper trotzdem darauf aufmerksam machen, auch wenn Du mit der Angst umgehen kannst.

Das "Tun und Handeln" im Außen (Sport, Freunde und Familie usw.) klingt für mich ebenso als ein Versuch, den Kontakt zur Außenwelt nicht zu verlieren, ggf. Halt zu suchen, sich selber auch damit beruhigen zu wollen und zu können. Ich kenne einige Leute, die mit viel Sport, z.T. extrem viel Sport, versuchen, ihre psych. Probleme "in Schach" zu halten. Das klappt beim Großteil auch ganz gut soweit, nur eben mit einem relativ hohen Aufwand an Zeit und Energie. Und eigentlich ist das "nur" ein Versuch, den Körper so "tot" zu machen, dass er gar keine Symptome mehr zeigen kann bzw. nicht mehr so viel (Hormone abbauen, Kotisol, Adrenalin usw.).

Ob das alles jedoch dauerhaft im Sinne einer Lösung sinnvoll ist, bezweifel ich.

Was ich sagen will ist, dass ich den Therapieansatz weiter verfolgen würde, anstatt für jedes Symptom, jeden "schlechten Umstand" einen Krücke zu suchen, wie ich damit umgehen könnte. Da Du noch recht jung bist, scheint auch etwas massives vorzuliegen. Daran schonmal "geforscht" in der Therapie? Ohne Dir Angst zu machen, könnte ich mir vorstellen, dass die Spirale so weitergeht und die Psyche sich nicht mit Tricks und Tipps zufrieden geben wird.

Denn, wie bereits o.g., hat Deine große Anspannung, Dein Misstrauen gegenüber dem eigenen Körper und schon (!) konkrete körperliche Schmerzen einen tiefen Grund. Was wird passieren, wenn man diese Dinge konsequent weiter ignoriert? Weiter versucht mit äußeren "künstlichen" Verhaltensweisen in Schach zu halten versucht? Ich könnte mir vorstellen und so ist auch meine Erfahrung, dass das alles noch stärker und schlimmer wird...

Das nur mal so als Denkanregung.

Freue mich auf Deine Antwort.

30.06.2015 09:13 • x 1 #2



Der Verlauf meiner Angststörung - Angespanntheit bleibt

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Robert1108
Hi,

ich kenne das Gefühl auch. Gerade am Wochenende war ich alleine zuhause und wollte einfach nur relaxen, vorm TV liegen und dann in die Badewanne gehen und mir dort eine meiner Lieblingsserien anschauen. So richtig faul sein. Gerade in diesen Situationen kann ich teilweise nicht relaxen, bzw. im Körper bleibt immer ein Restspannung! Ich merke auch an mir selbst, dass ich dann immer wieder was machen muss, also entweder irgendwas zusammenräumen oder außer Haus gehen, denn das rumliegen bringt mir nicht die gewünschte Entspannung. Ich denke bei mir, dass es stark mit meinen derzeitigen Erwartungsängsten zusammenhängt. Gerade in Ruhephasen fangen die Gedanken und Ängste an zu kreisen im Kopf. Was wird sein, werde ich jemals wieder ohne Bescherden eine Dienstreise schaffen, hoffentlich wirds nicht wieder schlimmer, etc.
Teilweise geht das glaube ich auch unterbewusst. Man ist mit sich selbst einfach unterbewusst nicht zufrieden. So erklär ich mir das.

Erstaunlicherweise nach einer Yoga oder Sportsession, liege ich wie Schnitzel und da kann ich dann auch entspannen. Nur ganz ehrlich ich kann nicht 2x täglich Sport machen!

lg,
Robert

30.06.2015 09:18 • #3


Hallo zusammen

Danke HeikoEN für deine kritischen und zum nachdenken bringenden Worte, ich schätze das sehr.

Ich stehe vollständig hinter deiner Aussage, dass die Angserkrankung einen Grund haben muss. Ich habe mein Leben mit einer Therapeutin im Detail auseinander genommen.
Vor meiner Erkrankung war ich der extreme Typ. Alles was ich gemacht habe, habe ich nicht unbedingt ausgeglichen praktiziert. Als Beispiel: Jeden Tag joggen, keine Auszeit.
Ich fühlte mich "unbesiegbar" und achtete sozusagen gar nicht auf meinen Körper... Ich feierte gerne oft und ausgiebig. Mir wurde noch nie schwindlig oder hatte einen Fall wo mein Körper nicht mehr mitmachte. Das Schwindelereignis im Urlaub stellte dann mein Leben auf den Kopf. Ich wusste (oder weiss es wie gesagt auch heute nicht immer) nicht wie damit umzugehen, dachte ich muss gleich sterben. Wie gesagt, kein Gefühl für den Körper. Wann ist es zu viel, wann zu wenig?
Ich habe keine ernsten Vorkommnisse in meinem Leben davor durchgemacht. Klar gab es auch zwischendurch ein auf und ab, aber keine einschneidenden Ereignisse. Im Gegenteil ich habe mein Leben ausgiebig gelebt.

Für mich geht es in erster Linie nicht darum, die ganzen Symptome auszutricksen. Ich kenne dies aus der Arbeit gut, das sogenannte Symptombehandlung nicht die Ursache löst. Es ist auch nicht so, dass ich mich damit nicht befasst hätte. Ich habe mich intensiv (natürlich auch während der Therapie) damit auseinandergesetzt und daran gearbeitet meine Denkmuster und meine Einstellung zu ändern. Das hat mich sicher auch weitergebracht und interessiert mich wirklich.

Ich sehe das auch so, die Anspannung ist sicher nicht grundlos da. Das ist das wo mir momentan noch Schwierigkeiten bereitet. Und ich habe definitiv noch nicht alles für mich geklärt, sonst wäre es ja auch nicht da, das sehe ich wie du... Ich merke einfach, dass ich dazu tendiere nicht zufrieden zu sein mit dem was ich habe. Ich möchte dies und das erreichen (obwohl ich für mein Alter schon eine super Stelle habe, wo mir auch sehr gefällt). Konkret habe ich noch einen unerfüllten Berufswunsch, bei welchem ich weiss, dass ich Topfit sein muss. Seit dieser Angsterkrankung setze ich mich ständig unter druck damit. Ich kann schon sagen, komm jetzt, schau das in 2 Jahren noch einmal an. Ich studiere dann aber trotzdem immer wieder daran herum und bin gleich wieder angespannt.

Die Frage ist, wie gehe ich am besten damit um? Soll ich den Berufswunsch einfach streichen, dann gehe ich der Herausforderung ja einfach aus dem weg? Damit komme ich irgendwie nicht klar. Bisher konnte ich immer alles erreichen was ich wollte, plötzlich ist dies ev. nicht mehr möglich. Damit kann ich irgendwie nicht umgehen.

Und das zweite wo bei mir zur Anspannung führt, ist daran zu denken. Nein bitte nicht wieder angespannt werden, dass ist einfach so nervig und ich hab dann keine Lust mehr auf nichts mehr. Ev. sollte ich versuchen dies zuzulassen und mich weniger dagegen zu wehren. Das fällt mir aber äussert schwer, da ich das ja nicht "gerne" habe. Aber ich sehe schon was du meinst. Ich sollte es mehr als Hilfsmittel wahrnehmen. Es soll mich ja nicht nerven sondern mich auf einen Missstand aufmerksam machen... Und das ist vielleicht wirklich der eigene Druck, dass immer alles perfekt sein muss...

Das dies auf Dauer keine Lösung ist, ist mir sehr bewusst. Die bspw. beschriebenen Rückenschmerzen machen es dann auch nicht einfacher aus dem Teufelskreis auszubrechen. Ich treibe übrigens auch nicht extrem Sport um mir etwas zu beweisen. Ich versuche wirklich Wert darauf zu legen Dinge ausgeglichen zu machen. Denn ich spüre langsam wieder, wann ich wirklich Lust auf etwas habe oder eben keine Lust.

Vielen Dank noch einmal für deine Denkanstösse.

---

Robert, danke dir ebenfalls für deine Antwort. Du sprichst mir aus der Seele, ich kenne das genau. Das Gedankenkarussel kommt halt einfach öfter beim "nichts machen". Ich finde auch, dass es nicht sein kann, dass man sich nur mit Sport entspannen kann, dann wird es ja wieder zum Zwang. Klar mit Sport geht's am einfachsten, aber es wäre doch schön auch sonst normal zu entspannen, sonst vermeidet man ja schon wieder gewisse Situationen.

30.06.2015 11:08 • #4


HeikoEN
Ich finde das gut, dass Du verstehst, was ich damit sagen will und wollte.

Und ja, an dem Beispiel sieht man, wie schnell man eigentlich mit wenigen Fragen voran kommen kann.

Das Wichtige daran ist aber, nicht nur den Kopf mitzunehmen (weil der versteht die Zusammenhänge problemlos), sondern das Gefühl. Und was mir beim lesen Deiner Zeilen noch so kommt, dass Du es nicht so offensichtlich alles sehen solltest. Die Problematik(en) scheinen mir sehr viel tiefer zu liegen.

Denn die Anspannung ist ja "nur" der körperliche Ausdruck, sozusagen die Reaktion, auf einen inneren Prozess, der da abläuft, sobald Du dich in irgendeiner Form gefordert oder an Deine Grenzen gebracht fühlst.

Ebenso kommt mir der hohe Leistungsgedanke ganz stark zum Vorschein. Und da ist die Frage, warum Du glaubst, Du seist nur dann "gut genug", wenn Du leistest. Könnte mir da Elternhaus und Kindheit vorstellen.

Diese "einfangen" per Kopf, also kognitiv, wenn es z.B. um den Sport geht, ist ja auch nicht das, was wirklich dahintersteht. Das meinte ich damit, dass der Kopf alles versteht, die Zusammenhänge usw. und das bremsen durch den Kopf ist nicht das, was Dein Gefühl will. Dein Gefühl sagt Dir vielleicht extrem, dass Du Sport machen sollst...bis an die Leistungsgrenze. Das ist das, was Du auch beschreibst, Dein Selbst-be-wusst-sein (bitte langsam lesen), ist das, wo die Probleme liegen.

Die Ursachen sind da vielfältig, denke ich und nur sehr individuell analysierbar (keinesfalls für ein Forum geeignet). Aber vielleicht sollte man über eine Therapie nachdenken, die MEHR das Gefühl berücksichtigt um damit auf die wahren Ursachen zu kommen, als den Kopf. Denn das hast Du auch schon offensichtlich hinter Dir.

Und ja, wenn es zwischen Kopf und Gefühl perfekt läuft, man sich also nach seinen Gefühlen richtet (wenn man das Vertrauen dazu hat), dann gibt es faktisch sehr wenig Probleme im Leben. Wenn Dir aber nun Dein Gefühl Angst signalisiert, ggf. sogar schon mit körperlichen Symptomen, dann bedeutet das in Sachen Berufswahl was?

Grundsätzlich tauchen also die Fragen auf, was dazu geführt hat, dass Du so wenig Vertrauen in Dich bzw. Deinen Gefühlen hast. Was dazu geführt hat, dass Verhaltensweisen in Dein Leben Einzug gehalten haben, die Dich so stark bestimmen (Leistungsgedanke und damit einhergehende Unzufriedenheit). Das hast Du offensichtlich so stark verinnerlicht, dass auch ein kognitives Gegensteuern nicht möglich ist und es wahrscheinlich auch ein tiefer Prozess ist, davon loszukommen.

Da Du, wie schon gesagt, noch recht jung bist, stellt sich die Frage, was ist da so gelaufen in der Kindheit?
Wie war das Verhalten Deiner Bezugspersonen (Eltern).
Gibt es eine Bindungsproblematik? Gibt es dafür ggf. sogar einen Grund? Gibt es ggf. auch einen transgenerationalen Ansatz, denn Deine Eltern werden das "auch nicht so" haben, also diese Denk- und Verhaltensweisen, die Du logischerweise bedingungslos übernommen hast usw.

30.06.2015 15:43 • x 1 #5


Hallo HeikoEN

Danke noch einmal für deine Antwort. Ich muss sagen deine Posts regen bei mir eine Art zu denken an, wo ich selber irgendwie nicht darauf gekommen wäre.
Ich möchte wirklich probieren diesen Dingen nachzugehen und dies einmal mit meiner damaligen Therapeutin besprechen.

Ich habe deine Antwort mehrere Male gelesen und bin in einigen Punkten nicht ganz sicher wie es gemeint ist, darum noch einmal einige Rückfragen.

Grundsätzlich geht es darum, dass das Gefühl und das kognitive Denken nicht übereinstimmen. Heisst konkret als Beispiel: "Ich möchte vom inneren Gefühl unbedingt einmal Ski Lehrer werden, denke aber das ich e nie gut genug Skifahren kann". Heisst mein tatsächliches Denken zweifelt an den tatsächlichen Wünschen meines Gefühls, was bei mir innerliche Unzufriedenheit auslöst. Dies führt somit auch zum Gefühl von Überforderung und kann also auch zu körperlichen Symptomen wie Angespanntheit führen. Mein Unterbewusstsein zweifelt also eigentlich an meinen Zielen.

Was ich nun noch nicht ganz verstehe, ist wie man am besten das Ziel verfolgt, dass das Gefühl und eben das kognitive Denken besser zusammenpassen.
Sollte sich durch ein grösseres Selbstbewusstsein das Gefühl mit dem Drang nach hoher Leistung verringern (so das ich gar nicht mehr den Drang habe meine sehr hoch gesteckten Ziele zu erreichen, da ich ja Selbstbewusster und zufriedener bin)? Oder sollte ich mir genügend Selbstbewusstsein aufbauen, damit ich an die hohen Ziele glauben kann und diese erreichen kann? Es ist mir klar, dass es nicht eine klare Antwort gibt, aber ich würde gerne hören wie du das siehst.
Und zum Thema Berufswahl, meinst du, dass dies ev. gar nicht der Beruf ist, den ich mir innerlich Wünsche? Also das dieses Gefühl mir eigentlich sagen will, das ich auf dem Holzweg bin? Oder meinst du, es zeigt das ich ein Problem mit dem Selbstvertrauen habe, da schon beim Gedanken an den Beruf dieses Gefühl auftritt?

Wie du schon erwähnt hast, sprengt es hier den Rahmen auf die persönlichen Details einzugehen. Das werde ich mit meiner Psychologin besprechen. Ich danke dir hiermit für deine Hilfe, und hoffe noch einmal auf eine Antwort von dir. Ich hatte nun definitiv ein "aha" Erlebnis.

30.06.2015 16:41 • #6


Ich habe mir gestern / heute noch einige Gedanken gemacht und wollte noch kurz etwas anfügen.

Das mit dem daran glauben, bspw. beim Berufswunsch, ist ja ein sehr konkretes Ziel. Heisst ich kann hier eigentlich sagen: "OK ich lasse das sein, es setzt mich unter Druck und ich fühle mich dem nicht gewachsen und bin zufrieden mit dem, was ich jetzt habe". Nicht das ich das jetzt direkt tun will, aber als Bsp. ist es ja so möglich dem zu entweichen. Für mich ist das Thema abgehakt und ich werde aus dieser Situation nicht mehr angespannt, da ich gar nicht mehr daran rumstudiere. Diese Erfahrung habe ich persönlich auch schon gemacht.

Was für mich weit schwieriger zum verstehen ist, ist die Entstehung der Anspannung durch das Gedanken-Karussell. Ich denke aus heiterem Himmel: "Ach ich hoffe die Anspannung kommt nicht wieder, dann bin ich wieder den ganzen Tag verkrampft....". Somit entsteht wieder die Situation, dass ich etwas möchte, aber wie eben auch in den anderen Situationen nicht daran glaube, dass es so kommt wie ich möchte. Also wieder das Resultat: Ich bin angespannt und das Karussell fängt sich an zu drehen.
Für mich ist dies die Anspannung die am unangenehmsten ist, weil sie grundlos (ja ich weiss, eben doch auch nicht) ist. Ich habe also eigentlich keinen konkreten Grund wieso ich mich überfordert fühle.

Möglicherweise würden sich diese Situationen von alleine erübrigen, wenn meine Gesamtsituation zum Thema Selbstbewusstsein sich verbessern würde. Dennoch sind dies diese Situationen, welche mich am meisten runterziehen, da ich diese als grundlos anschaue und diese mich dann öfters eben auch ärgern.

01.07.2015 11:21 • #7


HeikoEN
Du bist immer noch viel zu sehr im konkreten. Es scheint so offensichtlich, ist es aber nicht. Versuche es zu sehen als Außenstehender. Es gibt sowas wie System- oder Familienaufstellungen, die man aber auch mit sich selber machen kann...google ruhig mal danach. So kommt man relativ einfach und offensichtlich auf die Zusammenhänge, die wirklich dahinterstehen.

Es hat nichts damit zu tun, ob Du Skilehrer oder Baggerführer oder sonstwas werden willst und das nicht kannst (aus welchen Gründen auch immer).

Es geht darum, warum Du in "innere große Nöte" verfällst, wenn Du das gesteckte Ziel nicht erreichst, erreichen kannst oder glaubst, nicht erreichen zu können.

Mit Selbstbewusstsein ist auch nicht unbedingt das gemeint, von dem ich glaube, wie Du es verstehst. Du musst Dir "deiner Selbst bewusster" werden. Das trifft es eher. Es hat erst einmal nichts mit Stärke zu tun oder präsenterem Auftreten oder zielgerichteter seine Ideen und Vorstellungen umzusetzen. Es geht vielmehr darum, sich im inneren bewusst zu machen, was Du eigentlich wirklich willst. So wie Du es beschreibst, kommt mir fast der Gedanke, dass Du das abgespalten hast. Als wenn da eine Art "Dogma" auf dir lastet, was da heisst, dass Gefühle was für Schwache sind o.ä. (in welche Richtung es gehen könnte kann ich nicht sagen, weil ich dazu zu wenig weiss über Dich und die Lebensgeschichte).

Und das mit dem Denken an die Anspannung ist wie mit dem Satz:

"Bitte denken Sie jetzt NICHT an einen blauen Elefanten!"

und ist weniger etwas pathologisches, sondern eher normales menschlichen Verhalten (also man denkt daran, obwohl man es gar nicht will). Natürlich kann das auch Ausmaße annehmen, die belastend werden, z.B. in Richtung Zwänge oder Zukunftsängste oder Angst VOR der Angst usw., aber das lese ich so nicht heraus bei Dir.

So komisch es klingt, ich kenne eine Vielzahl (!) von Leuten, insb. mit psych. Störungen, die Entspannung erst einmal lernen müssen. Ruhe ist für die nicht aushaltbar. Eine Stunde nur Nichtstun endet schon in einer Katastrophe, an einen Tag oder eine ganze Woche, ist nicht zu denken.

Ich könnte mir vorstellen, dass Du unter einem großen Druck leidest, der sich u.a. in körperlicher Anspannung entlädt bzw. äußert. Rücken & Co. sind da nur mehr als verständlich nachvollziehbar.

Die Fragen bleiben aber, wo der Grund liegt, für diesen Leistungsgedanken, ggf. auch Anspruchsdenken gegenüber Dir selbst.
Woher das kommt, dass Du in Ängste, große Anspannungen (bis zum körperlichen Schmerz sogar) geräts, wenn sich etwas in den Weg stellt und Du das Ziel nicht erreichen kannst.
Was passiert denn wirklich, wenn Du diese Angst einmal zulassen würdest? Ich könnte mir sowas wie Schuld vorstellen. Wofür steht die Schuld? Von wem kommt die? Schuld an was? Versagen?
Vielleicht kommt auch eine gewisse Traurigkeit hoch?
Wie ich schon vorher geschrieben hatte, ist die Kindheit oftmals der Schlüssel zu weiteren Fragen und vor allem Erkenntnissen.
Und wenn solche Probleme im Leben sind, bin ich fest überzeugt, dass es da auch was gibt.

Nochmals und ausdrücklich der Hinweis, nur das zu "nehmen", was Du möchtest und kannst und alles andere stehen zu lassen...der Schlüssel für solche Probleme liegt für mich in einer eher gefühlsorientierten Auseinandersetzung (Therapie will ich es nicht nennen), da es ja auch exakt darum geht und auch genau DIE, die Probleme machen (also die Gefühle). Rein kognitiv hast Du das offensichtlich alles gelöst und verstanden und kannst damit "wunderbar" umgehen.

01.07.2015 11:53 • x 1 #8


Robert1108
Hi HeikoEN,

Ich habe in diesem Thread eifrig mitgelesen und merke, dass du dich sehr intensiv mit dieser Thematik auseinandergesetzt hast. Möglicherweise ist dies auch dein(e) Beruf(ung).

Ich würde einmal sagen, dass ich gerade an ähnlichen Erwartungsängsten leide, als vivere.
Da ich mich wirklich sehr viel mit meiner Vergangenheit beschäftigt habe und nun auch bei einem Therapeuten bin, um die Ursachen herauszufinden, sowie auch auf dessen Basis dann erlernen möchte mit den Ängsten besser umzugehen, sie besser zu verstehen, bzw. damit in weiterer Folge auch allgemein ausgeglichener, ruhiger und wieder belastbarer zu werden.

In meinem speziellen Fall haben die Ängste garantiert etwas mit der Vergangenheit zu tun. Obwohl ich eine ganz positive Kindheit hatte, wurde ich von der Mutter überbehütet und durfte nicht mal auswärts übernachten (Hat sicher etwas mit meiner Reiseangst und Angst vor ungewohnten Situationen zu tun), sowie wurde ich vom Vater her eher streng erzogen. Möchte hier aber gar nicht soweit ins Detail gehen, falls dich meine Story interessieren sollte, ich habe einen eigenen Thread: angst-vor-krankheiten-f65/angst-vor-ungewohnten-situationen-versagensangst-t66112.html (Ich erwarte jetzt aber nicht von dir das du meinen Thread durchackerst, ist für die Frage eh eher eine Randbedingung)

Nun zur eigentlichen Frage:
Sofern es nun zutrifft, dass hinter der beschriebenen Problematik von vivere die Kindheit steckt, so wie zum Beispiel in meiner Geschichte. Könntest du hier vielleicht ein paar Beispiele oder vielleicht auch ein paar Tipps geben, wie man sich damit auseinandersetzen soll, bzw. was man hier machen könnte um den Ängsten eben besser begegnen zu können, bzw. dass in weiterer Folge die Ängste in solchen Situationen weniger werden und es wieder zu mehr Zufriedenheit und Gelassenheit kommt. Weil alleine wenn ich weiß, dass ich in der Kindheit eben vielleicht die eine oder andere Ungereimtheit in meiner Gefühlswelt hatte, hilft mir das zumindest aktuell noch nicht wirklich, bzw. kann ich diese Information für mich noch nicht nutzen.

Ich wäre dir sehr dankbar, wenn du hierfür noch ein paar Worte finden würdest. Ich bin eben auch gespannt, wie es bei den weiteren Sitzungen bei meinem Therapeuten gehen wird. Er ist aktuell glaube ich ganz zuversichtlich, dass ich meine Gefühlswelt in den Griff bekomme.

Schönen Tag und Danke,
Robert

01.07.2015 13:17 • #9


Hallo HeikoEN

Vielen Dank noch einmal für die ausführliche Antwort.

Es ist tatsächlich so, dass ich gar nicht wirklich weiss, ob ich meine Ziele wirklich will, oder ob ich sie nur erreichen will, um mir etwas zu beweisen. Da ist bei mir tatsächlich ein wunder Punkt. Ich schwirre somit etwas unwissend umher, was ich in Zukunft überhaupt machen / erreichen will. Es ist auch richtig, dass ich mich schnell zu wenig gut fühle. Genau wie beschrieben, ein Tag einfach entspannen ist auch für mich schwer, geschweige denn eine Woche nur am Strand zu liegen. Ich muss wie etwas erleben (Dinge besichtigt haben bspw.), um ein Wert am Tag zu sehen. Ich bin auch auf ein häufiges positives Feedback angewiesen, obwohl ich eigentlich weiss, dass ich meine Arbeit gut mache. Einfach die Bestätigung von anderen brauche ich.Ich formuliere das Ganze vielleicht etwas überspitzt, aber es geht tatsächlich in diese Richtung.

Ich glaube ich verstehe hoffentlich nun langsam, was du damit wirklich gemeint hast.

Ich habe diesen Familien Baum mit meiner Psychologin gemacht. Bei mir ist es ebenfalls wie bei Robert so, dass ich eine über behutsame Mutter habe. Noch wenn es 20 Grad und schön ist, fragt si mich ob eine Jacke dabei habe, es könnte ja plötzlich kalt werden und regnen. Dies als Musterbeispiel. Ich hatte nie Druck von ihr, im Gegenteil, wie gesagt ich wurde über behütet. Ich persönlich gehe sicherlich auch etwas in diese Richtung - es muss immer alles perfekt abgesichert sein..., trotzdem, dass mich dies früher genervt hat.

Das mit dem blauen Elefanten hat bei mir mit der Zeit leider auch ziemlich viel Platz eingenommen. In der Regel am Morgen bei der Arbeit tritt es nahezu täglich auf, ausser ich bin etwas im Stress und hochkonzentriert. Aber soweit ich dich verstehe ist das halt ein kleiner Zwang der sich eingenistet hat, welchen ich wirklich mit den ganz am Anfang genannten Tricks entfernen kann oder daran arbeiten kann.

Besten Dank auch an dich Robert, das finde ich spannend, dass wir gerade beide über behütet wurden.
PS: Ich werde mir deinen Post mit grossem Interesse auch noch ansehen

01.07.2015 14:59 • #10


Robert, habe deinen Post nun gerade gelesen. Da finde ich mich in sehr vielen Sachen wieder. Auch mit dem gerne verreisen und dem freuen auf das Zurückkommen, es geht mir immer wieder so.

01.07.2015 15:25 • #11


Robert1108
Ja ich denke auch, dass sehr oft ähnliche Krankheitsbilder und Symptome auftreten. Gerade wenn es um Existenz- und Erwartungsängste geht. Letztendlich wollen wir ja nicht am Rande des Systems stehen sondern eher mitschwimmen und wenn sich hier Gefahren anbahnen, geht es letztendlich immer um das Gleiche: Anerkennung, Wohlstand, Zufriedenheit, Zugehörigkeit, Erfolg, usw... So zumindest meiner Meinung nach.

=> Wenn man tief genug in der Vergangenheit gräbt, wird man meistens fündig, das habe ich bei mir schon gemerkt. Allerdings bringt einem das ganze Wissen über seine eigene Persönlichkeit und Kindheit nichts, wenn man es nicht verarbeiten, bzw. verwerten kann. So sehe ich das zumindest aktuell. Deshalb bin ich gespannt auf Ratschläge meines Psychotherapeutens, sowie auch auf die von HeikoEN.

01.07.2015 15:52 • x 2 #12


HeikoEN
Ich antworte nochmal etwas grundsätzlicher vorab.

Und ja, wenn man als Kind die Umwelt, das Leben, die Zukunft, prinzipiell als etwas "unsicheres" kennenlernt und so in das Leben startet, weil die Eltern sehr umsorgt sind bzw. auch jede Entscheidung abnehmen, dann steht man im jungen Leben plötzlich davor und weiss gar nicht so richtig, was man will, wie man es angehen kann und hat auch Angst vor Entscheidungen, vor den Konsequenzen, kann sogar Partner oder andere Menschen suchen, die einem das abnehmen.

Man kommt so nie zu seinem Leben.

Und die Frage ist auch, ganz ernst gestellt, WELCHES Leben lebt man denn da? Das Eigene oder das der Eltern? Diese Erkenntnisse können mitunter relativ bitter sein und werden, so dass ich eine therapeutische Hilfe unbedingt empfehle, denn sowas sollte ggf. auch professionell aufgefangen werden.

Das mit der Bestätigung von außen habe ich mehr oder weniger auch schon vermutet...ein Großteil der Gesellschaft hat mittlerweilen dieses Symptom. Da ist so wenig Selbstliebe da, dass diese von außen kommen muss und auch alles getan wird, um sie zu bekommen.

Allerdings ist das so eine Sache mit der Botschaft: "Du bist für mein Glück verantwortlich", insb. dann, wenn man zB. in einer Beziehung ist. Denn der Partner ist nicht dafür da (geschweige denn verantwortlich), um Glück zu erfahren. Für mich ist aber zB. dieses Verhaltensmuster in sehr vielen Beziehungen zu beobachten. Aber natürlich auch in versch. Lebensbereichen wie Job und Karriere. Denn man ist "abhängig" von einem Lob, von der Gunst und man tut u.U. viele dafür, genau das zu bekommen ,weil man damit sozusagen seine Selbstbestätigung auch findet und befriedigt. Dramatische Folgen kann das haben.

Dieses tief erlernte "Sicherheitsdenken" ist schon ein ziemlich grundsätzliches Problem. Denn das Leben ist nicht sicher, nichts ist sicher, aber man tut so viel dafür und es treibt auch Stilblüten mittlerweilen, weil die Gesellschaft alles tut, nach meiner Beobachtung, um diese Angstschürerei weiter zu treiben. Eine Katastrophenmeldung nach der Nächsten und bereits 20 oder 25 jährige machen sich Sorgen um ihre Altersabsicherung.

Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass diese Überfürsorglichkeit nicht das einzige Problem ist. Denn man muss sich fragen, woher hat die Mutter oder der Vater das? Genau...und da sind wir schnell bei einem transgenerationalen Problem, welches über die einzelnen Generationen weitergegeben wird.

Bei Eltern, die u.U. ein hohes Maß an eigener ungelöster Problematik mitbringen, ist es mehr als verständlich und auch nachvollziehbar, dass das Kind, welches ja nur EINZIG EINE CHANCE hat (nämlich die Eltern) sich an den Vorbildern zu orientieren, ebenso belastet (mitunter auch hochbelastet) ins eigene Leben startet.

Wie geht man nun konkret vor?

Nun, für mich ist der Weg, anfangs über den kognitiven Ansatz (z.B. mit Verhaltenstherapie) viel zu verstehen von den Abläufen, Symptomen usw.

Dazu können auch Medikamente & Co. gehören, die über eine begrenzte Zeit Stabilität bieten und überhaupt erstmal therapiefähig machen.

Aber und das ist das entscheidende Verständnisproblem vieler Betroffener, ist Angst und/oder Depressionen NICHT einfach so da im Leben. Das hat Gründe (gute und auch u.U. massive Gründe!) und die wollen herausgefunden werden. Genau an diesem Punkt macht aber meiner Beobachtung nach der Großteil der Betroffenen Halt und ist in einer Schleife gefangen. D.h., eine Verhaltenstherapie nach der nächsten, ein Tagesklinikaufenthalt nach dem nächsten usw., trotzdem sind weiterhin Ängste oder Depressionen im Leben da. Schnell werden dann Medikamente zur Lebensperspektive, mitunter verschlimmert sich auch noch alles, weil die Betroffenen erkennen, dass ihnen nicht geholfen werden kann oder sie auch nach dem x-ten Ratgeber zum Themenbereich, sie es immer noch nicht schaffen, zu meditieren, zu entspannen oder was auch immer...

Was muss also her?

Richtig!

Ängste sind Gefühle. Also muss eine Therapieform her, die in ausreichendem Maße diese auch berücksichtigt.

Das tut z.B. eine kognitive Verhaltenstherapie nicht bzw. nur in einem geringen Maße.

Wie nähert man sich den Gefühlen bzw. wie kommt man auf mögliche Ursachen?

Das kann relativ einfach geschehen über Biographiearbeit/System- oder Familienaufstellungen usw. (da gibt es eine ganze Reihe an Möglichkeiten, die aber natürlich erfahrene Therapeuten voraussetzen. die einen auch emotional aufgangen können, wenn da mitunter Erkenntnisse aufkommen, die einem so noch gar nicht bewusst waren).

Einen Königsweg für die weiterführende Therapie gibt es allerdings nicht, denn die Ursachen und Gründe sind natürlich extrem individuell und auch von vielen Faktoren abhängig.

Ich kenne Fälle, da sind in einer entsprechenden Therapie wahre Abgründe aufgegangen an Schicksalen. Aber die Betroffenen haben vorher stetig betont, eine wunderbare und gut behütete Kindheit gehabt zu haben. Will sagen, es gibt zahlreiche Problematiken, in denen zB. Erlebnisse abgespalten werden, weil diese so schlimm waren (nicht körperlich, sondern emotional), dass die Psyche da in ein Selbstschutzprogramm fährt.

Sowas dauert natürlich, bis man das in ganzer Bandbreite erkennt und angehen kann. Aber nur das macht Sinn, denn sonst beschränkt es sich auf reine Symptomverbesserung, aber nicht Ursachenbehebung.

Die Loyalität zur eigenen Familie und Herkunft spielt dabei auch eine große Rolle, die es anfangs u.U. schwer machen, Einstiegspunkte zu finden, weil: "Meine Kindheit war super!"

Ein weiterer Zweig sind tiefe Bindungsproblematiken. Insb. wenn das Kind eine ambivalente (also nicht konstante, liebevolle, immer verfügbare) Beziehung zur Mutter hatte oder sonstige Dinge (z.B. Suchtproblematiken) eine Rolle spielten, äußert sich das im späteren Leben des Kindes bzw. des Erwachsenen mit geringem Selbstvertrauen, Perfektionismus (bis zum Burnout), Ängste, Depressionen usw. (die Liste lässt sich praktisch unendlich weiterführen). Selbst Geschwisterkonstellationen und Geburtenreihenfolge (also welches der 4 Kind war man) können große Probleme machen!

Hilfreich ist auch Literatur und in breitem Maße das Selbstudium zu betreiben. Nur dann können z.B. auch mögliche selber Ursachen erkannt werden. Meine Erfahrung mit vielen Betroffenen ist auch, dass mögliche Ursachen als solche gar nicht erkannt werden! Wie auch, denn man hatte ja nur EINE Kindheit und kann nicht vergleichen...

Die Ausprägung von Ursache und Wirkung ist also sehr individuell und maßgeblich auch vom sozialen Umfeld bestimmt und abhängig. Das macht es eben so schwer, pauschale Aussagen anhand einiger bekannter Symptome oder Umstandsbeschreibungen (wie oben) zu machen. Es kann also nur sehr intensiv und therapeutisch angegangen werden. Es macht auch überhaupt keinen Sinn, sich im "klein klein" der Symptombeschreibungen zu verlieren bzw. diese sind auch egal, in welcher Ausprägung auch immer. Sie sind nur ein bloßer Hinweis darauf, dass da tiefe Denk- und Verhaltensmuster sind, die z.T. auch SEHR (!) destruktiv sein können. Im Außen Umstände, Tipps, Tricks usw. dafür zu finden, ändert an den Ursachen nichts. Es sind REINE Symptombekämpfungsmaßnahmen bzw. der pure Wunsch, doch etwas im Außen zu finden, was verantwortlich sein könnte für die eigenen Ängste, Depressionen usw.

Aus meiner Ansicht heraus muss es das aber, da sich sonst an den tiefen Ursachen nichts ändert und man in o.g. Schleife gefangen ist und bleibt (das Forum hier ist voll genau von den Leuten, die fast alle schon Verhaltenstherapie & Co. hinter sich haben). Für mich können Denk- und Verhaltensmuster auch nicht nur rein kognitiv über Verhaltenstherapie verändert werden, da das auch keine adäquate Methode ist, um überhaupt an die Ursachen heranzukommen (wenn z.B. Traumata oder tiefe Bindungsproblematiken vorliegen), da einfach verschiedene Hirnareale betroffen sind, wo diese Informationen abgespeichert sind. Das würde aber zu weit führen und gehört ggf. in eine gute Therapie hinein, die sowas leisten kann.

Zuletzt muss auch klar sein, dass die Ängste und/oder Depressionen überhaupt der Grund sind, sich auf den Weg der Selbsterkenntnis zu machen. Ich bin fest überzugt davon, OHNE (!) Drama keine Veränderung. Es gäbe keinen Grund dafür, über sich und sein Handeln nachzudenken, wenn man es nicht aus handfesten Gründen (z.B. körperliche oder psychische Erkrankungen) müsste. Das aber wiederum bedeutet, dass z.B. Ängste genau dafür da sind und auch so lange nicht wieder weggehen (egal wieviele Tabletten man nimmt, egal wieviel Sport man treibt usw.) bis man das wirklich tut (also sich mit sich selber beschäftigen). Ist für mich relativ logisch, für viele aber offensichtlich ein großer Erkenntnisschritt.

Fragen?
Gerne!

01.07.2015 19:42 • x 2 #13


Zitat:
Zuletzt muss auch klar sein, dass die Ängste und/oder Depressionen überhaupt der Grund sind, sich auf den Weg der Selbsterkenntnis zu machen. Ich bin fest überzugt davon, OHNE (!) Drama keine Veränderung.

Das ist wirklich die Ironie des Schicksals.

Mir ist oft aufgefallen, dass Kranke psychisch sehr, sehr viel reifer sind als "gesunde".
Wieso? Weil man muss.

Die Ironie des Schicksals besteht leider darin, dass es idR vergebens ist.
Ist eine Art Kompensation um sein psychisches Defizit auszugleichen, was aber trotzdem bei weitem, nicht im Entferntesten klappt.

Letztlich ist es eine Kompensation und der Versuch wieder gesund zu werden.
Welche Früchte das trägt, kann man ja hier im Forum begutachten.

Ohne eine gewisse Objektivität und Kooperation können diese Kompensationsversuche nur ins Leere gehen.

Anders ausgedrückt:
Gerade die Selbstreflektion vieler Mitglieder führt einem schmerzlich vor Augen, dass Selbsterkenntnis und Wohlbefinden eben nicht proportional zueinander stehen.
Würde mich gar nicht wundern, wenn sie sich sogar umgekehrt proportional zueinander verhalten.

01.07.2015 22:24 • #14


HeikoEN
Zitat von Kern12:
Mir ist oft aufgefallen, dass Kranke psychisch sehr, sehr viel reifer sind als "gesunde".
Wieso? Weil man muss.

Findest Du?
Die Frage ist, was Du mit "reif" meinst?

Zitat von Kern12:
Die Ironie des Schicksals besteht leider darin, dass es idR vergebens ist.
Ist eine Art Kompensation um sein psychisches Defizit auszugleichen, was aber trotzdem bei weitem, nicht im Entferntesten klappt.

Naja, ich finde, pauschalisieren ist da nicht der richtige Weg. Man muss schon genau hinsehen, was versucht wurde, um die "Defizite", wie Du sie nennst, auszugleichen bzw. erst einmal zu erkennen.

Ich finde, allein die Erkenntnis, dass es überhaupt welche gibt, ist bereits der halbe Weg

Es gibt aber keinen allgemeingültigen Weg, finde ich, da jeder auch dort abgeholt werden muss, wo er gerade steht. Und die Tatsache, keine adequaten Therapiemethoden an der Hand zu haben, die auf Gefühlsebene etwas bewegen, tun ihr übriges dann dazu, dass da sehr schnell pauschalisiert wird.

Ich finde, eine gesunde Auffassung von Therapie ist nicht, die Vergangenheit mit erkannten Defiziten "ungeschehen" zu machen, sondern es geht darum, sich wieder möglichst schnell ins Gleichgewicht zu bringen, wenn z.B. äußere Trigger wirken oder man klare Defizite versucht mit "erfolgreichen" Denk- und Verhaltensweisen zu kompensieren (vielleicht sogar destruktiven Verhaltensweisen). Oftmals, so ist meine Beobachtung, werden diese notwendigerweise in der Kindheit erlernt und waren zu dem Zeitpunkt wichtig, ggf. sogar sehr wichtig um zu überleben (klingt dramatisch, ist es auch für ein Kind).

Nur genau mit diesen Denk- und Verhaltensweisen geht man ins junge Leben, ohne sie abgelegt zu haben. Und als Erwachsener sind diese oftmals nicht mehr notwendig, sogar hinderlich, wenn nicht auch pathologisch. So, wie die o.g. Aussagen (z.B. von vivere) relativ klar und ausführlich es auch darsgestellt haben. Rein kognitiv versteht man ggf. auch die Zusammenhänge, nur dauerhafte (!) Veränderung ist ein starker Prozess, den man wenig in kassenfinanzierte 25, 50 oder 75 Therapiestunden pressen kann. Etwas was u.U. über Jahrzehnte erfolgreich geklappt hat (also die Denk- und Verhaltensweisen), warum sollte man diese ablegen? Zumal das große Ängste macht, ggf. sogar so viel, dass Panik an der Tagesordnung ist.

Das macht nochmal die ganze Tragweite der Problematik klar, finde ich und wie o.g., kann man nicht mit pauschal Modellen daran gehen, sondern muss individuell abheben auf den Einzelfall.

Daher machen so Aussagen wenig Sinn.

Zitat von Kern12:
Gerade die Selbstreflektion vieler Mitglieder führt einem schmerzlich vor Augen, dass Selbsterkenntnis und Wohlbefinden eben nicht proportional zueinander stehen.
Würde mich gar nicht wundern, wenn sie sich sogar umgekehrt proportional zueinander verhalten.

Die Selbstreflektion von genau was?
Von dem Punkt, wo sie gerade stehen?
Das mag mitunter dramatisch sein und schmerzlich, ja.
Aber das habe ich nicht mit Selbsterkenntnis gemeint.

Und ja, natürlich, sich auf den Weg der Selbsterkenntnis zu machen, bedeutet auch, viel Mut zu haben. Diesen aufzubringen hat nicht jeder, weil dabei ganze Lebenskonzepte ins Wanken geraten können. Wenn da am Ende plötzlich die Einsicht steht, gar nicht sein eigenes Leben zu leben o.ä. sind das schon tiefe Erkenntnisse finde ich.

01.07.2015 23:11 • #15


Hotin
@ Kern 12

Hallo Kern12,
Zitat:
Mir ist oft aufgefallen, dass Kranke psychisch sehr, sehr viel reifer sind als "gesunde".


Oft ist das bestimmt so. Genau so oft wird es aber auch anders sein.
Psychisch Kranke sind normaler als es viele meinen.

Zitat:
Gerade die Selbstreflektion vieler Mitglieder führt einem schmerzlich vor Augen, dass Selbsterkenntnis und Wohlbefinden eben nicht proportional zueinander stehen.
Würde mich gar nicht wundern, wenn sie sich sogar umgekehrt proportional zueinander verhalten.



Auch ich denke, dass Selbstfinden und Wohlbefinden nicht immer direkt
proportional also gleichlaufend zusammen hängen. Dies kann auch mal ins Gegenteil überlaufen.
Meine bisherige Erfahrung war jedoch überwiegend, dass Selbstfinden, Ängste
deutlich abschwächen kann und dies auch meistens tut.

Viele Grüße

Hotin

02.07.2015 00:02 • #16


Robert1108
Hallo HeikoEN,

Ich danke dir für diese wirklich detaillierten Schilderungen und Erfahrungen, welche du hier mit uns teilst.

Aktuell ist folgender Absatz deines Textes für mich von größter Bedeutung und beschäftigt mich auch sehr persönlich im Moment:

Zitat:
Für mich können Denk- und Verhaltensmuster auch nicht nur rein kognitiv über Verhaltenstherapie verändert werden, da das auch keine adäquate Methode ist, um überhaupt an die Ursachen heranzukommen (wenn z.B. Traumata oder tiefe Bindungsproblematiken vorliegen), da einfach verschiedene Hirnareale betroffen sind, wo diese Informationen abgespeichert sind. Das würde aber zu weit führen und gehört ggf. in eine gute Therapie hinein, die sowas leisten kann.


Der Grund ist nämlich der folgende.
Als sich am Anfang meine Psyche auf meinen Körper auswirkte (Herzstolpern, Panikattacken, Todesängste, etc.) beschäftigte ich mich mit dem Körper (mit dem äußeren ICH sozusagen) und wenn man so wil,l machte ich eine Verhaltenstherapie zuerst bei einer Therapeutin, danach eben in Eigenregie mit Hilfe zahlreicher Bücher über Angst, etc. Dies führte soweit, dass ich mich eigentlich sehr wohl fühlte. Konnte mich auch schon wieder etwas aus meinem eingeschränkten Radius weg begwegen. Eben teilweise sogar Dienstreisen bewältigen. Mein Selbstbewusstsein stieg wieder enorm. Damals blendete ich meine Vergangenheit aber komplett aus und lebte ausschließlich im HIER und JETZT.

Wie ich bereits geschildert hatte, habe ich mich dann einmal übernommen und mein Körper rebellierte extremst vor einer weiteren Dienstreise, welche ich dann abbrach. Nun war das aber psychisch ein großer Rückschlag und Dinge die mir vorher bereits wieder leicht von der Hand gingen sind nun schwer zu bewältigen.

Nun beschäftigte ich mich wieder mit meiner Vergangenheit und mit meinem ICH, da ich mich entschloss eben wieder einen erfahrenen Therapeuten aufzusuchen. Und ich kann wirklich sagen, dass sich dies aktuell und unmittelbar nicht wirklich positiv auf meine psychische Verfassung auswirkt. Denn es kommen hier natürlich viele Kindheitserlebnisse hoch, an welche ich mich eigentlich nicht so gerne zurückerinnere und längst vergessen und abgeschlossen zu sein schienen. (Vater war launisch ohne Ende, Mutter beschützerinstinkt, um wenige Details nochmals zu nennen).

Somit bin ich eben skeptisch über den Ausgang dieser Geschichte, denn wie ich bereits anfangs erwähnte, kann ich aus diesen sagen wir "negativen Kindheitserfahrungen" noch nichts positives mitnehmen. Da du ja sagtest:
Zitat:
Das würde aber zu weit führen und gehört ggf. in eine gute Therapie hinein, die sowas leisten kann.
, bin ich wirklich auf die nächsten Wochen und Monate gespannt. Ich denke es ist aus deiner Sicht sehr schwierig hier jetzt noch viel dazu zu sagen, aber vielleicht fällt dir noch etwas zu Therapieansätzen hierzu ein oder wie du zu meiner Skepsis bezüglich der der Auseinandersetzung mit meiner Vergangenheit und meinem ICH stehst.

Vielen lieben Dank nochmals!
robert

02.07.2015 08:13 • #17


Robert1108
Nachtrag:

Zitat:
Ich finde, eine gesunde Auffassung von Therapie ist nicht, die Vergangenheit mit erkannten Defiziten "ungeschehen" zu machen, sondern es geht darum, sich wieder möglichst schnell ins Gleichgewicht zu bringen, wenn z.B. äußere Trigger wirken oder man klare Defizite versucht mit "erfolgreichen" Denk- und Verhaltensweisen zu kompensieren (vielleicht sogar destruktiven Verhaltensweisen). Oftmals, so ist meine Beobachtung, werden diese notwendigerweise in der Kindheit erlernt und waren zu dem Zeitpunkt wichtig, ggf. sogar sehr wichtig um zu überleben (klingt dramatisch, ist es auch für ein Kind).


Ich denke der Absatz von HeikoEN oben klärt bereits einige meiner offenen Punkte in meinem letztem posting. DANKE

02.07.2015 09:13 • #18


@Heiko:
Sorry für das Reinplatzen in den Strang. Wenn die Diskussion noch weiter gehen sollte, könnten wir vllt ein eigenes Thema aufmachen.

Zitat:
Findest Du? Die Frage ist, was Du mit "reif" meinst?

Ja, finde ich.
Man sagt doch nicht ohne Grund, Schaden macht klug und nicht "Schaden macht gesund".
reif=reflektierter

Zitat:
Rein kognitiv versteht man ggf. auch die Zusammenhänge, nur dauerhafte (!) Veränderung ist ein starker Prozess, den man wenig in kassenfinanzierte 25, 50 oder 75 Therapiestunden pressen kann. Etwas was u.U. über Jahrzehnte erfolgreich geklappt hat (also die Denk- und Verhaltensweisen), warum sollte man diese ablegen?

Ich hätte gern einen Beweis, Beleg oder Indiz dafür, dass die Symptome von einer falschen "Denk- und Verhaltensweise" kommen.

Es gibt so dermaßen asoziale Leute, "falsche Denk- und Verhaltensweise" ohne Ende, die keine psychischen Probleme durch ihr Denk- und Verhaltensweise haben. Warum?

Zitat:
Aber nur das macht Sinn, denn sonst beschränkt es sich auf reine Symptomverbesserung, aber nicht Ursachenbehebung.

Du sprichts von Ursachenbehebung auf psychischem Terrain.
Woher kommt dein Wissen, dass die Ursache überhaupt auf psychischem Terrain zu finden ist?


@Hotin
Zitat:
Auch ich denke, dass Selbstfinden und Wohlbefinden nicht immer direkt proportional also gleichlaufend zusammen hängen.

Zitat:
Meine bisherige Erfahrung war jedoch überwiegend, dass Selbstfinden, Ängste deutlich abschwächen kann und dies auch meistens tut.

Die Frage ist, wie man diese beiden Aussagen dann zueinander bringen kann.

Ich persönlich denke, dass man bei "leichten Fällen" mit psychischen Methoden etwas erreicht.
Je schwieriger die Symptome, desto weniger bringen psychische Ansätze.
Damit könnte man deine beiden Aussagen logisch verknüpfen.
Keine Ahnung, ob du dem zustimmst oder nicht.

02.07.2015 09:37 • #19


HeikoEN
Zitat von Robert1108:
Als sich am Anfang meine Psyche auf meinen Körper auswirkte (Herzstolpern, Panikattacken, Todesängste, etc.) beschäftigte ich mich mit dem Körper (mit dem äußeren ICH sozusagen) und wenn man so wil,l machte ich eine Verhaltenstherapie zuerst bei einer Therapeutin, danach eben in Eigenregie mit Hilfe zahlreicher Bücher über Angst, etc. Dies führte soweit, dass ich mich eigentlich sehr wohl fühlte. Konnte mich auch schon wieder etwas aus meinem eingeschränkten Radius weg begwegen. Eben teilweise sogar Dienstreisen bewältigen. Mein Selbstbewusstsein stieg wieder enorm. Damals blendete ich meine Vergangenheit aber komplett aus und lebte ausschließlich im HIER und JETZT.

Wie ich bereits geschildert hatte, habe ich mich dann einmal übernommen und mein Körper rebellierte extremst vor einer weiteren Dienstreise, welche ich dann abbrach. Nun war das aber psychisch ein großer Rückschlag und Dinge die mir vorher bereits wieder leicht von der Hand gingen sind nun schwer zu bewältigen.

Das bestätigt genau den Umstand, den ich versucht habe, zu beschreiben. Man darf nach der stabilen Lage (die ggf. durch Verhaltenstherapie o.ä. wieder erreicht wurde) nicht aufgeben bzw. anhalten.

Ängste haben einen Grund und die individuelle Ausprägung der Symptome, aber auch der Ursachen ist vielfältig.

Natürlich kann man den erfolgreichen Weg, den man gegangen ist (z.B. mit Verhaltenstherapie), nochmals durchlaufen und wieder an einem stabilen Punkt angelangen.

Mein Verständnis von Heilung ist jedoch nicht, zu erlernen, mit den Symptomen umzugehen (vielleicht sogar annähernd perfekt), sondern an den Ursachen zu arbeiten.

Weil Angst ist "nur" ein Symptom, welches einfach sehr deutlich zeigt, dass etwas massiv im Ungleichgewicht ist. Ich behaupte aber, die eigenen Denk- und Verhaltensweisen, und das geht sogar bis zu Charaktereigenschaften, stellen das eigentliche Problem dar. Also muss man auch an diese ran und nicht "nur" an den Symptomen herumdoktorn mit mehr oder weniger erfolgreichen Therapien.

Warum muss es erst so weit kommen, dass eine massive Angsterkrankung Einzug ins Leben hält, bis man selber über sich nachdenkt? Einerseits sicher meine Behauptung, ohne Drama keine Veränderung. Ohne Zahnschmerz kein Zahnarztbesuch. Aber ich denke, dass sich sowas schon lange Zeit vorher bemerkbar macht. Ich kenne persönlich Betroffene, die mussten mit einer Trage (kein Scherz) aus ihrer Arbeitsstelle getragen werden (Notarzt), bis sie annähernd überhaupt verstanden haben, dass da ein Burn-Out vor der Tür steht.
Will sagen, warum fühlt man sich nicht, wenn z.B. Grenzen überschritten werden (Leistungsgrenzen), warum ist man so sehr gefangen in diesem Leistungsgedanken, warum hält der Perfektionismus das eigene Leben komplett in Schach. Bei dem Beispiel ist es, meiner Erfahrung nach, sehr leicht in der Kindheit zu suchen, woher das kommt...(eine Möglichkeit wäre, dass das Kind glaubte, nur dann geliebt zu werden, wenn es alles richtig macht, gute Noten nach Hause bringt usw.).

Sicher ist o.g. Beispiel einfach und für jeden nachvollziehbar. Aber ich finde, es macht die ganze Tragweite klar, um die es geht. Das sind tiefe Muster, denen man folgt, auch im Erwachsenenleben, die aber aus der Kindheit stammen (wobei deutlich auch gesagt, dass es viele andere Gründe noch gibt und nicht nur die Kindheit "Schuld" an allem sein muss).

Der Vorteil des Menschen gegenüber zum Tier ist aber, er kann sich verändern. Das unterscheidet uns in der Biologie und bringt den riesen Vorteil mit sich, z.B. durch Therapie echte Veränderungen herbeizuführen und auch abzulassen von solchen Mustern. Aber und das muss klar sein, legt man diese "nicht einfach so ab". Warum auch? Warum sollte man so erfolgreiche Muster denn absetzen? Sie haben doch wunderbar funktioniert, z.T. bis in ein fortgeschrittenes Alter. Da gehört also schon eine Menge Kraft, Mut und Ausdauer dazu, diese anzugehen.

(Das mit der Möglichkeit der Veränderung ist übrigends auch der Grund, warum Verhaltenstherapie überhaupt funktioniert beim Menschen).


Zitat von Robert1108:
Nun beschäftigte ich mich wieder mit meiner Vergangenheit und mit meinem ICH, da ich mich entschloss eben wieder einen erfahrenen Therapeuten aufzusuchen. Und ich kann wirklich sagen, dass sich dies aktuell und unmittelbar nicht wirklich positiv auf meine psychische Verfassung auswirkt. Denn es kommen hier natürlich viele Kindheitserlebnisse hoch, an welche ich mich eigentlich nicht so gerne zurückerinnere und längst vergessen und abgeschlossen zu sein schienen. (Vater war launisch ohne Ende, Mutter beschützerinstinkt, um wenige Details nochmals zu nennen).

Sehr gute Einsicht und so gesehen ein toller Weg für Dich persönlich. Denn der macht ganz klar, dass die Ursachen woanders liegen und nicht "mal eben" mit ein bischen Aufklärung, Selbstedukation und ggf. Verhaltenstherapie "weg gemacht" werden können.

Das wäer ja auch viel zu einfach

Zitat von Robert1108:
Somit bin ich eben skeptisch über den Ausgang dieser Geschichte, denn wie ich bereits anfangs erwähnte, kann ich aus diesen sagen wir "negativen Kindheitserfahrungen" noch nichts positives mitnehmen.

Auch die von mir o.g. tiefen Muster, die man aus der Kindheit mitgenommen hat, haben gute Seiten! Um bei meinem Beispiel oben zu bleiben, ist das ja ein Mensch, der unglaublich leistungsfähig ist. Etwas, was in dieser heutigen Gesellschaft, EXTREM positiv bewertet ist! So einen Menschen erschüttert auch so leicht nichts, denn er strebt förmlich nach vorne (auch wenn er sich dabei und seine Grenzen vergisst).

Das geht allerdings halt nur bis zu einem gewissen Grad. Dann wird die Kraft zu groß, die man aufbringen muss, es wegzudrücken. Wobei mittlerweilen, nach meiner Beobachtung, nicht mehr die klassischen 35-45 jährigen mit Ängsten und Depris zu kämpfen haben, sondern schon 15-20 jährige.

Zitat von Robert1108:
Da du ja sagtest:
Zitat:
Das würde aber zu weit führen und gehört ggf. in eine gute Therapie hinein, die sowas leisten kann.
, bin ich wirklich auf die nächsten Wochen und Monate gespannt. Ich denke es ist aus deiner Sicht sehr schwierig hier jetzt noch viel dazu zu sagen, aber vielleicht fällt dir noch etwas zu Therapieansätzen hierzu ein oder wie du zu meiner Skepsis bezüglich der der Auseinandersetzung mit meiner Vergangenheit und meinem ICH stehst.

Meiner Erfahrung nach kommt es entscheidend auf die Methode(n) an, mit denen man versucht vorzudringen. Bei Bindungsstörungen oder Traumata halte ich Verhaltenstherapie sogar für kontraproduktiv. Nicht unbedingt im ersten Schritt, wenn es darum geht, Symptome zu bewältigen, da ist Verhaltenstherapie ein Segen in meinen Augen, aber im nachfolgenden Ansatz, denn diese Störungen oder gar Traumata sitzen ja nicht im direkten Bewusstsein, sondern man braucht Methoden, um erstmal daran zu kommen (siehe Hirnaufbau bzw. Definition von Trauma als Blockade im Nervensystem). Das wiederum leisten eben nur Therapiemethoden, die insb. die Gefühle in ausreichendem Maße einbeziehen, da es maßgeblich um diese geht.
Und dafür wiederum braucht man Therapeuten, die sich im jeweiligen Problemgebiet schlichtweg gut auskennen und auch Erfahrung haben. Ich persönlich kann viel zu Trauma, Bindung sagen, insb. bei erwachsenen Kindern aus suchtbelasteten Familien. Da sind sogar therapiedynamisch bzw. in der Beziehung zwischen Therapeut und Klient verschiedene Dinge wichtigst zu beachten, weil sonst so eine Therapie in die völlig falsche Richtung laufen kann, dass ich mich da nur in erfahrene Hände begeben würde.

Speziell für das Thema Bindungstheorie, Trauma usw. gibt es auch ziemlich (für mich jedenfalls) neue Entwicklungen (z.B. von Porges mit seiner Polyvagal-Theorie). Aber das verlässt das Thema hier und soll nur klarmachen, dass es absolut Möglichkeiten und Chancen gibt, auch tiefe Ursachen anzugehen und nicht zu verfallen in Verzweifelung oder Selbstlegitimation (für versch. Symptombewältigungsstrategien) ála "ist alles Hokuspokus und hilft alles nix".

02.07.2015 11:31 • #20



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