[color=#4b4f56] Putins Rede[/color]
+ Was Putin will +
Nun wurde sie gehalten. Die Rede, die über eine Woche lang durch sämtliche Käseblättchen getrieben wurde. Über die jeder Dahergelaufene meinte spekulieren zu müssen.
Ich sage nicht gerne ich habe es ja gesagt. Nachdem ich aber über Tage hinweg mit zum Teil sehr persönlichen Nachrichten – zum Teil schon Hilferufen – überhäuft wurde, halte ich es für sinnvoll, es an dieser Stelle deutlich zu machen. Wie in einer Konfrontationstherapie.
Keine Mobilmachung
Keine Kriegserklärung
Keine Umbenennung der Spezialoperation
Kein Dritter Weltkrieg
Kein Atomkrieg
Ich erspare es mir, den Inhalt widerzugeben. Da die Rede jetzt schon in Simultanübersetzung auf vielen Kanälen abrufbar ist. Was für den durchschnittlichen Deutschen an einem Montagmorgen einigermaßen uninteressant sein dürfte. Sie ist alles andere als spektakulär.
Putin hat auch die französischen, britischen und amerikanischen Soldaten des zweiten Weltkiregs geehrt.
Wenn die Rede eins sehr deutlich gezeigt hat, ist es das Narrativ, mit dem der Überfall auf die Ukraine argumentiert wird.
Ich möchte nur auf einen Satz eingehen, die derzeit durch die Medien getrieben wird. Den ich für entscheidend für die unterschiedliche Perspektive und die Motive des Kremls halte.
Putin habe gesagt, der Westen habe sich auf die Invasion unseres Landes, einschließlich der Krim, vorbereitet.
Die allermeisten Europäer werden darunter verstehen, der Westen habe eine großangelegte Invasion auf den Staat des heutigen Russlands geplant. Was natürlich Unfug ist.
Nimmt man jedoch die Perspektive des Kremls ein, muss das gar nicht so gemeint sein.
Russland versteht die Ukraine und Belarus als russische Kolonien. Als Teile eines großrussischen Reiches. Die Ukraine ist dabei im russischen Bewusstsein die historische Keimzelle des heutigen Russlands. Über die Kiewer Rus, die sich im Mittelalter nach Nordosten, das heutige Russland ausdehnten und die Christianisierung vorantrieben.
Man kann es vergleichen mit dem Bild von Deutsch der deutschen Nationalisten und Rechtsradikalen. Die in ihrer beschränkten Identifikation auch heute noch Österreich und Ostpreußen als deutsche Gebiete ansehen.
Wir sehen völkerrechtlich souveräne Staaten. Und so sieht es auch die UN. Die Menschen, die diesem geschichtsrevisionistischen Weltbild anhängen nicht. Russland spricht der Ukraine eine eigenständige, von Russland unabhängige Souveränität ab.
Wenn Putin von unserem Land spricht, ist damit auch ein Stück weit die Ukraine gemeint.
Für Russland ist alleine die Orientierung der Ukraine hin zur NATO, zur Wirtschaftsmacht EU, der Aufbau eines eigenen Militärs, die Demokratisierung, eine Bedrohung.
Nicht, wie es hier gerne interpretiert wird, wegen Sicherheitsbedenken. Nicht wegen der von Russland vorgeschobenen Atomwaffen, nach denen die Ukraine angeblich verlangt hat. (Hatte sie, aber weit später. Da wird Ursache und Wirkung verdreht.) Sondern weil dieses Bild der russischen Völker unter einer starken russischen Führung dadurch bedroht ist.
Wenn die Ukraine um ihr völkerrechtlich anerkanntes Staatsgebiet im Donbass kämpft oder kaum ein Staat weltweit die Krim als russisches Hoheitsgebiet anerkennt, ist das in den Augen des Kremls bereits die Bedrohung. Wenn westliche Militärberater und Waffen beim Aufbau eines ukrainischen Militärs helfen, ist das bereits die westliche Aggression. Das ist bereits die Invasion.
Und deshalb muss die demokratische Ukraine, die nationale Selbstständigkeit, mit *beep* gekoppelt werden. Das ist Priming und Framing auf höchstem niveau.
Daraus dann die Kernaussagen der russischen Propaganda zu machen ist nur noch ein kleiner Spin, ein kleines Verzerren, eine Nuance, eine leichte Umkehr von Ursache und Wirkung.
Dieser grundsätzliche Aspekt wird in vielen der Analysen von den so genannten Experten, die gerne in irgendwelchen Käseblättchen befragt werden oder in Fernsehstudios philosophieren, ignoriert oder gar nicht verstanden. Zumindest wird er nicht erklärt.
Würde er erklärt, würden viele Ängste nicht solche Ausmaße annehmen.
Würde Russland Atombomben, auch kleine strategische, in der Ukraine einsetzen, wäre es, als würden sie ihr eigenes Land bombardieren. Würden sie Kiew in Schutt und Asche legen, wäre das das genaue Gegenteil von dem, was sie eigentlich wollen. Und würde Russland die NATO angreifen, könnte es sich gleich selber auslöschen.
Und das erklärt auch die Strategie des Westens. Wehrhaft, entschlossen, bedrohlich ja. Aber es wird keine Intervention auf dem Gebiet der Ukraine geben. Denn egal wie es ausgeht, der Westen, die NATO, die EU und die gesamte UN wird nicht akzeptieren, wenn Russland die Ukraine oder auch nur Teile annektiert, dauerhaft in Besitz nimmt oder einen Marionettenstaat installiert.
Die NATO hat keinen Grund und kein Interesse, militärisch zu intervenieren. Sie ist ein Verteidigungsbündnis, nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.
Und rückblickend kann man so auch viel besser beurteilen, was dort in der ersten Phase des Überfalls passiert ist. Die kilometerlangen Staus vor Kiew. Die offensichtliche Selbstüberschätzung des russischen Militärs.
Russland wollte in einer kurzen, schnellen Aktion Kiew einnehmen, die Regierung stürzen und die Ukraine insgesamt unter Kontrolle bringen. Das ist gescheitert, weshalb man sich nun auf den Osten und Süden beschränkt. Weil es sonst zu teuer würde.
Russland hat weder mit diesem Widerstand gerechnet, noch mit der internationalen Reaktion. Nicht nur, weil es auch bei der Krim kaum Widerstände gab. Auch weil es die Ukraine eben nicht als souveränen Staat versteht. Sondern als einen Ableger Großrusslands.
Russland wird das nicht gewinnen können. Es hat sich auf Jahrzehnte hinweg isoliert. Und nein, auch dann wird keiner auf den roten Knopf drücken. Weil niemand Russland angreift, sondern ihm nur den Rücken zudreht.
Würde diese Perspektive mehr von den Europäer und vor allem den Deutschen verstanden werden, hätten auch weniger Menschen Angst.
Nimmt man diese Perspektive und schaut sich vor diesem Hintergrund noch einmal die Reden von Scholz oder Biden an, die Waffenlieferungen und Sanktionen, macht das auch alles mehr Sinn.
Mehr, als sich von jedem Unfug emotional triggern zu lassen, der durch die russische Propaganda, durch Trolle oder durch Boulevard-Medien getrieben wird.
Vom ungesunden menschenverstand