Zu den schweren Waffen:
Man muss sich da nichts vormachen, andere (auch Nato!)-Länder liefern schon länger. Es wird garantiert nicht davon abhängen, ob Deutschland jetzt ein paar Gammelpanzer schickt oder nicht, um zu eskalieren - Deutschland ist nicht der Nabel der Welt und wir haben ja lange genug alles rausgezogen, um uns Liebkind bei Russland zu machen.
Am Anfang war ich auch sehr gegen Waffenlieferung. Und ich denke nach wie vor, dass Liefern von schweren Waffen in Kriegsgebiete aus Deutschland nicht ohne Grund lange Zeit ein No-Go war. Aber was ich an mir selbst bemerkt habe: Bin ich gegen die Waffenlieferung, aus Angst, weil es mich persönlich aus meiner Komfortzone reissen könnte? Oder bin ich wirklich dagegen, mit Argumenten? Ich habe für mich festgestellt, dass Angst niemals der Grund sein darf, Entscheidungen zu treffen oder nicht zu treffen. Letztendlich sterben dort drüben jeden Tag Menschen, und ja, wenn es eskaliert, werden es noch viel mehr. Darum sollte alles menschenmögliche getan werden, dass der Konflikt eben nicht übergreift. Aber Putin muss Einhalt geboten werden. Ich denke, es ist naiv anzunehmen, er hört nach der Ukraine auf. Gut, dass es jetzt schlecht für ihn läuft.
Ich vermute, wäre er in 3 Tagen durch die Ukraine durchmarschiert, wäre es weiter gegangen. Wenn man es runterbricht, können wir alle froh sein dass die Ukrainer so tapfer kämpfen. Und wenn man rein menschlich, ich meine jetzt dass wir alle unsere Angst mal kurz ausblenden-, dann merkt man, dass es falsch ist, tatenlos zuzuschauen.
Wie oft erfahren (gerade psychisch angeschlagene Menschen), wie hart und schmerzvoll die Welt oft ist und ihre Mitmenschen. Wir verletzen und schaden uns gegenseitig, anstatt uns zu helfen. Das sehen wir selbst im Kleinsten im Alltagsgeschehen schon. Ein kleines bisschen Hoffnung für die Menschheit macht es mir, dass eben nicht 100% tatenlos zugesehen wird, wie vergewaltigt, gefoltert und gequält wird (auch wenn ich nicht so naiv bin zu glauben, dass dies nur allein aus Gutmütigkeit geschieht. Da geht es auch um die zukünftigen Machtverhältnisse der Welt: USA oder Russland+China.)
Und wie ich es verstehe, machen die Waffenlieferungen einen nicht zur Kriegspartei. Klar, wenn man die Argumentation weiter führt, könnte man auch sagen: Wir können nicht zuschauen, deshalb schicken wir Soldaten rein, aber das wäre vom Verhältnis absolut irre. Aber es sollte meiner Meinung nach alles getan werden - ohne selbst Kriegspartei zu werden- um Putin Einhalt zu gebieten.
Anfangs habe ich auch oft gesagt, die Ukrainer sollen kapitulieren. Aber ernsthaft, wieso sollten sie das. Sie haben die Chance, die Russen zurückzudrängen, es schien fast so, als hätte David die Chance, Goliath zu besiegen - und es sind zu viele Menschen gestorben, um jetzt mir nichts dir nichts Russland die Krim und den Donbass abzutreten. Das hätten sie, wie ich gelesen habe, sogar gemacht. Es sah ja lange Zeit gut aus bezüglich eines Abkommens (und das wäre der beste Weg gewesen), aber dann kamen die Massaker von Butscha etc. ans Licht. Und das ist eben russsiche Handschrift. Überall, wo die Russen hingehen (die Soldaten), hinterlassen sie nur eine Spur von Leid, Massakern und Tod. Und wozu sind all die tapferen Männer gestorben, wenn sie jetzt aufgeben würden? Man hätte in den Jahren vor dem Konflikt und spätestens 2015 eine Lösung finden müssen, diplomatisch! Das ist leider gescheitert. Aber es sind zu viele für die Sache gestorben und das Risiko, dass es weiter geht ist zu hoch.
Mir hat es geholfen, mit der Angst ... naja, nicht besser klarzukommen, aber sie zu akzeptieren, indem ich mich mal aus dem Blickwinkel damit befasst habe. Dass das, was im Moment passiert und uns schockt, leider die einzig richtige Konsequenz ist, auch wenn sie uns vielleicht auch betrifft, indirekt aktuell. Vielleicht mit dem Gedanken, dass es das Richtige ist. Und irgendwie ist doch der richtige Weg oftmals der schwierige Weg...
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Nur ganz allgemein muss man auch nichts beschönigen. Es ist denke ich schon glasklar, dass aktuell eine weitere Eskalation geschieht. Die Rhetorik hat sich verändert - nicht zum Kriegsbeginn, er sagt im Prinzip dasselbe wieder - nur war es eben zwischendurch halbwegs ruhig. Ich denke nach wie vor nicht, dass ein Atomkrieg droht, bevor er die Bombe wirft, kommt es zu konventionellem krieg. Das ist dann eher ein Szenairo, das mir Angst macht. All das maßlose menschliche Leid dabei. Es klingt zynisch, aber fliegt die Bombe, sind wir sehr wahrscheinlich sowieso alle einfach tot. Dann aber vielleicht mit dem Wissen, richtig gehandelt zu haben. Aber Putin KANN die Nato ohne Atomwaffen nicht besiegen, er scheitert an der Ukraine. Und ich denke nicht, dass er so verrückt und irre ist. Die russischen Menschen sind ihm vielleicht egal, aber Russland als Land nicht, und er weiß, wenn es zu einer atomaren Konfrontation kommt, exisitert auch sein geliebtes Russland nicht mehr.
Das einzige Szenario, das ich aktuell für kritisch erachte, sind die Aufforderungen, russische Nachschub Basen anzugreifen. Und dass das dann eben mit Waffen aus dem Westen geschieht, auf russischem Territorium. Das kann man auch nicht beschönigen. Letztlich ist es aber doch so: Putin braucht keinen Grund zum Eskalieren, wenn er Eskalieren will, erschafft er sich einen (siehe die Begründungen zum Ukraine Krieg). Wir sind nicht mehr Herr der Lage und ich denke, das macht uns Angst - Kontrollverlust, aber komplett. Und dennoch ist es militärisch nur logisch, dass die Ukrainer den Nachschub angreifen, im Grunde sind es strategische Entscheidungen im Krieg. Gerade weil die Russen infrastrukturell Probleme haben.
Wir sollten alle auf einen Sieg der Ukraine und das Zurückdrängen Putins hoffen. Es geht um was Größeres als nur die Ukraine, es geht viel mehr darum ob wir in Zukunft auch hier noch unsere Meinung ausbreiten dürfen, oder ob wir von jemandem kontrolliert werden, der alles zensiert. Ich war lange Zeit vor dem Krieg übrigens so eingestellt, dass man mir wahrscheinlich Russlandversteherin angehängt hätte. Aber man muss die Augen öffnen.
Schafft die Ukraine es (mit der Hilfe des Westens!) Putin zurückzudrängen und zu schwächen, MUSS er sich an den Verhandlungstisch setzen - und dann besteht wirklich die Chance, dass dieser Albtraum endet. Und es zu einem Abkommen kommt, dem auch Folge geleistet wird. Bis dahin wird mir der Ar.... weiterhin auf Grundeis gehen. Das werde ich nicht beschönigen. Aber in mir als Mensch habe ich irgendwie das Gefühl, dass es falsch wäre, bei all den Massakern zuzusehen. Das tun wir ja eh oft, sobald die Kriege weit weg sind, und das ist schlimm genug. Tagtäglich passieren Kriege. Dieser hier wird wichtiger genommen, da es in einen Stellvertreterkrieg der USA und Russland gemündet ist und eben näher ist.
28.04.2022 17:17 •
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