Pfeil rechts

Hallo liebe Forums-Community,

das ist wohl das erste Forum, das ich seit vielen Jahren mal wieder nutze. Ich hoffe, ich darf mich hier trotz meiner langen Liste an Problemen ein wenig mit euch zur neusten Ziffer auf meiner Diagnosenliste austauschen: Der Angst.

Es ist nicht so, dass die die Angst neu wäre; dass sie es zur eigenen Diagnose bringt, ist aber erst ein paar Monate her. Aber vielleicht sollte ich anders anfangen. Ich bin fast 29 Jahre alt, studiere noch und arbeite nebenher. In meiner Freizeit lese ich gern, mache Sport und habe sogar wieder ein paar Freunde, die ich manchmal treffe. Musik, Netflix und solche ganz normalen Dinge runden meinen Tagesablauf ab. Normal, das bin ich aber nicht und war es auch nie. Vor allem die Jahre seit 2012 waren alles andere als leicht für mich. Nach vielen Jahren, in denen es mir einfach nicht so toll ging, bin ich 2012 zusammengebrochen und bekam die Diagnose einer schweren Depression. 2013 folgte die Diagnose des Asperger-Syndroms, die wahnsinnig viel erklärte und erst einmal für Aufwind sorgte. So nach dem Motto juhu, endlich weiß ich, dass ich wirklich anders bin und dass das okay ist!. Das hielt allerdings nicht lange - schnell kam die das bleibt also für immer so-Ernüchterung mit Blick auf die belastenden Symptome des Asperger-Syndroms. Auch für die Behandlung der Depression stellte sich der zusätzliche Autismus (heute unterscheidet man nicht mehr wirklich zwischen Kanner und Asperger, beides ist Autismus) als Hürde heraus: Gruppentherapien und Speisesäle in einer Klinik? Die Hölle! Verhaltenstherapeutische Schema-F-Vorgehensweisen? 2 Therapieabbrüche. Es stagnierte also alles mal munter vor sich hin, während ich bis heute um die 20 Medikamente ausprobiert habe. Die Kurzzusammenfassung der Liste lautet: Nichts für mich, auch wenn sich ein, zwei Bedarfsmedikamente fanden. Eine antidepressive Dauermedikation war nicht umsetzbar, weil ich in so gut wie allen Fällen enorme Nebenwirkungen hatte und bei den wenigen verträglichen Medikamenten die Wirkung ausblieb. Irgendwann reichte es mir damit aber auch. 2014 begann ich dann meine dritte ambulante Psychotherapie, dieses mal bei einem Arzt mit tiefenpsychologischer Zusatzausbildung. Mein Hausarzt, der mich seit Beginn meines Krankheitswegs intensiv begleitet, hat mich zu diesem dritten Therapeuten vermittelt und endlich passte es dann wirklich. Der Therapeut macht alles mit mir, nur nicht das, was man sich so klassisch unter einer tiefenpsychologischen Therapie vorstellt - er geht ganz einfach auf das ein, was ich kann, mir wünsche und was zu mir und meinem vollständigen Problembild passt. Und es hat funktioniert! Ein Jahr nach Therapiebeginn konnte ich Anfang 2015 wieder arbeiten gehen, im Sommer 2015 konnte ich mein Studium endlich fortsetzen.

Und dann kam es doch anders. Im Sommer 2015 folgte ein retraumatisierendes Ereignis, das mir eine Menge verdrängter Erinnerungen zurück brachte - und die Diagnose der posttraumatischen Belastungsstörung. Danach musste ich mein Studium erneut für einige Monate unterbrechen. Kurz danach verließ mich mein Freund nach 6,5 Jahren Beziehung. Noch eine Krise. Und jetzt ist mein Studium vom Scheitern bedroht, nachdem ich lange darum gekämpft habe und mein jetziger Arbeitgeber mir trotz meiner Studiendauer (Langzeitstudium) eine Perspektive bietet. Nur mit Abschluss, versteht sich. Das alles mündete im vergangenen halben Jahr darin, dass sich das Thema der Angst, das zwar immer latent vorhanden war, aber nie eine eigene Diagnose brauchte, verselbstständigt hat. Seitdem habe ich dann auch eine Angststörung und... nun... es ist bescheiden, aber das muss ich euch wohl nicht erst erzählen. Die Depression schränkt mich nur noch sehr bedingt in meinem Leben ein, mit dem Autismus habe ich inzwischen einen halbwegs akzeptablen Umgang entwickeln können - und jetzt laufe ich gegen neue Wände, weil die Angst nun mal plötzlich eine Intensität hat, mit der ich nicht zurecht komme. Es ist einfach nur noch anstrengend. Heute Abend haut mich beispielsweise die Angst vor dem morgigen Tag um: Ich habe eine Mandelentzündung, die Sorte bei der man ein Antibiotikum braucht. Das wurde mir Freitag verschrieben; eine Krankschreibung habe ich aber nicht sofort mitgenommen. Jetzt, wo ich weiß, wie unschön das Anitbiotikum sich auf meinen Magen auswirkt, weiß ich aber, dass ich morgen nicht arbeiten kann. Und schon dreht sich die Angstspirale: Was, wenn ich für den Krankheitstag gefeuert werde? (Unsinn, sagt der rationale Teil meines Verstandes, weil ich ja gut in meinem Job bin und wirklich nicht oft krank bin, trotz all meiner Probleme). Was, wenn mein Hausarzt mir keine Krankschreibung gibt? (Doppelter Unsinn, ich kenne den doch und weiß, dass der mir helfen will, sagt die Vernunft). Kurz: Was, wenn in zwei Minuten die Welt untergeht und ich sie einhändig im Kopfstand retten muss? Das absurde ist, dass ich genau analysieren kann, wo genau die Angst unsinnig ist. Und dass es einfach nicht hilft. Generalisierte Angst halt: Ich denke an etwas und es macht mir Angst, weil die Angst ja eh gerade schon mal da ist.

Ich habe gar kein akutes Anliegen an euch, ich freue mich einfach darauf zu lesen, wie andere mit solchen Problemen umgehen. Das Konzept des nicht alleine seins liegt mir immer am besten, wenn es virtuell stattfindet Ich bin noch immer in therapeutischer Behandlung, habe noch immer einen Berg an Problemen zu bewältigen (und den hier sogar nur angeschnitten, da wären ja auch noch die Schmerzen und... ach... so viel) und bin sehr auf den Austausch in diesem Forum gespannt.

LG,
Chaosdenkerin

22.05.2016 21:36 • 23.05.2016 #1


2 Antworten ↓


Vergissmeinicht
Hey Chaosdenkerin,

guter Nickname bei der Vorgeschichte. Begrüße Dich ganz lieb bei uns.

Hut ab. Mit Autismus studieren; eine Beziehung führen... schon eine Leistung.

Deine Zeilen lesen sich selbstbewusst und rund und von daher freue ich mich auf weitere Beiträge von Dir. Letztlich hast Du das volle Progamm wie Depri, Autismus, PTB udn nun die Angst.

Hoffe, wir alle können Dir hier ein wenig helfen.

23.05.2016 05:14 • #2


Hallo Vergissmeinicht,

danke für deine Antwort! Das Studium ist eine ganz schöne Leistung und gerade ein immenser Kraftakt, ja. Die Beziehung hingegen... es ist wohl gut, dass sie vorbei ist, auch wenn das Ende hart war. Gesund war wenig an der Beziehung und am wenigsten mein Ex-Partner, der eine Reihe von Persönlichkeitsstörungen kultiviert und ungebremst an mir ausgelebt hat. Ich fürchte, nach der ersten Verliebtheit war das alles mehr von Abhängigkeit geprägt als dass es eine echte Beziehung gewesen wäre. Irgendwann wurde ich aber aufmüpfig, woraufhin er mich weggeworfen hat wie eine heiße Kartoffel. Naja, es ist vorbei.

LG,
Chaosdenkerin

23.05.2016 14:26 • #3




Mira Weyer