Hi Schlaflose,
ich finde deine Beiträge sehr interessant, was wohl daran liegt, dass meine Ängste nach sehr vorsichtiger Selbsteinschätzung sehr in Richtung ÄVP gehen.
Ich musste allerdings vor einigen Jahren erst lernen meine Ängste als Teil meiner Persönlichkeit anzunehmen, weil ich sie, und damit mich selbst, vorher so extrem abgelehnt habe. Diese Ängste als Teil der Persönlichkeit anzunehmen hilft sehr dabei diese Ängste nicht mehr so extrem negativ zu sehen.
Ich finde besonders interessant, dass du inzwischen auch positive Aspekte deiner Ängste erkennen kannst. Dies war für mich auch ein wichtiger Schritt, um den Leidensdruck abzubauen - man erkennt endlich Sinn hinter diesen so sinnlos erscheinenden Ängsten.
Ich weiß jetzt nicht, ob ich überhaupt weiter schreiben darf, weil ich dich nicht verunsichern möchte oder irgendwelche negativen Gefühle wecken will.
Mir scheint nur, dass du mit dem jetzigen Zustand zufrieden zu sein scheinst und deine Ängste als letztlich unüberwindbar betrachtest, da sie ja zu deiner Persönlichkeit gehören - du hast deinen Frieden mit der Angst gemacht und lebst jetzt mit ihr.
Dies ist jetzt nicht irgendwie negativ oder überheblich gemeint, es geht mir nur um den Unterschied zwischen deinen und meinen Ängsten, den ich damit besser verstehen will.
Ich betrachte meine Ängste zwar auch als Teil meiner Persönlichkeit, aber eben nicht als unabänderlich und unüberwindbar. Eine gewisse angeborene Veranlagung für diese Ängste scheint zwar tatsächlich vorhanden zu sein, aber im Grunde ist diese Angst für mich erlernt und somit überwindbar.
Aus diesem Grund hinterfrage ich auch solche positiven Aspekte der Angst ,die ich nur zu gut kenne und die ich auch nicht alle aufgeben möchte. Deine weiter oben genannten konkreten Beispiele für diese positiven Aspekte der Angst kenne ich sogar sehr gut, aber ich erkenne darin inzwischen nur noch Angst- und Vermeidungsverhalten.
Zitat von Schlaflose:-ich habe Angst vorm Autofahren, deswegen fahre ich meist mit dem Zug und habe so ein viel geringeres Risiko, einen Unfall zu haben. Wennn ich Autofahren muss, dann bin ich sehr vorsichtig, fahre nie zu schnell, fahre defensiv.
Mit einen Unfall muss man leider immer rechnen, da kann man noch so vorsichtig und defensiv unterwegs sein. So zu fahren ist zwar grundsätzlich richtig, aber die Angst wird immer dafür sorgen, dass man ein unsicherer Fahrer bleibt, was das Unfallrisiko dann wieder erhöht. Dazu kommt noch, dass man im Ernstfall, also bei einem Unfall, dies psychische sehr viel schlechter verkraften kann.
Zitat von Schlaflose:- ich habe Angst vor Armut, deswegen bin ich immer sparsam, schmeiße mein Geld nicht zum Fenster raus, mache keine Schulden, gehe keine riskanten Geschäfte ein.
Vor Armut kann man sich letztlich nicht wirklich schützen, da wäre ein selbstbewusster Umgang mit Geld, Krediten und Schulden eigentlich ein besserer Schutz.
Zitat von Schlaflose:- ich habe Angst vor Beziehungen, hatte noch nie einen Partner. Dadurch bin ich völlig frei, kann tun und lassen, was ich will, kommen und gehen, wann ich will, brauche niemanden über etwas Rechenschaft abzulegen. Ich bin völlig autonom, kann alles selbst machen, angefangen von der Steuererklärung über Behördengänge, Handwerker bestellen usw. Ich kann meine Entscheidungen treffen, ohne andere um Rat zu fragen, bin von niemandem abhängig. Wenn ich etwas kaufe, weiß ich immer genau, was ich will, was mir gefällt, brauche keine Bestätigung von anderen, ob ich es kaufen soll oder nicht.
Da ich wegen dieser Ängste nie eine Beziehung hatte kenne ich diese Gedanken leider sehr gut, aber mir ist inzwischen auch bewusst, dass dies eine extreme Selbstlüge ist, um meine Einsamkeit klein zu halten.
Diese Freiheit ist doch letztlich ziemlich leer, weil man sie nicht selbst wählen konnte, sondern weil sie einem von der Angst aufgezwungen wird.
Ich denke mir, dass an einer Beziehung gerade diese gewisse Abhängigkeit auch schön sein kann, weil man eben nicht alles alleine entscheiden muss, weil man auch mal jemanden um Rat fragen kann oder weil man auch mal eine kleine Bestätigung bekommt.
Von niemanden abhängig zu sein bedeute ja letztlich auch, dass es niemanden gibt, der sich für einen interessiert oder für den man wichtig ist.
Zitat von Schlaflose:- ich habe Angst davor, mich zu blamieren oder kritisiert zu werden, also überlege ich ich sehr genau, was ich tue, bin fleißig, bereite mich auf alles besonders gut vor, bin zuverlässig, gewissenhaft usw. damit es keinen Grund zur Blamage oder Kritik gibt. Dadurch mache ich einen selbstbewussten und Eindruck, obwohl genau das Gegenteil der Fall ist.
Diesen von dir genannten positiven Aspekt der Angst halte ich inzwischen für einen der schlimmsten negativen Aspekte meiner Ängste, und ist eigentlich nur eine reines Angstverhalten.
Meine Ängste beruhen zum großen Teil darauf, dass ich Angst davor habe/hatte, mich zu blamieren oder kritisiert zu werden.
Das damit verbundene Angstvermeidungsverhalten erscheint oberflächlcih sehr positiv, aber in Wahrheit ist es das Schlimmste, was man sich antun kann.
- man lernt auf diese Weise nie mit Blamage und Kritik umzugehen
- man neigt zu über perfektem Verhalten und überzogenen Selbsterwartungen
- Wenn man diese Erwartungen nicht erfüllt, dann folgen meist Selbstvorwürfe und Selbstzweifel.
- Man ist für andere sehr leicht aus nutzbar, weil man gefallen möchte.
- man wird von anderen nicht wirklich als vollwertig respektiert, da man aus nutzbar ist
- man hat ständig Angst davor, dass andere das schwache Selbstbewusstsein durchschauen können.
- man hat Angst vor den eigenen Fehlern und Schwächen, weil man nie gelernt hat dazu zu sehen und damit selbstbewusst umzugehen.
- man kann den Menschen nie wirklich in Augenhöhe begegnen, weil man deren Kritik und Ablehnung führtet.
Ängste haben ihre positiven Seiten, aber bei sehr genauer Betrachtung können auch oberflächlich betrachtete positive Seiten sehr negative Seiten sein, die einem dann in der Angst festhalten.
Ich hoffe, dass ich jetzt keine negativen Gedanken und Gefühle bei dir geweckt habe, aber für mich ist dieser Unterschied in den Sichtweisen irgendwie interessant und zeigt mir, dass ich irgendwie auf dem richtige Weg bin.
Ich denke, dass ich meine Ängste auch mal hasse, bedeutet inzwischen nur, dass ich sie eben mehr und mehr durchschaue und ihre Macht in meiner Persönlichkeit verringern will.