Angst ist eine Sonderform des Stresses. Angst und Stress enztshehen im limbyschen System, genauer im Mandelkern und setzen das Hormon Cortisol frei, was seinerseits den Neurotransmitter(NT) Noradrenalin(NA) ausschüttet. NA ist der Kampf/Flucht-NT: es macht dich zwar wach, aber auf eine auf lediglich Automatismen-Zurückgreifende Art: hochkonzentrierter Tunnelblick.
Da ist kein Platz für Analysen, Teetrinken und kreative Lösungen suchen, da gehts ums *beep* Überleben. Alles "störende" wird in diesem Moment ausgeblendet. Kompletter Blackout der restlichen Kognition.
Evolutionsbiologisch macht das Sinn: Wenn ein Tiger rechts vor dir steht, dürften zu analysierende Optionen und kreative Wahlmöglichkeiten eher hinderlich sein, stattdessen springst du semibewusst einfach nach links. Noch besser wäre ihn auf deine Speerspitze springen zu lassen, das schützt dein Leben UND verschafft dir Nahrung.
Das ist auch schon ne kreative Handlung? Ja, aber lange genug geübt, kann sie deinen ursprünglichen Automatismus (so schnell wie möglich weg) überschreiben.
In der heutigen Zeit macht das auch Sinn: Wenn ein Auto neben dir hupt, weil du über deine SP sinnierend die rote Ampel übersehen hast, ist dein Kopf urplötzlich völlig frei von SP. Da betrachtest du nicht lange die Rahmenbedingungen und wägst lange den seltsamen Eindruck beim den du beim weghechten hinterlassen könntest vs. *beep* überleben ab. Es gibt ne Hierachie der Ängste.
Soweit so sinnvoll. In Prüfungssituationen (und für SPler ist wohl nahezu jede soz. Interaktion eine solche), entsteht unsinniger Weise der gleiche Regelkreislauf: Mandelkern an Nebenniere - Cortisol - NA - Fokussierung auf Kampf/Flucht - ergo Blackout.
Und das ist der schlechten Nachrichten noch nicht alles: Findet keine Kampf/Flucht Handlung oder anderweitiger Stress- und somit Cortisol-Abbau durch Entspannung (zufriedenes Lösen / Umbewerten der Situation) oder durch körperliche Aktivität statt, verbleibt das Cortisol über seine normale Halbwertzeit im Körper und produziert Glukortikoide und jetzt wirds echt schlimm: Glukortikoid ist ein Neurotoxin. Ein Hirnzellen-Serienkiller, namentlich im Hippocampus.
Im Gegensatz zum kurzfristigen ("abreagierten") Stress (Angst), welcher nur temporäre "Blackouts" (Fokussierung aufs "Überleben") produziert und somit keinen (zumindest direkten) Langzeiteffekt hat, ist Langfrist- oder gar Perma-Stress nicht reversibel. Der Hippocampus wird sukzessive zerschossen.
Aber, und jetzt kommt die frohe Botschaft, der HC ist eine Region in welcher Hirnzellen (also komplette Neuronen) via Stammzellen-Genese nachwachsen können. Jedoch dauert der Nachwachsprozess ca. 6 Wochen und ausserdem will die Hardware auch mit SW bespielt werden, ansonsten ist sie nutzlos, frisst nur Energie und wird aktiv eleminiert.
Der HC ist übrigens ein äusserst wichtiges Areal, er ist die Verteilereinheit, unser Logistikzentrum. Er entscheidet welche Infos in den Cortex gelangen und wo abgelegte Infos zu suchen sind um sie wieder abrufbar zu machen. Er ist auch für das Arbeitsgedächtniss (unser RAM) elementar oder kann gegebenenfalls als solches dienen. Führt hier wohl etwas zu weit, aber ihr habt das ungefähre Bild.
Jedenfalls weil er so wichtig und so schnell angreifbar ist (vielleicht ein Schutzmechanismus, damit Traumata nicht so schnell ins Langzeit gelangen?? - reine Hypothese), wachsen hier komplette Neuronen nach. Allerdings nur bei "Bedarf". "Bedarf" wird erzeugt indem man sein Hirn nutzt, es füttert, am besten mit komplett neuen Lerninhalten wie neue Sprache, neues Instrument, neue Tanzschritte, neue Menschen... und das am besten mit Begeisterung. Motivation und Begeisterung setzt Dopamin und Acetylcholin frei, 2 NT die zum Konsolidieren von Lerninhalten massgeblich sind.
Auch Sport und jede körperliche Bewegung, die intensiver als das Fernbedienungsdrücken ist, regt nachweislich die Neurogenese an.
Um den Neurogenese-FX nun aber nicht instantan durch neuen Dysstress zu torpedieren, gilt es diesen im Idealfall weitgehend zu umschiffen. Aja, und wie? Tja, da könnte ich auch nur mit Apotheken-Rundschau-Tipps dienen, weshalb ich es lasse. Ich kann aber ergänzen: Stress ist, was wir dafür halten. Eine kognitive Uminterpretation der Situation (im Vorfeld, während akutem Stress, da Tunnelblick, unmöglich) kann da tatsächlich helfen. Hier kommt ein anderer Begriff ins Spiel: Neuroplastizität.
Das Hirn lernt peramanent. Selbst im Schlaf. Das ist nicht nur seine Leiblingsbeschäftigung, es kann garnicht nicht anders. Jeden Augenblick erhalten wir über unsere Sinneskanäle Input. Tausende pro Nanosekunde: Die Körpertemperatur im linken Fuss, am rechten Ohr, das Kratzen des Pullis am Hals, das Babygeschrei 3 Stockwerke höher, die beschleunigte Kawasaki 2 Nebenstrassen weiter, den Nachrichtensprecher im Hintergrund, die Rückmeldung des Ausatmens der Lunge, das grelle Licht der Sonne.... und den Text den wir gerade lesen, auf den wir uns aber nicht richtig konzentrieren können, weil die Blase schon länger Entleerungsbedarf anmeldet, wir aber 100fach entschieden haben, dass es JETZT noch nicht so dringend ist... All das und noch unvorstellbar mehr "verarbeiten" wir in einer einzigen Sekunde. Das meiste von dem fleigt unbewusst und nicht höherprozessig bearbeit instantan wieder raus, trotzdem könnten wir in diesem Moment "lernen" das wir das nächste mal keinen Pulli aus Merino-Wolle kaufen und vielleicht morgen besser dickere Strümpfe anziehen...
Das meiste "Lernen" findet also implizit statt. Komplett nebenbei, durch Erfahren, Beobachten, Spielen, Nachmachen... und nur das wenigste explizit, durch x-fache Wiederholung, bewusstes vernetzen mit alten Erfahrungswissen oder mehrfaches Durchdenken bis zum Klick, wie vokabelpauken, flugbahneinschätzen beim Jonglieren, überwinden der Gravitationskonstante beim laufenlernen, studieren der Waschmaschinenanleitung... oder eben Aussetzen seiner Ängste und Befürchtungen beim Desensibilitätstraining.
In jeder Sekunde verändert sich unser Hirn und zwar auf Hardware-Ebene. Benutzte Synapsen werden verstärkt, ungenutzte abgeschwächt, neue Neuronen entstehen, alte werden aktiv eleminiert, ständig finden Grenzverschiebungen bei um Kapazität konkurierenden Arealen statt... und es ist immer der Input + die Bewertung desgleichen, der bestimmt wie die Architektur sich entwickelt.
Wer sich oft mit seinen Ängsten beschäftigt, verstärkt diese. Jedes Durchdenken potentieller Gefahren oder mentale Wiederholung real erlebter Gefahren (negativer Situationen, Traumatas, erschreckender Erlebnisse, Versagensgefühlen....) graviert den Pfad immer tiefer. Irgendwann wird der Pfad zur Strasse, zur Superstrada, zur 12spurigen Autobahn. Immer mehr Assoziationen werden mit dem Negativum gekoppelt. Alkis werden nicht nur vom Geschmack des Bieres durstig, da reichen die Nomen B. oder Kneipe, vielleicht ein Fussballmatch im TV, die Farbe Grün, lautes Lachen, der Anblick eines Cola-Kronkorkens, das Hören des Vornamens eines Trinkkumpanen, ein bestimmtes Tapetenmuster, ein voller Aschenbecher.... alles was nur einige male mit Trinkgenuss in Verbindung gebracht wurde, triggert auch isoliert den Trinkwunsch. Je öfter und direkter desto stärker: irgendeine Kneipe erzeugt vielleicht nen mittelstarken Wunsch, DIE Kneipe aber ein kaum händelbares Verlangen.
Das ist der Nachteil der Neuroplastizität. Egal wie der Input aussieht, wie negativ das Erlebte ist, es wird (sofern es von uns irgendwie von Belang ist - ergo wenn ein Gefühl dabei ist!!!) fleissig in unserer Architektur verbaut.
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ups, Leute bin ein bissl ausgerutscht... wird ganz schön lang, bnei Interesse lass ich nen 2ten Teil folgen, den die NP hat im Umkehrschluss auch ihere positiven Seiten.
Bin übrigens kein SPler, auch kein Sonstwie-Phobiker, jedenfalls nicht im pathologischen Sinne, mein Problem ist eher die Angst, das ich einer werden könnte, führt jetzt aber zu weit;)
Schnell noch ein Wort zum Stress: Er lässt sich leider zu oft nicht vermeiden. Wenn das so ist und keine natürliche Abreaktion erfolgt solltet ihr euch "künstlich" abreagieren: Schreien, 20 Liegestütze, Sandsackbearbeiten, notfalls aufn Firmenklo 100 Kniebeuge... das Cortisol so schnell wie möglich raus und die Gedanken so schnell wie möglich entsorgen.