Hallo Leute!

Auch Ich litt lange an einer Art Sozialphobie. Bereits als kleines Kind habe Ich gedacht, Ich wäre anders als andere Leute und habe mich so geschämt dafür, dass Ich am liebsten alleine war und wenn Ich in Gesellschaft war, Ich niemals das machte, was Ich wirklich wollte, sondern nur dass, was Ich meinte, tun zu müssen. Wenn Ich dann später doch mal mit Freunden in die Disco ging, drehten sich teilweise alle meine Gedanken nur darum, nicht aufzufallen. (habe z.B. gesucht nach Leuten, die genau so angezogen sind wie Ich). Ich dachte auch viel an Selbstmord. Und auch noch vor ein paar Jahren bekam Ich im Supermarkt Schamgefühle.
Nun bin Ich 27 und führe ein (scheinbar) normales Leben, nicht zuletzt durch eine Therapie. Ich traue mich unter Menschen und kann die wichtigsten Dinge des Lebens regeln.

Nur wenn Ich über mein Leben nachdenke, bekomme Ich Depressionen. Wenn Ich an all die verpassten Chancen denke, wenn Ich an alle nichtgemachten Erfahrungen denke und wenn Ich dann noch daran denke, dass meine Jugend bald zu Ende geht, werde Ich verzweifelt. Ich hatte beispielsweise noch wenig Kontakt zu Frauen. Und Ich habe das schreckliche und erdrückende Gefühl, niemals wirklich Ich gewesen zu sein und wünsche mir manchmal, noch einmal ein kleines Kind zu sein.

Vielleicht gibt es hier ja jemanden, der eine Sozialphobie überwunden hat und in ein ähnliches Stadium gekommen ist wie Ich. Wie geht es Euch allen, wenn Ihr an die durch Sozialphobie verpassten Chancen Eures Lebens denkt?

19.03.2002 13:01 • 19.06.2002 #1


27 Antworten ↓


Hallo Chris,

ich werde im nächsten Monat 29 Jahre alt. Ich stecke noch mitten in der Sozialphobie drin. Mei mir begann sie im letzten Jahr im Mai. Ich ging durch die Stadt und bekam plötzlich eine Schwindelattacke, mir wurde übel, ich konnte kaum noch laufen, meine linke Hand war fast taub und ich dachte, dass war es wohl. Ich bin sofort zum Internisten gefahren worden. Meine Blutwerte waren nicht gut, d. h. der unter Wert war viel zu hoch. Mein Blutzuckerspiegel war auch viel zu hoch. Es bestand der Verdacht auf einen Schlachanfall. Jetzt, fast 1 Jahr noch meiner Erkrankung fühle ich mich immer noch schlecht. In meinem Job als Verwaltungsangestellte mache ich jetzt eine stufenweise Wiedereingliederung. Ich werde von allen Kollegen gemieden und dadurch wird meine Phobie noch viel schlimmer. Ich leide schon wieder sehr und habe es jetzt beruflich nur mit psychisch kranken Jugendlichen zu tun. Ich bin jetzt nämlich im Jugendamt eingesetzt worden und darf nur noch Diktate (d. h. Phonotypistin) schreiben. Ich komme mir dabei ziemlich gedehmütigt vor. Hast du einen Rat? Bitte melde dich bei mir.

Birte

20.03.2002 14:05 • #2


Hallo Chris,

studierst du und verbringst gerade deine Mittagspause im Internet und guckst, vielviel kranke Leute es gibt? Sag nicht, dass du Medizin studierst und irgendwann einmal Psychotherapeut werden möchtest und dir schon deine ersten Patienten suchst. Bitte denke nicht, dass ich total durchgeknallt bin. Mir geht es nur zurzeit schlecht, ich habe langeweile und möchte nicht immer nur in meiner Freizeit putzen und waschen, wenn du das verstehen kannst. Ich werde gleich erst einmal ein bisschen nach draußen gehen und die Natur genießen. Vielleicht verschwinden meine Kopfschmerzen dann von ganz allein.

Birte

20.03.2002 14:22 • #3


Hallo Birte,

auch ich bin in der Sozialphobie gefangen, versuche aber irgendwie, mit meiner Selbstheilungsmethode damit klar zukommen. Das funktioniert mal besser mal schlechter.
Im Moment wieder schlechter.
Ich möchte am liebsten nur Schlafen und von der Aussenwelt gar nichts mitbekommen.
Ich habe bzw. ich kann zur Zeit keinen Job ausüben. Ich lebe aber nicht auf Kosten des Staates sondern lebe von meinem Ersparten.
Ich wollte mich letze Woche doch tasächlich aufmachen, nun endlich weider meiner Tätigkeit nachzukommen, da überfielen mich die großen Selbstzweifel.
iCH HABE ES GELASSN; ALSO WIEDER VERMIEDEN:Ein Rückschritt?
Vermeidest Du denn irgend etwas in Deinem täglichen Tun?
Das Du täglich zu Deiner Arbeit gehst und diese Kassetten niederschreibst, dass bewundere ich.
Auch weil es Dir eigentlich zu wieder ist.
Bleibe dran, es kommen bessere Zeiten. Deine Arbeitgebr sehen, dass Du auch den schei. aushalten kannst, denn das wissen Deine Kollegen, das diese Schreibarbiet nicht gerade erfüllent ist.
Und wenn sich, ich weiss ja nicht wie lange Du diese Arbeit ausführen sollst, bis zum Tag an dem Du in einen anderen Verwaltungsbereich eingesezt werden sollst, nichts ändert, dann nehme Dir allen Mut zusammen und gehe zu Deinem Vorgesetzten. Er sieht dann auch, das die Wiedereingliederung bei Dir Früchte getragen hat.
Ich wünsche Dir viel Glück und Kopf hoch, mache das beste draus.
Gruß Tami

20.03.2002 15:30 • #4


Hallo Tami,

ich finde es total lieb von dir, dass du mir geantwortet hat. So etwas motiviert mich wieder und baut mich auf. Ich finde es gut, dass du es genauso siehst wie ich. Du wirst auch bestimmt wieder aus diesem Tief herauskommen und neue Arbeit finden. Ich weiss und kann besonders mitfühlen wie es ist, keine Arbeit zu haben. Ich war 9 Monate arbeitsunfähig und mache jetzt seit dem 01.03.2002 diese Wiedereingliederung. Ich hatte davor einen viel besseren Arbeitsplatz in der Verwaltung. Ich war stellvertretende Chefsekretärin und komme mir jetzt leider wie auf dem Abstellgleis vor. Die Kollegen meiden mich und wollen auch nichts mit mir zu tun haben, weil ich unter dieser Sozialphobie immer noch leide. Ich bin wirklich jeden Tag froh, wenn die 2 Stunden rum sind. Dann ist für mich meistens der ganze Tag gelaufen. Das ist reinster Psychoterror aber ich halte hoffentlich durch. Ich habe schon wieder Migräne und auch diese bleiende Müdigkeit, sodass ich nur noch schlafen könnte bzw. nachts überhaupt kein Auge zutun kann. Ich hoffe nicht, dass diese Wiedereingliederung bei mir wieder schwere Depressionen auslöst. Ich muss es schaffen. Ich darf diese Arbeit auf keinen Fall verlieren, weil ich finanziell sehr dringend auf das Geld angewiesen bin. Ich muss nämlich auch Miete bezahlen. Ich verkrieche mich nach der Arbeit immer gleich zu Hause. Ich gehe nicht ans Telefon, fahre nicht zum Einkaufen usw.. Du siehst, dass ich auch noch ganz schön krank bin. Mal geht es besser und dann bin ich wieder total down.

Birte

20.03.2002 17:07 • #5


Hi Birte!
Tut mir leid, dass Ich so lange auf die Antwort hab warten lassen, aber Ich war bislang noch nicht wieder im Netz. Ich studiere, ja, aber nicht Medizin und auch sonst nichts, was im entferntesten mit Menschen zu tun hat, eher etwas Trockenes.
Dass Dich im Job alle meiden, ist natürlich extrem blöd, denn der Job beschäftigt dich 8 Stunden am Tag
Es gab durchaus Phasen in meinem Leben, in denen ich auch das Gefühl hatte, alle sind gegen mich (wenn Ich da nur an die Schulzeit denke) und Ich weiß, wie schwierig es ist, sich klarzumachen, dass man ein normaler Mensch ist, wenn einem alltäglich das Gegenteil vermittelt wird. Bei mir sitzt auch jetzt noch ein Teil drin, der mir ab und an sagt, dass Ich schlecht bin und die alte Wut wieder hochkommen lässt.
Ich weiß nicht: Fühlst Du Dich fit, diese Situation zu ändern (neuer Job, neues Umfeld?)
Wenn ja, solltest Du es unbedingt versuchen!
Wenn nein, dann versuche wenigstens in Deiner Freizeit abzuschalten und versuchen, dich zu resozialisieren:
Tips, die Ich Dir hierbei dabei geben kann (ergänzend zu einer Therapie, ohne die hätte Ich es wohl auch nicht geschafft). sind:
1. Bücher über positives Denken lesen: (z.B. Chuck Spezzano: "Glücklichsein ist die beste Vergeltung": Hier lernst Du, einen Schlussstrich unter die grausamen Erlebnisse aus Deiner Vergangenheit zu ziehen))
2. Chatten und in Foren rumstöbern: So wie Du hier im Forum dich unterhältst (was Ich super finde), kannst Du Dich auch woanders, vielleicht zu anderen Themen, Dich unterhalten. Das Internet hat den Vorteil, dass man anonym ist: Schlüpfe doch mal in andere Rollen: Wirf brisante Thesen in politische Diskussionen ein, oder flirte ein wenig in Single-Foren. Wichtig ist dabei, dass Du versuchst Deinen Inneren Schweinehund zu überwinden.
Mir haben beide Sachen jedenfalls geholfen

Du bist bloß 2 Jahre älter und damit ja auch noch jung. Selbst wenn Du es nicht mehr schaffst, alle versäumten Erlebnisse aus Deiner Jugend nachzuholen, so ist es auch für Dich möglich, zu lernen, das Leben zu genießen. Glaube daran und glaube auch, dass die Arbeit, zu der Du jeden Tag gehst, nur ein winzig kleiner Teil der Realität ist. Es gibt noch viel mehr in der Welt als das Jugendamt, z.B. Leute, die genau solche Probleme wie Du haben.

30.03.2002 00:51 • #6


Hallo Chris!

Ich habe lange gedacht, ich hätte meine Jugend verpasst und könnte es nie nachholen und bin fast daran verzweifelt, dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann und nicht nochmal im Kindergarten anfangen kann.
Aber du hast noch genug Zeit, neue Dinge zu lernen und neue und schöne Erfahrungen zu machen. Es ist wichtig, dass man nach vorne schaut und nicht zurück. Bitte verbringe nicht die nächsten 53 Jahre deines Lebens mit negativen Gedanken, es reicht doch wahrlich dass du das in den ersten 27 Jahren schon gemacht hast Überleg dir was, das du in der nächsten Zeit gerne tun würdest, und mach es dann einfach, anstatt die nächsten Wochen (Jahre, Jahrzehnte) mit der-Vergangenheit-hinterhertrauern zu verbringen.
Lass die Vergangenheit los, dadurch gewinnst du die Zukunft.
Die Vergangenheit kannst du nicht ändern, aber deine Zukunft kannst du gestalten.
Bei mir hats geklappt.
Ganz selten hab ich noch wehmütige Anwandlungen oder bin sauer auf früher, und dagegen hilft es, die Energie auf die Gegenwart und Zukunftsplanung zu verwenden.
Dadurch wird man auch offen für die schönen, interessanten Dinge die in die eigene Lebensrealität reinwollen.
Ich habe ungefähr die gleiche Art Sozialphobie gehabt wie du, aber sie verschwindet immer mehr. Ich akzeptiere (schweren Herzens) die Vergangenheit und mein "früheres Ich" und lerne in der Gegenwart zu leben.
Leider wohne ich an dem Ort, in dem ich zur Schule gegangen bin, was mich schon belastet, da ich meine Schulzeit als furchtbar empfunden habe, und mich hier manchmal etwas an früher erinnert, aber ich werde in dem Punkt langsam gelassener und nach dem Studium ziehe ich wahrscheinlich eh woanders hin.

Liebe Grüsse,
Dani

08.04.2002 18:31 • #7


Hallo Chris,

ich möchte mich recht herzlich für deine e-Mail bedanken. Ich mache jetzt Tai Chi Chuan. Kennst du das. Solltest es auch mal ausprobieren. Es macht enormen Spaß. Leider findet es nur 1-mal die Woche statt. Der Kurs geht auch nur 1 Stunde. Die Teilnehmer sind überwiegend älter als ich. Sehr viel Frauen aber auch Männer. Ansonsten regt mich die Arbeit im JA immer noch auf und ich habe meine wöchentliche Arbeitszeit auf 30 Stunden reduziert. Das wirkt sich finanziell natürlich aus, aber ich bin froh, wenn ich mehr Zeit zum Abschalten habe, etwas Schönes kochen kann und Zeit für meine Katze habe. Ich hoffe, mein Leben so besser in den Griff zu bekommen und wieder ein glücklicher Mensch zu werden.


Birte

09.04.2002 13:04 • #8


Hi Birte!

Auch Ich freue mich, wenn Ich jemandem etwas schreiben kann, was ihn weiterbringt. Danke, dass Du mir dieses Erfolgserlebnis bescherst!
Das mit dem Tai-Chi finde Ich klasse!
Das Du Deine Arbeit reduziert hast, finde Ich auch gut. Natürlich. Dass du Selbstvertrauen gewinnst und ein glücklicher Mensch wirst, sollte Dir mehr bedeuten als das Geld, was Du dadurch verlierst.

Chris

10.04.2002 22:35 • #9


Hi Dani
Vielen Dank für Deine Antwort. Es ist gut zu wisse, das es Leute gibt, die es geschafft haben. Und inzwischen glaube Ich auch, Ich werde es auch schaffen.

Chris

PS: Welche Szenen aus meinem Leben kamen Dir denn bekannt vor?

10.04.2002 22:38 • #10


niedergeschlagenheit, wut, ohnmacht und sehnsucht ergreift mich wenn ich sehe, dass ich immer älter werde und die möglichkeiten immer weniger, wenn ich andere menschen beobachte und sehe wie sie sich weiter entwickeln, wenn ich vor dem fernseher sitze und sehe wie andere leben. neid und eifersucht überkommen mich und ich frage mich immer aufs neue warum ich nicht? warum bin ich so wie ich bin? ein unscheinbares nichts. und dann stehe ich manchmal alleine auf einem feld und fühle nichts.

11.04.2002 10:55 • #11


Zumindest gibt es andere Menschen, denen es genau so geht. Auch die übrigen Gedankengänge von Dir hatte Ich oft gehabt

11.04.2002 22:22 • #12


Ich dachte auch oft, Ich fühle nichts. Bis Ich drauf gekommen bin, dass Ich meine Probleme total verdränge. Und da bin Ich drauf gekommen, dass Ich, wenn Ich die negativen Gefühle alle zulasse, Ich auch wieder positive Gefühle spüren kann.

11.04.2002 22:26 • #13


Hi Chris!

Bereits als kleines Kind habe Ich gedacht, Ich wäre anders als andere Leute und habe mich so geschämt dafür, dass Ich am liebsten alleine war

Ich kenne auch das Gefühl, irgendwie anders zu sein. Das hatte ich auch schon als kleines Kind. Das Gefühl kommt manchmal heute noch. Und ich fühl mich dann im Vergleich zu anderen schlechter, weniger wichtig.

wenn Ich in Gesellschaft war, Ich niemals das machte, was Ich wirklich wollte, sondern nur dass, was Ich meinte, tun zu müssen.

Auch dass ich immer das gemacht habe, was ich dachte das das objektiv richtige sei, bzw. was andere von mir erwartet haben hat mir selten Gelegenheit gelassen, mir über meine Wünsche und Interessen klar zu werden. Ich habe zwar existiert, aber nicht mein Leben gelebt, da meine Handlungen nicht mir sondern den Erwartungen anderer entsprochen haben. Ich wollte es immer meinem Vater recht machen. Aber auch bei Gleichaltrigen habe ich versucht, mich anzupassen, mitzumachen.

Wenn Ich dann später doch mal mit Freunden in die Disco ging, drehten sich teilweise alle meine Gedanken nur darum, nicht aufzufallen. (habe z.B. gesucht nach Leuten, die genau so angezogen sind wie Ich). Ich dachte auch viel an Selbstmord.

Ich hab mich immer sehr als aussenseiterin gefühlt und im Alter von 18-21Jahren oft daran gedacht, nicht mehr weiterzuleben. Der Gedanke hat sich aber verselbstständigt und zwanghaft wiederholt auch wenn ich es gar nicht wollte. Aus Angst, dass ich mir unbewusst schaden könnte, (war unvorsichtig im Strassenverkehr) hab ich eine Therapie begonnen.

Nur wenn Ich über mein Leben nachdenke, bekomme Ich Depressionen. Wenn Ich an all die verpassten Chancen denke, wenn Ich an alle nichtgemachten Erfahrungen denke und wenn Ich dann noch daran denke, dass meine Jugend bald zu Ende geht, werde Ich verzweifelt. Ich hatte beispielsweise noch wenig Kontakt zu Frauen. Und Ich habe das schreckliche und erdrückende Gefühl, niemals wirklich Ich gewesen zu sein und wünsche mir manchmal, noch einmal ein kleines Kind zu sein.

Wie schon gesagt, unter dem Gefühl der verpassten Chancen habe ich lange gelitten, bis mir bewusst geworden ist, dass ich die vergangene Zeit nicht zurückdrehen kann, aber meine zukünftige Zeit mit meinen neu gewonnenen eigenen Wünschen gestalten kann. Mittlerweile räume ich sogar lieber die Wohnung auf als traurig über früher nachzugrübeln.
Ich kenne ein paar Leute die doppelt so alt sind wie ich (bin 24) und viel Spass am Leben haben und immer wieder vor neuen Chancen stehen und diese nutzen, das hat mir Mut gemacht, bei denen hat das Lebensglück nämlich auch erst im zweiten Anlauf geklappt, sie mussten auch erst erwachsen werden um zu sich selbst zu finden.

Ich wünsch dir ein schönes Wochenende!

Daniela

12.04.2002 14:59 • #14


Hllo Chris,
hast Du mehrere Tharapien hinter Dir?
Du scheinst sehr motiviert zu sein und sprichst auch sehr positiv.
Bist Du auch wirklich geheilt?
Ich schreibe das ein wenig unwirklich, aber man kann sich auch durch Verdrengung viel vormachen und dann so tun als ob man die phobie los ist.
Ich weiß wovon ich spreche. Außerdem sieht es mir niemand an, das ich an dieser Phobie leide, Ich spreche auch nicht mit vertrauten Personen darüber außer mit meiner Mutter. Das ist gut so, da ich nicht bemitleidet werde, sondern so angesprochen werde, wie ein Mensch, der ein Mensch ist. Ich glaube, dass die Konfrontation mit dem Leben hart ist, aber sinnvoll.
Meine Therapie neigt sich dem Ende zu, ich will aber eine weitere machen, die darauf aufbaut. Ich denke auch, dass es keine verpassten Chancen gibt. Denn es gibt nur Chancen wenn man bereit für sie ist. Es ist auch sinnvoll über die Vergangenheit nachzudenken, aber nciht nach angeblich verpassten Chancen zu kramen, denn dann würde man gar nicht der Mensch sein der man ist. Es gibt nur die Chance, die man für sich als Chance akzeptiert und diese dann annimmt und darauf was aufbaut und diese Chancen hast Du in Deinem Leben sicherlich oft angenommen. Ich spreche jetzt nicht über finanzielle Dingen. Aber über Gefühle, Menschen, Berufe, Ausbildungen, Erkenntnissse, Weiterbildungen, Liebesgeschichten, Trauer, Freude und ich könnte noch viel mehr schreiben, aber dann verphilosophiere ich mal wieder.
ich hoffe Du verstehst, was ich ausdrücken will.
Ich versuche den Tag als Chance zu nutzen, um diesen für mich sinnvoll zu gestalten und mit meiner Phobie darin klarzukommen und weiter an mir zu arbeiten um mal meine Ziele zu erreichen.
Ich freue mich über eine mail von Dir
bis bald Tami

13.04.2002 16:27 • #15


Hallo Daniela!

Vielen Dank für Deine Antwort. Du scheinst wirklich sehr viel Ähnliches durchgemacht zu haben

Besonders der Satz:
"Auch dass ich immer das gemacht habe, was ich dachte, dass das objektiv richtige sei, bzw. was andere von mir erwartet"
hat mir gefallen.

Auch Ich dachte, es wäre im Bereich des Möglichen, es allen Leuten, denen man begegnet, recht machen zu können und ich habe geglaubt, es gäbe eine absolute, objektive Wahrheit, auf die man zwangsweise kommen müsste, wenn man nur richtig nachdenkt. Eigene Meinungen und Gefühle habe Ich zwar gehabt, aber sie meist der zugunsten der Gewissheit, dass mein Gesprächspartner sich schon nicht täuscht, verdrängt.

Durch einige Aktionen in meinem Leben habe Ich klar und deutlich gemerkt, wie sich ganz plötzlich ein großer Teil meiner Ängste und Depressionen löste. Als Ich "Freunden" von mir das erste Mal klar sagte, dass mir etwas gewaltig auf die Nerven gingen, fühlte Ich mich z.B. ganz plötzlich freier. Oder als Ich bei Prüfungsvorbereitungen mal gemerkt habe, dass Ich doch in der Lage bin, 6 Stunden am Tag hochkonzentriert zu arbeiten. (eigentlich litt ich bis dahin an einer großen Konzentrations- und auch Motivationsschwäche).

Gab es bei Dir auch solche Momente, in denen Du in kurzer Zeit eine deutlich spürbare Genesung erlebtest? Und wann waren die?
Und was glaubst Du, war generell die bedeutendste Medizin, die Du benötigt hast, um die Sozialphobie und alle anderen psychischen Probleme zu überwinden?

Ich würde mich sehr, sehr freuen, wenn Du versuchen würdest, die beiden Fragen zu beantworten, denn diese Antwort könnte mir sicher bei der Bekämpfung der noch bestehenden Ängste zugute kommen.

Ansonsten wünsche Ich Dir ebenfalls noch einen schönen Sonntag. Und versuch, das Leben zu genießen

Chris

13.04.2002 21:02 • #16


Hi Tami!

Vielen Dank für Deine Mail! Ich philosophiere auch recht gerne, deswegen hätten mich Deine Ausführungen sicher gar nicht weiter gestört.

Bei mir war das folgendermaßen:
Mit 17-20 hatte Ich eine Therapie, die mich mehr nach hinten gebracht hat als nach vorne. Sowas gibt es auch. Ich hatte mich so gut wie gar nicht verstanden gefühlt und hatte selber auch gar nicht so recht mitgemacht.
Bis 24 hatte Ich eine regelrechte Therapieangst und hatte mich dem Wahn hingegeben, alle Probleme ganz alleine lösen zu können, bis Ich, als Ich es nicht mehr aushielt, doch einen Therapeuten angerufen habe, der mir bis dato auch recht gut geholfen hat

Bin Ich geheilt? Ich weiß nicht. Ich glaube nicht komplett, aber Ich bin in einer Phase, in der Ich sehr viele verdrängte Energie aus meiner Seele hinaushole.

Natürlich hast Du recht damit, dass man sich bezüglich psychischer Gesundheit viel vormachen kann. Und hier weiß auch Ich, wovon Ich spreche, denn meine Verdrängunskünste grenzten mit Sicherheit bereits Persönlichkeitsspaltung. Nur allzu oft habe Ich mir selber Erlebnisse als schön eingeredet, die Ich mit meinem Herzen nicht als solche empfunden habe (gerade in der Phase, als Ich alleine klarkommen wollte).
Dennoch denke Ich, gibt es Situationen, in denen man sich entscheiden kann, ob man eine Sache als positiv oder als negativ wertet. Wenn man sich in diesen Situationen sich immer wieder für das Positive (also für das innere Glück und positive Gefühle) entscheidet, werden irgendwann diese positiven Gefühle gegenüber den negativen überwiegen. Man muss sich nur vergewissern, ob diese Entscheidung für das Positive auch vom Unterbewusstsein akzeptiert wird.

Ebenfalls hast Du recht damit (falls Ich dich richtig verstanden habe), dass eine Selbstüberschätzung dazu führt, dass man in ein noch tieferes Loch fällt als das, in dem man vorher saß. Kritik an "positivem Denken in jeder Situation" ist auf jeden Fall angebracht.
Ich von mir glaube aber gar nicht, dass Ich nun der Supertyp werde, weil sich meine Sozialphobie gelöst hat. Das Einzige, was Ich von mir glaube, ist, dass Ich es schaffe, aus eigenen Kräften ein halbwegs glückliches Leben hinzubekommen. Und das ist, wie Ich finde, keine Selbstüberschätzung, denn Ich halte es für absolut real, dass Ich lernen kann, glücklich zu sein.

Die Energie, von der Ich oben erzählt habe, ist in jedem Falle positiv. Vielleicht ist sie eine Insel positiver Energie in einem Meer voller Unglücklichkeit, aber Ich glaube in jedem Falle, es ist ratsam, sich diesen Strohhalm zu ergreifen. Denn gibt es denn etwas Dümmeres als eine positive Empfindung, die eigentlich in einem steckt, nicht zu genießen?Irgendwann wird dann vielleicht (wie 2 Absätze drüber beschrieben) aus der Insel ein riesiger Kontinent wird und das Meer ein kleiner See.

Ich hoffe, das Ich jetzt nicht zu weit ausgeschweift habe. Kannst Du die Sachen, die Ich erzählt habe, denn einigermaßen nachvollziehen? Oder stehst Du zur Zeit vor ganz anderen Problemen?

Gruß
Chris

13.04.2002 22:20 • #17


Hallo Chris,
danke für Deine mail.
Ich habe allerdings ziemliche Probleme durch diese Phobie, die mich viele Dinge im alltäglichrn Leben nicht erledigen läßt.
Ich finde dies Krankheit ist wie ein Parasit.
Ich weiß, diese Krankheit soll man akzeptieren und mit Ihr leben.
Tja, was anderes bleibt einem auch nicht übrig.
Aber dadurch, dass ich berufliche Ziele anstrebe und diese zur Zeit nicht angehen kann ist es sehr belastent und die Depresssionen die daraus folgen machen einen noch fertiger.
Zur Zeit macht mir Kraft, wenn ich anderen helfen kann, die noch schlimmer dran sind als wir, sage ich mal dazu. In keinem Fall sage ich, das die Krankheit nicht ernst zu nehmen ist, doch manchmal bekommt es mir gut, wenn ich sehe, es gibt lebensbedrohliche Krankehiten, die man selbst nicht hat.
Positives Denken fällt mir immer dann schwer, wenn man versucht alles positiv zu sehen, finde ich, dann kommt das große schwarze Loch.
Jedoch ertappe ich mich dabei, wenn ich mit anderen Menschen zusammen bin, ihnen immer zu erzählen, wie positiv diese oder jene Sache ist.

Zur Zeit plagt mich noch der Heuschnupfen und versuche die daraus resultierende Bronchitis los zu werden.
Ich finde Deine mails ganz brauchbar. ( Sollte ein Kompliment sein.)
bis bald Tami

14.04.2002 17:00 • #18


Hallo Chris,

ich habe all die Gefühle, die Du beschreibst selbst auch, ein verpatztes Leben, das mich überall hin verfolgt und mir zu oft nicht getattet, meinen heutigen Erfolg und mein Glück wirklich zu genießen. Das Gefühl, sich verstecken zu müssen und sich selbst martern, weil man sich am Erfolg hindert. Viel zu hart arbeiten, weil man Liebe nur für Leistung bekommt ...

Aber soll ich Dir was sagen ? Was soll der schei. eigentlich, Mann ? Mit jeder Minute, in der Du deprimiert auf Deine inneren Bilder zurückschaust, verpaßt Du eine weitere. Ich habe Tausende verpasst. Aber mir reichts gewaltig. Ich hab' den Hals so voll, ich kann's Dir gar nicht sagen !

Ich bin zum ersten mal kurz davor durchzubrechen. Ich habe keine Lust mehr, immer so weiter zu machen. Ich mache gerade eine unheimliche Angst durch,weil ich sehe, dass der bisherige Berufsweg mit Familie mich kaputt macht, weil er mir nicht entspricht, ich aber den neuen noch nicht sehe. Na und ? Verdammt ? Ist das etwa nicht normal ?

Doch, Chris. Das ist vollkommen normal. Und wenn unsere Gesellschaft nicht so verdammt neurotisch geworden wäre, könnte man vielleicht noch offener darüber reden. - Wie schön ist es doch da, dass es dieses Forum gibt. Das ist wie in der Klinik (da war ich auch schon mal vor langer Zeit) man hat das Gefühl, dass irgendwie alle furchtbar darunter leiden, sie könnten der Norm nicht entsprechen. In Wirklichkeit haben doch alle Angst vor Ausgrenzung und Ablehnung. Nur dass der eine ein dickes Haus und einen dicken Zaun um seine Angst baut, damit ihn keiner sieht, der andere erstickt seine Angst in der Arbeit, im Erfolg, vielleicht sogar, in dem er andere mobbt und seine armseelige Macht auskostet. Doch frage ich Dich: Wer kommt denn in seiner Entwicklung wirklich weiter ? Die oder wir, die wir sensibel sind und unserer Angst ausgesetzt sind ? Wer ist auf dem Weg zur Gesundheit und wer macht sich gerade krank ? Ich will hier nicht proklammieren, dass ja alle "Normalen" krank sind, aber es sind derer viele ... , die bis zur Lieblosigkeit verdrängen, dass wir uns alle gegenseitig brauchen und verletzbar werden, wenn wir es zugeben.

Also: Kopf hoch, Chris. Das was Dich krank macht ist eine Deiner wertvollsten Eigenschaften. Du mußt lernen, Deine Fähigkeiten zu entwickeln, Dich selbst zu lieben und Dich selbst zu beschützen. Möge die Angst Dir dabei helfen !

Grus, Rudi

18.04.2002 01:47 • #19


Hi Tamara!

Ich versuche auch oft, mich in den Schatten eines noch Kränkeren zu stellen. Das tut mir für den Moment immer ganz gut, hilft aber auf die Dauer nicht weiter. Oft kam Ich mir in solchen Situationen total gesund vor und die anschließende Erkenntnis, dass Ich auch nicht viel besser bin als der, über den Ich mich stellen wollte, hat mir danach sehr zu schaffen gemacht. Manchmal schiel es mir auch im Nachhinein, als sei nur der Kränkere. Oft habe Ich zum Beispiel auf Leute herabgeguckt, die ihr Leid an die große Glocke hingen, bis Ich merkte, dass es eigentlich viel schlimmer und auch dümmer ist, es ständig für sich zu behalten wie Ich es getan habe. Ich bin inzwischen zu dem Ergebnis gekommen, dass es besser ist, seine eigenen Fehler sich einzugestehen und versuchen, sie zu akzeptieren als zu versuchen, sie in den Schatten größerer Übel zu stellen. Ein wichtiger Schub für meine Genesung kam wirklich, als Ich mich loslöste von dem inneren Zwang, doch wenigsten besser als der oder der zu sein Ich habe halt meine Probleme und andere Leute haben Ihre. Und jeder stellt auf seine Weise sicher ein Extrem dar. Warum sollte man die unterschiedlichen Ausprägungen werten?

Das Wort krank benutze Ich heutzutage eigentlich nicht mehr so gerne. Es ist aber das richtige Wort, um meine Empfindungen darzustellen

Was sind denn die konkreten Gründe für die Angst, wenn Du unter Leuten bist.
Glaubst Du, alle anderen Menschen gucken auf Dich, weil Du dich auffällig benehmen könntest?
Glaubst Du, die Leute könnten Geschichten über Dich kennen, die Dir peinlich sind?

Oder welcher Gedanke verbreitet bei Dir solche Angst?

Liebe Grüße
Chris

22.04.2002 00:04 • #20




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