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vogelfrei_
Hallo ihr lieben Menschen,

ich bin neu hier im Forum, bin aber schon lange in anderen online Foren unterwegs. Auf das Forum hier bin ich vor allem gestoßen, da ich mich zum Thema Soziale Phobie austauschen wollte.

Ich selbst habe schon viel Therapie gemacht, gerade stehe ich am Ende einer 3-jährigen Psychoanalyse. Ich habe viel gelernt und fand die Therapie interessant und bereichernd, auch durch die Beziehungsarbeit zwischen mir und meiner Therapeutin. Was sich nicht gebessert hat, sind meine sozialen Ängste, meine Selbstablehnung, meine Selbstabwertung. Ich habe eher das Gefühl, dass diese stärker geworden sind, evtl. durch die Corona Situation, ich bin mir nicht sicher.

Mich würde interessieren, ob hier Menschen sind, die soziale Ängste in einer ähnlichen Ausprägung erleben wie ich. Oft fühle ich mich dahingehend nämlich sehr widersprüchlich. Bei mir ist sehr tagesabhängig, wie ich meine Ängste erlebe. An manchen Tagen bin ich durchaus selbstsicher usw. An anderen Tagen löst schon ein einzelner Blick eines Menschen große Beklemmungen in mir aus.
Gruppen gehören bei mir erstmal nicht zu den unangenehmsten Situationen, auch Referate waren nie besonders angenehm, aber auch nicht schrecklich. Am schlimmsten sind für mich 1:1 Situationen mit wenig vertrauten Menschen. In solchen Situationen fühle ich mich oft konstant unter Druck "performen" zu müssen, in Gruppen hingegen kann ich mich auch zurücknehmen und mir in Ruhe überlegen, was ich als nächstes sage.
Ich war jetzt 2,5 Jahre Teil einer Therapiegruppe, die meisten Menschen dort haben mich als durchaus selbstsicher/ selbstbewusst, konfliktfähig und durchsetzungsstark erlebt. Das war ich in dem Rahmen auch. Der Rahmen hat sich für mich sehr sicher angefühlt, ich konnte mich selbst und die anderen gut spüren. Andres war es dann in den Pausen oder auf der Heimfahrt nach der Gruppe. War der klare, sichere Rahmen weg, fingen meine Selbstzweifel an. Wie sehe ich aus, wie rieche ich, wirke ich verkrampft, was könnte ich jetzt sagen? Etc.
Das ist in anderen Situationen oft total anders. Dann rattert mein Kopf unaufhörlich, ich bewerte mich kontinuierlich selbst (meistens schlecht) und mein Handeln ist nicht intuitiv sondern größtenteils kognitiv gesteuert. Dadurch wirke ich oft verkrampft, "eckig", unnatürlich, ich werde auch sehr schnell rot. Und das führt wiederum dazu, dass ich mich erneut negativ bewerte, etc.

So, das wird jetzt zu lang. Mich würde vor allem interessieren, ob ihr euch selbst auch als so unterschiedlich erlebt? Ob ihr auch zwischen den Extremen "selbstbewusst" (oft bin ich in Gruppen sogar ein Mensch, der eher mal das Ruder an sich nimmt) und völlig verkrampft/ völlig verunsichert hin- und herschwankt?

Mir ist bewusst, dass Menschen nicht immer gleich sind (was ich durchaus sehr positiv finde) und man sich je nach Situation unterschiedlich erlebt. Nur finde ich die Extreme bei mir. ja, eben extrem. Es ist dadurch oft schwierig für mich ein wirkliches Gefühl für mich selbst dahingehend zu entwickeln, wie ich "bin".

Und noch eine Frage: Welche Therapien, Ansätze, Bücher, Gedanken haben euch geholfen?

Soviel erstmal.

Liebe Grüße

29.08.2021 19:40 • 01.09.2021 x 3 #1


18 Antworten ↓


Prekariat
Hallo @vogelfrei_ ,

die Selbstzweifel in bestimmten Situationen ohne festen Rahmen kenne ich... Insgesamt sind meine sozialen Ängste immer eng mit der Lebenssituation und tatsächlich auch der Jahreszeit verknüpft. Meine derzeitige Lage ist wieder ziemlich prekär, also beruflich, weshalb auch diese Ängste wieder ausgeprägt sind. Wobei ich momentan nicht in der Situation bin, mich besonders exponieren zu müssen. In besseren Zeiten hielten sich auch die sozialen Ängste eher in Grenzen, die psychische Lage besserte sich spürbar. Alles war leichter und ich hatte mehr Selbstvertrauen.

Wobei voller ÖPNV u.ä. meistens dennoch zu entsprechenden Problemen bzw. Vermeidungsverhalten führte. Wobei ich glaube, dass es mir auch ohne Angstproblematik einfach unangenehm wäre. Referate und Gruppensituationen waren tatsächlich immer ein Problem, insbesondere vor größeren, mir eher unbekannten Gruppen. Direkter Kontakt zu einzelnen, auch fremden Personen fällt mir hingegen eher leicht. Im Herbst und Winter bin ich insgesamt deutlich weniger davon eingeschränkt Die Kleidung fühlt sich an wie eine "Rüstung", schwitzen und erröten (aufgrund der Ängste) ist bei kühleren Temperaturen auch seltener.

Weißt du denn, woher die Ängste herrühren? Also bei mir ist das relativ eindeutig: Mobbing in der Schulzeit und ein abweisendes, wenig unterstützendes, quasi zusätzlich "mobbendes" Elternhaus. Ich hatte auch starke Hautprobleme, die aus meiner heutigen Überzeugung psychosomatisch bedingt waren. Deshalb wohl bis heute auch die Präferenz für die kalte Jahreszeit, die einfach schon aufgrund der Temperaturen zurückgezogener und weniger exponiert stattfindet.

Liebe Grüße!

29.08.2021 21:23 • x 2 #2



Auswirkungen sozialer Ängste - Eigenes Erleben

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vogelfrei_
Hallo Prekariat,

danke für deine Antwort.

Die Ursachen sind bei mir ähnlich. Meine Mutter war oft verächtlich, herablassend und gewalttätig und zudem noch sehr bekannt in der Region (im negativen). In der Schule habe ich auch Mobbing erlebt und auch in Freundschaften wurde ich oft herablassend behandelt. Letzteres passiert inzwischen zum Glück kaum noch, bzw. eigentlich gar nicht mehr.

Ich habe mich in meinen Therapien mit allem lange und breit beschäftigt, aber leider werden die sozialen Ängste nicht weniger. Gerade die Selbstbeobachtung stresst mich enorm. Ich denke, dass ich für die meisten Menschen relativ durchschnittlich aussehe, vielleicht nicht gerade wunderschön, aber auch nicht auffallend hässlich. Meine Therapeutin beteuert immer wieder, ich sei eine attraktive Frau, sie sähe überhaupt keinen offensichtlichen Makel an mir. Aber ihr kann ich in der Hinsicht eh nicht Vertrauen - Es ist schließlich ihr Job, mich positiv zu spiegeln. Ich sehe mich selbst ständig durch diese unglaublich kritischen Augen, ich schäme mich furchtbar für jede Unreinheit im Gesicht, jede kleine Asymmetrie, jede Falte, die jetzt so langsam entsteht (werde im September 30). Und ständig habe ich Angst schlecht zu riechen. Bei meiner Mutter durfte ich mich früher kaum waschen, in der Schule galt ich als ungepflegt. Diese Selbstwahrnehmung haftet bist heute an mir.
Ich finde so traurig, dass ich diesen Teil von mir selbst noch nicht loslassen kann. Ich frage mich oft, welchen Nutzen das für mich hat, die Antwort ist wohl Kontrolle. Aber wie kann ich die Kontrolle loslassen, bzw. wie kann ich anderweitig Kontrolle gewinnen, mich sicher fühlen, dass ich diese Art nicht mehr brauche? Wie kann mir egal sein, wie mein Gesicht gerade aussieht? Ob ich drüber nachdenke oder auch nicht - es sieht gleich aus. Vermutlich sähe ich ohne beständige Selbstkontrolle hübscher, weil entspannter, aus.

Kennst du/ kennt ihr diesen Aspekt auch? Hat euch etwas dagegen geholfen?

Ansonsten fühle ich mich im Winter mit dicker Kleidung ebenfalls wohler. So wie du schreibst, Prekariat, empfinde ich die Kleidung auch als Schutz. Auch die Masken jetzt sind für mich willkommener Schutz - Aber gleichzeitig auch Fluch, da ich mich ohne Maske jetzt wesentlich unsicherer fühle.
Schwitzen ist bei mir auch so ein Thema, das mich ziemlich belastet.

Mit vollem ÖPVN habe ich hingegen kaum Probleme. Es nervt und stresst dann schon, aber triggert keine sozialen Ängste. Da fühle ich mich anonym und mache mir wenig Gedanken darum, wer jetzt was denken könnte... Mit Maske schon gar nicht.
Interessant, wie unterschiedlich eine ähnliche Thematik ausgeprägt sein kann oder?

Liebe Grüße und gute Nacht

30.08.2021 00:24 • x 1 #3


Prekariat
Hallo @vogelfrei_ ,

danke für deine Schilderungen, ich finde das aufgrund der unterschiedlichen Ausprägungen tatsächlich sehr interessant. Die Ursachen sind vermutlich ähnlicher Natur. Meine Eltern waren zwar nach außen bürgerlich, aber zuhause war Vater eben ein Tyrann. Mutter hat all das immer nur stillschweigend hingenommen. Eingegriffen hat nie wer, auch nicht die Verwandtschaft oder gar Lehrpersonal. Obwohl man mir den psychischen Zustand über einige Jugendjahre ansehen konnte. Wahrscheinlich würde man heute auch sagen, dass ich durchaus vernachlässigt wurde.

Durch das Schulmobbing bzw. die Haut- und teils Haarprobleme ist die Selbstwahrnehmung auch bei mir ein größeres Thema. Auffallend hässlich bin ich zwar ebenfalls nicht, aber es gibt schon Menschen, die genetisch vorteilhafter ausgestattet sind. Sagen wir es mal so. Mittlerweile kann ich Dinge eher akzeptieren, hier liegt vielleicht der Schlüssel. Die meisten Menschen sehen ja eher durchschnittlich aus. Und wenn ich von mir ausgehe, ist es tatsächlich so, dass mir Menschen mit Makeln eher sympathisch sind. Das geht glaube ich vielen so, insbesondere weil Werbung und Medien voller makellos schöner Menschen sind.

Andererseits ist bei mir die Furcht vor Beobachtung und Kritik in bestimmten Situationen immer noch ausgeprägt. Deshalb sind voller ÖPNV, Supermarktschlangen etc. immer noch problematisch. Ein Rezept dagegen habe ich noch nicht gefunden, manchmal greife ich tatsächlich auf Lasea zurück. Entspannungstechniken habe ich auch schon versucht, aber die Entspannung stellt sich eben immer erst nach einer gewissen Zeit ein. Für die Stirn verwende ich im Sommer mittlerweile ein hochkonzentriertes Spezialdeo, das die Schweißbildung nahezu komplett hemmt. Ich bin auch schon Umwege gefahren, nur um ausgelastete Strecken zu meiden. Insbesondere im Sommer. Naja, wenn ich das schreibe, fällt mir schon auf, davon eingeschränkt zu sein.

Mit den Masken geht es mir wie dir. Dadurch fühle ich mich auch im ÖPNV, Supermarkt etc. entspannter. Übrigens kamen mir eigentlich so ziemlich alle Corona-Maßnahmen im Bezug auf die sozialen Ängste sehr entgegen. Das geht offenbar vielen Angstpatienten so, zumindest wurde das auch schon medial aufgegriffen. Heute hat mich die angebliche Rückkehr des Sommers doch wieder sehr verunsichert und ich hoffe, dass das eher mäßig bleibt und in den Herbst übergeht.

Was bei mir auch sehr ausgeprägt ist, ist der Umstand, dass ich alleine in vielem sehr gehemmt bin. Ich würde alleine weder auf Reisen gehen, noch größere Runden durch Stadtparks etc. drehen. Deshalb war ich schon seit vielen Jahren nicht mehr im Urlaub. Sobald jedoch eine Person als Begleitung dabei ist, ist das kein größeres Problem.

Ich weiß nicht, wie das bei dir ist, aber meine Sozialängste haben sich interessanterweise auch nicht direkt nach bzw. in der Schulzeit gezeigt. Erst einige Jahre nach der Schule, in denen ich vieles überkompensiert hatte, trafen mich diese Ängste mit voller Wucht. Das Timing war ungünstig, denn wenn ich direkt im Anschluss an die Schule das Studium gemacht hätte, wäre ich durch das vermutlich ohne diese Probleme gekommen.

Liebe Grüße!

30.08.2021 14:16 • x 3 #4


Gaulin
Hallo

Ich bin derzeit in Therapie und meine Thera sagt, dass dies eine Abhängigkeit von anderen Menschen darstellt. Abhängig von deren Meinungen, Beurteilungen usw. Ihr sagt es ja schon selbst: ihr seid nicht hässlich. Dennoch stört euch alles, was als "hässlich" angesehen werden könnte.
Da sind noch die Stimmen im Kopf, denen ihr glaubt sozusagen. Ihr glaubt praktisch selber, dass es wahr ist.
Ich bekomme zb viele Komplimente was mein Aussehen betrifft. Kann es aber ganz schlecht annehmen, ich glaube es nicht wirklich selbst. Da kommen Gedanken wie: "Ach das sagt er/sie ja nur, weil...." zb. Aber mir persönlich geht es nicht mal nur um das Äußerliche. Auch wenn jemand charakterliche Komplimente macht, glaube ich es nicht. Im Gegenzug dazu, wenn aber jemand genau das sagt was ich selber glaube: "du bist hässlich" oder "du bist dumm" zb. dann fühle ich mich direkt schlecht, weil ich es glaube! Versteht ihr was ich meine?
Ihr müsstet sozusagen eure "veralteten" Denkmuster verlernen und "neue" erlernen. Wie geht das? Mit viel Übung. Dazu mal eine Buchempfehlung: Das Kind in dir muss Heimat finden. Dazu gibt es noch ein Arbeitsbuch.
Liebe Grüße
Gaulin

30.08.2021 14:33 • x 3 #5


Prekariat
Zitat von Gaulin:
Hallo Ich bin derzeit in Therapie und meine Thera sagt, dass dies eine Abhängigkeit von anderen Menschen darstellt. Abhängig von deren Meinungen, Beurteilungen usw. Ihr sagt es ja schon selbst: ihr seid nicht hässlich. Dennoch stört euch alles, was als "hässlich" angesehen werden könnte. Da sind noch ...

Sicher ist das eine Art von Abhängigkeit. Nur würde ich mich aber auch objektiv gesehen nicht wirklich als "schön" bezeichnen, eher durchschnittlich aussehend. Es gibt dafür durchaus Kriterien und die sind eben, wie sie sind. Ich bin ein großer Freund und Anhänger der Realität. Bei Äußerungen im Bezug auf den Charakter fühle ich mich hingegen eher peinlich berührt, obwohl ich weiß, dass das ein oder andere Kompliment auch zutrifft. Wobei solche Wahrnehmungen einfach auch nicht wirklich mit meiner Lebensrealität korrelieren. Ich habe von flüchtigen Bekannten, Kollegen, Nachbarn schon häufiger gehört, wie nett, offen und zugewandt ich doch sei. Andererseits habe ich kaum wirklich feste Freundschaften, was sicher auch mit Umzügen etc. zusammenhängt. Aber habe auch schon Ghosting erlebt oder dass Menschen merklich auf Distanz gegangen sind, weil ich ihnen offenbar zu problembelastet war.

Von dem Buch habe ich schon häufiger gehört... Mein hilfreichster Ansatz war bislang immer, Dinge akzeptieren zu lernen. Wobei es mir situationsabhängig mal schwerer, mal leichter fällt. In meiner momentanen Lebenssituation sind viele Probleme eben wieder sehr präsent. Es ist schon bitter, wenn ich daran denke, wie einfach auch alles hätte sein können bzw. wie vergleichsweise einfach das Leben vieler anderer eben ist.

30.08.2021 15:02 • x 2 #6


moo
Grüß Euch!

Von André Heller stammt der Satz: "Mit 23 habe ich eingesehen, dass ich meine Eltern nicht für alles verantwortlich machen kann. Ich habe von ihnen viel gelernt - vor allem hinsichtlich dessen, was ich in meinem Leben definitiv anders handhaben wollte. Dafür kann man auch dankbar sein".

Eine Verbindung zwischen Kinder- bzw. Jugendzeit und aktuellen psychischen Problemen herzustellen ist ein Teil der Arbeit. Noch dazu ein relativ "angenehmer". Die andere Sache ist die des lebenslang gültigen Fazits der sogenannten Eigenverantwortung. Diese betrifft zuvorderst die Wahrnehmung - denn sie bestimmt, wie es mit "mir und dem Leben" weitergeht. Wenn ich diese Wahrnehmung nun nicht mehr von den (angeblich) seitens der Eltern vermittelten Glaubenssätzen abhängig mache sondern von den Ansichten anderer, gar der Gesellschaft (letztere habe ich noch nie getroffen...), tausche ich lediglich Läufer gegen Läufer: habe nix gewonnen, lediglich die Figuren auf dem Spielfeld reduziert. Irgendwann kommen wir auf die Idee, ausschließlich "uns selber" zu glauben (= der König steht allein auf weiter Flur).

Doch wer sind wir schon?

Zitat von vogelfrei_:
Gerade die Selbstbeobachtung stresst mich enorm.

Versuche mal, vorwiegend die anderen zu beobachten. Versuche, dabei keine internen Kommentare abzulassen. Beobachte sie lediglich und schau, ob sich aufdrängende Kommentare wirklich etwas mit deren Erscheinung/Verhalten zu tun hat.

Zitat von vogelfrei_:
Ich finde so traurig, dass ich diesen Teil von mir selbst noch nicht loslassen kann. Ich frage mich oft, welchen Nutzen das für mich hat, die Antwort ist wohl Kontrolle. Aber wie kann ich die Kontrolle loslassen, bzw. wie kann ich anderweitig Kontrolle gewinnen, mich sicher fühlen, dass ich diese Art nicht mehr brauche?

Indem Du erkennst, dass Kontrolle eine Illusion ist.

Zitat von Prekariat:
wie vergleichsweise einfach das Leben vieler anderer eben ist.

Tja, ich bin mir da nicht so sicher, wie einfach das Leben anderer ist. Fakt ist, dass ich aktuell mit keinem tauschen will. Und das war, trotz mannigfaltiger Probleme und Selbstzweifel eigentlich schon immer so. Dass wir gerade so sind, wie wir sind - hat Ursachen und diese Realität bietet die Möglichkeit der Veränderung - ohne Wenn und Aber. Ich habe z. B. nahezu keine Ähnlichkeiten mehr mit der "Person", die ich noch vor 20 Jahren "war" und trotzdem bildete diese (und vorherige) "Personen" die Ursache für das jetzige Erleben.

30.08.2021 17:44 • x 2 #7


Prekariat
Zitat von moo:
Tja, ich bin mir da nicht so sicher, wie einfach das Leben anderer ist. Fakt ist, dass ich aktuell mit keinem tauschen will. Und das war, trotz mannigfaltiger Probleme und Selbstzweifel eigentlich schon immer so. Dass wir gerade so sind, wie wir sind - hat Ursachen und diese Realität bietet die Möglichkeit der Veränderung - ohne Wenn und Aber. Ich habe z. B. nahezu keine Ähnlichkeiten mehr mit der "Person", die ich noch vor 20 Jahren "war" und trotzdem bildete diese (und vorherige) "Personen" die Ursache für das jetzige Erleben.

Grüße dich! Also ich weiß, dass andere Menschen auch ihre Probleme haben, würde aber dennoch mit vielen sofort tauschen wollen. Und das hängt nun mal ganz konkret mit meiner Lebenssituation zusammen. Ich hatte noch nie einen festen Arbeitsvertrag und musste mehrfach für befristete Stellen unfreiwillig umziehen. Der Arbeitsmarkt in meinem Bereich ist eine Katastrophe. Der Aufbau eines einigermaßen "normalen" Soziallebens war und ist damit relativ schwierig, zumal die Vergangenheit ja auch noch dazukommt.

Anstatt Sicherheit und Perspektiven, was die Angstproblematik schon positiv beeinflusst hat, wird die Lage immer prekärer. Jetzt lebe ich in einer Stadt, in die ich nie wirklich wollte und bin hier sozial relativ isoliert. Der letzte Urlaub ist knapp 15 Jahre her. Ich kenne Menschen, die hatten zwar auch schon schwere Krankheiten, Familienprobleme etc. Aber dass das Leben über viele - entscheidende - Jahre so negativ verläuft, ist dann doch eher selten. Ja, ich bin aufgrund der Vergangenheit auch nicht mehr der von vor 15 Jahren und habe mehrfach größere Wandlungen hingelegt. Nur bringt mir das jetzt konkret leider nichts, obwohl ich heute deutlich gefestigter bin als in meinen 20ern.

30.08.2021 18:16 • x 2 #8


moo
Zitat von Prekariat:
Ich hatte noch nie einen festen Arbeitsvertrag und musste mehrfach für befristete Stellen unfreiwillig umziehen. Der Arbeitsmarkt in meinem Bereich ist eine Katastrophe.

Servus Preki , Dein Arbeitsbereich liest sich - gelinde gesagt - "anstregend". Ist das schon immer so? Hast Du schon mal erwogen, umzuschulen? Ich stelle es mir wirklich schlimm vor, wegen einem - letzten Ende belastenden - Beruf in einer Stadt zu leben, wo man sich überhaupt nicht wohl fühlt.

31.08.2021 10:50 • x 2 #9


Prekariat
Servus moo! Ja, es ist genau wie du vermutest... Das geht leider schon lange so. Eigentlich seit dem Ende es Studiums. Das ist das nächste Problem, mit einer abgeschlossenen Ausbildung und einem Studium gilt man für die Arbeitsagentur offenbar als "ausgelernt". Eine Umschulung kommt wohl nur bei Berufsunfähigkeit u.ä. in Betracht. Zumal ich auch gar nicht mehr wüsste, was denn der richtige Beruf für mich wäre. Ganz falsch bin ich in meinem Job nicht, aber eher in bestimmten Nischen. Bislang konnte ich mich in solche Nischen "retten", leider war alles immer nur befristet.

Mit der letzten Stelle ging es dann steil bergab: Der Arbeitsplatz war toxisch, die erste WG menschlich eine Katastrophe, es folgte ein überteuertes Wohnloch und die Stadt war und ist auch aufgrund anderer Dinge eine einzige Enttäuschung. Ich weiß noch, dass das Bauchgefühl schon damals negativ war, allerdings war es hinsichtlich der Stelle mal wieder die einzige Option. Nun hänge ich hier fest und habe seit dem Befristungsende auch keine neue Stelle. Eine Chance, die ich mittlerweile als die Chance überhaupt ansehe, habe ich mir mehr oder weniger selbst verbaut. Weshalb ich hier ursprünglich einen Thread eröffnet hatte. Sitze quasi im Tunnel ohne Licht am Ende. Ja, es ist wirklich schlimm und hat mich auch schon an die Grenzen gebracht.

31.08.2021 12:31 • x 2 #10


zukunft-2021
Hallo vogelfrei

Ich habe Deinen Bericht/Schilderung gelesen, sowie ich erkenne liegen deine Ängste und psychischen Problem in deiner Kindheit, sowie auch die Angst. Es geht vielen hier so, auch ich litt sehr unter den Druck meiner Eltern. Sie machten mich nieder und klein, wo sie nur konnten.

Aber ich habe mich davon befreit. Wenigstens glaube ich das. Und du musst dich auch von deinem alten Leben verabschieden, ich weiß das ist sehr schwer, aber versuche es in kleinen Schritten. Du schreibst nichts über Dein Aussehen, und Figur.

Aber schon eine auffrischende Frisur, sowie etwas anders kleiden wirkt Wunder.

Beim Begegnen mit Menschen, sei natürlich, wie Du bist. Entweder sie mögen dich wie du bist, und wenn nicht, dann sind es keine richtigen Freunde, oder Begleiter denen wirklich etwas an dir liegt. Schönheit kommt auch von innen

31.08.2021 14:51 • x 2 #11


Spaceman
Zitat von moo:
Wenn ich diese Wahrnehmung nun nicht mehr von den (angeblich) seitens der Eltern vermittelten Glaubenssätzen abhängig mache sondern von den Ansichten anderer, gar der Gesellschaft (letztere habe ich noch nie getroffen...), tausche ich lediglich Läufer gegen Läufer: habe nix gewonnen, lediglich die Figuren auf dem Spielfeld reduziert.


Einen gefährlichen Läufer gegen einen nutzlosen zu tauschen, kann durchaus sinnvoll sein. Ich selbst lebe seit Jahrzehnten mit der Frage "Meine Schuld oder die der anderen?" Ich weiß, dass diese Frage bis an den Rand der Unsinnigkeit vereinfacht ist, aber dennoch, irgendwann habe ich den schädlichen Läufer "Meine Schuld" gegen den nutzlosen Läufer "Schuld der anderen" getauscht. Das hat mir sehr geholfen, obwohl er nutzlos war und ist. Warum nutzlos? Weil er einen einfach nicht weiterbringt. Es war nicht meine Schuld, dass ich so wurde, aber was hilft mir das?

@Icefalki hat mal sinngemäß gesagt, dass das Vergangene eben erledigt ist. Was auch immer wir uns damals erhofft hatten, wir bekamen es nicht und wir werden es auch nicht mehr bekommen. Also abhacken und nach vorne schauen.

Zitat von Prekariat:
Also ich weiß, dass andere Menschen auch ihre Probleme haben, würde aber dennoch mit vielen sofort tauschen wollen.


Ich hatte mal einen Freund, der alles hatte, was ich auch immer wollte: Frau, Kinder, schöne Wohnung, tolle Arbeit. Hätte ich mit ihm tauschen wollen? Nein! Er war ein sehr einfältiger Mensch, kein Tiefgang, keine intellektuellen Interessen und unvorstellbar heftige Schweißfüße! Wisst Ihr was er sich wünschte? Mit mir zu tauschen! Keine Frau, keine Kinder, keine Verantwortung. Irgendwie wollen wir immer das, was die anderen haben.

Zitat von Prekariat:
Eine Chance, die ich mittlerweile als die Chance überhaupt ansehe, habe ich mir mehr oder weniger selbst verbaut.


Kannst Du dran jetzt noch irgendwas ändern? Wenn ja, dann tue es. Wenn nein, dann hake es ab. Nimm es als Lektion, dass Du das nächste Mal eine wohl durchdachtere Entscheidung triffst.

31.08.2021 23:02 • x 4 #12


moo
Zitat von Spaceman:
Einen gefährlichen Läufer gegen einen nutzlosen zu tauschen, kann durchaus sinnvoll sein. Ich selbst lebe seit Jahrzehnten mit der Frage "Meine Schuld oder die der anderen?" Ich weiß, dass diese Frage bis an den Rand der Unsinnigkeit vereinfacht ist, aber dennoch, irgendwann habe ich den schädlichen Läufer "Meine Schuld" gegen den nutzlosen Läufer "Schuld der anderen" getauscht. Das hat mir sehr geholfen, obwohl er nutzlos war und ist. Warum nutzlos? Weil er einen einfach nicht weiterbringt. Es war nicht meine Schuld, dass ich so wurde, aber was hilft mir das?

Richtig! In the long run war der Läufer einfach nur ein Läufer. Das (kurzzeitig) "gute" Gefühl beim Tausch ist OK, aber am Ende gewinnen (meist!) die Figuren das Spiel. Grad fällt mir auf, dass Schach wirklich ein sehr unpassender Vergleich war...

01.09.2021 07:08 • x 2 #13


vogelfrei_
Hey, danke für eure rege Beteiligung!

Schon mal vorneweg, ab morgen bin ich erst mal im Urlaub, vermutlich werde ich in der Zeit nicht hier sein.

@Prekariat:

Zitat:
Meine Eltern waren zwar nach außen bürgerlich, aber zuhause war Vater eben ein Tyrann. Mutter hat all das immer nur stillschweigend hingenommen. Eingegriffen hat nie wer, auch nicht die Verwandtschaft oder gar Lehrpersonal. Obwohl man mir den psychischen Zustand über einige Jugendjahre ansehen konnte. Wahrscheinlich würde man heute auch sagen, dass ich durchaus vernachlässigt wurde.


Bei mir war das anders. Meine Mutter war "bekannt", ich hatte meine ganze Kindheit über mit dem Jugendamt zu tun. Wirklich geholfen hat das nicht. Ich bin inzwischen selbst Sozialarbeiterin und rückblickend ist von institutioneller Seite sehr, sehr viel schief gelaufen.
Darf ich fragen, wie alt du inzwischen bist?

Zitat:
aber es gibt schon Menschen, die genetisch vorteilhafter ausgestattet sind. Sagen wir es mal so.


Ja, das würde ich über mich auch so sagen.
Ich habe dahingehend aber oft das Gefühl, dass nicht das Aussehen an sich das Problem ist, sondern die.... ich nenne es mal "Grenzenlosigkeit". Ich habe oft das Gefühl, dass die Grenzen zwischen mir und anderen Menschen nicht fest genug sind, Blicke dringen direkt durch. Das ist je nach Tagesform sehr unterschiedlich, aber ist doch als konstantes Gefühl fast immer da. Umso "unperfekter" ich mich fühle, umso eher gedenke ich, Blicke auf mich und auf meine "Makel" zu ziehen. Ich denke allerdings, ich würde mich auch sehr unwohl fühlen, wäre ich überdurchschnittlich schön. Auch dann wäre ich überdurchschnittlich stark im Fokus.

Zitat:
Mittlerweile kann ich Dinge eher akzeptieren, hier liegt vielleicht der Schlüssel. Die meisten Menschen sehen ja eher durchschnittlich aus


An manchen Tagen, in manchen Phasen kann ich das auch. Dieses Gefühl fühlt sich so schön und frei an, dieses Gefühl, mich selbst nicht zu bewerten, ja, mit einer gewissen Egal-Haltung (im positiven Sinne) auf mich zu blicken. Die Welt, die Menschen sind so groß und vielseitig, wieso sollte jetzt irgendeine Falte in meinem Gesicht es wert sein, mir Stunden den Kopf darüber zu zerbrechen... und danach ist sie doch noch da? Aber dauerhaft kann ich das nicht halten... Vielleicht ist der Anspruch auch zu groß. Daher denke ich, ich brauche dieses Selbst-Bewertung, diesen Blick auf mich. Als Instrument der Kontrolle, als Gegenmittel zu meiner empfunden "Grenzenlosigkeit". Und ich denke, eine Lösung könnte sein, da ein anderes Instrument an die Hand zu bekommen, mein Kontrollbedürfnis auf eine andere Ebene zu verlegen.

Zitat:
Andererseits ist bei mir die Furcht vor Beobachtung und Kritik in bestimmten Situationen immer noch ausgeprägt. Deshalb sind voller ÖPNV, Supermarktschlangen etc. immer noch problematisch.


Als ich deine Antwort gelesen habe, saß ich gerade im Bus und habe nochmal in mich reingehört, wann und inwiefern der ÖPVN bei mir mit sozialen Ängsten besetzt ist. Unwohl fühle ich mich nur, wenn ich leicht bekleidet bin, an heißen Sommertagen in kurzen Klamotten. Dann macht mich die räumliche Enge nervös, dann vermute ich, die anderen könnten "zu viel" von mir sehen, was ich selbst nicht mag. Und an manchen sehr durchlässigen Tagen stresst mich auch jeder Blick. Aber meistens fühle ich mich recht entspannt in der SBahn, ich höre oft Musik und träume vor mich hin, fühle mich durch die anderen nicht gestört. Da scheint mein "Schutz" irgendwie zu funktionieren...

Zitat:
Übrigens kamen mir eigentlich so ziemlich alle Corona-Maßnahmen im Bezug auf die sozialen Ängste sehr entgegen. Das geht offenbar vielen Angstpatienten so, zumindest wurde das auch schon medial aufgegriffen.


Ja, das habe ich auch öfter gehört. Bei mir war das anders. Ich bin durchaus auch ein geselliger Mensch, zumindest im kleineren Kreis. Kurz vor dem ersten Lockdown hatte ich eine Trennung, was mir danach gut tat war viel unterwegs zu sein. Das ging dann von heute auf morgen nicht mehr. Insgesamt hat mir der erste Lockdown aber auch sehr geholfen, mehr bei mir selbst zu sein und mich selbst besser zu strukturieren. Ich denke aber, dass die Corona Maßnahmen insgesamt zu einer Verstärkung meiner sozialen Ängste beigetragen haben, weil es so viel leichter war, über längere Zeiträume zu vermeiden. Und eben wegen der Masken, die mir helfen, mich geschützt zu fühlen, aber dann plötzlich fehlen, wenn ich sie nicht trage...

Zitat:
Was bei mir auch sehr ausgeprägt ist, ist der Umstand, dass ich alleine in vielem sehr gehemmt bin. Ich würde alleine weder auf Reisen gehen, noch größere Runden durch Stadtparks etc. drehen. Deshalb war ich schon seit vielen Jahren nicht mehr im Urlaub. Sobald jedoch eine Person als Begleitung dabei ist, ist das kein größeres Problem.


Gibt es denn aktuell Menschen, die dich öfter mal zumindest in den Park begleiten?
Das stelle ich mir sehr belastend vor, alleine nicht in den Park zu können/ zu wollen. Gehst du dann gar nicht alleine spazieren, oder gehts da speziell um Parks?

Für mich sind WG Situationen oft sehr unangenehm. Also vor allem, wenn ich andere Menschen in WGs besuche und dann Kontakt zu Mitbewohner:innen entsteht. Irgendwie hemmt mich diese Mischung aus der einerseits sehr privaten Situation und dass man sich aber andererseits kaum kennt und man sich eher auf einer Smalltalk Ebene begegnet. Das sind oft die Situationen, die mir am schwersten fallen, da weiß ich dann oft gar nicht, was ich sagen soll/ will, bin verkrampft, schwitze extrem und mir ist das dann super peinlich.

Zitat:
Ich weiß nicht, wie das bei dir ist, aber meine Sozialängste haben sich interessanterweise auch nicht direkt nach bzw. in der Schulzeit gezeigt.


Ich habe mich selbst in der Schulzeit nicht als ängstlich wahrgenommen, dass meine Unsicherheiten im sozialen Ängste sind, habe ich dann erst in der Therapie verstanden. Davor hatte ich das Selbstbild, recht angstfrei zu sein. Aber doch, ich war in der Schulzeit auch schon irgendwie ein "verkorkste" Mischung aus extrovertiert und introvertiert. Ich war nie ein ganz ruhiges, schüchternes Kind, habe mir oft den Raum genommen. Aber ich fiel immer durch mein extremes rot werden auf, so mit 13 begann es ca., dass ich mich für mich selbst schämte.

Was ist bei dir vorgefallen, als sich deine sozialen Ängste zu zeigen begannen?

01.09.2021 09:10 • x 1 #14


vogelfrei_
Auf die anderen Beiträge gehe ich nur sporadisch ein, ich hoffe, das ist okay.

@ Gaulin
Zitat:
Ich bin derzeit in Therapie und meine Thera sagt, dass dies eine Abhängigkeit von anderen Menschen darstellt. Abhängig von deren Meinungen, Beurteilungen usw. Ihr sagt es ja schon selbst: ihr seid nicht hässlich. Dennoch stört euch alles, was als "hässlich" angesehen werden könnte.


Ich überlege gerade, ob sich der Gedankengang für mich passend anfühlt. Jein. Ich finde ihn logisch und nachvollziehbar, aber ich glaube, bei mir geht es hauptsächlich um Schutz, wenn ich mich selbst durch die Augen der anderen sehe. Ich möchte vermeiden, dass die anderen etwas sehen, was ich selbst nicht sehe, um weniger angreifbar zu sein. Abhängig fühle ich mich nicht direkt, zumindest nicht von fremden Menschen. Wobei man natürlich auch argumentieren kann, dass auch das Bedürfnis nach Schutz damit zu tun hat, dass man den anderen Menschen eine wichtige Rolle zuschreibt. Schlussendlich ist es ja gar nicht das Urteil, der anderen Menschen, was mich belastet, denn deren Urteile kenne ich gar nicht. Das sind nur fiktive Urteile meiner Fantasie, die ich zwischen mich und andere Menschen schiebe. In Situationen, in denen ich tatsächlich bewertet fühle, fühle ich mich aber durchaus öfter mal abhängig. Wobei es hier sehr abhängig von der Art des Urteils und vom Urteilenden ist. Schul- und Uninoten waren nie so ein großes Ding für mich.

Zitat:
Dazu mal eine Buchempfehlung: Das Kind in dir muss Heimat finden. Dazu gibt es noch ein Arbeitsbuch.


Von Stefanie Stahl halte ich ehrlich gesagt nicht so viel. Ihre Ansätze sind mir ein bisschen zu einfach und sie als Person empfinde ich nicht als vertrauenserweckend.

@Prekariat & Moo

Zitat:
Es ist schon bitter, wenn ich daran denke, wie einfach auch alles hätte sein können bzw. wie vergleichsweise einfach das Leben vieler anderer eben ist.


Ich finde tatsächlich auch sehr wichtig, sich selbst nicht losgelöst von gesellschaftlichen Strukturen zu betrachten. Das ist auch eine Kritik, die ich an verhaltenstherapeutisch orientierten Ansätzen habe. Ich finde logisch, dass Gesellschaft und Individuum in beständiger Wechselwirkung zueinander stehen und gesellschaftliche Strukturen sehr stark auf Menschen wirken können.
Deshalb habe ich viel Verständnis dafür, dass du deine "äußere" Situation bzgl. Arbeit etc. als sehr verstärkend für deine Ängste erlebst, Prekariat.
Ich selbst habe da ein Stück weit großes Glück gehabt. Mein Interesse lag schon lange in der Sozialen Arbeit, ich habe jetzt kürzlich meinen Master abgeschlossen. Das Studium fiel mir immer sehr leicht aber ich hatte immer große Angst vor der Praxis, weil sie natürlich der soziale "overkill" ist. Ich hatte jetzt das Glück, die Peer-Arbeit für mich zu entdecken, also Arbeit, in der selbst Betroffene andere Betroffene beraten und habe eine sehr gute Stelle gefunden, in der ich als Sozialarbeiterin bezahlt werde, aber eben verstärkt aus der Peer-Perspektive berate. Mir hilft das sehr in Bezug auf meine sozialen Ängste, weil ich offen damit umgehen kann. Ich muss nicht perfekt funktionieren, sondern meine psychischen Schwierigkeiten sind in dem Bereich auch meine Stärke, eine wichtige Ressource, die ich nutzen kann.
Aber in vielen anderen Jobs habe ich mich oft sehr schlecht und wertlos gefühlt. Das hat natürlich mit meinem inneren Erleben zu tun, aber auch mit äußeren Realitäten, mit Leistungserwartungen, mit Druck.

Ich denke, dass die Erfahrungen der Kindheit für manche Menschen stärker und für andere Menschen weniger stark in das Erwachsenenalter nachwirken. Das hat mit vielfältigen unterschiedlichen Aspekten zu tun. Zwischen meinem Bruder und mir gibt es riesige Unterschiede. Das eine sind ja die konkreten Erfahrungen und Glaubenssätze, das andere sind Dynamiken zwischen Menschen, die sich fortsetzen. Ich denke, je nach Konstitution der Persönlichkeit kann extrem schwer sein, sich aus diesen Dynamiken zu lösen. Deswegen bin ich vorsichtig mit zu starken Apellen an Eigenverantwortung. Ja, klar, bricht man die Komplexität runter, bleibt einem nichts anderes übrig, als Verantwortung zu übernehmen. Aber ich finde nicht förderlich, wenn andere Menschen zu stark darauf fokussieren, man müsse mehr Verantwortung übernehmen, man könne nicht alles von der Kindheit abhängig machen etc. Ich glaube, dass solche Aussagen unterm Strich öfter schädlich sind, als hilfreich. Aber das ist nur meine Erfahrung.

Zitat:
Versuche mal, vorwiegend die anderen zu beobachten. Versuche, dabei keine internen Kommentare abzulassen. Beobachte sie lediglich und schau, ob sich aufdrängende Kommentare wirklich etwas mit deren Erscheinung/Verhalten zu tun hat.


Das werde ich mal ausprobieren, danke für die Idee.

Zitat:
Indem Du erkennst, dass Kontrolle eine Illusion ist.


Jein. Es gibt keine 100%-ige Kontrolle, da gebe ich dir recht. Und trotzdem hat jeder Mensch ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes Kontrollbedürfnis (Kontrolle über den eigenen Körper, Kontrolle sich sozial angepasst zu verhalten, Kontrolle über das Selbstbild etc.), das sich bei manchen als Leiden zeigt, bei anderen gut integriert und kaum wahrnehmbar ist.

@zukunft

Zitat:
Aber ich habe mich davon befreit. Wenigstens glaube ich das. Und du musst dich auch von deinem alten Leben verabschieden, ich weiß das ist sehr schwer, aber versuche es in kleinen Schritten. Du schreibst nichts über Dein Aussehen, und Figur.


Wie ist dir das gelungen?

@Spaceman

Zitat:
Es war nicht meine Schuld, dass ich so wurde, aber was hilft mir das?


Im besten Fall vielleicht ein Stück weit Frieden?

01.09.2021 09:34 • x 3 #15


superstes
@Vogelfrei
Zitat:
Ich überlege gerade, ob sich der Gedankengang für mich passend anfühlt. Jein. Ich finde ihn logisch und nachvollziehbar, aber ich glaube, bei mir geht es hauptsächlich um Schutz, wenn ich mich selbst durch die Augen der anderen sehe. Ich möchte vermeiden, dass die anderen etwas sehen, was ich selbst nicht sehe, um weniger angreifbar zu sein


Als ich Deinen Eingangsbeitrag durchgelesen habe, hatte ich sowas wie ein De`ja`vu-Erlebnis.
Als ich vor ca.30 Jahren mit meiner über 300 Stunden dauernden Psychoanlyse am Ende war,
hatte ich das gleiche Phänomen...! Ich lief damals (manchmal) durch die Fußgängerzone und dachte...alle Passanten denen ich begegnete, erkennen sofort ! "was mit mir los ist".
Ich kam mir damals auch schutzlos...ja entblößt in der Öffentlichkeit vor. Später kam ich dann darauf, daß so eine langandauernde Therapie ja ein Schutzraum ist...der mir dann "weggenommen" wurde. Da ich damals in einem Dorf lebte und ich eigentlich selten in die Stadt kam, legte sich diese "Schutzlosigkeit" bald von alleine.

01.09.2021 10:10 • x 2 #16


Prekariat
Zitat von vogelfrei_:
Hey, danke für eure rege Beteiligung!


Dito! Und einen schönen Urlaub an dieser Stelle!

Zitat von vogelfrei_:
Meine Mutter war "bekannt", ich hatte meine ganze Kindheit über mit dem Jugendamt zu tun. Wirklich geholfen hat das nicht.


Das stelle ich mir auch sehr schwierig vor. Kinder in solchen Verhältnissen sind ja öfter auch sozial benachteiligt, auf diversen Ebenen. Bei uns war hinter der eigentlich auch brüchigen Fassade war zwar alles ziemlich katastrophal, aber wahrscheinlich hat deshalb auch nie wer eingegriffen. Es gab eben so gut wie nichts, was ein "normales" Familienleben ausmacht. Dafür Vaters gerne auch gewalttätige Tyrannei. Unterstützung, Geborgenheit, Liebe, Vertrauen etc. waren ab der weiterführenden Schule Fremdwörter und ich habe von anderen Eltern mehr Lob und Zuspruch bekommen als im eigenen Elternhaus.

Zitat von vogelfrei_:
Ich bin inzwischen selbst Sozialarbeiterin und rückblickend ist von institutioneller Seite sehr, sehr viel schief gelaufen. Darf ich fragen, wie alt du inzwischen bist?


Mittlerweile Ü35. Soziale Arbeit als Beruf hat mich übrigens auch über Jahre beschäftigt, wobei ich es dann doch nie umgesetzt habe. Der Zivildienst damals hat mir eigentlich viel Freude bereitet und wenn ich nicht ständig den Psychoterror im Elternhaus gehabt hätte, könnte es gut sein, dass meine Berufswahl in den Bereich gefallen wäre. Es war gar kein Platz für eine vernünftige berufliche Sondierung.

Zitat von vogelfrei_:
Ich habe dahingehend aber oft das Gefühl, dass nicht das Aussehen an sich das Problem ist, sondern die.... ich nenne es mal "Grenzenlosigkeit". Ich habe oft das Gefühl, dass die Grenzen zwischen mir und anderen Menschen nicht fest genug sind, Blicke dringen direkt durch. Das ist je nach Tagesform sehr unterschiedlich, aber ist doch als konstantes Gefühl fast immer da. Umso "unperfekter" ich mich fühle, umso eher gedenke ich, Blicke auf mich und auf meine "Makel" zu ziehen.


Das Gefühl, die Blicke auf sich zu ziehen, kann ich bestätigen. Geht mir ähnlich... Wobei ich schon den Eindruck habe, dass dabei die (vermeintlichen) Makel bewertet werden. Zum Beispiel bin ich schon immer eher blass, der Sommer ist ja sowieso nicht gerade die Lieblingszeit. Auf die Blässe wurde ich hier und da sogar schon angesprochen. In Deutschland habe ich öfter den Eindruck, dass die Menschen gerne mal ungeniert starren. Gerade auch im ÖPNV, weshalb ich mich schnell negativ bewertet und beobachtet fühle.

Zitat von vogelfrei_:
Als ich deine Antwort gelesen habe, saß ich gerade im Bus und habe nochmal in mich reingehört, wann und inwiefern der ÖPVN bei mir mit sozialen Ängsten besetzt ist. Unwohl fühle ich mich nur, wenn ich leicht bekleidet bin, an heißen Sommertagen in kurzen Klamotten. Dann macht mich die räumliche Enge nervös, dann vermute ich, die anderen könnten "zu viel" von mir sehen, was ich selbst nicht mag. Und an manchen sehr durchlässigen Tagen stresst mich auch jeder Blick. Aber meistens fühle ich mich recht entspannt in der SBahn, ich höre oft Musik und träume vor mich hin, fühle mich durch die anderen nicht gestört. Da scheint mein "Schutz" irgendwie zu funktionieren...


Die Sommertage mit der räumlichen Enge sind bei mir echt problematisch. Wirklich entspannt bin ich im ÖPNV eigentlich nur, wenn die Bahnen und Busse überschaubar besetzt sind. Dann sind auch Ängste kaum vorhanden. Wenn an einer Station jedoch ganze Massen zusteigen, steigt auch die Anspannung wieder an. Im Herbst und Winter ist das Ganze deutlich entschärfter, weil tatsächlich die Kleidung "schützt". Öfter hat man ja sogar noch eine Mütze auf und ist von Kopf bis Fuß gut eingepackt.

Zitat von vogelfrei_:
Ich bin durchaus auch ein geselliger Mensch, zumindest im kleineren Kreis. Kurz vor dem ersten Lockdown hatte ich eine Trennung, was mir danach gut tat war viel unterwegs zu sein. Das ging dann von heute auf morgen nicht mehr. Insgesamt hat mir der erste Lockdown aber auch sehr geholfen, mehr bei mir selbst zu sein und mich selbst besser zu strukturieren. Ich denke aber, dass die Corona Maßnahmen insgesamt zu einer Verstärkung meiner sozialen Ängste beigetragen haben, weil es so viel leichter war, über längere Zeiträume zu vermeiden. Und eben wegen der Masken, die mir helfen, mich geschützt zu fühlen, aber dann plötzlich fehlen, wenn ich sie nicht trage...


Kann ich gut nachvollziehen, insbesondere mit der Vorgeschichte der Trennung und bei sozialem Anschluss. Meiner Geselligkeit hat Corona keinen Abbruch getan, weil ich die hier sowieso kaum auslebe bzw. ausleben kann. Ein soziales Umfeld ist vor Ort quasi nicht existent, was wiederum bezüglich der Angstproblematik nicht gerade förderlich ist. Mit der Maske finde ich es gerade im öffentlich Raum hilfreich. Also ÖPNV, Supermarkt, Wartezimmer... Wenn ich noch auf meiner vorherigen Stelle wäre, würde es mich auch ohne Maske nicht wirklich stören, weil ich diesen Personenkreise kenne. Sobald mir das Umfeld einigermaßen vertraut ist, bin ich meistens auch relativ entspannt.

Zitat von vogelfrei_:
Gibt es denn aktuell Menschen, die dich öfter mal zumindest in den Park begleiten?
Das stelle ich mir sehr belastend vor, alleine nicht in den Park zu können/ zu wollen. Gehst du dann gar nicht alleine spazieren, oder gehts da speziell um Parks?


Lustigerweise habe ich mich jüngst mit einem mir bis dato unbekannten Nachbarn unterhalten und dann sind wir spontan kurz in den Stadtpark... Im Sommer würde ich solche Parks generell meiden, einfach aufgrund der Menschenmassen. Selbst ohne Angstproblematik. Im Herbst/Winter unternehme ich durchaus alleine Spaziergänge, meide aber Orte, an denen ein gewisses Sozialleben stattfindet. Irgendwie empfinde ich das alleine sein - zumindest in der Freizeit - schon als Makel, der dann in meiner Vorstellung zu negativer Bewertung seitens anderer führt. Beim Spazierengehen geht das gerade noch so, aber ich würde sicher nicht alleine in eine Kneipe oder ins Theater etc.

Zitat von vogelfrei_:
Für mich sind WG Situationen oft sehr unangenehm. Also vor allem, wenn ich andere Menschen in WGs besuche und dann Kontakt zu Mitbewohner:innen entsteht. Irgendwie hemmt mich diese Mischung aus der einerseits sehr privaten Situation und dass man sich aber andererseits kaum kennt und man sich eher auf einer Smalltalk Ebene begegnet. Das sind oft die Situationen, die mir am schwersten fallen, da weiß ich dann oft gar nicht, was ich sagen soll/ will, bin verkrampft, schwitze extrem und mir ist das dann super peinlich.


Das kenne ich noch aus der Studienzeit... Jedoch war es immer von der Größe der WG abhängig. Das Wissen, einige MitbewohnerInnen zu kennen, gab mir auch immer eine gewisse Sicherheit. Andererseits war es etwa bei WG-Partys öfter eine Überwindung, dort hinzugehen und auf fremde Menschen zu treffen. Meistens ging es dann jedoch, die Angespanntheit war sicher auch unter dem Einfluss des ein oder anderen Getränks recht schnell verflogen. Aber an sich finde ich diese Smalltalk-Ebene auch verdammt schwierig, insbesondere im beruflichen Kontext und dann speziell in Gruppensituationen. Da hat mir schon diverse sehr unangenehme Erlebnisse beschert.

Zitat von vogelfrei_:
Was ist bei dir vorgefallen, als sich deine sozialen Ängste zu zeigen begannen?


Das Ende der Schulzeit war zunächst eine große Befreiung. Ich war übrigens so eine Art integrierter Außenseiter und habe mich - abgesehen von den Mobbingerfahrungen - teils auch bewusst von anderen distanziert. Das Aufwachsen in der Provinz war an sich nicht wirklich förderlich. Habe dann zunächst eine Ausbildung gemacht und in jener Zeit sehr viel überkompensiert. In diesem neuen Umfeld war ich durchaus integriert. Da aber weder der Beruf meinen Interessen entsprochen hat, noch mein an einen partywütigen Langzeitstudenten erinnerndes Verhalten zu einer Übernahme führen konnten, war das ein erster tiefer beruflicher Einschnitt. Die Kommentare von Vater waren natürlich entsprechend, das musste ich mir alles auch schon in der Schulzeit ständig anhören. Nun also die offizielle Bestätigung, ein Taugenichts zu sein. Ich würde mal sagen, das hat wesentlich und zum ersten Mal zum Ausbruch der sicher schon vorhandenen Angstproblematik geführt.

Zitat von vogelfrei_:
Ich finde tatsächlich auch sehr wichtig, sich selbst nicht losgelöst von gesellschaftlichen Strukturen zu betrachten. Das ist auch eine Kritik, die ich an verhaltenstherapeutisch orientierten Ansätzen habe. Ich finde logisch, dass Gesellschaft und Individuum in beständiger Wechselwirkung zueinander stehen und gesellschaftliche Strukturen sehr stark auf Menschen wirken können.


Absolut, so sehe und erlebe ich das auch. Es gibt ja offenbar unter Psychiatern und Psychologen generell einen Konflikt zwischen denjenigen, die immer nur die Hirnchemie und biologische Faktoren erkennen wollen und anderen, die eben auch klar die gesellschaftlichen Verhältnisse als Problemursachen benennen. Dass zum Beispiel die Fehlzeiten aufgrund psych. Erkrankungen massiv zugenommen haben, hängt glaube ich tatsächlich auch mit der Arbeitswelt, dem ständig wachsenden Druck und Versagensängsten zusammen.

Zitat von vogelfrei_:
Ich selbst habe da ein Stück weit großes Glück gehabt. Mein Interesse lag schon lange in der Sozialen Arbeit, ich habe jetzt kürzlich meinen Master abgeschlossen. Das Studium fiel mir immer sehr leicht aber ich hatte immer große Angst vor der Praxis, weil sie natürlich der soziale "overkill" ist. Ich hatte jetzt das Glück, die Peer-Arbeit für mich zu entdecken, also Arbeit, in der selbst Betroffene andere Betroffene beraten und habe eine sehr gute Stelle gefunden, in der ich als Sozialarbeiterin bezahlt werde, aber eben verstärkt aus der Peer-Perspektive berate. Mir hilft das sehr in Bezug auf meine sozialen Ängste, weil ich offen damit umgehen kann. Ich muss nicht perfekt funktionieren, sondern meine psychischen Schwierigkeiten sind in dem Bereich auch meine Stärke, eine wichtige Ressource, die ich nutzen kann.
Aber in vielen anderen Jobs habe ich mich oft sehr schlecht und wertlos gefühlt. Das hat natürlich mit meinem inneren Erleben zu tun, aber auch mit äußeren Realitäten, mit Leistungserwartungen, mit Druck.


Glückwunsch, das klingt tatsächlich so, als wärst du beruflich angekommen. So etwas könnte ich mir ehrlich gesagt auch gut vorstellen. Bei mir war es bislang eine Mixtur aus den beschriebenen Versagensängsten und einem Gefühl, eigentlich gar nicht so falsch auf der jeweiligen Stelle zu sein. Leistung habe ich dann immer gebracht. Aber positiv niedergeschlagen hat sich das leider nicht, es waren eben immer befristete Stellen. An sich bin ich mit meinen Studium in einem Bereich tätig, der durch und durch von sehr selbstbewussten und mitunter auch Egomanen beherrscht wird, was mir damals gar nicht so bewusst war. Zumal sich die Stellensituation insgesamt dramatisch verschlechtert hat. Es kommt also vieles zusammen.

01.09.2021 17:15 • #17

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Spaceman
Zitat von vogelfrei_:
Mich würde interessieren, ob hier Menschen sind, die soziale Ängste in einer ähnlichen Ausprägung erleben wie ich. Oft fühle ich mich dahingehend nämlich sehr widersprüchlich. Bei mir ist sehr tagesabhängig, wie ich meine Ängste erlebe.


Obwohl meine sozialen Ängste eher allumfassend sind, verstehe ich das. Zwar verschwinden sie fast nie, nehmen aber in ihrer Intensität zu und ab, je nach Situation und Tagesform.

Zitat von vogelfrei_:
Ich war jetzt 2,5 Jahre Teil einer Therapiegruppe, die meisten Menschen dort haben mich als durchaus selbstsicher/ selbstbewusst, konfliktfähig und durchsetzungsstark erlebt. Das war ich in dem Rahmen auch. Der Rahmen hat sich für mich sehr sicher angefühlt, ich konnte mich selbst und die anderen gut spüren. Andres war es dann in den Pausen oder auf der Heimfahrt nach der Gruppe. War der klare, sichere Rahmen weg, fingen meine Selbstzweifel an. Wie sehe ich aus, wie rieche ich, wirke ich verkrampft, was könnte ich jetzt sagen? Etc.


Kann es sein, dass es daran liegt, dass Du anschließend mehr Zeit zum Reflektieren und Rekapitulieren hast? Das ist bei mir so, wenn ich mal was mit der Familie mache (Essen gehen oder Billard spielen). Ich bin zwar auch da eher unsicher, gehemmt und still, kann aber deutlich mehr aus mir herausgehen. Aber anschließend geht es los. Dann gehe ich immer wieder die Gespräche und Situationen durch und frage mich, warum ich mich so verhalten oder das gesagt habe. Alles mit der Angst im Hintergrund, dass ich mich irgendwie falsch benommen habe oder falsch "rübergekommen" bin.


Zitat von vogelfrei_:
Ich habe eher das Gefühl, dass diese stärker geworden sind, evtl. durch die Corona Situation, ich bin mir nicht sicher.


Mir hat die Corona-Situation definitiv geholfen. Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen diese soziale Distanz, dieses Fehlen von zwischenmenschlichem Kontakt, die Sehnsucht nach Normalität, die ich schon so lange empfinde, jetzt besser verstehen können.


Zitat von Gaulin:
Ich bin derzeit in Therapie und meine Thera sagt, dass dies eine Abhängigkeit von anderen Menschen darstellt. Abhängig von deren Meinungen, Beurteilungen usw.


Ja, das kann gut sein. Es gibt sowohl in der Philosophie als auch der Psychologie die Auffassung, dass Menschen sich oft durch ihre Beziehung zu anderen Menschen definieren. Hat man nun langfristig nur wenige soziale Kontakte, oder wenn das Selbstbild beispielsweise durch ein problematisches Elternhaus eh schon beschädigt ist, dann kann das zu einem instabilen Selbstbild und Ängsten führen.


Zitat von vogelfrei_:
Gibt es denn aktuell Menschen, die dich öfter mal zumindest in den Park begleiten?
Das stelle ich mir sehr belastend vor, alleine nicht in den Park zu können/ zu wollen. Gehst du dann gar nicht alleine spazieren, oder gehts da speziell um Parks?


Ja, das ist sehr belastend, geht mir genau so wie @Prekariat. Ich würde sooo gerne mal wieder spazieren gehen, oder ein Theater, Museum, Konzert besuchen. Aber alleine traue ich mich das nicht. Wenn man dann noch die Angewohnheit hat, aus dem Fenster zu schauen und den anderen bei ihren Unternehmungen zuzugucken, dann kann das ganz schön weh tun. Radfahren geht hingehen sehr gut, da ist man schnell an den Leuten vorbei.

01.09.2021 19:38 • x 1 #18


vogelfrei_
Zitat:
Kann es sein, dass es daran liegt, dass Du anschließend mehr Zeit zum Reflektieren und Rekapitulieren hast?


Mh, ein klein wenig vielleicht, aber der Hauptgrund ist es nicht. Generell brauche ich "Ruhepausen" zwischen zwischenmenschlicher Aktivität um zu verarbeiten, ansonsten bin ich schnell gestresst. Aber ich nutze die Pausen nicht unbedingt, um nur negatives zu reflektieren. Die negativsten Gedanken habe ich eigentlich während des Kontakts, zB wenn mich jemand direkt anschaut, wenn mir jemand sehr nahe kommt, wenn ich wenig Ideen habe, was ich sagen könnte... Immer dann, wenn ich merke es "flowt" nicht, sondern ich muss mühsam über alles, was ich tue nachdenken.

Zitat:
Aber alleine traue ich mich das nicht. Wenn man dann noch die Angewohnheit hat, aus dem Fenster zu schauen und den anderen bei ihren Unternehmungen zuzugucken, dann kann das ganz schön weh tun. Radfahren geht hingehen sehr gut, da ist man schnell an den Leuten vorbei.


Ach interessant, bei mir ist es umgekehrt. Ich bin auf dem Fahrrad total unsicher, da fühle ich mit mit einem nahen Menschen sehr viel wohler und sicherer, hier in der Stadt habe ich auf dem Fahrrad viel mehr das Gefühl im Fokus zu stehen als aktive Verkehrsteilnehmerin, die die Spur blockiert, wenn zu langsam etc.. Alleine spazieren ist dagegen gar kein Problem, da fühle ich mich als eine unter vielen und überhaupt nicht im Fokus.

01.09.2021 21:32 • #19



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