Hallo Simmy!
Auch von mir: willkommen!
Mich hat deine Geschichte ebenfalls sehr berührt und an früher erinnert. Vieles an der Beschreibung deiner Situation kommt mir aus meiner Schulzeit sehr bekannt vor und ich kann vieles davon gut nachvollziehen, auch heute noch. Für mich war die Schulzeit eine echte Leidensstrecke, auf der ich beinahe liegengeblieben wäre. Ich glaube, ich kann verstehen, wie du dich gerade fühlst und deshalb schreib ich dir jetzt nen langen Text…
Ich war immer eher introvertiert, aber dabei ziemlich eigenwillig, habe mich anders gekleidet als andere und bestimmte Modeerscheinungen nicht mit gemacht, habe viel über alles mögliche nachgedacht und mich für andere Dinge interessiert als die meisten und war auch in vielen Fächern Klassenbeste. Das hat viele abgeschreckt und mich natürlich zu einer leichten Zielscheibe für Lästereien und Hänseln gemacht, einige Male sogar Übergriffe. In der Grundschulzeit war alles noch nicht so schlimm, denn da hatte ich ein paar Freunde und alle waren einfach über Jahre aneinander gewöhnt. Mit dem Wechsel aufs Gymnasium war ich plötzlich allein. Ich war in einer Klasse, in der ich mit niemandem wirklich etwas anfangen konnte. Ich war von Anfang an irgendwie außen vor, versuchte hier und da Anschluss zu finden, aber es klappte einfach nicht.
Eine Zeit lang habe ich mich an Leute gehängt, von denen ich dachte, sie wären wenigstens nett zu mir. Allerdings musste ich schnell feststellen, dass das mit Freundschaft wenig zu tun hatte und ich für diese Leute immer die dritte Wahl war und sie bereit waren, sich gegen mich zu richten, wenn sie damit vor anderen besser dastanden. Natürlich wollte ich nicht allein sein, also habe ich ihnen alles verziehen, habe mir zeitweise sogar diktieren lassen, wie ich mich kleiden und was für Musik ich hören soll – ohne dass ich dadurch cooler oder beliebter geworden wäre, versteht sich. Gleichzeitig konnte ich mit Freunden von früher (z.B. aus der Grundschule) nichts mehr anfangen, hatte also auch dort keinen Ausgleich.
Ich schaffte es aber auch nicht, mir einfach neue Freunde zu suchen, denn ich hatte Angst abgelehnt zu werden und zugleich auch irgendwie das Gefühl, dass mich sowieso niemand will. Und dazu Gedanken, ich könne es ja sogar verstehen und niemand übel nehmen, wenn sie nichts mit mir zu tun haben wollen, denn ich fand mich ja selbst komisch, doof, hässlich und was weiß ich… In dieser Zeit wurden mein (durch andere Umstände ohnehin schon labiles) Selbstwertgefühl und die Vertrauensfähigkeit in andere wirklich nachhaltig gestört. Ich entwickelte bestimmte Denkmuster, wie etwa, dass ich nicht liebenswert bin, von allen ständig bewertet und verurteilt werde, dass jeder Fehltritt mit schwer geahndet wird, dass ich niemandem vertrauen kann. Ich entwickelte eine ganze Reihe von unterbewussten Verteidigungsmechanismen, um möglichst unangreifbar zu sein. Dazu gehörte, Gefühle zu unterdrücken, speziell Wut und Trauer, da ich dafür von anderen am leichtesten aufgezogen wurde.
Und es dauerte nicht lange, bis ich anfing, mich zu entziehen. Ich wurde ständig krank, hatte dauernd Kopf- oder Magenschmerzen und ging immer seltener in die Schule, oft nur noch 1-2 Tage in der Woche. Ich hatte Angst vor die Tür zu gehen und micht mit Mitschülern, Lehrern, Ärzten usw. auseinanderzusetzen. Ich verkroch mich zuhause, brütete entweder über meinen Gedanken und wurde depressiv. Oder ich flüchtete mich vor mir selbst in andere Welten, Bücher, Videospiele, usw. (MMORPGs gab‘s damals noch nicht… oje, bin ich alt ). Ich habe damals meinen Zustand als Festung beschrieben, in die niemand hineinkann, nicht mal wenn ich es wollte, und aus der ich auch nicht mehr hinauskonnte. Ich fühlte mich ähnlich wie du in deiner Glocke, in mir selbst gefangen.
Natürlich gab es auf Dauer Ärger und Probleme mit der Schule, die nach viel hin und her zu Sitzenbleiben und der Entscheidung zu einer Therapie führten (es wurde mir nahe gelegt, war aber auch mein Wunsch). Das hat mich letztlich wirklich gerettet, denn an meinen Tiefpunkten stand ich mehrmals vorm offenen Fenster und hatte sogar Amoklauf-Phantasien. Von da an wurde die Situation graduell besser. Die andere Klassengemeinschaft war einfach sehr viel freundlicher und ich fand ein paar Leute, mit denen ich wenigstens in der Schule quatschen und lachen konnte. Ein Jahr später habe ich dann die Schule gewechselt und einen ganz neuen Anfang gemacht, was mir extrem gut getan hat. Ich habe vorsichtig neue Freundschaften aufgebaut und neuen Wege gelernt, mit Menschen umzugehen, bin langsam stärker und selbstbewusster geworden und habe es sogar irgendwie geschafft, meine „Außenseiter-Qualitäten“ zu etwas zu machen, das andere respektieren oder sogar interessant finden.
Aus heutiger Sicht kommt mir meine Schulzeit wie eine – ja ich weiß, das klingt kitschig – „Raupe wird zum Schmetterling“-Geschichte vor. Womit ich nicht sagen will, dass sich plötzlich alles in Wohlgefallen aufgelöst hätte. Leider nicht. Die Therapie hat ungefähr 3 Jahre gedauert und war steckenweise auch ganz schön strapaziös. Die Wunden aus der Schulzeit sitzen extrem tief und ich arbeite bis heute daran, die alten Ängste, Verteidigungsmechanismen und Denkmuster abzubauen zu überwinden.
Aber ich möchte dir Mut machen: Du bist nicht allein! Man glaubt leicht, dass alle anderen keine Probleme haben und niemand einen verstehen kann, aber es gibt viele Menschen, die mit ähnlichen Dingen kämpfen. Allein kommt man in der Regel nicht dagegen an, man entwickelt höchstens Auswege, die einen auf lange Sicht mehr behindern als retten. Deshalb ist es wichtig und gut, Unterstützung und Rat zu suchen. Ich bin heute sehr erleichtert, dass ich an dem Punkt, als ich allein nicht mehr weiter konnte, Hilfe und Zuwendung bekommen habe. Dadurch ist mir wahrscheinlich sehr viel erspart geblieben, denn je länger man wartet, desto schwerer wird es, gegenzusteuern.
Sei stolz auf deine Intelligenz und guten Noten! Sie zeichnen dich aus und werden dir viele Türen öffnen! Lass es nicht raushängen, aber betrachte sie als deinen Trumpf. Vielleicht hast du mehr zu bieten, als du glaubst? Hast du außer Computerspielen noch Hobbies oder Interessen? Hast du Talente? Wenn ja, bau sie aus. Schaff dir damit einen Rückhalt und etwas, das dir Freude macht und Erfolg bringt. Vernetz dich mit Leuten, die deine Interessen teilen.
Leider landet man in der Schule oft in einem Umfeld, in das man einfach nicht hinein passt und in dem es einfach nicht die richtigen Leute für dich gibt. Deshalb kann es helfen, sich anderswo umzuschauen.
Viele Jugendliche sind einfach darauf aus, der Welt zu beweisen, wie cool, stark, erwachsen usw. sie sind und nicht wenige tun das, indem sie andere herabsetzen oder fertigmachen. So was ist aber ebenfalls sehr stark von der jeweiligen Klassengemeinschaft abhängig. Ich weiß, dass das wenig tröstlich ist, aber allgemein lässt es gegen Ende der Schulzeit nach.
Ein Wechsel in eine andere Umgebung, in der man nicht durch ein bestimmtes Image geprägt ist, das sowohl die Haltung anderer dir gegenüber als auch dich selbst negativ beeinflusst, kann einen riesigen Unterschied machen. Es ist leichter, sich Leuten zu nähern, wenn du weißt, dass sie nicht durch die Vergangenheit voreingenommen sind. Blöden Leuten kann man natürlich überall begegnen. Auf meiner späteren Schule gab es auch mal ein paar, die mich eine Zeit lang genervt und gehänselt haben, aber zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits ein dickeres Fell und genug Rückhalt durch Freunde, sodass es mich zwar etwas verletzt, aber nicht fertiggemacht hat. Wenn ein Schulwechsel für dich möglich ist, denk vielleicht darüber nach, es wird deine persönlichen Probleme nicht einfach lösen, aber es kann die Situation entspannen und dadurch Raum zur Veränderung schaffen.
Und zum Thema MMORPGs: Diese können für Menschen, die zur Vermeidung und zum Rückzug in sich selbst neigen, ein Segen oder ein Fluch sein, oder beides gleichzeitig. Sie sind wunderbar, um sich zu flüchten und abzulenken, geben einem Schein-Erfolge und lindern die Einsamkeit. Ich bin auch extrem anfällig dafür, habe als Jugendliche Videospiele und später jahrelang MMORPGs gespielt. Das richtige Maß zu halten kann extrem schwer sein. Aber: Es kann auch ein guter Weg sein, Menschen kennenzulernen, mit denen man viel gemeinsam hat, denn in der Regel kommen dort ja Leute zusammen, die sich für bestimmte Themen interessieren (Fantasy, SciFi, Heavy Metal, o.ä.). Ich kenne viele Leute, die darüber echte Freundschaften geknüpft haben.
Womit ich dir freilich nicht raten will, ruhig viel zu spielen oder das als den besten Weg aus der Einsamkeit zu sehen, aber als ein Hobby/Kommunikationskanal (vorzugsweise einer von mehreren) ist daran nichts Schlechtes. Es darf eben nur nicht zur Sucht werden.
Ich wünsche dir alles Gute, viel Mut und Kraft!
Viele Grüße vom Blatt.im.Wind