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Hallo @Sprotte,
für mich persönlich geht es bei der radikalen Akzeptanz (in Bezug auf Angsterkrankungen u.ä.) darum, die Realitäten einerseits so anzuerkennen, wie sie sind (Es ist, wie es ist), und andererseits z.B. auftretende Krankheitssymptome nicht noch durch eine bewertende Reaktion auf diese emotional zu verstärken.
Meine Reaktion auf eine Situation kann in zwei Richtungen wirken und meine Emotionen beeinflussen, entweder wie ein "Brandbeschleuniger" oder wie ein "Feuerlöscher".
Ein Beispiel, angelehnt an Deine Situation: Du sitzt abends da und bekommst Herzklopfen und Schwindel.
Das ist die reine, faktische Situation.
Es macht jetzt einen Unterschied, wie Du emotional damit umgehst und wie Du die Situation vom Kopf her bewertest, denn durch Deine Reaktion und Deine Bewertung kannst Du Einfluss darauf nehmen, wie die eben beschriebene Situation für Dich weitergeht:
Möglichkeit 1: Du denkst vielleicht so etwas wie (solche Gedanken hatte ich z.B. öfters): "Oh nein, nicht schon wieder, das wir bestimmt ganz schlimm, ich habe so Angst, oh nein, das wird ja jetzt noch schlimmer, die Angst hat mich voll im Griff, das ist furchtbar, ich kann gar nichts machen, warum nur muss ich jetzt wieder so fiese Symptome haben..." usw. usw.: Brandbeschleuniger-Gedanken, die Angst und die Symptome werden vermutlich schlimmer (oder zumindest nicht besser).
Möglichkeit 2: Du denkst (da versuche ich hinzukommen): "Aha, ok, da sind meine Angstsymptome. Ich weiß, dass ich eine Angsterkrankung habe, das ist zwar doof, aber es ist leider so. Ich bemerke, dass Symptome da sind, das ist unangenehm, aber ich weiß, woher sie kommen und dass sie nicht gefährlich sind. Ich überlege mir jetzt mal, was ich machen kann, damit es mir etwas besser geht, ich habe da doch etwas zu gelernt. Vielleicht mache ich mir einen Tee, kuschele mich in meine Trost-Decke ein, lege mir vielleicht eine DVD ein und schaue einen beruhigenden Film, vielleicht nehme ich einen Igelball in die Hand, ich mache ein paar Atemübungen" usw. usw.: Feuerlöscher-Gedanken, die Symptome sind vielleicht noch da, aber Du schwächst Deine emotionale Reaktion darauf ab, die Angst hat die Chance, kleiner zu werden, die Symptome können langsam abklingen.
Du akzeptierst, dass Du eine Erkrankung hast, die Symptome hervorruft. Und Deine Reaktion darauf kannst Du beeinflussen.
Radikale Akzeptanz läuft über 3 Schritte: Kapitulation-Betrauern-neuer Weg.
Kapitulation klingt erstmal sehr negativ, meint hier aber: einen sinnlosen Kampf beenden.
Heißt: Deine Angst zu bekämpfen wie einen Feind wird Dich nicht weiterbringen. Im Sinne der radikalen Akzeptanz: Hör' auf, sie als Feind zu betrachten, den Du loswerden/besiegen möchtest. Sie ist nunmal leider da, und diesen Fakt als solchen zu akzeptieren ist der erste Schritt. Sieh' sie stattdessen wie einen (zwar ungebetenen) Gast, der da ist und den Du (zumindest erstmal) nicht loswerden kannst. Warum sie da ist, ob sie Dir vielleicht sogar helfen und Dich nicht ärgern möchte, wirst Du später bestimmt besser verstehen, ist im Moment aber auch noch gar nicht wichtig. Wichtig ist erstmal: Sie ist da, sie wird erstmal nicht weggehen, und Du musst lernen, damit einen Umgang zu finden. Krankheitsakzeptanz ist ein wichtiger erster Schritt. Die Krankheit ist jetzt da, sie wird eine zeitlang Teil Deines Lebens sein, vielleicht auch immer, und daran wird sich erstmal nichts ändern. Gegen diesen Fakt anzukämpfen bringt nichts, die Angst ist trotzdem da. Ein Tinnitus zum Beispiel geht auch nicht davon weg, dass man ihn bekämpft und sich immer über ihn aufregt, im Gegenteil.
Ein zweiter Schritt (der tatsächlich auch wichtig ist, ich habe diesen immer übersprungen und konnte so früher keine nachhaltigen Fortschritte machen): Du darfst (und sollst sogar) betrauern, dass es so ist. Heißt: Du darfst (und sollst) Dich darüber ärgern, wütend und traurig sein, dass Dich eine echt blöde Krankheit erwischt hat, dass Dein Leben jetzt anders aussieht als vor der Erkrankung, darüber darf man traurig sein. Es ist fies und gemein und, und, und... Es ist blöd, dass Du jetzt Dein Leben darauf abstimmen musst, eine Erkrankung zu haben, es wäre doch so viel schöner, wenn man diese Erkrankung nicht hätte... all diese Gefühle sind erlaubt und nötig. Du brauchst die Trauerphase, um wirklich loslassen zu können und Dich wirklich ehrlich auf einen neuen Weg einlassen zu können, ohne Hintertürchen, ohne "was wenn aber..."....
Im dritten Schritt der radikalen Akzeptanz richtest Du Deinen Fokus dann auf den neuen Weg aus, in diesem Fall: Wie kann ich mein Leben mit der Erkrankung leben, nicht gegen meine Erkrankung? Sprich: Wie kann ich mit der Angst in meinem Leben trotzdem zurechtkommen?
Welche Möglichkeiten habe ich, Einfluss zu nehmen?
Und auch zu verstehen, dass es Selbstwirksamkeit gibt, dass man Einfluss nehmen kann, dass man den Emotionen nicht hilflos ausgeliefert ist, dass man daran arbeiten kann, einen Umgang mit diesen zu finden.
Sich nicht zu verurteilen wegen der Probleme, die einem die Erkrankung bereitet, aber auch an sich zu arbeiten und zu lernen, wie man die Symptome in den Griff bekommen kann.
Oftmals fällt es uns leichter, diese Einsichten bei körperlichen Erkrankungen zu haben, aber bei psychischen Erkrankungen ist es nichts anderes. Krankheitsakzeptanz ist der Schlüssel.
Dadurch, dass Du nicht gegen die Erkrankung ankämpfst sondern mit ihr gemeinsam einen Weg findest, wird sie im Endeffekt vielleicht sogar schneller wieder "gehen" (um im Bild des "ungewollten Gast"s zu bleiben).
Ich hoffe, das hat jetzt halbwegs Sinn gemacht, aber so habe ich es geschafft, einen anderen Umgang mit meinen psychischen Erkrankungen zu finden.
LG Silver
15.09.2023 20:19 •
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