Hallo,
Ich könnte dir jetzt raten, wegen deiner Unsicherheit im Umgang mit Anderen, deiner Angst, hässlich zu sein, und der Tatsache, dass du scheinbar unterfordert bist, eine Therapie zu beginnen.
Aber ich glaube nicht, dass du das brauchst.
Deine Probleme sind im Grunde keine wirklich schwerwiegende psychische Erkrankung -du hast einfach die Gedanken, die fast alle in deinem Alter haben.
Und du hast wohl nur wenig Selbstvertrauen.
(Aber mach dir nix draus: Das hat fast keiner in deinem Alter, die Meisten überspielen es nur sehr gut )
Mögen mich Andere?
Wie wirke ich auf Andere?
Ich hab Angst, dass sie mich nicht mögen.
Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten muss.
Ich glaube, ich bin hässlich.
etc.
Das sind dann so Fragen, die sich einem aufdrängen.
Ich weiß selber, dass es Vieles gibt, was einem in dem Alter Angst machen kann.
Ich war selber in deinem Alter der totale Außenseiter, ich wollte nicht auffallen, schön untertauchen, nicht gern dran genommen werden, und vor Allem wollte ich nie mit auf Klassenfahrten oder Parties.
Ich fand, dass ich GANZ anders bin als alle, so wie du, dass ich mir VIEL mehr Gedanken mache, dass die Anderen alle irgendwie hohl und minderbemittelt sind im Vergleich zu mir.
Heute weiß ich: Ich hatte Unrecht.
Auch du bist nicht komplett anders als die Anderen.
Es kommt dir nur so vor. Aber versuch mal, die Anderen näher kennen zu lernen, mit ihnen zu reden. Viele davon machen sich mehr Gedanken, als man ihnen zutrauen würde.
Fast alle meiner heute besten Freunde und Freundinnen gehen am Wochenende regelmäßig zum Komasaufen. Trotzdem sind sie tolle Menschen, die z.B. als Sani Menschenleben retten oder Ärzte werden wollen oder die ins Ausland gehen um kranken Kindern zu helfen.
Kein Mensch ist blöd, nur, weil er auf Parties geht.
Viele denken sehr viel nach.
Wenn du wüsstest.. meine beste Freundin in der 9ten Klasse, die hat sich mal im Vollsuff auf einem Zaun aufgespießt und musste dann ins Krankenhaus. Aber wenn sie nüchtern war, war sie ein ganz nachdenklicher Mensch, der viel von der Welt verstanbden hat und viel wissen wollte, der viel über Andere erfahren wollte. Ein Mensch, der über das Weltall und soziale Probleme nachgedacht hat. Einer, der Jedem helfen wollte. Kurzum: Ein toller Mensch. Trotz Komasaufen.
Komsaufen ist auch meistens keine Beschreibung für eine Party.
Inzwischen geh ich hin und wieder mal auf eine.
Früher hab ich das kategorisch abgelehnt, heute bin ich da lockerer.
Und heute weiß ich auch, dass die Parties, wie ich sie mir vorgestellt hab, nicht so sind wie die, die in Wahrheit gefeiert werden.
Meistens läuft eine Party darauf hinaus, dass viele Leute gemeinsam an einem Tisch sitzen und reden, und dabei was trinken. Manche B., manche Wodk., manche Red Bull und manche Cola, Saft, oder Wasser.
Die Geschichten vom Komasaufen, die man immer hört, und die Geschichten von den Sachen, die Leute im Vollsuff anstellen -das sind ja die Ausnahmen, die man am nächsten Tag erzählt, damit man ne lustige Geschichte erzählen kann. Die meisten Parties verlaufen total harmlos.
Es ist witzig, wenn man hört, dass zwei Jungs miteinander rumgemacht haben, weil sie so betrunken waren, oder dass zwei am Klo Sex hatten oder dass eine die Treppe runter gekullert ist, weil sie mal schauen wollte, ob man sich dabei was tut.
Aber das erweckt immer den Eindruck, als wär das so eine Art Gelage.
Isses aber nie.
Es gibt immer die, die über die Stränge schlagen, aber 90% aller Anwesenden bleiben auf dem Teppich, Viele bleiben auch nüchtern.
Also, wenn du dir die Parties so vorstellst wie sie in den Filmen immer sind: So sind die wenigsten.
Ich hab mir übrigens in deinem Alter mal eingebildet, dass ich an einer bipolaren Persönlichkeitsstörung leide. Grundsätzlich passen, denke ich, fast alle Symptome einer psychischen Störung auf die Unsicherheit und Verletzlichkeit, die man als Teenie spürt.
Aber da sheißt nicht, dass man krank ist.
Es ist einfach eine schwierige Zeit, in der man zu sich selber finden muss.
Dein Weg sollte dich, finde ich, nicht zum Psychiater führen, sondern in einen Kurs, bei dem du Selbstvertrauen lernst.
Mein Weg aus der Unsicherheit und dem Dasein als Außenseiter führte auch zunächst in einen Gesprächskurs.
Da haben wir gelernt, wie man sich gut ausdrückt, wie man laut und klar redet, wie man miteinander redet, wie man seine wünsche klar und Fest formuliert. Auch viel über uns selber haben wir gelernt.
Zum Beispiel, dass, wenn zwei lachen, sie in 99,9% aller Fälle nicht über uns lachen, sondern über was Anderes.
Wir haben gelernt, uns zu behaupten, zu uns zu stehen, und unsere Persönlichkeit zu festigen.
Wir waren da alle Außenseiter, also brauchte unsn ichts peinlich sein.
Da haben wir auch oft Freundschaften geschlossen untereinander.
Außerdem hab ich begonnen, mich in der Schule zu engagieren.
Es gibt bei euch bestimmt auch Projekte, oder?
Ich hab damals beim Bogenshcießen mitgemacht, das war imSüportverein einmal die Woche mit anderen in meinem Alter, und ich hab in der Schulcafetertia mitgemacht. Das war eine Cafeteria von Schülern und Lehrern geführt, da gab es viel zu tun; ich musste die Schichtpläne erstellen und einmal die Woche Nachmittags arbeiten.
Ich kam da mit vielen Leuten ins Gespräch, gezwungenermaßen einfach. Und mit meiner Schüchternheit wurde es immer besser.
Einmal, am Jahresende, gabs dann eine kleine Party in der Cafeteria für das Personal. Meine erste Party, zu der ich mich echt zwingen musste, hinzugehen, weil ich so Angst hatte. Aber am Ende war's schön und lustig, keiner hat gespeit und keiner hat sich ins Koma gesoffen.
Ab da bin ich dann manchmal mit auf Parties, und mit den Leuten aus der Cafeteria und aus dem Bogenschießen hab ich mich angefreundet, bin auch mal ins kino gegangne, zum Pizza Essen, auf die Kirchweih, DVD-Abend. Solche Sachen halt. Ganz normal was miteinander unternommen.
Beim Bogenschießen hab ich auch meinen ersten festen Freund getroffen und in der Cafeteria meine jetzige beste Freundin kennen gelernt
Geholfen hat mir übrigens auch eine Art Selbst-Überzeugung.
Ich hab mir jeden Morgen gesagt: "Ich bin gut, so, wie ich bin!"
Am Anfang wurde mir davon fast schlecht, weil ich fand, dass das nicht stimmt. Aber nach ein paar Wochen hab ich es selber geglaubt.
Unsere Gedanken bestimmen nämlich, wie wir uns fühlen, wie wir uns geben, wie wir auf Andere wirken und wie unser Leben läuft.
Wenn man Morgens aufsteht und sich hässlich fühlt, dann startet man schon mal schlecht in den Tag. Man hat Angst vor der Bewertung Anderer und man macht sich klein und ist leise, man will ja kein Aufsehen erregen. Aber dann passiert auch nichts im Leben, denn wer immer versucht, sich zu verstecken, der fällt auch nicht auf. also bleibt er allein.
Wenn ich morgens aufsteh denk ich mir: "Ich bin gut, so wie ich bin!Was macht das Wetter? Regen? Naja was solls's, is halt Herbst!"
Und dann geh ich in die Uni. Dort sitz ich fast jeden Tag neben jemandem Anderen, eine feste Sitzordnung gibt es da nicht. Egal, neben wem ich sitze: Ich sprech ihn einfach an. Manchmal sind die Anderen still, dann reden wir wenig, aber meistens sind es nette Leute, wir kommen ins Gespräch. Es gibt, wenn du auf Andere zu gehst, immern ur zwei Möglichkeiten: Entweder sie mögen dich, oder sie mögen dich nicht.
Beides ist okay, denn man kann ja schlecht von Allen gemocht werden.
Aber wenn du dich selber magst, dann ist die chance groß, dass Andere dich auch mögen. Denn dann gehst du locker mit dir selber um, gehst offen auf Andere zu -und dann mögen sie dich auch.
Ich glaube also, du solltest an deinem Selbstvertrauen arbeiten.
Was machst du denn eigentlich gerne, hast du Hobbies?
Probier doch mal, dich in der Schule in Projekten einzubringen, mach was mit anderen Schülern zusammen!
Gemeinsame Interessen und gemeinsame Zeit verbinden, daran führt kein Weg vorbei.
Ich hab meine ersten richtigen Freunde damals in der Cafeteria kennen gelernt. Danach war ich dann noch im Chor, beim Bogenschießen eben, und ich hab eine Ausbildung zum Streitschlichter gemacht, die mir sehr geholfen hat, mich selber noch besser zu verstehen und mehr Selbstvertrauen zu gewinnen. Zwei Jahre lang hab ich auch Selbstverteidigung gemacht, da mussten wir unseren Lehrer in den Bauch boxen oder uns gegenseitig anbrüllen -das tat gut und ich hab gelernt, dass ich was kann. Ich war auch außerschulisch im Tierschutz aktiv nach einer gewissen Zeit, da hab ich auch viele liebe Leute in meinem Alter kennen gelernt.
Und je mehr ich gemacht hab, je aktiver ich war, desto mehr Leute hab ich kennen gelernt, desto offener wurde ich, desto mehr Leute hab ich kennen gelernt, und am Ende gab es kaum einen, der mich nicht mochte, und ich hab mich in meiner Klasse und meiner Schule pudelwohl gefühlt.
Mir war früher bei Referaten immer schlecht, ich hatte riesen Angst und war sehr nervös, hab geschwitzt und Alles. Ich hab mich auch nie gemeldet, wie du es eben schreibst.
Aber je mehr positive Erfahrungen ich bei den außerschulischen Aktivitäten gesammelt hab, desto besser ging es.
Am Ende wurden meine Referate immer mit einer 1 benotet, und von Allen gelobt, weil ich sehr frei und vor allem entspannt gehalten hab.
Und ich hatte auch keine Angst mehr davor.
Außenseiter sein ist keine Krankheit, du kannst was an deiner Situation ändern. Ich glaube nicht, dass du psychisch krank bist. Du bist einfach unsicher und wenig mit dir selbst im Reinen.
Das kannst du aber ändern!
Am Besten kann man das, indem man sich mit sich selber auseinander setzt, seine Stärken hervor hebt und betont und die Schwächen vorerst mal ignoriert. So ein Gesprächstraining würde dir gewiss auch gut tun, oder ein Kurs bei dem du Selbstvertrauen lernst. Oder Kampfsport. Oder irgendein Sport. Schau doch mal, was die Schule so für aktivitäten anbietet, gib dir einen Ruck und trag dich wo ein, wo es dir gefallen könnte!
Probier's einfach mal aus.
Mir hat's geholfen.
From Zero to Hero quasi
Es geht, man kann beliebt werden, auch, wenn man vorher der totale Außenseiter war. Es nicht nicht leicht, und es dauert schon seine Zeit, aber es geht.
Und ich bin mir sicher, dass du das kannst.
Und steh ruhig dazu, dass du dich in der Schule unterfordert fühlst, dass du ein Überflieger bist. Vielleicht würde es sich anbieten, wenn du aufs Gymnasium wechselst oder an die FOS, und dort deinen Abschluss machst. Denn scheinbar hättest du durchaus das Zeug dazu, und Begabung ist immer was Gutes, besonders, wenn sie natürlicher Natur ist
Ich schätze mal, du bist ein begabter, junger Typ, der etwas zu schüchtern ist und nicht gerne auffällt, was Andere aber scheinbar süß finden. (ist oft so, glaub's ihnen ruhig)
Du bist sehr gut in vielen Fächern, was super ist.
andere müssen sich da jahrelang rumquälen, du erledigst das ohne Mühe.
Du hättest alle Voraussetzungen für ein erfolgreiches Studium und danach nen gut bezahlten und gefrasgten Job, bei deiner Begabung.
Du bist vielleicht etwa snachdneklich und grübelst zu viel nach.
Anstatt deine Probleme zu betrachten -schau auch mal auf deine guten Seiten! Du hast nämlich sehr viele.
Das Einzige, was dir zu deinem Glück fehlt, sind ein paar Freunde und mehr Selbstvertrauen. Und eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung neben der Schule.
Ich glaube nicht, dass du eine Therapie brauchst, sondern einfach mehr Selbstvertrauen. Damit werden sich all deine anderen Probleme recht schnell in Luft auflösen und von selbst erledigen, so war das bei mir damals auch.
Wag es einfach mal und stürz dich ins Teenie-Leben.
Beschäftige dich mal außerschulisch mit Anderen, nimm an Projekten teil, geh im Verein was machen. Geh unter Menschen, die was mit dir gemeinsam haben.
Wirst sehen, da findest du schnell Anschluss.
Und mit jedem positiven Erlebnis wächst das Selbstbewusstsein.
Alles Gute,
Pilongo