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Ihr Lieben,

seit ca. 2 Jahren stecke ich in einem privaten "Lockdown".

Seit ca. 10 Jahren bin ich nicht mehr berufstätig, arbeite nur noch auf geringfügiger Basis, mein Mann ist seitdem der Hauptverdiener. Als wir uns kennenlernten, waren wir beide voll berufstätig, aber mir ging im Laufe der Jahr seelisch die Puste aus, mich auf Arbeit zwischenmenschlich zu behaupten, habe Ängste bekommen, Therapien habe ich gesucht und wurde immer wieder weitergeschickt, so dass mein Mann irgendwann sagte, er verdiene genug für uns beide und er möchte, dass ich zur Ruhe komme und glücklich werde. Ich habe ein paar Jahre gebraucht, mich damit zu arrangieren, weil ich früher gut verdient habe und nie abhängig war, aber zu der Zeit war er mir ein respektvoller und liebevoller Mann.

Nun sind wir aus beruflichen Gründen (sein Beruf) in eine Gegend Deutschlands gezogen, mit der ich mich absolut nicht anfreunden war. Wir sind in den letzten 20 Jahren bereits zweimal umgezogen, vor allem, wenn er einen Job verloren hat, haben wir diese Gelegenheit genutzt und sind wir in eine andere Gegend gezogen in der Hoffnung, dort Heimat zu finden. Zwar war ich dann dennoch in jeder Gegend irgendwie einsam, habe kaum Kontakte schließen können, aber hier bin ich nicht nur einsam, diesen Wohnort (eine Großstadt im Ruhrpott) lehne ich zutiefst ab, hier ist es kriminell, dreckig, ich gehe abends nicht mehr vor die Tür, und während ich früher zumindest mal eine Nachbarin hatte um ein paar Worte im Treppenhaus zu wechseln, so passt es hier überhaupt nicht (ich möchte nicht auf Details eingehen), kurz, ich bin sehr einsam. Mein Mann ist tagsüber auf Arbeit, wo er sehr gut zurecht kommt und sich sehr wohl fühlt, ich nehme mal an, dass das für ihn dort sozusagen ein zweites Leben ist, und ich glaube auch, dass es ihn anödet, zu Hause eine Frau zu haben, die eigentlich nur unglücklich ist und dazu noch Ängste hat. Ich dagegen mache meinen geringfügigen Job seit Jahren von zu Hause, gehe ab und zu mal vor die Tür, und ansonsten versuche ich mich mit kreativen Dingen seelisch am Leben zu halten, von dem ich spüre, dass ich es seit 2 Jahren komplett vergeude, weil ich hier nicht hingehöre.

Dazu kommt, dass ich vor einigen Jahren am Unterleib operiert wurde und seitdem meine Libido immer weiter in den Keller gegangen ist. Das belastet ihn und mich sehr, er möchte gerne Sex, und ich spüre, dass mein Körper keinen Sex mehr möchte. Ich kann es nicht beschreiben, aber ich habe fast den Eindruck, dass mein Körper sich schützen möchte, für mich ist es zunehmend mechanisch und trotz Gleitgel mit Schmerzen verbunden, eine HET möchte ich nicht aufgrund erhöhtem BK-Risiko, ich möchte vor allem kuscheln. Mein Mann nimmt das hin, dass wir nur noch sehr selten Sex haben, aber er verhält sich mir gegenüber deutlich liebloser, ist launisch, und die endlosen Diskussionen drehen sich im Kreis. Natürlich gibt es andere Möglichkeiten, Spielereien, was wir auch tun, aber eigentlich möchte er mehr, und ich spüre immer wieder diesen Druck, seine Erwartungshaltung, sein Frust. Ich muss dazu sagen, dass ich ab dem Moment, wo ich ihn einfach über mich drüber rutschen lassen würde, mich völlig entwertet fühlen würde, ich kann nicht einfach die Beine breit machen. Auch nicht aus Liebe. Die Liebe wird insbesondere in den zwei Jahren extrem hart auf die Probe gestellt.

Ich habe mehrfach, hundertfach, gesagt, dass ich hier kaputtgehe und dass ich gerne dorthin zurückmöchte, wo ich herkomme. Auch wenn ich dort ebenfalls kaum Kontakte habe, so ist mir die Gegend vertraut, ich fühle mich wohl, wenn ich dort auf Besuch bin, es ist mir vertraut, die Leute haben eine Mentalität, die mir angenehm ist, die Natur dort ist wunderschön. Aber der Arbeitsmarkt dort ist sehr schwierig. Ich möchte, dass mein Mann sich jobmäßig nicht verschlechtert, ich möchte, dass er einen Job hat, der ihm Spaß macht, ich möchte nichts erzwingen. Er hat irgendwann eingewilligt, aber das ist jetzt schon über ein Jahr her, und seine Versuche, in meiner Heimat einen passenden Job zu finden, kommen mir eher halbherzig vor. In unseren Gesprächen, die irgendwann immer wieder beim Thema fehlender Sex landen, hat er gesagt, er möchte mich glücklich sehen. Ich habe langsam den Eindruck, dass ihn mein Glücklichsein insofern motiviert, als dass er dann mehr Sex bekommt, obwohl ich ihm die Hormongeschichte tausendfach erklärt habe. Er hat mir indirekt zu verstehen gegeben, dass er sich von einem Umzug dorthin erhoffen würde, dass ich dann glücklich wäre und es mehr Sex für ihn gibt, aber dass er nicht sicher sei, ob ich dort glücklich werde. Kurz, während es ihm schon immer egal war, wo wir wohnen, Hauptsache privat und Arbeit ist okay, so ist ihm der Einsatz jetzt möglicherweise zu hoch.

Als wir uns kennenlernten, war er ein sehr sehr liebevoller, verschmuster Mensch, der mich vergöttert hat und verrückt nach meinen Körper war. Danach ist er immer noch verrückt, nur ist bei mir kein Bedürfnis mehr da, wenn ich mit ihm schlafe, mache ich das nur für ihn, er kommt sich als Bittsteller vor, obwohl ich Sex niemals "benutzt" habe um etwas zu erreichen. Er sagt, er findet es ungerecht, dass jemand, der keine Lust mehr hat, darüber entscheiden darf, wieivel Sex es gibt. Seit wir uns kennen, ist er treu. Er ist sich auch sicher, dass er es immer sein wird, auch wenn wir keinen Sex mehr haben. Ich fühle mich mit dem Zustand auch nicht wohl, zum einen seine schlechte Laune, meine Schuldgefühle, und der Druck, der auf mir lastet, weil ich ihm nichts vorenthalten möchte, meinen Körper aber auch nicht fremdbestimmen lassen möchte, ich möchte auch nicht, dass er fremdgeht, dazu bin ich seit zwei Jahren sehr unglückllich und möchte einfach nur noch ausbrechen, weg hier, weg aus der Gegend, aber ich wüsste, dass er mir fehlen würde, weil wir eigentlich zusammengehören, nur hat sich so viel geändert. Er hält mich für gleichgültig und lieblos, weil er sagt, dass ich ihm zu liebe mit ihm schlafen könnte (wenn ich mit ihm schlafe, tue ich das nur für ihn, aber wenn ich das sage, wird er wütend), und ich erschrecke immer mehr über den Gedanken, dass er unsere Beziehung offensichtlich nur noch darüber bewertet, wieviel Sex es gibt. Gestern sagte er, dass die Frauen im Netz, die eine Total-OP hatten, darunter leiden würden keinen Sex mehr zu haben, ich dagegen würde es nicht. ich denke eher, dass sie Angst um ihre Beziehung haben, was ich gut verstehen kann. Gestern sagte er tatsächlich, ich sollte es nicht falsch verstehen, aber wenn er eine Frau wäre, würde er sagen, ob ich mir seiner zu sicher sei? - Das war ein Schlag in die Magengrube, nein, ich bin mir seiner nicht sicher, weil er sich sehr verändert hat und er unsere Beziehung nur noch über den Sex bewertet, ich weiß nicht, wie es weitergehen soll, seit er der Hauptverdiener ist, kommt er mir gegenüber respektloser vor, und seit ich kaum noch zu Sex bereit bin, kommt er mir liebloser vor.

Vermutlich wird mir hier kaum jemand raten können, aber vielleicht steckt jemand in einer ähnlichen Situation. ich musste es einfach mal "erzählen". Danke fürs Lesen.

25.02.2021 13:00 • 03.03.2021 x 1 #1


95 Antworten ↓


ich Frage mich?..wo ist die Liebe geblieben?
Das er diese Situation als Hauptverdiener ausnutzt....ein schlechter Charakterzug... finde ich

Das er Sex möchte verstehe ich gut....es gibt auch andere Möglichkeiten ...

Das du dich dort nicht wohlfühlst liegt wahrscheinlich an dem Gesamtpaket....es stimmt ja vieles nicht.

Nun stellt sich die Frage....wie wichtig ist euch eure Beziehung noch....da wäre ein klares und offenes Gespräch von nôten. ganz in Ruhe ohne Angriffe..


wenn ihr euch noch liebt wäre eine Paartherapie sinnvoll......du musst es wissen und auch fühlten.

25.02.2021 13:15 • x 2 #2



Schwierige Sexualität, Unzufriedenheit und Lebenskrise

x 3


portugal
Hallo erstmal,

das ist eine verfahrene Situation.

Könnte Dein Mann evtl. dort wohnen bleiben und Du ziehst dorthin, wo Du glücklicher warst? Und ihr habt eine Wochenendbeziehung? Bleib bloß nicht dort, wenn Du Dich nicht wohlfühlst, ich finde, das Leben ist zu kurz, um die Tage bis zu seiner Rente so zu vergeuden.

Sex ist nun mal ein wichtiger Punkt in einer guten Beziehung und die Sprüche, die Dein Mann klopft, kommen sicher vom Frust. Er meint das nicht so (dass Du Dir zu sicher bist ....).

Mein Gang wäre aber zum Frauenarzt um herauszufinden, wieso Du Schmerzen beim Sex hast. Ich würde das auch sehr ernst nehmen, denn ansonsten denke ich, dass Dein Mann sich das woanders holt.

25.02.2021 13:27 • x 4 #3


Die Liebe ist, denke ich, auf beiden Seiten noch da, auch wenn vieles in Gewohnheit übergegangen ist und es die eine oder andere Enttäuschung oder Ernüchterung im Laufe von 20 Jahren gab, ich denke, das ist nicht ungewöhnlich. Wenn es Sex gab, ist er freundlich, glücklich, sagt, dass er mich liebt. Meine Gefühle für ihn machen sich nicht am Sex fest sondern wie er mich im allgemeinen behandelt. Trotz der "anderen Möglichkeiten" wünscht er sich von mir eine gewisse gut, weil ihn das natürlich zusätzlich scharf macht, aber seit der OP ist da kaum was an gut übrig, dazu kommt der allgemeine Kummer und die Ängste.

Ob er seine Rolle als Hauptverdiener ausnutzt, weiß ich nicht, denn wenn ich etwas möchte, kauft er es gerne, allerdings bin ich nur wenig materiell eingestellt. Dennoch würde er eher mir etwas kaufen als sich. Trotzdem habe ich das Gefühl, seit ich kaum noch eigenes Geld verdiene, verhält er respektloser, als würde er davon ausgehen, dass ich ohne Geld wenig Möglichkeiten habe. Diese Veränderung habe ich erst festgestellt, seit ich nicht mehr voll berufstätig bin.

Solange ich sexuell aktiv war, und ich war "gut aufgestellt", hat er über meine anderen Unzulänglichkeiten hinweggesehen, damit meint er meine Ängste.

Wir haben eine Zweitwohnung in meiner Heimat, dorthin fahren wir manchmal, oder auch ich allein, wenn ich auftanken muss, weil mich dieses Festsitzen hier fertigmacht und ich das ungute Gefühl habe, mein Leben hier zu vergeuden. Es sind allerdings 6 - 8 Stunden Fahrt, das macht man nicht eben mal so.

Ich fahre, wenn ich allein dorthin fahre, nur dann, wenn wir im Guten sind. Ich möchte nicht, dass er dieses Wegfahren so ansieht, als würde ich ihn verlassen wollen, nicht, dass er dann anfällig für andere Frauen wird.
Wenn ich dann dort bin, fehlt er mir, ich kann es nicht so genießen, als wenn wir zu zweit dort sind, irgendwie fühle mich mich dann so ein bißchen wie eine Verräterin, weil ich woanders bin als er, wir sind beide Nähe-Typen.

Der Frauenarzt sagt, dass ich sehr trocken bin, er hat schon wegen HET gefragt, mir Hormoncreme angeboten, auch eine ohne, aber ich muss sagen, ich habe seit der OP Angst, mir regelmässig irgendwas unten reinzupacken, was mit Chemie usw ist. Gleitgel für einen Abend ist okay, aber ich möchte das nicht ständig.

Momentan arbeite ich an meinem Gewicht, ich bin eigentlich viel zu schwer, habe über 20kg abgenommen, und ich merke, dass er das argwöhnisch beobachtet, dabei haben wir uns kennengelernt, wo ich nochmal 20kg leichter war. Er sagt, wenn ich mich damit wohler fühle und es ja auch gesünder ist, ist es okay für ihn. Trotzdem denke ich, dass ich in seinen Augen nicht hätte abnehmen müssen. Da ich aber moment seelisch angeschlagen bin, dazu noch die allgemeine Situation mit Corona, fällt mir das Abnehmen leichter. Aber Übergewicht abzubauen ist momentan das einzig Sinnvolle, was ich für die Zunkunft tun kann...

25.02.2021 13:40 • #4


Wenn ihr euch liebt. dann sehe ich auch eine gute Chance..... Kompromisse gibt es immer.

Über die Nutzung von Gleitgel oder den Vorschlag deines Gyn würde ich Mal nachdenken.

25.02.2021 13:46 • x 1 #5


Calima
Es könnte sein, dass du nicht magst, was ich schreibe, aber ich tu es dennoch, weil ich persönlich die Erfahrung gemacht habe, dass man nicht immer allzu nett zu sich selbst sein darf, wenn man sich entwickeln will.

Ich glaube, dass der spontane Impuls vieler - zumindest älterer Frauen, die zudem in langjährigen Beziehungen leben - tatsächlich der ist, deine Ansicht voll und ganz zu teilen: Du hast das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, dein Körper gehört dir und du musst dich nicht dazu zwingen, Sex zu haben, wenn du nicht willst. Und wenn er das nicht akzeptiert, dann ist es mit der Liebe seinerseits wohl nicht so weit her. Immerhin geht es ja wohl um mehr in einer Beziehung, als ums Bett.

So weit so einseitig. Denn dein Mann hat durchaus Recht damit, wenn er es als unfair empfindet, dass du diejenige bist, die über seine Sexualität entscheidet. Und das tust du natürlich - und zwar über Jahre und ohne Aussicht auf Veränderung.

Ich hatte nach den Wechseljahren eine Phase, in der es mir ging wie dir. Die Gespräche, die wir führten, hatten bis hin zur Wortwahl identische Inhalte mit denen zwischen euch. Je weniger Sex wir hatten, desto mehr drängte mein Mann, und je mehr er drängte, desto mehr geriet ich in Abwehrhaltung und war gleichzeitig tief traurig darüber, dass er unsere Beziehung auf Sex zu reduzieren schien und damit in meinen Augen alles abwertete, was es sonst zwischen uns gab - und das war eine Menge.

Gleichzeitig war ich mir absolut sicher, dass mein Mann mich weder betrügen noch verlassen würde. Das war insofern fatal, als es mich nicht vor die Entscheidung stellte, was mir wichtiger war: Meine sexuelle Komfortzone oder das Leben mit meinem Mann.

Erst als ich im Zusammenhang mit der Bearbeitung meiner Angststörung damit anfing, mich gnadenlos mit meinen eigenen Verhaltensweisen auseinanderzusetzen, kriegte ich es hin, mich einer anderen Betrachtungsweise meiner sexuellen Abwehr zu stellen: Es war schlicht absolut bequem.

Nachdem die Hormone sich anscheinend zur Ruhe gesetzt hatten, kam ich prima ohne Sex zurecht. Ich liebte nach wie vor körperliche Nähe, Kuscheln und Zärtlichkeiten, aber mehr brauchte ich nicht mehr. Bei mir kam auch nicht "der Appetit mit dem Essen" - im Gegenteil. Sobald sich die Hände meines Mannes allzu eindeutig verhielten, löste das einen Fluchtimpuls aus. Die Folgen kennst du.

Im Zuge meiner Selbstkritik hockte ich mich nun hin und fühlte mir auf den Zahn, warum das so war. Ich lehnte meinen Mann ja nicht ab, auch seinen Körper nicht. Ich liebte seine Nähe, unsere Vertrautheit wie eh und je. Der einzige Unterschied zu früher war, dass ich nicht mehr g.eil wurde. Und zwar weder auf ihn noch auf sonstwen. Auch nicht auf mich selber. Selbst nicht erregt zu sein, während der Partner es ist, ist ein wenig so, als wenn man als Nüchterner mit einem Angetrunkenen kommuniziert: Man spricht einfach nicht mehr die gleiche Sprache und empfindet als Nüchterner den anderen eher als daneben, denn als adäquaten Gesprächspartner.

Das ist durchaus verstörend, vor allem, wenn man, wie ich, zeitlebens eine sexuell sehr aktive Frau war. Männer kriegen in einem solchen Zustand keinen mehr hoch, bei uns Frauen führt er dazu, dass wir alles dicht machen . innerlich wie körperlich. Es ist Schutz auch davor, uns nicht damit konfrontieren zu müssen, dass wir nicht mehr wie gewohnt "funktionieren".

Sich trotzdem freudig zugewandt auf sexuelle Avancen einzulassen, wenn der Körper nicht von selbst darauf einsteigt, ist Arbeit. Und es ist verdammt verführerisch und vor allem sehr komfortabel, die Keule der sexuellen Selbstbestimmung zu schwingen und sich diese Arbeit zu ersparen. Schließlich kann Frau ja nichts dafür, dass ihre Hormone sie im Stich lassen. Und der Partner kann ja wohl kaum wollen, dass man sich dazu zwingen und vielleicht noch Theater spielen muss. Ende Gelände.

Die Argumentation ist völlig schlüssig. Und die Wortwahl "den Partner drüberrutschen lassen", die du gebrauchst zeigt, wie gut dir selbst glaubst und wie stark du dich bereits auf deine Selbstbestimmungsinsel zurückgezogen hast. So weit, dass allein die Vorstellung, Sex ohne sexuelle Erregung zu haben, den Partner zu einem Benutzer, deines Körpers und diesen - und damit dich selbst - zu einem benutzbaren Gegenstand abwertet.

To make a long story at least a little bit shorter: Ich habe umgedacht. Wenn Liebe fordern darf, dass der Mann, den ich liebe und der mich liebt, mir nicht mehr sexuell nahe kommen darf - warum darf sie nicht auch fordern, dass ich seinen sexuellen Wünschen entspreche? Immerhin handelt es sich um meinen Herzensmenschen, nicht um irgendeinen Stecher, der seine Triebe nicht im Griff hat. Und dieser Herzensmensch wünscht sich auch nur mich - nicht irgendeine andere Frau, die ihn lässt.

Ich kann meine Hormone nicht zurückzaubern, so gern ich es täte. Aber ich kann Liebe auch auf körperliche Weise zeigen. Indem ich mich und meinen Körper öffne und bereit bin, mich auf die körperliche Liebe meines Gefährten einzulassen. Und zwar nicht, indem ich die Beine breit mache und mit jeder Faser signalisiere, dass ich ihm gerade einen Gefallen tue, zu dem ich mich zwingen muss. Das wäre bestenfalls ein Almosen, das man einem Bettler hinwirft, damit er aufhört, einen zu belästigen.

Und als solchen wollte und will ich den Mann, den ich seit so langer Zeit liebe, nicht betrachten und auch nicht behandeln. Also schenke ich ihm körperliche Liebe genau so, wie sich ein wertvolles Geschenk auch anfühlen muss: Mit ganzem Herzen und ganzer Hingabe. Ich schwitze, stöhne und verschmelze mit ihm, weil er immer noch der Mann ist, der mir nah sein darf wie sonst keiner.

Und es macht nicht nur ihn glücklich, sondern auch mich. Sex zu haben, wenn die Hormone HALLO schreien, ist einfach. Dazu braucht es noch nicht einmal Liebe. Sex zu haben aus Liebe braucht aber nicht zwingend auch brüllende Hormone. Er ist deswegen nicht weniger wert. Es ist kein Qualitätskriterium, eine funktionierende Libido zu haben.

Mein Entschluss, nicht mehr bequem sein zu wollen, hat auch diesen Bereich meines Lebens verändert - nicht zu seinem Nachteil.

25.02.2021 14:36 • x 6 #6


portugal
Zitat von Smiley-:
verhält er respektloser, als würde er davon ausgehen, dass ich ohne Geld wenig Möglichkeiten habe.


Kannst Du das an einem Beispiel erleuchtern?

25.02.2021 14:40 • #7


kritisches_Auge
Nicht alle Frauen haben nach den Wechseljahren keine Lust mehr auf Sex, ich bekam mehr Lust als zuvor und endlich musste ich mich nicht mehr um die Verhütung kümmern- dies als kleiner Einwurf.

25.02.2021 14:56 • x 3 #8


@Calima

Vielen Dank für Deine ausführliche und sehr offene Antwort. Ich muss darüber nachdenken, aber das ist bei mir ein gutes Zeichen.

Mir ist klar, dass sexuelle Selbstbestimmung keine Einbahnstraße ist, daher mache ich (obwohl ich den Wunsch habe) auch nicht komplett dicht, in diesem Monat hatten wir immerhin zweimal richtig Sex und einmal eine Spielerei. Viel ist das nicht, das ist mir klar, er könnte 3x täglich, aber ich hätte nichts davon gebraucht. Die Ironie des Schicksals ist, dass er seit vielen Jahren durch diverse OPs im Urotrakt nicht mehr so kann wie er möchte, aber umso mehr will, während mein Körper nach meiner OP rein technisch könnte, aber nicht mehr will. Perfekter Match, möchte man denken, er könnte sich entspannen, keine Frau, die ihn überfordert oder fremdgeht..... aber so läuft es halt nicht...

Ich möchte meinen Mann nicht sexuell verhungern lassen, wobei ich, wenn es zwischen uns mal wieder unrund läuft, er mir überdeutlich zeigt, wie genervt er ist (Ängste etc.), dann bin ich in solchen Situationen nicht bereit, mit ihm zu schlafen. Nicht, um ihn zu bestrafen, sondern als Selbstschutz, als Schutz meiner Würde. Man soll seinen Partner nicht wie einen Bettler behandeln und ihn dadurch entwürdigen, aber wenn ich lieblos behandelt werde, und das kommt aufgrund meiner Ängste, der allgemein angespannten Lage, auch durch meine Verzweiflung über den Wohnort und seine Inaktivität (die ich manchmal schon so werte, als wäre ihm seine Komfortzone - toller Job) und meine Perspektivlosigkeit sehr häufig vor, dann wäre jede Form von Sexualität in diesem Moment für mich eine Benutzung, und daran ändert sich nichts. Sex steht für mich für Vertrauen und Harmonie, Versöhnungssex war noch nie mein Ding. Für "Öffnung" meinerseits benötigt es ein respektvolles und liebevolles Klima. Das ist hier momentan nicht allzuoft gegeben. Kann sein, dass es sich ändert, wenn ich mehr den Kurs fahre, den Du eingeschlagen hast. Es kann aber auch sein, dass zu meiner finanziellen Abhängigkeit und meinen Ängsten (die er nur schwer nachvollziehen kann und die ihn unglaublich nerven) noch etwas kommt, womit ich absolut nicht umgehen könnte: Das Gefühl, überhaupt nichts mehr "selbst" zu haben, nur noch ein Anhängsel zu sein, das fröhlich mit dem Essen auf die Heimkehr des Ernährers wartet und schon in Reizwäsche gekleidet ist. Bevor das passiert, ziehe ich in eine Einzimmerwohnung und lebe zur Not von Hartz4, und er weiß sehr genau, dass ich emotional weit weniger abhängig bin als finanziell.

Aber natürlich könnte man diesen Gefühlen des Benutztwerdens vorbeugen, indem man es aus freien Stücken und von sich selbst heraus tut. Dazu muss man auch die Verletzungen der Vergangenheit irgendwie loslassen können (Thema seit 20 Jahren: Er wacht zwar eifersüchtig über mich, hat aber gleichzeitig keinen Beschützerinstinkt, was ein riesiger Abtörner für mich ist)

Über all das muss ich nachdenken, danke jedenfalls für Deinen Beitrag, den ich als sehr wertvoll empfinde.

All das andere bleibt natürlich. Oder es löst sich dadurch. Ich weiß es nicht.

25.02.2021 16:03 • x 4 #9


portugal
Ich finde es schade, dass ihn Deine Ängste nerven.

Ich hatte mit meinem jetzigen Partner zwei richtig schwere Phasen der Depression, wo nichts mehr ging und ich alles schleifen lief.

Mein Mann ist im Gegensatz zu mir sehr geduldig und er hat nie genervt reagiert.

Natürlich kann Deine Angst Deinen Partner nerven aber ich finde, wenn man sich wirklich liebt, dann übersteht man das zusammen.

Wenn Du das so schreibst, dann hört sich das ein wenig so an, als wenn ein kleines Kind mal wieder nervt.

Ich finde, Du solltest mehr auf Dich hören, was Du möchtest bzgl. des Wohnortes. Vielleicht könntest Du wieder arbeiten gehen und wenn es nur halbtags ist?

Oder Du musst überlegen, ob Du nochmal neu starten willst, eigene Wohnung in neuer Umgebung etc.

Eine Mitpatientin von mir, die ich in der TK kennenlernte und befreundet war, hatte auch Ängste und wollte immer wieder in den Osten zurück, wenn ihr Mann in Rente geht.

Die Therapeutin meinte erschrocken, dass das ja noch 15 Jahre seien und reine LebensVerschwendung?

Trauriger Weise hat sie seit ein paar Jahren Demenz und ist schwer pflegebedürftig und lebt nach wie vor in der Stadt, die sie hasst. Sehr traurig .....

25.02.2021 16:52 • x 2 #10


@portugal

Auch wenn es nicht so aussehen mag, aber ich kämpfe so sehr ich kann gegen diese Ängste. Sie sind mir peinlich. Sie zehren viel von meiner Power. Sie schränken mich ein und schwächen mich. Sie nerven mich, nein, sie regen mich auf, sie verschlimmern sich, wenn ich das Gefühl habe ein nicht gelebtes Leben zu leben. Mein Mann ist in der Regel geduldig, aber diese Schwäche von mir nervt ihn, er versteht es einfach nicht.

Was Du über die Patientin schreibst, ist so unglaublich schrecklich, da kommen mir die Tränen. Heimweh ist was Schlimmes, ich habe das seit Jahren, besonders schlimm seit wir hier sind. Die Frau hat nun auch noch Dememz, da wird das Heimweh noch schlimmer. Das tut mir so unendlich leid. Ich glaube, das schönste Geschenk für sie wäre eine Rückkehr in die Heimat, die sie vielleicht - noch - erkennen würde.

Ich habe schon geschaut nach Halbtagsstellen, allerdings habe ich seit drei Jahren einen Hund, der sehr auf mich geprägt ist und den ich nicht länger als 3 Stunden allein lassen kann. Die Jobsituation in meiner Heimat ist ohnehin schwierig, da denke ich, dass es mit Hund noch schwieriger wäre, aber ich habe schon darüber nachgedacht, gezielt nach so einer Stelle zu suchen, egal wie mies sie bezahlt würde, zusammen mit meinem 400 Euro Job käme ich dann vielleicht immerhin auf ein 3/4 Gehalt. Was für eine Auswirkung das aber auf meine Beziehung hat - keine Ahnung.... Bei mir wären es 20 Jahre bis zur Rente meines Mannes. Unvorstellbar, solange in dieser Stadt wohnen zu bleiben, absolut unvorstellbar. Ich habe noch nie eine Stadt so abgelehnt wie diese hier, diese Stadt hier kann man wohl nur lieben, wenn man hier geboren wurde und seine ganze Familie von hier kommt und man sehr viele Freunde vom Sandkasten an hat.

25.02.2021 17:53 • x 2 #11


Calima
Zitat von portugal:
aber ich finde, wenn man sich wirklich liebt, dann übersteht man das zusammen.


Hier widerspreche ich ganz entschieden. Ängste - (psychische) Krankheiten überhaupt - sind kein Freibrief dafür, dem Partner dauerhaft die eigenen Probleme aufladen zu dürfen. Liebe ist keine Einbahnstraße, sie besteht immer aus Geben und Nehmen und so, wie einem jede andere Last zu viel werden kann, kann es auch die sein, dauerhaft mit einem kranken Partner konfrontiert zu sein.

Vor allem dann, wenn man selbst gesund ist und durch die Krankheit des Partners in vielen eigenen Lebensbereichen eingeschränkt wird.

Temporär ist das ganz sicher kein Thema in einer stabilen Beziehung. Über Jahre und Jahrzehnte schon. Pauschal zu fordern, dass jemand, der liebt, das gefälligst zu packen und auszuhalten hat, ist ziemlich anmaßend.

Eine Liebe braucht glückselige Momente, tolle gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen, Spaß und Unbeschwertheit, wenn sie bestehen soll. Nur dann kann sich die Waage langfristig ausgleichen, wenn in der anderen Schale Einschränkungen, Sorgen und Probleme liegen.

Zitat von Smiley-:
allerdings habe ich seit drei Jahren einen Hund, der sehr auf mich geprägt ist und den ich nicht länger als 3 Stunden allein lassen

Ein Hund kann sich umstellen. Wenn dir morgen ein Ziegelstein auf den Kopf fällt, muss und wird er auch mit den neuen Gegebenheiten zurecht kommen. Es ist aber interessant, dass du dem Wohlergehen des Vierbeiners aktuell mehr Priorität einzuräumen scheinst, als dem Gemahl. Nicht, dass das bei weiblichen Tierbesitzern ungewöhnlich wäre

In jedem Fall solltet ihr die Wohnortfrage zeitnah gemeinsam klären. Das wird sonst nix - auch nicht mit der Beziehung.

Zitat von Smiley-:
Aber natürlich könnte man diesen Gefühlen des Benutztwerdens vorbeugen, indem man es aus freien Stücken und von sich selbst heraus tut

Du hast das ganz richtig erkannt: Es geht immer um Entscheidungen.

25.02.2021 18:38 • x 3 #12


portugal
Mal so ein Tipp: ich bin mal für 3 Monate backpacking gegangen. Kaum Handy Verbindung gehabt und mit Absicht auch den anderen Touristen aus dem Weg gegangen:

Hab nach Wochen total klar gesehen ... keine Meinungen von anderen, die mich beeinflussten, sondern die Lösung sprang mir auf einmal entgegen ...
Manchmal braucht Frau einfach Abstand .....

25.02.2021 18:46 • x 3 #13


moo
Bewegendes Thema, schwierige Situation und danke für Eure offenen Beiträge.
Ich frage mich gerade, wo der "springende Punkt" wohl liegt? Als Fan der Systemik suche ich den immer, das macht es mir leichter, den Wald trotz Bäumen zu erkennen...
Meine erste (freudsche) Therapeutin sagte einmal hinsichtlich Beziehungsvarianten: "Es gibt unterschiedliche Modelle, sie müssen aber halt passen und sind bestenfalls nicht in Stein gemeißelt."
Aus meiner Sicht liegt bei Smiley das akute Problem nicht beim Sex sondern dem Wohnort oder besser hier "Wohnhaft" im wahrsten Sinne. Und wenn das so ist, müssen sich sämtliche (!) anderen Faktoren nach diesem Fakt richten. Und wenn alle Variablen (s.o.) auf den Prüfstand kommen sollen, muss der Ehemann sich dieser ernsten Lage bewusst werden.
Vielleicht kann man zumindest eine andere Gegend in der Nähe finden, also vor allem raus aus der furchtbaren Stadt?

Bitte schäme Dich nicht für Deine Ängste. Dein Mann hat es sicher nicht leicht damit aber eine Beziehung muss einfach irgendwann auch mit Kompromissen leben. Eine Trennung hingegen als bedrohliche Folge im Raum stehend kann hier tatsächlich der große Prüfstein sein, vor dem so manche langjährige Partnerschaft besteht oder eben zerbricht.

Aus meiner persönlichen Sicht ist Sex hingegen ein ziemlich zu vernachlässigender Faktor geworden. Das hätte ich früher nicht für möglich gehalten. Ich sehe ihn für eine gelungene Beziehung als Aspekt an, ohne den man/frau u. U. deutlich entspannter und zufrieden leben kann.

25.02.2021 18:47 • x 2 #14


Mariebelle
Ich denke,wenn man sich in seinem/ihrem Leben nicht wohlfuehlt,kann Mann/Frau/diverse auch die Sexualitaet nicht geniessen.
Eine Frau ist ja kein Sex Roboter,die nur dem Mann zuliebe ihn mal ertragen muss.
Nein,da wiederspreche ich @Calima .
Es ist nur ganzheitlich zu sehen,denn Koerper,Herz u Seele sind Eins.

Manche koennen das trennen,andere nicht.

25.02.2021 18:56 • x 2 #15


portugal
Also, ich hab mal in einer Kleinstadt in einer Reihenhaussiedlung gelebt und bin da so krank geworden, dass das ein Faktor ist, der mir nun sehr wichtig ist.

Dein Mann würde doch bestimmt woanders auch was finden, oder? Habt ihr mal über einen Ortswechsel gesprochen?

Denn wenn Du da nicht glücklich bist, beeinflusst das ja auch negativ Eure Beziehung?

25.02.2021 18:58 • #16


Mariebelle
Zitat von portugal:
Also, ich hab mal in einer Kleinstadt in einer Reihenhaussiedlung gelebt und bin da so krank geworden, dass das ein Faktor ist, der mir nun sehr wichtig ist. Dein Mann würde doch bestimmt woanders auch was finden, oder? Habt ihr mal über einen Ortswechsel gesprochen? Denn wenn ...
Ja,was ein so enges Aufeinander sitzen und soziale Kontrolle u so angeht ,sieht man ja beim Islandmaedchen.Da gehen die Meinungen ja auch weit auseinander,aber da ist es die Frau die unter einer sexlosen Ehe leidet.

25.02.2021 19:01 • #17

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portugal
Mal so nebenbei: Sexualität bzw. Libidoverlust im Alter bzw. langen Beziehungen ist echt so ein Tabu - ich find das mal gut, dass wir hier drüber sprechen können.
Gibt viele, die das Problem haben .... bei mir im Freundeskreis trifft es auch jemanden und ich merke, wie die Person immer mehr abdriftet und sich teilweise die Schuld gibt ....

25.02.2021 19:02 • x 2 #18


Mariebelle
MMn kommt es nicht auf die Haeufigkeit vom GV an,sondern ob der fuer beide dann als gut u schoen empfunden wird.

25.02.2021 19:04 • x 1 #19


Calima
Zitat von Mariebelle:
Eine Frau ist ja kein Sex Roboter,die nur dem Mann zuliebe ihn mal ertragen muss.

Oha! Da hast du aber etwas gewaltig missverstanden! Es geht weder um maschinelle Dienste noch um ertragen müssen. Es geht schlicht um Liebe, die keine Hormone braucht, um erfüllend und glücklich zu sein.

25.02.2021 19:06 • x 2 #20



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