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Hallo,

dies ist mein erster Eintrag in einem Forum. Normalerweise rede ich nicht gerne über meine Gefühle und Probleme. Ich mache sie lieber mit mir selber aus.

Doch nun bin ich an einem Punkt angelangt, an dem ich nicht mehr weiter weiß. Ich habe bereits mit zwei unbeteiligten, aber mit wichtigen Menschen darüber gesprochen, fühle mich auch verstanden, aber trete auf der Stelle.

Ich habe an dem Freitag im November in Paris zwei Freunde verloren. Sie gingen auf das Konzert der Rockband für das ich ihnen die Karten geschenkt hatte. Meine Freundin hatte Geburtstag und ich dachte das wäre ein gutes Geschenk. Sie liebte diese Art von Musik. Und das Beste war, ich sollte nach Paris fliegen, sie treffen und wir sollten einen tollen Abend gemeinsam dort verbringen. Obwohl ich diese Art von Musik überhaupt nicht mag, wollte ich ihr diesen Gefallen tun.
Durch eine wichtige Aufgabe an der Universität konnte ich mir dieses besagte Wochenende jedoch nicht freinehmen und wollte das Wochenende darauf zu ihr nach Paris kommen. Damit sie aber nicht alleine gehen muss, fragte/überredete ich einen gemeinsamen Freund mit ihr dort hinzugehen..Er mag diese Art von Musik auch nicht und hatte eigentlich keine große Lust. Ich überredete ihn also so lange, bis er schließlich ja sagte. Was war schon dabei, dachte ich mir.

Ich werde diesen Moment nicht vergessen, als ich das Fußballspiel anschaute und dieses Geräusch mich aufhorchen ließ. Das war nicht normal. Das war kein Böller. Oh Gott, sind alle meine Bekannten in Paris ok? Ich schrieb sofort ALLEN eine Textnachricht um mich umzuhören, was los ist. Doch zwei Leuten schrieb ich nicht. Warum nicht? Ich weiß es nicht. Warum habe ich ihnen nicht geschrieben, dass eine Bombe am Stadion hochging und sie vielleicht doch lieber nach Hause gehen sollten? Warum habe ich das nicht gemacht? Diese Frage stelle ich mir jede Nacht, wenn ich trotz Albträumen versuche einzuschlafen. Es sind immer die gleichen drei Träume. Darin sehe ich sie und ihn im Konzert. Dann sehe ich mich dort. Dann sehe ich den Moment, der alles veränderte. Wie sie auf die beiden zukommen, ihnen in die Augen sehen und dabei lachen. Wie sie wild um sich schießen und sich in die Luft sprengen.

Der Anruf erreichte mich in der Nacht. Ein anderer Freund erzählte mich genau was passiert war, ich wusste es aber schon, hatte ich doch die ganze Nacht vor dem Fernseher und dem Internet gehangen und versucht jedes kleinste Details zu erfahren. Sie war im Krankenhaus, doch man konnte ihr nicht mehr helfen. Es gab keinerlei Chance. Er war schwer verletzt, kämpfte um sein Leben. 2 Wochen später, nach künstlichem Koma und allen möglichen Versuchen ihn zu retten, stellten sie seine Geräte ab. Nach dieser Neuigkeit weinte ich nicht mehr. Ich hatte mich bereits innerlich darauf vorbereitet. Anscheinend.

ICH hätte dort sein sollen. Ja MÜSSEN! Ich hatte die Tickets besorgt. Ich habe sie dort hingeschickt. Und ich habe IHN überredet. Ich habe sie in das Unglück laufen lassen und nichts dagegen getan. Ja ich weiß, ich habe nicht geschossen und ich konnte nicht wissen, dass so etwas passiert. Aber ich bin schuld. Schuld daran, dass zwei junge Menschen ihr Leben verloren haben, in dieser einen Nacht, in der ich eigentlich dort stehen hätte sollen. Die Todesangst, die Schreie, alles sehe ich vor mir.

Ich weiß nicht mehr wie ich damit umgehen soll. Ich habe Angst vor großen Menschenansammlungen, Geräuschen und musste bereits Pläne verändern, nur damit ich nicht unter vielen Menschen sein muss. Ich versuche so oft wie es geht alleine zu sein, dann kann ich weinen. Dann belaste ich niemanden. Aber ich kann nicht mehr.

Ich will keine Hilfe annehmen, kann mich nicht damit auseinandersetzen. Und was sollen sie sagen: "Sie sind nicht schuld". Das was jeder sagt. Doch es fühlt sich einfach anders an.

Das Leben ist grau und schmeckt nicht mehr. Die Farben verblassen mehr und mehr. Ich bin jetzt an einem Punkt, wo sich nichts mehr bewegt. Weder vor noch zurück. Ein Tunnel, der immer länger wird. Dunkel und kalt.

Die Schuldgefühle machen es mir nicht mehr möglich Spaß zu haben oder zu genießen. Warum soll ich etwas machen, wenn die beiden das nie wieder können? Warum soll ich lernen, essen, schlafen, wenn die beiden das nie wieder machen werden? Und das, weil ich sie dorthin geschickt habe.

13.01.2016 19:27 • 14.01.2016 #1


4 Antworten ↓


Luna70
Rational weißt du es ja selbst, du bist nicht schuld an dem, was passiert ist. Nur hilft dir das nicht weiter, es geht dir trotzdem schlecht. Ein Psychiater würde dir womöglich sagen, dass du eine posttraumatische Belastungsstörung und eine Depression hast.

Zitat von wertgd545:

Das Leben ist grau und schmeckt nicht mehr. Die Farben verblassen mehr und mehr. Ich bin jetzt an einem Punkt, wo sich nichts mehr bewegt. Weder vor noch zurück. Ein Tunnel, der immer länger wird. Dunkel und kalt.



Eine solche Schilderung kann man hier von Menschen mit einer Depression ganz oft lesen. Du hast versucht, das mit dir selbst auszumachen. Ich glaube, ein erster Schritt wäre, einzusehen, dass das nicht funktioniert hat. Du wirst nicht darum herumkommen, darüber zu reden. Immerhin hast du dich hier angemeldet und "sprichst" mit uns. Das ist doch schon mal ein Anfang. Kannst du dir gar nicht vorstellen, professionelle Hilfe anzunehmen?

13.01.2016 20:20 • #2



Schuldgefühle und Selbstzweifel Paris November 2015

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Bitterstoff
Ich hab grad eine heftige Gänsehaut bekommen, als ich das gelesen habe.

Hast du schonmal darüber nachgedacht, mit anderen Angehörigen der Opfer in Kontakt zu treten? Oder es vielleicht schon gemacht? Ich weiß nicht, was ich dir raten könnte. Sowas habe ich noch nie erlebt, ich kann nur ahnen, was du grade durchmachst. Deine Gedanken kann ich aber gut nachvollziehen. Da ist zwar die logische Seite (natürlich hast du keine Schuld), aber gefühlt sieht es in dir ganz anders aus. Das ist ein echtes Dilemma. Wie kann man das nur auflösen. Ich bin grade sehr betroffen.

13.01.2016 20:42 • #3


Icefalki
Grausam, das nennt man die Schuld der Hinterbliebenen, der Überlebenden , mit dem du dich jetzt abquälen musst.

Und ein psychisches Trauma, real, unvorstellbar und gnadenlos.

Worte helfen dir nicht, versuche das mit fachlicher Hilfe anzugehen.

Denn darüber reden solltest du, sonst frisst es dich auf.

Solche Taten bringen bringen nicht nur die Opfer um, nein, Freunde, Familien, sind genauso Opfer dieser Freveltaten.

Es tut mir unendlich leid um deinen Kummer. Ich leide jetzt echt mit dir.

13.01.2016 21:04 • #4


hereingeschneit
Oh mann, das ist echt heftig. Tut mir echt leid.

Das einzige was mir dazu einfällt: Nimm mal an, dein Freund/in hätte dich dazu überredet und du wärst jetzt gestorben, was würdest du dir für deinen Freund/in wünschen? Wie sollten sie mit dieser Last umgehen können?
Vielleicht hilft dir die Antwort darauf. Ich hoffe es.

14.01.2016 22:41 • #5




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