Hallo Fritzi,
was ich bei Dir herauslese ist ganz viel Traurigkeit und Frustration darüber, dass diese ungeplante Schwangerschaft die Pläne und Wünsche, die Du für Dein Leben hattest, "durchkreuzt" hat. Auch noch mit einem Kindsvater, den Du nicht ausstehen kannst.
Die Entscheidung, die Du da treffen möchtest, kann Dir keiner abnehmen. Egal, was die Leute hier denken oder sagen, was zählt, ist, was Du denkst und fühlst. Du musst in Deinem Herzen mit dieser Entscheidung leben müssen, Dein ganzes Leben lang. So wie Du es beschreibst, klingt es nach einer durchaus machbaren Alternative, ganz klar, es klingt erstmal wirklich gut, aber ich finde auch interessant, worüber Du nicht schreibst.
Du beschreibst uns das Zuhause bei Deiner Mutter wie das perfekte Idyll, ohne Probleme, da ist alles perfekt, alle würden sich total freuen und sogar davon profitieren, wenn Du Deine Kleine dort hinbringen würdest...
Aber es hört sich auch ein bisschen nach "Schön-Reden" an, Du malst rosarote Farben, was die Lebensumstände bei Deiner Mutter angeht. Du wünscht Dir einfach, dass es dieser perfekte Ort für Deine Tochter ist, und dass Du es für sie tun würdest, sie dorthin wegzugeben.
Für mich klingt es so, als würdest Du Dir Absolution von uns dafür holen wollen, Dein Kind wegzugeben.
Wir sind aber nicht diejenigen, die Dir das verzeihen müssen, das musst Du im Endeffekt selber für Dich tun.
Natürlich bringst Du hier ganz viele Argumente, die dafürsprechen, sie abzugeben, aber eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Thema beinhaltet auch, dass Du Dir klar vor Augen führst, was Du da tust und warum Du es tust. Du kannst uns hier schreiben, dass Du es ja eigentlich für sie tust, aber im Grunde Deines Herzens weist Du, dass Du es auch ein bisschen für Dich tust.
Und da ist jetzt überhaupt nicht das Problem, dass Dich hier jemand dafür verurteilt, ich glaube nicht, dass das jemand tut, ich zumindest auf keinen Fall, ich möchte nicht, dass Du mich missverstehst. Das Problem ist in Deinem Kopf und in Deinem Herzen, völlig unabhängig von dem, was andere Leute Dir sagen.
Dein Problem ist, dass Du weißt, dass es auch die andere Seite dieser Thematik gibt. Und sie beschäftigt Dich, ist in Deinem Herzen, und dieses Wissen wirst Du vermutlich nicht einfach mit abgeben können. Man merkt an Deinen Zeilen, dass dieser Zweifel an Dir nagt.
Denn Du weist im Grunde Deines Herzens auch Folgendes:
- mit 20 bist Du zwar jung, aber nicht zu jung, um ein Kind aufzuziehen, Du bist ja keine 15 oder 16 mehr
- der Kindsvater verdient gut und zahlt Dir Unterhalt (offenbar ohne viel Probleme zu machen), Du bist also in keiner allzu großen finanziellen Not
- Du misshandelst Dein Kind nicht, Du bist Dir zwar manchmal Deiner Gefühle für sie unsicher, aber das geht vielen Müttern so
- irgendwo weißt Du, dass Du Verantwortung für Dein Kind hast, Du kannst nicht so tun, als sei die Schwangerschaft nicht passiert. Und diese Verantwortung einfach abzugeben ist ... schwierig
Nochmal ganz deutlich: Ich mache Dir hier keinerlei Vorwürfe, ich bin ganz neutral, was die Sache angeht. Was ich denke, spielt auch überhaupt keine Rolle. Aber Du wirst diese Gedanken vermutlich immer in Deinem Kopf und Deinem Herzen haben.
Denn Du weißt auch, dass Deine Kleine vermutlich bei ihrer Mama sein möchte. Bei Kindern in diesem Alter ist die biologische Mutter die wichtigste Bezugsperson.
Was sie möchte, diese Frage hast Du etwas ausgespart. Stell' Dir vor, sie wäre 4 oder 5 und Du würdest sie fragen: Möchtest Du, dass Mama Dich abgibt und zu Oma gibt? Möchtest Du, dass Oma Deine Mama ist?
Frage Dich ehrlich, was sie wohl antworten würde. Und akzeptieren, dass zwei Antworten möglich sind.
Klar kann es sein, dass sie sagt: Ich möchte zu Oma. Aber es gibt halt auch die andere Möglichkeit...
Denn die Frage "Warum hast Du mich weggegeben" wird irgendwann auftauchen. Sie wird Dir diese Fragen irgendwann stellen. Sie wird aufwachsen, vielleicht in einem sehr schönen, pädagogisch wertvollen und förderlichen Umfeld, aber die Frage wird bleiben: Warum hat Mama mich weggegeben?
Und ich habe Leute kennengelernt, die diese Frage ihr Leben lang mit sich rumgetragen haben.
Ich habe in Kliniken viele Gruppentherapien mit Leuten gehabt, die 20, 30 oder 40 Jahre alt waren, bei denen die Umstände ähnlich waren, wie Du sie geschildert hast: Sie wurden innerhalb der Familie abgegeben, hatten dort ein gutes Zuhause, sind wohlbehütet aufgewachsen, und trotzdem hat sie diese Frage ihr Leben lang beschäftigt.
Und auch Dich wird diese Frage Dein Leben lang beschäftigen. Nicht nur die nächsten 5 oder 10 Jahre, sondern Dein Leben lang.
Frage Dich also ehrlich: Sind die Umstände wirklich so zwingend, dass dieser Schritt nötig ist? Ist es für Deine Tochter der beste Schritt? Machst Du es wirklich zum Wohle Deiner Tochter, oder machst Du es für Dich? Ist es wirklich das Beste für sie oder ist es das Beste für Dich?
Und nochmal: Ich meine diese Fragen völlig ergebnisoffen, beide Antworten sind möglich! Du musst nur mit Dir selber ehrlich sein.
Denn es wird passieren können, dass Deine Tochter Dir irgendwann diese Fragen stellt.
Beantworte Dir diese Fragen ehrlich, denn Du wirst mit Deiner Entscheidung leben müssen. Es ist völlig egal, was andere Leute Dir dazu sagen oder was andere Leute darüber denken, Du musst im Grunde Deines Herzens mit dieser Entscheidung leben müssen, ein Leben lang.
Und es wäre doch schön, wenn Du es mit gutem Gewissen könntest!
Ich wünsche Dir ganz viel Kraft und viel Mut, egal, wie Du Dich entscheidest.
LG Silver