Zitat von Nora5: vielen vielen Dank für Deinen Beitrag, den ich als sehr bereichernd empfinde.
Liebe Nora,
vielen lieben Dank für Deine lieben Worte, darüber freue ich mich sehr

!
Zitat von Nora5: In dem Sinne, den Schmerz wie einen unliebsamen WG-Mitbewohner da sein zu lassen und möglichst normal seinen Aktivitäten weiter nachzugehen
Ich glaube, dass sich das für mich gar nicht gegenseitig ausschließt. Das Bild von "schwierige Emotionen wie einen unliebsamen Gast zu sehen" ist auch das Bild, mit dem ich mental arbeite. Gerade was den Umgang mit schwierigen Emotionen im Alltag angeht.
Es bedeutet für mich, das Gefühl "da sein" zu lassen, seine Anwesenheit zu akzeptieren und einen Umgang damit zu finden. Nicht in die Vermeidung zu gehen. Die Vermeidung wäre für mich in diesem Bild, den unliebsamen Gast gar nicht erst reinzulassen. Diesen Gast weder reinzulassen noch sonst irgendwie mit ihm Kontakt zu haben. Stattdessen lässt man die Emotion zu, man empfindet sie, lässt sie da sein, spürt ihre Gegenwart, setzt sich mit ihr auseinander. Schaut hin und nicht weg (bzw. "fühlt" hin und nicht weg). Akzeptiert ihre Gegenwart und versucht nicht, sie gleich wieder loszuwerden. Dazu gehört auch, die Emotion zu versorgen, wenn es nötig wird, ihr bzw. sich also Trost und Selbstfürsorge zukommen zu lassen, wenn die Emotion, z.B. ein Gefühl von Trauer, sehr stark wird, und nicht einfach darüber hinwegzugehen. Und ansonsten sein Leben mit dem Gast/der Emotion zu leben, zu akzeptieren, dass sie Teil meines Lebens ist.
Und manchmal kann man dann vielleicht sogar erleben, dass sie irgendwann weniger unliebsam wird oder sogar von selber wieder geht, wenn man sich gut um sie gekümmert hat. Wie der Gast, der sich plötzlich vielleicht "besser benimmt", nicht mehr so unangenehm ist, vielleicht gar nicht mehr so oft am Tag da ist oder spürbar ist.
Fast so ein bisschen wie nach dem physikalischen Prinzip von "Druck erzeugt Gegendruck". Wenn man keine Widerstände gegen die Emotion aufbaut oder zeigt, "reagiert" die Emotion auch mit weniger "Gegendruck" und aufdringlichem/unangenehmem Verhalten.
Aber unabhängig davon glaube ich tatsächlich auch daran, dass es auch mal zu Gefühls-Explosionen kommen darf, dass es mal Therapiestunden geben darf und sollte, in denen man wirklich voll und ganz in die Emotion eintaucht. Sich besonders intensiv mit ihr auseinandersetzt. Sich mit ihr intensiv konfrontiert. In dem Bild mit dem unliebsamen Gast wäre das eine Phase, in der man mit diesem das "problemorientierte Gespräch sucht", sich mit ihm zusammensetzt und intensiv ein schwieriges und schmerzhaftes "Gespräch mit ihm führt".
Darum glaube ich auch daran, dass man nach dem Aufbau einer gewissen Grundstabilität und dem Aufbau positiver eigenen Ressourcen auch durchaus eine Exposition-Phase in der Traumatherapie machen sollte, wenn die Zeit dafür reif ist.
Und dann wirklich "durch den Schmerz hindurchgeht". Natürlich nur in der Intensität, die man kompensieren kann.
Ich hoffe, ich habe damit jetzt nicht irgendwie mehr Verwirrung als Klärung herbeigeführt...

... Ich wollte nur versuchen zu erklären, dass ich zwischen dem, was Dein Therapeut gesagt hat und dem, was ich geschrieben habe, keinen Widerspruch sehe, dass diese Dinge quasi Hand in Hand gehen, dass es mehr eine Frage des Zeitpunkts ist, wann man die möglichst friedliche Co-Existenz wählt und wann die intensive Konfrontation. Nur in die Vermeidung sollte man nicht gehen.
GLG Silver